Hochbegabung vs. Intelligenz (@Patrick)

Hiho,

obiges Thema hat Patrick weiter unten in Claudias Thread aufgebracht. Ich möchte ihren Thread nicht für endlose theoretische Diskussionen „mißbrauchen“, aber ich würde sehr gerne noch etwas mehr hierüber erfahren und diskutieren. Das Posting ist natürlich nicht nur an Patrick gerichtet, es wäre schön, wenn auch andere was dazu zu sagen hätten. :smile:

Patrick, Du schriebst unten:

Hochbegabung vs. Intelligenz
Zusätzlich kann es sinnvoll sein, Hochbegabung von Intelligenz
abzugrenzen. Eine hohe (Test)Intelligenz hat NICHT
zwangsläufig eine Hochbegabung zur Folge (und umgekehrt!).
Kemp (1996) hat hierzu vor allem Untersuchungen mit Musikern
durchgeführt. Hier finden sich Unterschiede in der
Persönlichkeit von Hochbegabten zu Normalbegabten: Sowohl
Introversion als auch ein mangelhaftes Selbstwertgefühl sind
hier sehr stark ausgeprägt.
Ich denke, es ist wichtig zwischen Hochbegabung und
Intelligenz sauber zu trennen.

Du wirst es wahrscheinlich nicht glauben, aber dieser Gedanke ist mir jetzt neu. Und ich habe mich schon viel mit Hochbegabung beschäftigt (bin selber als Jugendliche auf Hb getestet worden - bzw. habe einige IQ-Tests über mich ergehen lassen, vielleicht hat das eigentlich schon nichts mehr miteinander zu tun?)

Wo genau liegt denn der Unterschied zwischen Hochbegabung und „normaler“ hoher Intelligenz? Kann jemand mit IQ 150 einfach „nur“ schlau sein? Gibt es da psychologische Definitionen?
Ist jemand, der hochbegabt ist, per Definitionem gestört? Das würde ja heißen, daß ein Plus auf der einen Seite automatisch ein Minus auf der anderen hervorruft (Wobei ich dieses Gefühl bei Hb-Kinder durchaus des öfteren habe).

Du siehst: Diskussionsbedarf! Jetzt bin ich neugierig geworden. :smile:

Liebe Grüße,
Nike

Hallo,

ich bin weder vom Fach, noch habe ich einen tieferen Literaturhintergrund zu dem Thema Intelligenz.
Allerdings die Theorien zum Thema Intelligenz die bis zum oberflächlichen, allgemeinen Informationsstand zB. populistischer Wissens-Dokumentationen vordringen, scheinen sich nicht mit meinen eigenen Beobachtungen zu decken.

Wenn ich von mir selbst ausgehe, dann habe ich 3 oder 4 unterschiedliche Intelligenztests absolviert die mir überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigen. Einer davon verpasste mir noch einen Richtungsparameter „Musisch“.

Ich fühle mich aber überhaupt nicht besonders intelligent.
Zum Beispiel den mathematischen Dreisatz muß ich bis heute mit einem Trick und einer „könnte das passen“ Überprüfung hinwurschteln. Im Vergleich mit Kollegen und Mitmenschen sehe ich bei mir die eine oder andere Fähigkeit ausgeprägter, andere aber auch wieder zurückgeblieben.
Am meisten fasziniert mich, daß manche, die in Intelligenztests höchstwahrscheinlich einbrechen würden, eine Lebensstrategie entwickeln, die man gemeinhin als „Bauernschläue“ bezeichnet und die einen angeblichen Intelligenzbolzen wie mich locker in die Tasche stecken kann.

Diese Erfahrungen sagen mir, es muß mehrere Arten von Intelligenz geben, die in keinem Intelligenztest erfaßt werden können. Wirkliche Intelligenz muß dann eine Summe oder Kombination aus diesen verschiedenen Intelligenztypen sein.

Gruß D.K.

