Humaner Pappilom Virus

Hallo,
Ein Freund von mir, der in Brasilien lebt hat mir folgende Fragen geschickt, die ich nicht beantworten kann.
Wer kennt sich mit dem HP-Virus aus und kann hier weiterhelfen?

"Unser Arzt hier in Água Boa hielt es nicht für nötig, kostenintensiv und langwierig heraustesten zu lassen, ob es sich nun um diesen oder jenen HPV handelt (den „harmlosen“ oder „aggressiven“), sondern meinte, daß die Behandlung, so oder so, die selbe ist, nämlich die (befallene) Region um den Muttermund mit der Säure behandeln 3x im Abstand von 14 Tagen. Anschließend sei ggf.eine Kauterisation vorzunehmen - zwischendurch jeweils die Sache prüfend in Augenschein zu nehmen. Handelte es sich um einen „harmlosen“ Virus, sei schließlich auch ein harmloser Virus nicht hinzunehmen oder zu akzeptieren. Und einem „aggressiven“ Virus kann man auch nicht effektiver zu Leibe rücken, als wie oben beschrieben. Ich soll eine Woche lang ein Antivirenmedikament einnehmen und mich dann auch einer Säurebehandlung am Penis unterziehen. Während dieser ganzen avisierten Behandlungszeit, etwa 45 Tage, ist sexuelle Abstinenz vorgeschrieben. Wenn es stimmt, daß sich die Frau in 9 von 10 Fällen beim Mann ansteckt, wo steckt sich der Mann an? Wie kommt es, daß die Gefahr, daß sich aus dem Virus ein Krebsgeschwür entwickeln kann, beim Mann verschwindend gering ist oder sein soll, bei der Frau aber relativ groß ist oder sein soll. Ist der Virus nur an den Geschlechtsorganen zu finden bzw. entsprechend übertragbar oder kann er sich zum Beispiel als Folge oraler Verkehrspraktiken auch im Mund ausbreiten?
Wieso wurde bei meiner Krebsvorsorgeuntersuchung (umfangreiche Urin- und Blutuntersuchung) keine Anomalität von Zellen entdeckt, wenn ich wahrscheinlich den Virus auch habe. Klar, bei mir wurde kein Abstrich gemacht, aber das hieße, daß die Vorsorgeuntersuchung beim Mann in dieser Form unzulänglich ist?!? Oder der Virus hat bei mir keine Zellveränderungen vorgenommen und schlummert ewig passiv und unerkannt, abgesehen davon, daß er gelegentlich zu meiner Frau übersiedelt; weil das Klima dort besser zu Aktivitäten animiert!?! "

Gruß
KH

Hallo K.H.,

nur kurz zur Funktionsweise der Muttermundkrebsvorsorge, sonst ist das nachfolgende nicht verständlich:

Mit einer kleinen Bürste werden einige der Zellen, die den Muttermundskanal auskleiden, gewonnen und mikroskopsich untersucht, ob es sich um normale Zellen, Krebsvorläufer- oder echte Krebszellen handelt. Bei Krebszellen wird der Kanal kegelförmig entfernt (kleiner Eingriff) und geschaut, wie weit der Krebs in die Tiefe gewachsen ist. Sind die Schnittränder nicht frei, muß nachoperiert werden. Ansonsten ist die Patientin geheilt.

Zur Säure: Sie würde die oberflächlichen Krebsvorläufer- oder Krebszellen auch zerstören, allerdings wüßte man dabei ja nie, ob der Krebs nicht doch in die Tiefe gewachsen ist. Das wäre nur dann vertretbar, wenn man sich definitiv sicher wäre, daß es sich um einen reinen Krebsvorläufer handelt. Ich kenne aber niemanden, der das so macht.

Klar ist aber, daß es dabei zunächst egal ist, ob der Krebs durch Papillomviren (HPV) oder anderes hervorgerufen wurde. Lediglich, wenn eine virustatische Therapie gegen HPV bestünde, könnte man diese bei Krebsvorläufern anwenden, in der Hoffnung, daß sich die Veränderungen zurückbilden. Ein solches Medikament ist mir aber nicht bekannt.

