Du hast schnell begriffen - hochbegabt?
Liebe Nike,
(ich grinse noch ein wenig über die Überschrift - aber Du hast es bereits geschrieben.)
Bei welchem IQ-Wert „Hochbegabung“ vorliegt, hängt auch von dem jeweiligen Test ab. Allgemein gilt ca. zwischen 120 und 139.
Links zu wissenschaftlich fundierten Seiten kann ich leider nicht bieten. Sicherlich bist Du bei Universitäten besser aufgehoben als bei Wikipädia (so wertvoll die Seiten allgemein auch sind, wenn man in ein Thema einsteigen will oder einen Überblick benötigt.)
Ob hochbegabte Menschen lebenstüchtiger oder untüchtiger sind, hat vielleicht noch niemand untersucht. Mich interessieren eher die Verhaltensmuster im Detail, also einzelne Menschen.
Die Antworten Anderer zu Deiner Frage in diesem Brett geben aber schon Hinweise. Ich meine nicht die Statistiken (wer hat sie erstellt?) oder der angebliche wissenschaftliche Erkenntnisstand ohne Quellenangabe. Ich meine die Menschen, die aus ihrem eigenen Leben erzählen.
Grundsätzlich sind Hochbegabte tendentiell ungeduldig.
Ich bin es jedenfalls mit Erwachsenen, die nicht meine Schüler sind (mit Schülern wiederum habe ich eine Bärengeduld und verwende viel Zeit dafür, Erklärungen noch simpler zu machen, ohne dass vom Wahrheitsgehalt etwas verloren geht).
Auch kann ich beispielsweise kaum ertragen, wenn mir Zeit „gestohlen“ wird, um mir etwas zu erklären, das ich schon weiß oder schon mal hätte selbst lesen können (Lehrerkonferenzen).
Aber dieses alles heißt nicht, dass man den Umkehrschluss ziehen könnte: Wer ungeduldig … der hochbegabt.
Ich bin aus der 9. Klasse ohne irgendeinen Abschluss vom Gymnasium geflogen, weil ich mich gelangweilt habe und faul war. Ich habe viel geträumt und Mitschülerinnen „Flower-Power-Briefe“ geschickt; zugleich war ich renitent, aber ich kann auch (die Lehrer waren tw. noch alte Nazis)autoritäre Menschen nicht ertragen. Also: Nicht alles hatte mit Hochbegabung zu tun.
Einer meiner Söhne legt sich permanent mit seiner Deutschlehrerin an und diskutiert mit ihr - zu Recht, er weiß es besser, sagt der Papa als Germanist.
Die Tochter von Freunden drohte aus Langeweile in den Noten abzurutschen. Seit der 2. Klasse (Grundschule) besucht sie einen Mathekurs für hochbegabte Kinder in unserer Universität. Ohne Wissen der Mutter lernt sie jetzt in der 4. Klasse heimlich eine 3. Fremdsprache in ihrer Schule, statt in dieser Zeit sich im Hort zu langweilen.
Sie ist für Andere „rechthaberisch“ und neigt zum Widersprechen. Klar, sage ich: Sie braucht „Futter“, braucht Herausforderung.
Ich sehe das auch manchmal bei Schülern: Die „Faulen“, die keine Lust auf Übungen haben und die stets Widersprüche („Fehler“) suchen, Fragen haben, um mich aus der Reserve zu locken, haben mich dazu gebracht, fachlich herausragend zu werden. Ich bin ihnen dankbar, wir konnten und können viel voneinander lernen.
Leider gibt es auch Lehrer, die solche Schüler aus Bequemlichkeit oder fehlendem Selbstwertgefühl aus formalen Gründen abbügeln und durch schlechte Noten mit formalen Begründungen unterdrücken. Lehrer, keine Pädagogen!
Hochbegabte können sich, wenn sie nicht einseitig begabt sind (IQ-Felder) sehr schnell in Neues einarbeiten.
Hochbegabte können sich häufig schwer in hierarchischen Strukturen „unterordnen“, auch meine Vorgesetzten mussten dass immer wieder erfahren. In einer Beurteilung stand: „…ist gegenüber Weisungen von Vorgesetzten aufgeschlossen, wenn sie gut begründet sind.“ Es adelt und vernichtet zugleich.
Wir Hochbegabte müssen eben Bedingungen finden oder schaffen, in denen wir gut leben und uns austoben können, aber manche andere Menschen wollen vielleicht gern geführt werden und finden keine Vorgesetzten, die das tun.
Lebensuntüchtigkeit würde ich aber eher bei denen suchen, die sehr einseitig Hochbegabt sind. Man findet das bei Autisten und bei manchen „Rechengenies“, bei Menschen, die nicht auf andere zugehen können, flirtunfähig sind und vielleicht keinen Haushalt organisieren können, dafür aber im Kopf schneller rechnen als man in einen Taschenrechner eintippen kann.
Etwas völlig anderes ist also, ob man dadurch unglücklicher oder glücklicher ist, ob man sich vom Leben begünstigt fühlt oder eine Last empfindet. Diese Empfindungen können subjektiver nicht sein.
Dieses alles, objektive Ursachenanteile und momentanes psychisches Befinden, mischt sich in jedem meiner Schüler.
Weil mir da nur Intuition, Lebenserfahrung und Wahrnehmungsfähigkeit hilft, interessieren mich keine Statistiken.
Herzlichst
Ole