Hi Nike,

in Intelligenztest werden Begabungen wie musikalisches Talent nicht abgefragt. Auch brilliante Maler oder sportliche Überflieger im weitesten Sinne können ihre Begabung kaum unter Beweis stellen. Ich denke das ist an sich damit gemeint. Hochbegabung sollte deshalb schon irgendwie von Intelligenz getrent werden.
Andererseits tue ich mich schwer damit einem talentierten Künstler oder auch Sportler abzusprechen sich auf überdurchschnittlich hohen Vokabular zu besitzen, sehr schnell zu schlussfolgern oder mathematisch etwas auf dem Kasten zu haben. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht so sein sollte. In der Praxis lässt sich das auch dadurch belegen, dass die Klitschkos Doktortitel besitzen, Bud Spencer bei Olympia schwam, bevor er Richter wurde, und dass ich einen sehr bekannten und erfolgreichen Komponisten kenne, der sein Brot vornehmlich mit dem Programieren von Homepages für Konzerne verdient. Es kenne aber auch sehr einseitig talentierte Menschen. Darunter ist ein noch viel gefragterer Komponist, der mit über 30 Jahren keine Rechnung schreiben kann und überhaupt sehr unstrukturierte Texte verfasst.

Ich würde also sagen, dass das eine mit dem anderen nicht zwangsläufig etwas zu tun haben muss, und das man es deshalb nicht gleichsetzen sollte. Ausschließen würde ich Kompetenz auf anderen Gebieten bei Hochbegaben deshalb nicht.

Viele Grüsse,

Hilmar

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Umgangssprachlich…
Hallo Nike!

Danke zunächst einmal für Dein Interesse!

Naja, so ganz richtig ist die von mir vorgeschlagene Trennung nun nicht. Ich meine nur beobachtet zu haben, dass hier mehrere Begriffe miteinander vermischt werden.

Von der Definition der Worte ist es schon so, dass Hochbegabung und Intelligenz aufeinander aufbauen - innerhalb des Sprachgebrauchs der Psychologie als Wissenschaft.

Umgangssprachlich denke ich aber, dass Hochbegabung auch in anderen, isolierteren Bereichen gebraucht wird - z.B. für Hochleistung.

Hochleistung ist aber von intellektueller Hochbegabung zu trennen!

Dies wird aber bei zunehmendem Starkult innerhalb der Bevölkerung immer schwerer. In den Zeiten mit einem Focus auch auf sogenannte Wunderkinder kommt es meiner Meinung nach zu einer Überlagerung der Begrifflichkeiten.

Ein 10-jähriger, begnadeter Pianist muss nicht zwangsläufig hochbegabt sein, nur weil er hochleistungsfähig ist. Hochbegabung wäre, z.B. nach der Vorstellung von Simonton (1999), eine von mehreren Modellkomponenten, die Hochleistung bedingen. Sie muss nicht zwingend vorliegen - ist also im Modell nur schwach korreliert.

Meiner Beobachtung nach sagt man aber nicht: „Das Kind ist hochleistungsfähig“, sondern spricht gemeinhin eher von Begabung (und meint damit nach Vorstellung der Wissenschaft im Zusammenhang mit Intelligenz das Falsche).

„Die Selektion der Leistungsspitzen geschieht im Wettbewerb. […] Diese kulturelle Regelung führt zur extremen Aufwertung von Hoch- und Höchstleistungen und zur (falschen) Attribution von Begnadetsein und Genie“ (Oerter, 2002)

Insgesamt also eine Verwirrung der Begriffe - wie so oft hat der gute alte Antoine Saint de-Exupery recht: „Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse“.

Lieben Gruß
Patrick

Bin nicht Patrick, aber interessiert!

Das ist ja spannend. Was ist Intelligenz? Was ist Hochbegabung? Gibt es eine oder mehrere gleichzeitig? Woran erkennt man das?

Ich finde es schade, daß die Schule alle Schüler nach einem Kamm schert und nach unten durchreicht. Je nach Herkunft und Verhalten. Ruhige Kinder werden gerne verkannt. Wie finde ich Anerkennung und meinen Weg?

Angenommen, ich wäre intelligent oder hochbegabt. Was mache ich damit? Werde ich nicht zu sehr darauf festgelegt? Muß ich immer klavierspielen oder könnte ich nicht auch etwas anderes, was ich auch gut könnte und Spaß macht? Apropos Spaß, warum muß es oft so bierernst sein?

