Sterbende - und Umgang mit Wünschen
Liebe Diana,
Ich habe vor ca. 3 Jahren eine Frau kennengelernt, die als Betreuerin in einer Klinik mit psychisch kranken Menschen arbeitete.
Desweiteren arbeitete Sie in einem Hospiz. Ebenfalls als Betreuerin. Sie ist gelernte Psychiatrieschwester und Ihr Alter um die Anfang 40.
Diese Frau hat mich sehr beeindruckt. Wir befreundeten uns und im Laufe unserer Begegnung erzählte sie mir so einiges aus ihrer Arbeit im Hospiz.
Neben vielen Dingen, die mich sehr beindruckt haben, erzählte Sie mir auch von den Momenten, wo die Patienten langsam spüren, dass es mit ihnen bald zu Ende geht. Es sind wohl vor allem AIDS-Patieten, die in der Einrichtung, in der sie arbeitet, bis zum Tod begeleitet werden.
Ich möchte jetzt nichts zu dem in meinen Augen bewunderndswerten ganzheitlichem Ansatz schreiben, mit dem die Patienten, die teilweise unendliche Schmerzen haben und sich auch noch mit dem eigenen, nahen Tod auseinandersetzen müssen, behandelt werden.
Oftmals sind es Patienten, die in den Momenten, wo die Krankheit sichtbar wird (AIDS) von ihren Freunden und auch der Familie, dem Ehepartner verlassen werden. Monatelang müssen sie auf Körperkontakt verzichten, fühlen sich abgelehnt, abgestellt und ausgegrenzt. Verlassen. Von allem ihnen Vertrauten und der Nähe, die sie einst zu ihren Partnern hatten.
Nun gibt es Fälle, so erzählte es mir diese Frau, bei denen der Patient spürt, dass er nur noch ein paar Tage zu leben hat und sich nichts sehnlicher wünscht, als noch einmal mit einer Frau Körperkontakt zu haben; mit einer Frau zu schlafen oder einfach von einer Frau gehalten zu werden.
Und auf solche „Fälle“, Wünsche, hat sich dieses spezielle Hospiz (in der Schweiz) eingerichtet. Und das hat mich beindruckt. Es gibt Prostituierte, die sich in der Tat auf solche „Fälle“ spezialisiert haben und die in einer Kartei der Ärzte und Betreuer der Einrichtung vermerkt sind. Sie werden dann gerufen und erfüllen dem Patienten, dem Sterbenden seinen letzten Wunsch nach körperlicher Nähe. Und es sind wohl wahnsinnig wichtige Erlebnisse, welche die Patienten in den Momenten haben dürfen.
Es hilft den Patienten wohl sehr, das noch einmal so zu spüren - und dann loslassen zu können. Vom „Schutz“, auf den man dort natürlich achtet, der Anonymität und auch ganz banal auf den Schutz der Protituierten beim Körperkontakt mit einem AIDS-Patienten schreibe ich jetzt nichts. Denn das ist dort eine Selbstverständlichkeit.
Dies also ein Erfahrungsbericht aus zweiter Hand, der mich damals, neben vielem andereren aus ihrer Arbeit, tief beeindruckt hat.Und in gleicher Weise ziehe ich meinen Hut vor diesen Prostituierten. Leisten sie doch etwas ganz ungewöhnliches und sehr bedeutsames für diese Menschen, die alle Hoffnung auf Gesundung aufgeben mussten.
Ich hoffe Dir damit einen, wenn auch sehr ungewöhnlichen Eindruck einer Art und Weise gegeben zu haben, wie u.a. (in dieser Einrichtung) auf Hospizpatienten eingegangen wird.
Viele Grüße
Bettina