Hölderlins Deutschlandbild

Aus Friedrich Hölderlin: „Hyperion“

http://www.lohengrin-verlag.de/Texte/Hoelderlin.htm

"So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden…

Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark…]

in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes - das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.

Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist:

ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen.

Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen - ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Belaidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute…"

Tja - Fragen:

War sein Deutschlandbild tatsächlich s o negativ?
War es ein „Bild“, was andere Geistesgrößen seiner Zeit auch teilten?

Oder war es eben auch ein Beleg dafür, dass er zu romantisch dachte und letztlich verwirrt im „Turm“ landete?

Gruss
MultiVista

Hallo,

MultiVista!
Tja - Fragen:
War sein Deutschlandbild tatsächlich s o negativ?
War es ein „Bild“, was andere Geistesgrößen seiner Zeit auch
teilten?

Hölderlin arbeitete am „Hyperion“ von 1792 bis 1798.
In diese Zeit fallen
a) Hölderlins Jugend und die Studienzeit im Stift, dann seine ersten Versuche, als Erwachsener (Dichter, Schriftsteller, Pädagoge) Fuß zu fassen
b) die Deformation der Französischen Revolution (vom Umsturz in Frankreich über die Menschheitsbeglückung zum Eroberungskrieg).
Die Stiftler waren über die Vorgänge in Frankreich bestens informiert: wegen der räumlichen Nähe und aus den Berichten der im Stift studierenden „Mömpelgarder“. H. sympathisierte (zusammen mit Hegel und Schelling) mit den Idealen der Revolution, die sie
sehr idealistisch auffassten: als die revolutio im Sinn der antiken Philosophie, als die Wiederkehr einer natürlichen, freien Ordnung, gewissermaßen die Wiederbringung des „Urzustandes“ der Gesellschaft, in der die Deformationen, die Zwänge, die unnatürlichen Konventionen überwunden sein sollten.
Das von H. hier beschriebene Deutschland, die gesellschaft des in den letzten Zügen liegenden Deutschen Reichs, ist die von ihm gegenwärtig erlebte Wirklichkeit, und deren Schilderung soll ihre Entfremdung von der Natur den Lesern vor Augen führen - gleichzeitig mit dem nationalen Befreiungskampf der Griechen.

Oder war es eben auch ein Beleg dafür, dass er zu romantisch
dachte und letztlich verwirrt im „Turm“ landete?

Hölderlin scheiterte dann in jeder Beziehung:

  1. Die politischen Erwartungen erfüllten sich nicht, in Deutschland wurde nichts revolutioniert, es folgte die Zeit der Restauration.
  2. H. konnte als Dichter (als Pädagoge sowieso) nicht Fuß fassen: Denn seine zweite politische Katastrophe war, dass er in die Jagd der Fürsten nach den deutschen Jakobinern einbezogen wurde (vgl. die Sinclair-Affäre, aber auch die Verwechslung mit einem anderen Hölderlin, so dass er ins Authenriedsche Klinikum in TÜ „gerettet“ wurde).
  3. Das Ende der Beziehung zu „Diotima“ (Susette Gontard) durch das Verdikt von deren Ehemann und dann durch ihren Tod bedeuteten für H.
    die absolute persönliche Katastrophe.
    Er hatte, nachdem man ihm so rabiat die Flügel gestutzt hatte, gar keine andere Möglichkeit mehr als in TÜ im Turm zu bleiben und sich durch Wohlverhalten
  • von der dominanten Mutter (die ihn trotz der nur 30 km betragenden Entfernung nach Nürtingen kein einziges Mal besucht hat!) den Lebensunterhalt aus den Zinsen des ererbten väterlichen Vermögens
    auszahlen zu lassen („wenn er im Gehorsam bleibt“, so die Formulierung in den Briefen)
  • in aller Unauffälligkeit die vom Herzog gnädig gewährte kleine Pension zu beziehen.
    Auch stärkere Naturen als Hölderin wären von diesem Schicksal gebrochen worden.
    (In Wirklichkeit ist nach allem was wir wissen und - vor allem - nicht wissen das Ganze noch viel komplizierter.)
    Gruß!
    Hannes

Von Hölderlin selbst gibt es auch Gedichte, die eine andere Auffassung der deutschen Nation zeigen (den kompletten Text findet man blitzschnell per Google):

Gesang des Deutschen

O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd’,
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!

Friedrich Hölderlin

An die Deutschen

Schöpferischer, o wann, Genius unsers Volks,
Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands,
Daß ich tiefer mich beuge,
Daß die leiseste Saite selbst …

Friedrich Hölderlin

Siehe auch z.B. Hölderlins Gedicht „Der Tod fürs Vaterland“.
mfg, Christian

Hallo, Christian!

Von Hölderlin selbst gibt es auch Gedichte, die eine andere
Auffassung der deutschen Nation zeigen

Das erscheint mir eher als fraglich.

Gesang des Deutschen
O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd’,
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!