Fragen über Fragen, doch keine befriedigende Antwort!

Hiho,

in Intelligenztest werden Begabungen wie musikalisches Talent
nicht abgefragt. Auch brilliante Maler oder sportliche
Überflieger im weitesten Sinne können ihre Begabung kaum unter
Beweis stellen. Ich denke das ist an sich damit gemeint.
Hochbegabung sollte deshalb schon irgendwie von Intelligenz
getrent werden.

Hm, ich mutmaße ja eher, daß es genau anders herum ist. Mir sagte mal jemand „hochbegabt ist einer, der wirklich alles gut kann. Leute, die nur eine Sache besonders gut können, sind einfach auf diesem Gebiet talentiert“. Das hieße also, daß die von Dir genannten brillianten Maler oder anderwaitigen Überflieder allesamt nicht hochbegabt wären - sofern sie nicht auch andere Dinge ebenso brilliant können.

Keine Ahnung, ob das wirklich so klassifiziert werden kann oder klassifiziert wird.

Ich weiß nur, daß es tatsächlich diese in allem Begabten gibt - und die mit Sonderbegabungen in einzelnen Dingen.

Aber wer ist jetzt wer? :smile:

Liebe Grüße,
Nike

Begabung, Intelligenz und … MOTIVATION!
Hi D.K.

Du sprichst da ein interessantes Thema an: Trotz nachgewiesenermaßen hoher Intelligenz gewisse Dinge überhaupt nicht können, die eigentlich einfach sind.

Ich glaube, daß bei vielen - nennen wir es der Einfachheit halber „sehr intelligenten“ - Menschen schon von klein auf motivatorisch etwas schief läuft. Wir haben das in dem anderen Thread von Claudia mal angerissen, daß gerade hb Kinder in der Schule eben NICHT besser sind als ihre Mitschüler. Im Gegenteil, häufig sind sie schlechter.

Einerseits wollen sie sich den anderen gleichmachen, in ihrem Fall heißt das: Sich runterschrauben.

Und andererseits verlieren sie oft die Motivation, etwas wissen und lernen zu wollen. Weil sie Dinge zu früh begreifen, zu früh fragen und immer wieder vor eine Wand laufen („Dafür bist Du noch zu klein, das verstehst Du noch nicht…“) - und dann einfach irgendwann abschalten.

Bei mir ist das nämlich mit dem Dreisatz ganz genau so. Ich kann keinen Dreisatz rechnen - das heißt, ich könnte sicher. Aber ich habe mich Zeit meines Lebens geweigert, es zu tun. Ich wollte das einfach nicht machen. Die gesamte Grundschule hindurch habe ich Rechenarbeiten einfach verweigert. Ich habe sie einfach nicht mitgeschrieben, saß in der Klasse und habe Blümchen in die Hefte gemalt. Ich wollte nicht. Auf den Gymnasium ähnlich: Ich stand Mathe fünf, so lange, bis die Verstzung gefährdet war, dann habe ich eine 1 geschrieben, um weiter zu kommen, danach wieder fünf… and so on.

Gerade bei Begabten Kinder entstehen schnell Blockaden. Und schulisch stehen sie dann oft schlechter da als normalbegabte Kids.

Liebe Grüße,
Nike

Forderung, Förderung und Überforderung
Hiho,

Hochleistung ist aber von intellektueller Hochbegabung zu
trennen!

Ohja, definitiv, eindeutig! Wenn auch ganz schön schwierig.
Das fängt schon bei Kleinkindern an. Ich kenne zum Beispiel einige Dreijährige, die schon Kopffüßler zeichnen, die ihre Mama stolz präsentiert. Sie zeichnen das, weil Mama es vorher ausgiebig mit ihnen geübt hat.
Aber da die Trennlinie zu erkennen ist seh schwer, denke ich. Woher soll man bei einem - fremden - Kind wissen, was Talent ist und was anerzogen?
Und manchmal sind die Grenzen auch fließend. Mein Kleiner (3) ist zum Beispiel sehr sprachbegabt (hat sehr früh angefangen und einen ziemlichen Wortschatz). Ich rede manchmal Englisch mit ihm. Erstens kommt mir das auch so oft über die Lippen (ich unterrichte ja Englisch), zweitens fordert er es immer wieder ein, er will von allem wissen, was es auf Englisch heißt. Insofern also durchaus vom Kind gewollt - aber wenn ich es nicht spräche, könnte er es natürlich auch nicht lernen. Leistung oder Talent?

