Höhenangst

Hallo Yoyi,

Natürlich gehört von dir ein aktives Mitmachen dazu. Wenn dein
Leidensdruck gering ist, wirst du vielleicht nicht bereit
sein, die erforderliche Beteiligung zu bringen. Dann kann kein
Therapeut der Welt etwas machen.

es gab schon Situationen, in denen ich meine „Phobie“ verflucht habe, allerdings habe ich Angst davor, mich mit den unkontrollierbaren, körperlichen Symptomen auseinanderzusetzen - es ist nicht sehr angenehm - um es harmlos zu umschreiben.

Anschließend wird vermittelt, wie die Entstehung und die
Aufrechterhaltung der Angst erklärt werden kann

Hmmh … ich kann mich an kein „Schlüsselerlebnis“ erinnern.

kognitive Bewertung der
Situation besprochen.

Der Begriff „Kognitiv“ sagt mir nicht viel.
Laut Internetrecherche:
„auf das Wissen, Verstehen, Denken der Person bezogen. Kognitive Lernziele beschreiben alles, was mit dem Verstand erfasst wird, sowohl Faktenwissen, als auch kreative Anwendung von Wissen und das Lösen von Problemen.“

Könntest Du mir diesen Begriff, im konkreten Zusammenhang, näher erklären?
Ich würde es mit „Verstandesmässig“ zusammenfassen - richtig?

Gruß und Dank!
karin

Hallo Oliver,

  1. Klassische Konditionierung und Reizgeneralisierung:
    Koppelung von ursprünglich neutralen, aber mit der
    Angst-Situation oft einhergehenden Reizen (z.B. Treppe,
    Geländer, Kante eines Abgrundes) mit ursprünglich
    angstauslösenden Situationen (z.B. Schauen in die Tiefe bei
    Gleichgewichtsverlust). Dadurch wird unwillkürlich gelernt,
    auf die einst neutralen Reize ebenfalls mit Angst zu
    reagieren. Reize, die so ähnlich wie die einst neutralen Reize
    sind, lösen auch Angst aus (Reizgeneralisierung).

ich kann mich aber an keine reizauslösende Situation erinnern.
Z.B. normale Treppen (bei denen ich unten nichts sehen kann/ die Tiefe nicht abschätzen kann) sind kein Problem - obwohl ich weiss, dass bei allen Treppen eine Tiefe vorhanden sein muss - sonst gäbe es keine Treppe.

  1. Operante Konditionierung: Die klassisch konditionierten
    Reize lösen in der Folge Angst und Flucht/Vermeidungsverhalten
    aus. Flucht/Vermeidungsverhalten wird immer wieder auftreten,
    weil unwillkürlich gelernt wird, daß Flucht/Vermeidung mit
    einem Angstabbau einhergeht. Dadurch wird aber nie die
    Erfahrung gemacht, daß die angstauslösenden Reize meistens gar
    nicht gefährlich sind und die Angst deshalb unnötig ist.
    Deshalb bleibt die Angst bestehen und wird nicht verlernt.

Ja, ich versuche bestimmte Situationen zu vermeiden, weil ich mich nicht dem Kontrollverlust meiner körperlichen Funktionen aussetzen möchte.

Eine Ergänzung dieser Zwei-Faktoren-Theorie kann durch die
Preparedness-Theorie vorgenommen werden: Danach gibt es
bestimmte Reize / Situationen, die aus stammesgeschichtlichen
/ evolutionären Gründen besonders dafür prädisponiert sind,
Angst auszulösen. Das sind z.B. Spinnen, Schlangen, aber eben
auch Höhen.

Okay, ich kann feststellen, dass ich vor Spinnen, Ratten etc. keine Angst habe, woher soll ich wissen, wovor meine Vorfahren Angst hatten.

Die klassische verhaltenstherapeutische Behandlung sieht so
aus, daß sich die Patientin gezielt den angstauslösenden
Situationen / Reizen über eine längere Zeit aussetzt, damit
sie lernt, daß nichts geschieht, wovor sie wirklich Angst
haben müßte. Die Einsicht, daß nichts Schlimmes geschieht, ist
dabei nicht das Entscheidende, denn Phobiker wissen, daß ihre
Angst übertrieben ist.

Ich weiss (verstandesmässig), dass meine Angst unnötig ist - ich empfinde sie aber trotzdem als sehr belastend und kann mich gegen die körperlichen Symptome nicht wehren.

