Hallo, Gemeinde der Lesenden!
Im o. g. Gedicht lese ich:
„[…] / Du schenkest Riesenkraft dem Verachteten;/ Er höhnet Dominiksgesichtern, / […]“.
Meine Frage bezieht sich auf die Dominiksgesichter. In der Ausgabe, die ich benutze (Hanser, in Lizenz bei WBG Darmstadt), ist dazu auf Hölderlins Gedicht „Die Demuth“ verwiesen. Dort heißt es
„[…] Schwabensöhne, / Die ihr vor keinem Dominiksgesicht euch krümmet, / […]“.
Dazu sagt dann eine kurze Erläuterung, dass „Dominique“ der Bühnenname des Schauspielers Biancolelli und der von ihm verkörperten Figur (WIKIPEDIA: Pierrot) war.
Aber interessant wäre, zu wissen, welche negative Konnotation Hölderlin mit diesem Dominik verbindet: Franzosenfeindschaft? Doch die beiden Gedichte entstanden schon vor den napoleonischen Kriegen (1789 und 1788).
Abneigung gegen die (übertrieben chargierende Typen-)Komödie?
Wo findet man darüber was?
(Vielleicht haltet Ihr das Problem für peripher. Es handelt sich aber um meinen Lieblingsdichter seit meiner frühen Jugendzeit.)
Dank und Gruß!
Hannes
Servus Hannes,
bloß eine Spekulation: Kann damit, genau auf diesem Umweg über den weißen, wenig Mimik zeigenden Pierrot verklausuliert der verhasste Amateurabsolutist Herzog Karl Eugen selber bezeichnet sein, der zwar noch nicht das ganz ausgeprägte Babyface des Dicken Friedrich (II. als Herzog, I. als König) hatte, aber schon stark in diese Richtung des von Babyspeck umrahmten und wenig charaktervollen Gesichtes ging?
Auflösung der Landstände war in Württemberg nicht so gern gesehen, solange eine volkstümliche Erinnerung an Eberhard im Bart gepflegt wurde…
Schöne Grüße
MM
– hier hab ich zur Illustration und Unterfütterung ein wohl zeitgenössisches Pastell gefunden, das schon regelrecht karikierend wirkt:
http://www.raptusassociation.org/back5.html
Schöne Grüße
MM
Servus Hannes,
Guten Abend auch,Martin!
verklausuliert der
verhasste Amateurabsolutist Herzog Karl Eugen selber
bezeichnet
Danke für den sehr interessanten Hinweis!
Ich sah einfach keinen Zusammenhang mit einem französischen Komödianten aus der Molièrezeit. Man kann Hölderlin schwerlich unterstellen, er hätte irgendwelchen Klatsch, den vielleicht die „Mömpelgarder“ ins Stift brachten, verwendet, um seine Gedichte weltläufig zu machen.
Ich weiß ja nicht, ob es nicht auch eine Rivalität gab zwischen dem Stift (das H. 1788 bezog) und der von Hz. Karl Eugen einige Jahre vorher zur Universität erhobenen „Karlsschule“. Für sowas bin ich zu weit weg. Aber in diesen Jahren der beginnenden Revolution in Frankreich war ja das Stift ohnehin höchst verdächtig. Das würde alles gut passen.
Würd mich freuen, wenn jemand Deine Vermutung mit Gründen bestätigen würde.
Schöne Grüße ins Ländle rüber!
Hannes
Hallo nochmal,
noch ein genauso vager Splitter dazu: Frankophobie wird kaum eine Rolle gespielt haben - die Hugenottenfamilie Gontard war erst seit 1685 in Deutschland, und Kobus Gontard hat seiner Susette immerhin noch einen französischen Namen gegeben.
Wobei Susette unserem Freund Scardanelli nicht unbedingt zum allergrößten Glück verholfen hat; interessant wäre es schon, ob Frankreich als eine Art „innere Insel“ bei FH eine Rolle gespielt hat, mit aller Ambivalenz. Die Hauslehrerstelle in Bordeaux, in deren Anschluss dann die endgültige Zerrissenheit folgte, ist auch nicht unbedingt das von Frankfurt und Stuttgart am nächsten Liegende.
Ist das Gedicht eigentlich datiert? - es klingt noch wie recht frühe Dinge, mit wenig arkadischen Maßen.
Ja, aber das sind, wie gesagt, alles Spekulationen. Der Hölderlin-Roman von Peter Härtling steht in Adelheids Schrank und harrt meiner, und die Schnekenburger-Biographie kenne ich bloß vom Hörensagen.
Schöne Grüße
MM
Hallo Hannes,
wie Tante Google zeigt, gibt es im Hölderlin-Jahrbuch 13 (1963–1964) eine Abhandlung (oder Skript eines Vortrages, geht aus dem Inhaltsverzeichnis nicht hervor) mit dem Titel ‚Dominiksgesichter‘ von keinem geringeren als Richard Alewyn.
Die Webseite der Hölderlin-Gesellschaft funzt derzeit nicht so richtig, aber hier mal ein Link zur Zeitschriftendatenbank:
http://dispatch.opac.ddb.de/CHARSET=ISO-8859-1/DB=1…
Nun bin ich nicht neugierig genug, selbst die Fernleihe zu bemühen bzw. eine Kopie zu ordern - aber wenn Du die Antwort auf Deine Frage herausfindest, wäre ich für eine Aufklärung dankbar
.
Freundliche Grüße,
Ralf
Hallo, Martin!
Schön, dass Du Dich in die Sache so verbeißt!
(Verzeih mir das Kampfhundbild!
)
Frankophobie wird kaum
eine Rolle gespielt haben
Ich meinte die Entwicklung des revolutionären Frankreich: von den Kriegen zur Sicherung der R. zu reinen Eroberungs- und Hegemonialkriegen. Hölderlins Vaterlandsbegeisterung (auch im Gewand der griechischen Freiheitsbewegung: Hyperion) speist sich ja daraus.
Ist das Gedicht eigentlich datiert?
Beide Gedichte sind früh: 1788 und 1789, also gleich nach dem Eintritt ins Stift.
wie recht frühe Dinge, mit wenig arkadischen Maßen.
„Die Demuth“ (1788): Ja, ziemlich langweilige Jamben.
„An die Ruhe“ (1789): Schon recht ordentliche „alkäische“ Strophen, also vom Typ
v-v-v -vv-v-
v-v-v -vv-v-
v-v-v-v–
-vv-vv-v–
Der Härtlingroman ist mir zu wenig historisch,
Peter Weiß’ Hölderlindrama allerdings noch weniger.
Überzeugt haben mir vor allem die Forschungen und Funde von Pierre Bertaux.
Schöne Grüße!
Hannes