Ein 10-jähriger, begnadeter Pianist muss nicht zwangsläufig
hochbegabt sein, nur weil er hochleistungsfähig ist.
Hochbegabung wäre, z.B. nach der Vorstellung von Simonton
(1999), eine von mehreren Modellkomponenten, die Hochleistung
bedingen. Sie muss nicht zwingend vorliegen - ist also im
Modell nur schwach korreliert.

War zum Beispiel Michael Jackson hochbegabt, nur weil er schon als Kind auf der Bühne stand? Sein Vater hat die Geschwister auf selbige geprügelt.
Ist jemand also nur dann wirklich genial, wenn es aus ihm selber kommt? Sollte man ein hochbegabtes Kind also einfach lassen?

Was soll dann die Mutter eines hochbegabten Kindes tun, das immer und immer mehr Input fordert?

Sehr interessant, was Du schreibst, aber zu den beantworteten Fragen kommen gleich drei neue hinzu. :smile:

Liebe Grüße,
Nike

Spaß ist eine ernste Angelegenheit.
Hiho,

Ich finde es schade, daß die Schule alle Schüler nach einem
Kamm schert und nach unten durchreicht. Je nach Herkunft und
Verhalten. Ruhige Kinder werden gerne verkannt. Wie finde ich
Anerkennung und meinen Weg?

Nicht nur ruhige Kinder, auch verhaltensauffällige und besonders unruhige, denke ich.

Grundsätzlich funktioniert in der Schule eben nur, wer sich den normalen Denkschemata anzupassen vermag.

Angenommen, ich wäre intelligent oder hochbegabt. Was mache
ich damit? Werde ich nicht zu sehr darauf festgelegt?

Gute Frage. Im Grunde machst Du damit nichts anderes als alle anderen auch, die eben ihre eigentn Fähigkeiten zur Verfügung haben. Vielleicht hast Du es nur schwerer, Dich zu entscheiden.

Apropos Spaß, warum
muß es oft so bierernst sein?

Ha, da hast Du Recht. Ich unterrichte ja Kinder in Englisch. Ich habe Gruppen mit 2-4jährigen und Gruppen mit 4-6jährigen.
Hier scheint es wirklich zwei Sorten von Eltern zu geben: Die einen, die spüren, daß ihre Kinder Spaß an der Sache haben. Und die anderen, die wollen , daß ihre Kinder das lernen.

Unser didaktisches Prinzip baut u.A. darauf auf, daß die Kinder nicht merken sollen, daß sie was lernen. Sie sollen unterbewußt und mit rein positiver Verstärkung lernen (das heißt zum Beispiel, wenn ich ein Bild von einer Katze hochhalte und frage „What is it?“ und ein Junge sagt: „Eine Katze“, dann würde ich niemals antworten: „No, it’s a cat“ - sondern immer nur „YES! Super, right, it’s a cat!“ - denn er hatte ja recht, es IST eine Katze).

Also: Viel Spaß. Und genau das haben die Kinder auch. Nur leider sehen das manche Eltern gar nicht gern. Wir haben zum Beispiel eine CD mit den Liedern, die wir auch in der Stunde singen, und die Kinder sollen diese nach Möglichkeit zu Hause hören, um intuitiv mit den Lauten der Sprache vertraut zu werden.
Fragt mich doch letztens eine Mutter: „Also, wir hören die CD jeden Tag, aber ich habe das Gefühl, XY versteht immer noch nicht, was da gesagt wird! Vielleicht sollte ich ihr während des Hörens die Bilder im Buch dazu zeigen?“

Als ich der Mutter erklärte, daß die Kinder die Texte erst mal nicht vertehen müssen , war sie regelrecht konsterniert.