Das Entscheidende ist, daß die
unwillkürlich gelernte Kopplung (-> Klassische
Konditionierung) zerstört wird. Diese Kopplung ist keine durch
den Willen steuerbare, sondern eben eine unwillkürliche.

Und hier sehe ich mein Problem, wenn ich körperliche Angstsymptome habe, wie soll ich mich überwinden können, mit diesen körperlichen Symptomen - z.B. eine Hängebrücke zu überwinden?
Mein Vorbild (vielleicht der Therapeut), schafft es ohne Probleme die Hängebrücke zu überqueren - ich - als Phobiker - vibriere (vor Angst), wenn ich die Brücke überqueren soll.
Mir ist es also erschwert die Brücke zu überqueren.

Gruß und Dank!
karin

Hi,

Der Begriff „Kognitiv“ sagt mir nicht viel.
Laut Internetrecherche:
„auf das Wissen, Verstehen, Denken der Person bezogen.
Kognitive Lernziele beschreiben alles, was mit dem Verstand
erfasst wird, sowohl Faktenwissen, als auch kreative Anwendung
von Wissen und das Lösen von Problemen.“

Ich würde es mit „Verstandesmässig“ zusammenfassen - richtig?

richtig. Bei der Verhaltenstherapie wird er vor allem zur Unterscheidung von der rein behavioristischen Schule benutzt, denn diese Vertreter haben den Menschen als eine Blackbox betrachtet und sich nur für äußerlich sichtbares Verhalten interessiert.

Die kognitiven Verhaltenstherapeuten gehen davon aus, daß die emotionale Bewertung der kognitiven, also verstandesmäßigen, Bewertung folgt. Einfaches Beispiel: Jemand rempelt dich auf der Strasse an. Wenn du denkst: Er ist rücksichtslos und interessiert sich nicht für andere Menschen! wirst du Gefühle wie Wut und Ärger entwickeln, wenn du denkst: Er ist wohl in großer Eile, weil er unter Termindruck steht! wirst du z.B. das Gefühl des Mitleids entwickeln. Die Situation ist gleich, die emotionale Reaktion ist aber unterschiedlich, je nach dem, wie du es kognitiv bewertest. Deine Verhaltensreaktion wird dementsprechend auch anders ausfallen, entweder du ruftst ihm laute Flüche hinterher oder du läßt es auf sich beruhen (z.B.). Das ist natürlich ein banales Beispiel, aber komplexere Verhaltensmuster lassen sich beeinflussen, wenn man über den Verstand die Bewertung verändert (wenn man lernt in der Kindheit antrainierte „Denkfallen“ zu vermeiden).

Bei der Therapie einer isolierten Phobie ist es eigentlich nicht wichtig. Das Problem kann einfach über das Konfrontationstraining beseitigt werden.

Hmmh … ich kann mich an kein „Schlüsselerlebnis“ erinnern.

Ist auch nicht wichtig. Es gibt auch andere Erklärungen für das Entstehen einer Phobie. Manche Patienten mit einer spezifischen Phobie können sich nicht an eine Ursprungssituation erinnern oder entwickeln starke Ängste vor Situationen, die sie noch nie selbst erlebt haben. Deswegen wird mittlerweile angenommen, dass oft mehr oder minder konkrete Informationen über eine Situation ausreichen, damit sich eine Phobie entwickelt. Außerdem kann sich eine Phobie auch über Modelllernen (Informationen der Eltern) entwickeln. Es muß nicht immer ein Trauma sein, denn sonst wären auch Phobien nicht so häufig.

allerdings habe ich Angst davor, mich mit den
unkontrollierbaren, körperlichen Symptomen auseinanderzusetzen

  • es ist nicht sehr angenehm - um es harmlos zu umschreiben.

Ja, deswegen ja auch die Therapie. Der Therapeut kann dich beraten und dir helfen, dich bei dem Prozeß begleiten. Aber du mußt es trotzdem selbst tun, anders wirst du es nicht schaffen können. Wenn die Angst sehr ausgeprägt ist, auch die körperliche Symptomatik, dann kann man den Prozeß auch medikamentös unterstützen, dann wird es leichter. Muß der Arzt aber im Einzelfall entscheiden.