[…] doch höhnen sie, / Dich, ungestalte Rebe!, daß du / Schwankend den Boden und wild umirrest. […] Oft zürnt’ ich weinend, daß du immer / Blöde die eigene Seele läugnest. […]
Das ist nicht Lob der Gegenwart, sondern Erwartung einer besseren Zukunft.
Und ebenso:

An die Deutschen

Schöpferischer, o wann, Genius unsers Volks,
Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands,
Daß ich tiefer mich beuge,
Daß die leiseste Saite selbst …
Siehe auch z.B. Hölderlins Gedicht „Der Tod fürs Vaterland“.

Ursprünglich …
(vgl. Entwurf „Die Schlacht“ von 1776/77:
„[…] Denn die sich Väter nannten, / Diebe sind sie, […]“
… gegen die tyrannischen deutschen Fürsten, die sog. Landesväter, gerichtet, wurde das Gedicht dann auf Richtung Heldentod zu umgeändert - der Grund, warum Hölderlin in beiden Weltkriegen in keinem Tornister fehlen sollte!
Es geht um ein Deutschland, das noch nicht existiert, sondern erst erkämpft werden soll - nun in erster Linie gegen die französischen Okkupanten.
Gruß!
Hannes

Servus Hannes,

das hier:

Es geht um ein Deutschland, das noch nicht existiert, sondern
erst erkämpft werden soll

scheint mir der wichtigste Aspekt in bezug auf die Frage zu sein. Aus diesem einundzwanzigsten Jahrhundert betrachtet, das Entwicklungen und Möglichkeiten kaum mehr gewohnt ist zu betrachten, sondern als quasi Weltgeist überall einen mehr oder weniger statischen Gleichgewichtspreis vermutet, freilich eine ganz ungewohnte Perspektive: Daß die Benennung eines höchst unerfreulichen (oder so erlebten) Zustand eines Landes nicht von vornherein dessen Verdammung enthält, sondern eben auch dessen Möglichkeiten.

Wenn ein anderer Dibenger nicht zu dem ganzen Land, sondern zu dessen Bewohnern sagt „Wir sind, aber wir haben uns nicht, darum werden wir erst“ ist das auch et grad Zeugnis eines „negativen Menschenbildes“, obwohl Beschreibung eines unerfreulichen Zustandes.

Schöne Grüße

MM

Hallo Hannes

In der ursprünglichen Frage wurde ein Text zitiert, der scheinbar ein rein negatives Bild zeichnet – ein Leser ist geneigt eine sehr ungünstige Auffassung Hölderlins in punkto deutsche Nation anzunehmen.

Dass in den von mir zitierten Gedichten eine positive Auffassung der deutschen Nation selbst aufscheint ist doch keineswegs „fraglich“.

Hölderlin kritisiert den damals aktuellen Zustand, er kritisiert die Zerrissenheit der Nation, die „ihre Seele läugnet“ und die gegebenen Machtverhältnisse.

Kritik daran findet man im späteren Jungen Deutschland immer wieder – auch viele Schriften im Zuge der Befreiungskriege klagen die Machtverhältnisse in Deutschland an - und die Autoren sind trotzdem glühende Verfechter der Nation.

Das ist nicht Lob der Gegenwart, sondern Erwartung einer besseren Zukunft.

Hier stimme ich völlig zu.

Viele Grüße, Christian

Daß die Benennung eines
höchst unerfreulichen (oder so erlebten) Zustand eines Landes
nicht von vornherein dessen Verdammung enthält, sondern eben
auch dessen Möglichkeiten.

Wenn ein anderer Dibenger nicht zu dem ganzen Land, sondern zu
dessen Bewohnern sagt „Wir sind, aber wir haben uns nicht,
darum werden wir erst“ ist das auch et grad Zeugnis eines
„negativen Menschenbildes“, obwohl Beschreibung eines
unerfreulichen Zustandes.

Servus auch,

MM,

und Zustimmung.
Denn Hölderlin begriff seine Existenz als Dichter im Sinn der von Horaz entwickelten (und im Unterricht im Stift sicherlich rezipierten) Vorstellung vom VATES, vom Dichter, der gleichzeitig Seher ist, der in zwei Richtungen schaut:
Er erkennt
die Gebrechen der Gegenwart (Horaz vor allem in den Epoden)
und eine bessere Zukunft in mehr oder weniger großer Ferne, ansatzweise schon in der Gegenwart (Horaz vor allem in den „Römeroden“ der 4. Buches der Carmina).
Schönen Gruß!
Hannes

Hallo, Christian!

Dass in den von mir zitierten Gedichten eine positive
Auffassung der deutschen Nation selbst aufscheint ist doch
keineswegs „fraglich“.

Damit hast du natürlich Recht.

Kritik daran findet man im späteren Jungen Deutschland immer
wieder –

z. B. Heine:
„[…] Und als ich auf dem St. Gotthard stand. / da hörte ich’s unten schnarchen. / Da drunten schläft Deuschland in guten Hut / von sechunddreißig Monarchen. […]“

auch viele Schriften im Zuge der Befreiungskriege
klagen die Machtverhältnisse in Deutschland an - und die
Autoren sind trotzdem glühende Verfechter der Nation.

Ja, klar: die „Patrioten“. Wir sind also völlig der gleichen Meinung.
Schönen Gruß!
Hannes

Dank an Euch für Eure interessanten Beiträge.

M.