Komischerweise ist ihr Kind das einzige, bei dem ich auch das Gefühl habe, daß sie nicht mit viel Spaß bei der Sache ist…

Womit wir wieder bei Leistung vs. Begabung wären.

Fragen über Fragen, doch keine befriedigende Antwort!

Du sagst es!

Liebe Grüße,
Nike

Liebe Nike,

Patrik005 hat am am 11.4. schon das Wesentliche geschrieben.

Es gibt die umgangssprachlichen Begriffe „Hochbegabung“ und „Intelligenz“
und es gibt die wissenschaftlich-psychologischen.

In der wissenschaftlichen Psychologie ist Hochbegabung
der zweithöchste Stufenbereich der getesteten Intelligenz,
darüber, etwa ab IQ 140, beginnt Genialität (auch nur ein Messwert).

„Intelligenz“ ist wiederum nicht „Schlauheit“,
sondern ein bestimmtes Lösungsverhalten
bei verschiedenen, eigens für den IQ-Begriff entwickelten Testverfahren,
bei denen in der Regel bestimmte definierte (da beginnen die Probleme mit dem Begriff erst richtig)
Intelligenzbereiche (Sprachvermögen, mathematisch-cognitives Denken, soziale Intelligenz …) getestet werden.

Leider sind diese Tests in der Regel nicht kulturfrei,
was natürlich Probleme
(auch bei der künstlichen LRS-Einstufung als Teilbereich der Lese-Rechtschreibschwäche)
nach sich zieht.

Man kann deshalb diese Tests breit gestreut
oder auch mit einzelnen Spitzenwerten abschließen
und so auf verschiedene Weise als hochbegabt eingestuft werden.

In letzter Zeit widmet man sich in der Pädagogik verstärkt
Verhaltenauffälligkeiten und Lernstörungen,
die statistisch gehäuft auftreten bei Menschen,
die hohe IQ-Werte haben.

Intelligente Menschen sind also nicht lebenstüchtiger als andere.

„Begabung“ selbst aber -das irritiert eben manche-
ist ein Begriff, der in der wissenschaftlichen Pädagogik
für „genetisch bedingt“ als Abrgrenzung von „erworben“ (gelernt) steht.

Mit „Begabung“ in der Musik, der Kunst … meint man
etwas nicht erlernbares, das entweder genetisch bedingt ist
oder aus dem noch nicht befriedigend messbarem Bereich der Intuition kommt.

Diese musische (hoch-)Begabung hat aber mit dem messbaren IQ-Teilwert nichts zu tun,
es entzieht sich bisher hartnäckig der wissenschaftlichen Fassbarkeit.

Und für Dich als Literaturinteressierte: Ist das nicht schön so?

Herzlichst
Ole

Dann ist ‚hochbegabt‘ ja das falsche Wort!
Hallo Ole,

na, da hast Du mir als Wortfetischistin aber eine Vorlage geliefert. So langsam kriege ich die Dinge sortiert, und dies führte mich auf die Fährte:

„Begabung“ selbst aber -das irritiert eben manche-
ist ein Begriff, der in der wissenschaftlichen Pädagogik
für „genetisch bedingt“ als Abrgrenzung von „erworben“
(gelernt) steht.

Wenn das so ist, dann ist „Hochbegabung“ ja ohnehin das ganz falsche Wort für das, was es meint. Dann müßte es " Hochintelligenz" heißen. Den Begriff „hochintelligent“ gibt es ja bereits. Ha.

In der wissenschaftlichen Psychologie ist Hochbegabung
der zweithöchste Stufenbereich der getesteten Intelligenz,
darüber, etwa ab IQ 140, beginnt Genialität (auch nur ein
Messwert).

à propos Meßwerte, das ist noch so ein Aspekt. Ich habe drei Tests in meinem Leben machen müssen, alle drei mit leicht unterschiedlichen Testergebnissen. Ab wann jemand denn nun „hochbegabt“ sei, lese ich aber immer wieder unterschiedlich eingestuft: Ab 130, ab 140, ab 150… Ungefähr so wie Tempolimits auf der Autobahn. Nur umgekehrt. :smile:

„Intelligenz“ ist wiederum nicht „Schlauheit“,
sondern ein bestimmtes Lösungsverhalten
bei verschiedenen, eigens für den IQ-Begriff entwickelten
Testverfahren,

Das ist leicht. Schlauheit ist Lebensklugheit, würde ich sagen. Cleverness.

bei denen in der Regel bestimmte definierte (da beginnen die
Probleme mit dem Begriff erst richtig)
Intelligenzbereiche (Sprachvermögen, mathematisch-cognitives
Denken, soziale Intelligenz …) getestet werden.

