Hallo Logan,
…
Das wäre in der Tat eine sinnvolle Möglichkeit gewesen, nur
bin ich in diesem Moment nicht auf die Idee gekommen.
Mit abwehrender Handbewegung erwiderte die Frau, sie benötige
nur eine Überweisung.
„Andere in dieser Schlange brauchen auch nicht mehr, trotzdem
stellen sie sich an“, antwortete ihr der Mann.
Das andere ist wenig konkret - zu allgemein.
Meinst Du damit, der Mann hätte präziser werden sollen, also
der Frau direkt sagen, sie verhalte sich unhöflich und möge
sich an die für alle geltenden Regeln halten?
Der springende Punkt in der Äußerung des Mannes war meiner Ansicht nach das " andere brauchen auch nur eine Überweisung".
Damit benennt er zwar eine Möglichkeit sogar Wahrscheinlichkeit, aber er schiebt es weg. Entweder brauchte er selber keine Überweisung und wollte keine vorschieben und hoffte, jemand anderer würde sich jetzt exponieren, weil er zu denen gehört, die wegen einer Überweisung anstehen oder er wollte es bei dieser Andeutung belassen und das Ding nicht selber durchziehen.
Ich würde in einem solchen Fall - selbst wenn ich keine Überweisung brauche - wahrscheintlich so tun als ob ich auch wegen einer Überweisung anstehe und mich entsprechend äußern.
Andere Möglichkeit: „Außer Ihnen sind sicher auch andere da, die nur wegen einer Überweisung in der Schlange stehen.“ Das könnte schon ein Impuls für jemand sein, sich einzuschalten. Aber egal, ob sich hier jetzt jemand einschaltet oder nicht, wäre jetzt eine klare Aufforderung angesagt: „Bitte stellen Sie sich hinten an“.
Wenn Du mit solchen Situationen auch gern mal ein bißchen spielst und ein neues Verhalten ausprobieren willst, wäre es auch möglich zu schauen, inwieweit Du jemand von den anderen Wartenden zu einer Stellungnahme bringen kannst. Wer hat schon interessiert zugehört und repräsentiert den relativ höchsten sozialen Status (älter vor jünger, gediegen gekleidet vor flippig, größer vor kleiner etc.). Diese Person sprichst Du direkt an und versuchst sie direkt einzubeziehen:
„Sie mit der blauen Krawatte und dem schwarzen Aktenkoffer, wie sehen Sie das?“
Darauf kam nicht einmal eine Reaktion der Frau.
Ja, warum auch. Konkrete Aufforderung an die Frau: „Ich
brauche auch nur eine Überweisung und stehe hier in der Reihe.
Bitte stellen Sie sich auch hinten an.“
Ich bezweifle, dass er damit Erfolg gehabt hätte.
Vermutlich je nachdem, ob sich jemand von den anderen Wartenden eingeschaltet hätte oder nicht.
Aber Dein Posting und dass es Dich weiter beschäftigt hat,
weist doch eher darauf hin, dass Du auch andere Impuls
hattest. Warum hat der „Beschwichtigungsimpuls“ das
Übergewicht bekommen?
Generell habe ich eher Hemmungen, Menschen offensiv anzugehen,
die über ein wesentlich höheres Lebensalter verfügen als ich.
Das ist bedingt durch verschiedene Faktoren; zum einen durch
meine stark südländisch geprägte Erziehung, bei der Respekt
vor Älteren ein ganz wesentlicher Bestandteil ist, zum anderen
durch meine berufliche Tätigkeit im Rettungsdienst, bei der
ein Großteil der Patienten ältere Menschen sind.
Ich finde respektvolles Verhalten eine gute Sache, und bestimmte Formen von Erziehung erschweren es sicher, offensiv und direkt jemand anzugehen. Wie gesagt, ich finde daß man - soweit man kann - immer höflich und respektvoll verhalten sollte.
Deshalb finde ich das in diesem Thread weiter unten benannte Beispiel, wo jemand zu einer Vordränglerin sagte: Es geht hier nach der Reihenfolge und nicht nach Schönheit - durchaus humorvoll, locker und o.k.
Die geschilderte Reaktion eines anderen Wartenden: Lass sie doch vor, sonst muß sie ewig warten (nur sinngemäss zitiert), finde ich nicht mehr in Ordnung. Das ist abwertend und weit unter der Gürtellinie. Man äußert sich nicht zu unveränderbaren körperlichen Merkmalen und stellt jemanden so bloß. Auch wenn jemand anderer respektlos ist, muß man sich nicht auf die gleiche Ebene begeben.
Ich reagiere häufig in solchen Situationen eher defensiv (ich
weiß, ist 'ne schwache Leistung),
Ich würde das nicht bewerten wollen. Das hat in vielen Situationen sicher Vorteile.
…
Viele Grüße
Iris