Gruß

Yoyi

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Hallo Karin,

ich kann mich aber an keine reizauslösende Situation erinnern.

wer sagt, daß Du Dich an diese Situation erinnern mußt? Vielleicht ist es schon sehr lange her. Es muß auch keine spektakuläre Situation gewesen sein:

„Die Entstehung von Angst auf der Grundlage von Konditionierungsmodellen sollte man sich keinesfalls als Resultat simpler dramatischer Bedingungen vorstellen (Schocks, Unfälle etc.)“ (Reinecker, H. [1996]. Spezifische und Soziale Phobie. In H. Reinecker [Hrsg.], Lehrbuch der Klinischen Psychologie [S.94]. Göttingen: Hogrefe).

Und: Wer sagt, daß es bei Dir so gewesen ist, wie der von mir beschriebene Erklärungsansatz sagt? Es ist doch nur ein Erklärungsansatz, allerdings ein bedeutender.

Ja, ich versuche bestimmte Situationen zu vermeiden, weil ich
mich nicht dem Kontrollverlust meiner körperlichen Funktionen
aussetzen möchte.

Hmhm.

Okay, ich kann feststellen, dass ich vor Spinnen, Ratten etc.
keine Angst habe, woher soll ich wissen, wovor meine Vorfahren
Angst hatten.

Wer sagt, daß Du wissen mußt, wovor unsere Vorfahren Angst hatten? Dieses „Wissen“ steckt in Deinen und meinen Genen und macht sich bemerkbar, ob wir es nun wissen oder nicht. Dein Körper ist gewachsen, hat Arme, Beine, Augen, Deine inneren Organe usw. entwickelt, ohne daß Du wissen mußt, wie das alles genau geschieht. Und doch ist das „Wissen“, wie es geschieht, in vielen Zellen Deines Körpers. Genauso wie es in Deinem Körper ein „Wissen“ gibt, wie Du Angst entwickelst und was dann zu tun ist.

Ich weiss (verstandesmässig), dass meine Angst unnötig ist -
ich empfinde sie aber trotzdem als sehr belastend und kann
mich gegen die körperlichen Symptome nicht wehren.

Genau das beschreiben auch Phobiker und das ist ein Teil des Problems.

Mein Vorbild (vielleicht der Therapeut), schafft es ohne
Probleme die Hängebrücke zu überqueren - ich - als Phobiker -
vibriere (vor Angst), wenn ich die Brücke überqueren soll.
Mir ist es also erschwert die Brücke zu überqueren.

Ein wichtiger Teil der Therapie ist es ja gerade, daß die Phobikerin immer und immer wieder über die Brücke geht, obwohl sie Angst hat. Damit schafft sie eine Situation, die geeignet ist, die Koppelung zwischen angstauslösenden Reizen und der Angstreaktion zu schwächen.

Grüße,

Oliver Walter

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Hallo Oliver,

Ein wichtiger Teil der Therapie ist es ja gerade, daß die
Phobikerin immer und immer wieder über die Brücke geht, obwohl
sie Angst hat. Damit schafft sie eine Situation, die geeignet
ist, die Koppelung zwischen angstauslösenden Reizen und der
Angstreaktion zu schwächen.

Okay, ich versuche dann mal, die angstauslösenden Situationen nicht zu vermeiden, sondern mich ihnen zu stellen.
Wenn es das erste Mal nicht klappt, dann versuche ich es ein weiteres Mal, solange bis es funktioniert.
Es stimmt, ich stehe vor oder am Beginn der Brücke, bekomme Gummiknie und Schweissausbrüche und beschliesse dann, dass ich es nie über diese Brücke schaffen kann.
Ist ein sehr bildhaftes Beispiel, auch für andere Stresssituationen im Leben :wink:

Ich danke Dir, Du hast mir weitergeholfen.

Gruß
karin

Hallo Yoyi,

Das ist natürlich ein banales Beispiel, aber
komplexere Verhaltensmuster lassen sich beeinflussen, wenn man
über den Verstand die Bewertung verändert (wenn man lernt in
der Kindheit antrainierte „Denkfallen“ zu vermeiden).

Du hast mir „kognitives Verhalten“ sehr verständlich erklärt.

Ja, deswegen ja auch die Therapie. Der Therapeut kann dich
beraten und dir helfen, dich bei dem Prozeß begleiten. Aber du
mußt es trotzdem selbst tun, anders wirst du es nicht schaffen
können.

Ich denke, ich habe den Therapieansatz verstanden.

Vielen Dank für Deine Antworten und Erklärungen!
Du hast mir weitergeholfen.

Gruß
karin