Hochschulrahmengesetz

Hallo Ihr Wissenden

Wegen des neuen Hochschulrahmengesetzes heisst es, dass viele Wissenschaftler ins Ausland abwandern würden.

Warum das denn?
Was hat sich denn gegenüber dem alten verändert?
Insbesondere für Nachwuchswissenschaftler?

Viele Grüsse

Tommy

Hallo Tommy,

Dies betrifft den sogenannten „akademischen Mittelbau“, also die Leute, die nach der Doktorarbeit an der Uni geblieben sind, dort forschen lehren, sich habilitieren und irgendwann (demnächst) hofften, Professor/in werden zu können.

Bisher ging der Weg so: Diplom mit ca. 25, 26. Doktor mit ca. 28/29. Danach auf temporären Stellen weiter an der Uni gearbeitet. Zum Beispiel: 2 Jahre BAT2a, 3 Jahre Ausland mit Stipendium, wieder zurück nach Deutschland, 2 Jahre DFG-Projekt, 5 Jahre C1 (dabei habilitiert), 5 Jahre C2, innerhalb dieser 5 Jahre ganz viele Bewerbungen auf Professuren geschrieben. Irgendwann bevor man 45 wurde (Altersgrenze für Eintritt in den Beamtendienst) damit Erfolg gehabt. -> Professor.
Das Durchschmittsalter, um Professor zu werden, liegt momentan so ungefähr um die 40.

Diese dauernden temporären Stellen waren nicht schön, aber es ging. Stellen länger als 5 Jahre hat man nie bekommen, denn dann hätte man als Nicht-Professor einen Anspruch auf Dauerbeschäftigung gehabt, und den lassen Unis nicht entstehen. (ok, es gibt ein paar Ausnahmen, die ich aus Platzgründen weglasse.) Man musste nach 5 Jahren entweder die Stelle oder die Uni wechseln - nicht schön aber es ging.

Das soll jetzt geändert werden. Die neue Bahn, die seit dieser Woche Gesetz ist, heisst: Diplom, Doktor, Ausland, Juniorprofessur für 6 Jahre, danach Professur oder von der Uni weg. (Habilitation fällt weg). Vom Diplom bis zum Professor darf es nur noch maximal 12 Jahre dauern. Man darf nur noch insoweit von einer temporären Stelle zur nächsten springen, als man die 12 Jahre nicht überschreitet.

12 Jahre sind ca. 3-4 Jahre weniger, als es momentan dauert (wenn dieses Modell sich als realistisch herausstellt). Aber das Problem für den jetzigen Mittelbau (ich gehöre dazu) ist: Es sind keine Übergangsregelungen vorgesehen, für die Leute, die momentan gerade habilitieren und ihre 12 Jahre auf temporären Stellen schon ausgeschöpft haben.

Ich z.B.: Doktor mit 29, 6 Jahre im Ausland, seit 5 Jahren am habilitieren, im April will ich die Habil abgeben, im Oktober läuft mein jetziger Vertrag aus, dann bräuchte ich eine Anschlußstelle von einigen Jahren, um mich bewerben zu können. Mein Diplom war 1988, das ist mehr als 12 Jahre her. Ich scheine aber Glück zu haben, denn so wie es jetzt aussieht, zählen die Auslandsjahre nicht mit, sondern nur die Zeit an deutschen Unis und Max-Planck-Instituten.

Viele andere (besonders in den Geisteswissenschaften, wo Auslandsaufenthalte nicht so üblich sind), haben jetzt, Mitte bis Ende 30, Habil gerade fertig oder fast fertig, ihre 12 Jahre ausgeschöpft (hat ihnen ja vor 5 Jahren niemand gesagt, daß diese Änderung so plötzlich kommen würde) und wissen jetzt nicht, was sie tun sollen. Die können eigentlich nur noch ins Ausland gehen und sich von dort wieder auf eine Professur nach Deutschland bewerben - wenn es ihnen jetzt nicht endgültig reicht.

Die Zeichen stehen momentan auf größeren Protesten, der Unmut ist groß. Kaum noch jemand hat groß Lust, sich nächstes Semester anzustrengen, wenn er hinterher den Vertrag nicht verlängert bekommt - so 2-3 Jahre vor dem Ziel. Es könnte zu Streiks kommen und wenn der Mittelbau streikt, wird an den Unis einiges zusammen brechen.

Wie konnte es dazu kommen?

Einfachste Erklärung: Bulmahn hat nicht an Übergangsregelungen gedacht und sich hinterher nicht getraut, das zuzugeben.

Oder ist das Absicht, um mit dem Wegfall des jetzigen Mittelbaus die Reform zu finanzieren?

So jedenfalls sieht es momentan aus.

Mit vielen Grüßen, Stefanie

Hallo Ihr beiden

…Diese dauernden temporären Stellen waren nicht schön, aber es
ging. Stellen länger als 5 Jahre hat man nie bekommen, denn
dann hätte man als Nicht-Professor einen Anspruch auf
Dauerbeschäftigung gehabt, und den lassen Unis nicht
entstehen. (ok, es gibt ein paar Ausnahmen, die ich aus
Platzgründen weglasse.) Man musste nach 5 Jahren entweder die
Stelle oder die Uni wechseln - nicht schön aber es ging.