Ja, schon klar. Been there, done that. :smile:

In letzter Zeit widmet man sich in der Pädagogik verstärkt
Verhaltenauffälligkeiten und Lernstörungen,
die statistisch gehäuft auftreten bei Menschen,
die hohe IQ-Werte haben.

Interessant. Kannst Du mir dazu Links oder Literatur empfehlen?

Intelligente Menschen sind also nicht lebenstüchtiger als
andere.

Eigentlich sind sie meistens lebensuntüchtiger, oder? :smile:

Diese musische (hoch-)Begabung hat aber mit dem messbaren
IQ-Teilwert nichts zu tun,
es entzieht sich bisher hartnäckig der wissenschaftlichen
Fassbarkeit.

Und für Dich als Literaturinteressierte: Ist das nicht schön
so?

Doch, das ist es. Danke Dir. :smile:

Liebe Grüße,
Nike

Du hast schnell begriffen - hochbegabt?
Liebe Nike,

(ich grinse noch ein wenig über die Überschrift - aber Du hast es bereits geschrieben.)

Bei welchem IQ-Wert „Hochbegabung“ vorliegt, hängt auch von dem jeweiligen Test ab. Allgemein gilt ca. zwischen 120 und 139.

Links zu wissenschaftlich fundierten Seiten kann ich leider nicht bieten. Sicherlich bist Du bei Universitäten besser aufgehoben als bei Wikipädia (so wertvoll die Seiten allgemein auch sind, wenn man in ein Thema einsteigen will oder einen Überblick benötigt.)

Ob hochbegabte Menschen lebenstüchtiger oder untüchtiger sind, hat vielleicht noch niemand untersucht. Mich interessieren eher die Verhaltensmuster im Detail, also einzelne Menschen.

Die Antworten Anderer zu Deiner Frage in diesem Brett geben aber schon Hinweise. Ich meine nicht die Statistiken (wer hat sie erstellt?) oder der angebliche wissenschaftliche Erkenntnisstand ohne Quellenangabe. Ich meine die Menschen, die aus ihrem eigenen Leben erzählen.

Grundsätzlich sind Hochbegabte tendentiell ungeduldig.

Ich bin es jedenfalls mit Erwachsenen, die nicht meine Schüler sind (mit Schülern wiederum habe ich eine Bärengeduld und verwende viel Zeit dafür, Erklärungen noch simpler zu machen, ohne dass vom Wahrheitsgehalt etwas verloren geht).

Auch kann ich beispielsweise kaum ertragen, wenn mir Zeit „gestohlen“ wird, um mir etwas zu erklären, das ich schon weiß oder schon mal hätte selbst lesen können (Lehrerkonferenzen).

Aber dieses alles heißt nicht, dass man den Umkehrschluss ziehen könnte: Wer ungeduldig … der hochbegabt.

Ich bin aus der 9. Klasse ohne irgendeinen Abschluss vom Gymnasium geflogen, weil ich mich gelangweilt habe und faul war. Ich habe viel geträumt und Mitschülerinnen „Flower-Power-Briefe“ geschickt; zugleich war ich renitent, aber ich kann auch (die Lehrer waren tw. noch alte Nazis)autoritäre Menschen nicht ertragen. Also: Nicht alles hatte mit Hochbegabung zu tun.

Einer meiner Söhne legt sich permanent mit seiner Deutschlehrerin an und diskutiert mit ihr - zu Recht, er weiß es besser, sagt der Papa als Germanist.

Die Tochter von Freunden drohte aus Langeweile in den Noten abzurutschen. Seit der 2. Klasse (Grundschule) besucht sie einen Mathekurs für hochbegabte Kinder in unserer Universität. Ohne Wissen der Mutter lernt sie jetzt in der 4. Klasse heimlich eine 3. Fremdsprache in ihrer Schule, statt in dieser Zeit sich im Hort zu langweilen.

