Von hinten aufgezäumt:
Der Unterschied zwischen -sexualität und -philie ist, dass die -philie eine Vorliebe bezeichnet, die primär nicht sexueller Natur sein muss (aber kann), die -sexualität hebt auf das Verhalten, die Ausübung ab.
Der Begriff der Krankheit, oder wie es im Falle der Psyche inzwischen heißt, der psychischen Störung ist nicht einheitlich abgegrenzt und historisch im Wandel begriffen. Von daher findest du schon bei der Definition dieses sehr allgemeinen Begriffs Strömungen und Auffassungen, die vor allem dann bedeutsam sind, wenn man sich an den Grenzen befindet zwischen dem, was als gesund und dem, was als „gestört“ oder „krank“ bezeichnet wird.
Grob geht es um
- Erleben oder Verhalten, das
- von der Norm abweichend ist
Das Problem dabei: Was ist die Norm? Irgendwer muss bestimmen, wo die Grenzen sind zwischen dem, was innerhalb der Norm liegt und dem, was außerhalb liegt.
Genau das ist beim Thema Homophilie / Homosexualität durchaus sehr stark historischen und gesellschaftlichen Strömungen unterworfen. Homophilie, ja sogar in gewissem Rahmen Homosexualität ist nicht etwa nur in der Antike innerhalb der Norm oder gar positiv besetzt gewesen. Sogar in der christlichen Kultur lag die Liebe zwischen zwei Männern nicht nur innerhalb der Norm, sondern sie wurde sogar mystisch erhöht. Die Schwurbruderschaft ist nicht nur einfach eine sehr enge Freundschaft, sondern sie schloss selbstverständlich den Austausch von Küssen mit ein. Abgegrenzt davon ist die negative Wertung dessen, was als Sodomie galt, ein Begriff, der heute eher sexuelle Handlungen mit Tieren meint, ursprünglich aber sich auf alle sexuellen Handlungen bezog, die nicht der Fortpflanzung dienten. Analverkehr fiel auch darunter, nicht nur, aber eben auch unter Männern. Geächtet war also nicht die Liebe zwischen zwei Männern, sondern die Sodomie.
Irgendjemand muss also diese Norm definieren. Hat man sie definiert, ist man aber immer noch nicht fertig. Nicht jedes Abweichen von der Norm ist automatisch eine psychische Störung / Krankheit. Die Abweichung muss klinisch bedeutsam sein.
Für deinen Zweck hilfreich kann sein, dass es ein international anerkanntes System für die Klassifizierung von Krankheiten gibt. Zwar ist auch das immer Veränderungen entworfen (einzelne Krankheitsklassifizierungen kommen dazu, andere verschwinden oder werden zusammen gelegt) aber eine taugliche Grundlage für eine solche Diskussion unter medizinischer Sicht bietet die Klassifikation allemal. Im so genannten ICD (für psychische Krankheiten gibt es parallel noch ein zweites System, den DSM) gibt es für das, worum es geht, eine eigene Gruppe. Zusammen gefasst sind nicht alle -philien, aber solche, bei denen es um Sexualität geht: die so genannten Paraphilien.
Wenn Homosexualität international als Krankheit angesehen wäre, müsstest du diese genau dort finden. So findet man dort Exhibitionismus, Fetischismus, Sadomasochismus, Pädophilie - man findet dort aber nicht Homophilie oder Homosexualität:
http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10…
Bevor im Zusammenhang mit Fetisch und Co noch etwas losgetreten wird: Zu unterscheiden ist bei dem Thema zwischen dem, was eine gesellschaftliche Abweichung von der Norm ist, zu dem, was die Medizin definiert als krankheitswertig und zu dem, was die Gesellschaft als strafrechtlich relevant definiert hat.
Der Umstand, dass jemand durch den Anblick von Kindern erregt wird, ist gesellschaftlich zwar außerhalb der Norm, aber weder strafrechtlich noch medizinisch außerhalb der Norm. Erst, wenn das Interesse primär ist, wird es pathologisch, ist eine Störung. Umgekehrt gibt es sexuellen Missbrauch an Kindern, der strafrechtlich relevant ist, aber nicht auf einer psychischen Störung beruht.
In Bezug Homosexualität kann man diesen Unterschied auch deutlich machen: Im DSM-System galt Homosexualität bis 1973 als Krankheit. Im ICD ist sie sogar erst 1992 verschwunden. Da 1969 wurde die generelle Strafbarkeit von Homosexualität abgeschafft und war - zumindest für die über 21-Jährigen - legal. Damit gab es eine je nach Klassifizierung unterschiedliche lange Zeitspanne, in der Homosexualität als krankhaft galt, gesellschaftlich außerhalb der Norm war, aber strafrechtlich nicht relevant.