Wie du gesagt hats: Genau hier ändert sich was durch die Massnahmen der Regierung. In welche Richtung ist noch nicht klar.
Man sollte es vielleicht noch deutlicher sagen:

Woche Gesetz ist, heisst: Diplom, Doktor, Ausland,
Juniorprofessur für 6 Jahre,

ergänzend: bei vollem Lehrdeputat, voller Verpflichtung Drittmittel einzuwerben und voller Verpflichtung in der universitären Selbstverwaltung mitzuwirken - und das oftmals für ein Doktorandengehalt. Die „Übergangs-Juniorprofessuren nach BAT IIa“, so wie sie teilweise ausgeschrieben wurden, sind geeignet Leute, die rechnen können zu vertreiben. Ich wage zu bezweifeln, dass auf diese Weise die Qualität der Lehre verbessert wird. (In welcher Firma gibt es das, dass Vorgesetzte und Untergebene in der gleichen Lohnklasse sind? U.u verdient ein in ehren ergrauter Doktorand mehr als sein junger dynamischer Chef …)

danach Professur oder von der Uni
weg. (Habilitation fällt weg).

Hier ist noch nicht klar, wohin die Reise geht. Werden die Stellen wirklich befristet sein, d.h. bekommt der Juniorprofessor nach 6 Jahren einen Tritt in den Hintern und muss wechseln oder wird der „Tenure-Track“ (nach 6 Jahren Übernahme auf eine volle Professur) der Standardweg?
Sollte der Tenure-Track Standard werden, besteht die Gefahr, dass gute Leute die Juniorprofessur (JP) als Sprungbrett (z.B. auf einen Lehrstuhl) nutzen, wohingegen mittelmässige JP als Professor übernommen werden. Dadurch werden langfristig Stellen blockiert, die Fluktuation weiter verringert.

Um ehrlich zu sein, an die 6-Jahresfrist ohne Tenure-Trak glaube ich nicht. Zumindest wird es für ansonsten unattraktive Universitäten ein Mittel sein, um Leute anzulocken.

Vom Diplom bis zum Professor
darf es nur noch maximal 12 Jahre dauern. Man darf nur noch
insoweit von einer temporären Stelle zur nächsten springen,
als man die 12 Jahre nicht überschreitet.

[…]

Viele andere (besonders in den Geisteswissenschaften, wo
Auslandsaufenthalte nicht so üblich sind), haben jetzt, Mitte
bis Ende 30, Habil gerade fertig oder fast fertig, ihre 12
Jahre ausgeschöpft (hat ihnen ja vor 5 Jahren niemand gesagt,
daß diese Änderung so plötzlich kommen würde) und wissen jetzt
nicht, was sie tun sollen. Die können eigentlich nur noch ins
Ausland gehen und sich von dort wieder auf eine Professur nach
Deutschland bewerben -

Man sollte dazu sagen: Es ist schwer aus dem Ausland eine Professur in D zu bekommen, wenn die Kontakte abgerissen sind. Einen längeren Auslandsaufenthalt (>5 Jahre) sollte man sich gut überlegen. Offen gibt das natürlich keiner zu.
Zur Erläuterung: Berufungsverfahren laufen oft so ab: Man hat eine Professur zu vergeben, der Wunschkandidat steht bereits fest, bevor die Ausschreibung entsprechend formuliert veröffentlicht wird. Auf ein öffentliche Ausschreibung zu reagieren, ohne persönliche Kontakte an die entsprechende Universität zu haben, ist deshalb nicht sehr erfolgversprechend.

wenn es ihnen jetzt nicht endgültig
reicht.

Die Zeichen stehen momentan auf größeren Protesten, der Unmut
ist groß. Kaum noch jemand hat groß Lust, sich nächstes
Semester anzustrengen, wenn er hinterher den Vertrag nicht
verlängert bekommt - so 2-3 Jahre vor dem Ziel. Es könnte zu
Streiks kommen und wenn der Mittelbau streikt, wird an den
Unis einiges zusammen brechen.

Wie konnte es dazu kommen?

Einfachste Erklärung: Bulmahn hat nicht an Übergangsregelungen
gedacht und sich hinterher nicht getraut, das zuzugeben.

Oder ist das Absicht, um mit dem Wegfall des jetzigen
Mittelbaus die Reform zu finanzieren?

Na ja, es soll alles billiger werden. Die neuen Professoren werden zu niedrigeren Gehältern eingestellt als bisher usw. usf., institutionalisiertes Mittelmass halt.

Ciao Rossi

PS.: Ich habe mit dem Weg habil. im „zugewandten Ausland“ vor etwa einem Jahr begonnen und bin mir nicht sicher wie ich weiter vorgehen soll. Vielleicht bleibe ich im Ausland, vielleicht wechsle ich zurück nach D in die freie Wirtschaft …

Wenn ich das richtig verstehe …
Hallo

Wenn ich das richtig verstehe muss ich mich allerdings fragen, warum man sich universitäre Forschung noch antun sollte.
Viel Arbeit, wenig Geld und mit 40 raus …

Tommy

Ja, dazu gehörte schon immer sehr viel Idealismus.