Das Virus kann wahrscheinlich (die Wissenschaft ist an diesem Punkt aber noch sehr im Fluß) nur bei ganz speziellen Deckzelltypen Krebs auslösen. Bei Frauen besteht diese spezielle Situation in Form von Zylinderdeckzellen der speziellen Muttermundsvariante (spezielle Leistungen, spezielle Rezeptoren, spezielle Viren, die dort andocken…), die dann zusätzlich noch dem sauren Scheidenepithel ausgesetzt sind (chronischer Entzündungsreiz -> chronischer Wachstumsreiz, geht also schonmal Richtung Krebs).

Vermehren kann sich HPV aber in allerlei verschiedenen Zellsorten. Teils unmerklich, teils entstehen z.B. Hautwarzen, und unter bestimmten Bedingungen wie in der Frau eben auch Krebs.

Der Mann kann also infiziert werden, das Virus induziert dabei aber keine Zellanomalitäten, die in Richtung Krebs gehen. Es ist aber durchaus möglich, daß sich die Meinungen hier noch ändern werden. Dabei muß man aber eher in Richtung Prostatakarzinom u.ä. denken. Die externe Säurebehandlung wäre bestenfalls bei HPV-Warzen „sinnvoll“, die aber wie gesagt nur extrem selten bösartig werden.

Oder der Virus hat bei mir keine Zellveränderungen
vorgenommen und schlummert ewig passiv und unerkannt,
abgesehen davon, daß er gelegentlich zu meiner Frau
übersiedelt; weil das Klima dort besser zu Aktivitäten
animiert!?! "

Genau so ist es wohl. Da das Immunsystem aber oft mit jahrelanger Latenz Hautwarzen abstößt, muß es in Analogie dazu nicht sein, daß die Frau Deines Freundes nun jährlich zur Koniotomie (so heißt diese „Kegelentfernung“) muß.

Gestatte mir die Bemerkung, daß die Aufklärung dieser Zusammenhänge im Verbund mit konsequenter und technisch simpler Krebsvorsorge die Krebshäufigkeit um 90% reduziert hat. Sie ist damit einer der größten Erfolgsgeschichten der Schulmedizin. Der Frau Deines Freundes müßte man dringend zu einer zeitnahen seriösen Behandlung raten.

viele Grüße,

Oliver

Hallo Oliver,
Vielen Dank für deine ausführliche Antwort auf die Fragen meines Freundes.

Zur Säure: Sie würde die oberflächlichen Krebsvorläufer- oder
Krebszellen auch zerstören, allerdings wüßte man dabei ja nie,
ob der Krebs nicht doch in die Tiefe gewachsen ist. Das wäre
nur dann vertretbar, wenn man sich definitiv sicher wäre, daß
es sich um einen reinen Krebsvorläufer handelt. Ich kenne aber
niemanden, der das so macht.

Ist die vom Arzt geplante Säurebehandlung Unfug?

Wie würde denn eine Behandlung hier in Deutschland aussehen?
Ich habe den Eindruck, dass die Mediziner in Brasilien nicht so ganz auf dem aktuellen Stand sind.
Gruß
KH

Hallo K.H.,

Wie würde denn eine Behandlung hier in Deutschland aussehen?

Bei der Frau:

bei atypisch, aber eher entzündlich veränderten Zellen Kontrolle nach 3-6 Monaten (+ bakterieller Abstrich),
bei atypischen, wahrscheinlich prämalignen Zellen: entweder engmaschigen Kontrolle oder Koniotomie (und nur hier wäre eine wie auch immer geartete „Säurebehandlung“ sinnvoll),
bei karzinomatösen Zellen Eingriff, und zwar die Koniotomie, wenn man nach dem sog. Staging meint, daß der Tumor noch oberflächlich ist. Ist dann in der Histologie der Tumor tiefer als gedacht, oder ist dies schon nach dem Staging klar, weitergehende OP.

Beim Mann:

Behandlung nur bei Warzen. Das externe Genitale mi Säure zu bepinseln, ist schon deshalb nicht sinnvoll, weil ja HPV genauso gut in den Harnröhrenzellen sitzen kann.

Ich habe den Eindruck, dass die Mediziner in Brasilien nicht
so ganz auf dem aktuellen Stand sind.

Mich würde ja vor allem diese virustatische Therapie interessieren…

Was ist das denn für ein Arzt? Ein patientensuchender Niedergelassener? Oder eine neue, experimentielle Therapie an einer Uniklinik?

viele Grüße,

Oliver

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