Sie ist für Andere „rechthaberisch“ und neigt zum Widersprechen. Klar, sage ich: Sie braucht „Futter“, braucht Herausforderung.

Ich sehe das auch manchmal bei Schülern: Die „Faulen“, die keine Lust auf Übungen haben und die stets Widersprüche („Fehler“) suchen, Fragen haben, um mich aus der Reserve zu locken, haben mich dazu gebracht, fachlich herausragend zu werden. Ich bin ihnen dankbar, wir konnten und können viel voneinander lernen.

Leider gibt es auch Lehrer, die solche Schüler aus Bequemlichkeit oder fehlendem Selbstwertgefühl aus formalen Gründen abbügeln und durch schlechte Noten mit formalen Begründungen unterdrücken. Lehrer, keine Pädagogen!

Hochbegabte können sich, wenn sie nicht einseitig begabt sind (IQ-Felder) sehr schnell in Neues einarbeiten.

Hochbegabte können sich häufig schwer in hierarchischen Strukturen „unterordnen“, auch meine Vorgesetzten mussten dass immer wieder erfahren. In einer Beurteilung stand: „…ist gegenüber Weisungen von Vorgesetzten aufgeschlossen, wenn sie gut begründet sind.“ Es adelt und vernichtet zugleich.

Wir Hochbegabte müssen eben Bedingungen finden oder schaffen, in denen wir gut leben und uns austoben können, aber manche andere Menschen wollen vielleicht gern geführt werden und finden keine Vorgesetzten, die das tun.

Lebensuntüchtigkeit würde ich aber eher bei denen suchen, die sehr einseitig Hochbegabt sind. Man findet das bei Autisten und bei manchen „Rechengenies“, bei Menschen, die nicht auf andere zugehen können, flirtunfähig sind und vielleicht keinen Haushalt organisieren können, dafür aber im Kopf schneller rechnen als man in einen Taschenrechner eintippen kann.

Etwas völlig anderes ist also, ob man dadurch unglücklicher oder glücklicher ist, ob man sich vom Leben begünstigt fühlt oder eine Last empfindet. Diese Empfindungen können subjektiver nicht sein.

Dieses alles, objektive Ursachenanteile und momentanes psychisches Befinden, mischt sich in jedem meiner Schüler.

Weil mir da nur Intuition, Lebenserfahrung und Wahrnehmungsfähigkeit hilft, interessieren mich keine Statistiken.

Herzlichst
Ole

Hallo!

Hm, ich mutmaße ja eher, daß es genau anders herum ist. Mir
sagte mal jemand „hochbegabt ist einer, der wirklich alles gut
kann. Leute, die nur eine Sache besonders gut können, sind
einfach auf diesem Gebiet talentiert“. Das hieße also, daß die
von Dir genannten brillianten Maler oder anderwaitigen
Überflieder allesamt nicht hochbegabt wären - sofern sie nicht
auch andere Dinge ebenso brilliant können.

Nö, Leonardo da Vinci konnte so einige Dinge. Aber seine Zeit ließ auch noch zu, dass man sich auf so einem breiten Spekturum kreativ ausleben konnte. Auch vor 200-300 Jahren waren die großen Geister ja Allgemeingelehrte. Heutzutage sind ja die meisten Menschen sehr in ihrem Tun spezialisiert. Sollten sie noch andere Dinge ebenso brilliant können, dann haben die Disziplinen meist entscheidende Teile gemein, oder man kann sich auf ähnliche Quellen berufen.

Ich weiß aber nicht genau, auf was du hinaus willst.

Keine Ahnung, ob das wirklich so klassifiziert werden kann
oder klassifiziert wird.

Ich weiß nur, daß es tatsächlich diese in allem Begabten gibt

  • und die mit Sonderbegabungen in einzelnen Dingen.

Wer?

Aber wer ist jetzt wer? :smile:

Du bist die Nike, und ich bin der Hilmar. :o)

Viele Grüsse,

Hilmar