Viele Grüße, Stefanie

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Ihr habt es gut: da gibt es ne Festanstellung für 5 Jahre - auf dem „Markt“ macht fast jede Bude nach einer Halbwertzeit von 6-8 Monaten dicht, weil keiner was kauft oder der Eigner inkompetent ist!
Aber mal im Ernst: warum als deutscher Doktor ins Ausland? Warum ein Ausländer nach Deutschland? Was soll der (kostenträchtige) Unfug? Hier und da wird nur eine andere Sprache gesprochen, sonst gibt es das Gleiche auf den Tisch.
Klär mich mal auf. Jedenfalls kann ich mit Sicherheit von meinem Fach (Polygrafie im allgemeinen Sinne) sagen, das der Zeitungsumbruch in England und die Redaktionsarbeit oder die Führung einer Satzabteilung GENAUSO abläuft, wie im eigenen Ländle.

der satz viel mir auf:
" Man hat eine Professur zu vergeben, der Wunschkandidat steht bereits fest, bevor die Ausschreibung entsprechend formuliert veröffentlicht wird. Auf ein öffentliche Ausschreibung zu reagieren, ohne persönliche Kontakte an die entsprechende Universität zu haben, ist deshalb nicht sehr erfolgversprechend"

Meine Erfahrung:
In der sogenannten freien Wirtschaft gibt es die Stellen gar nicht, die hier und dort ausgeschrieben worden sind. Hier wird aus Werbungsgründen nur ausgeschrieben. Bei Euch ist wenigstens eines sicher: die Position gibt es wahrlich - nur eben ist die Ausschreibung - in diesem speziellen Fall - eine reine bürokratische Übung; ein Job für den „Schreiberling“. Stimmts?

Ihr habt es gut: da gibt es ne Festanstellung für 5 Jahre -
auf dem „Markt“ macht fast jede Bude nach einer Halbwertzeit
von 6-8 Monaten dicht, weil keiner was kauft oder der Eigner
inkompetent ist!

Vorsicht, ich habe nicht gesagt, daß wir üblicherweise 5-Jahresverträge bekommen, sondern ich habe gesagt, 5 Jahre sind die Obergrenze. Nach unten ist alles offen. Während meiner Doktorarbeit hatte ich 3 verschiedene Finanzierungen innerhalb von 3,5 Jahren, in der Auslandsphase 5 Verträge in 6 Jahren - die meiste Zeit (da auf Stipendiumsbasis) ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld). Erst jetzt habe ich erstmalig einen 5-Jahresvertrag. In der freien Wirtschaft sehe ich die Leute deutlich länger auf einer Stelle bleiben.

Aber mal im Ernst: warum als deutscher Doktor ins Ausland?
Warum ein Ausländer nach Deutschland? Was soll der
(kostenträchtige) Unfug? Hier und da wird nur eine andere
Sprache gesprochen, sonst gibt es das Gleiche auf den Tisch.
Klär mich mal auf. Jedenfalls kann ich mit Sicherheit von
meinem Fach (Polygrafie im allgemeinen Sinne) sagen, das der
Zeitungsumbruch in England und die Redaktionsarbeit oder die
Führung einer Satzabteilung GENAUSO abläuft, wie im eigenen
Ländle.

Ich komme aus der Physik. Die Forschung an der Universität ist hochspezialisiert. Im Normalfall hast Du weltweit nur eine Handvoll Arbeitsgruppen, die an einem ähnlichen Thema arbeiten. Und bei einer davon bewirbst Du Dich halt, wenn Deine Stelle ausläuft. Wenn ein Gruppenleiter die Wahl hat, wird er niemanden einstellen, der eine größere Einarbeitungszeit braucht.

Übrigens hilft es auch inhaltlich weiter, mal die Leute aus anderen Gruppen kennenzulernen, die an Deinem Thema arbeiten. Die haben doch meistens einige Methoden, die Du noch kennst, oder einen anderen Blick auf die Sache. Außerdem will man dann vielleicht mal etwas Gemeinsames veröffentlichen und dazu muß man sich dann ja vorher kennengelernt haben. Deshalb kritisiere ich den Druck, ins Ausland zu gehen, auch nicht.

Aber wenn Du genau fragst „Warum gehen deutsche Wissenschaftler ins Ausland?“ dann ist die Antwort: Das tun sie in den Fakultäten, in denen es verlangt wird. Niemand hat in der Physik Aussicht auf eine Professur, wenn er/sie nicht wenigstens 2-3 Jahre im Ausland war.

Hoffe, Dir weitergeholfen zu haben,

Stefanie

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mit diesem Passus wird ein Auslandsaufenthalt mir natürlich vollkommen klar:

„…Im Normalfall hast Du weltweit nur eine Handvoll Arbeitsgruppen, die an einem ähnlichen Thema arbeiten…“