Humoralpathologie / Zellularpathologie

Hallo!

Die Humoralpathologie galt lange als Hauptbeschreibung krankhafter Prozesse.
Nach dem, was ich gehört habe, hätte die Zellularpathologie die Humoralpathologie als Leitgedanke abgelöst.
Nicht zuletzt mit dem Verstehen der humoralen Immunbiologie (Compelement und Antikörper) sei man heute sozusagen wieder zu einer Art Synthese von Humoralpathologie und Zellularpathologie gekommen.

Jetzt finde ich auf der Seite der Uni Würzburg aber die Idee, dass Virchow mit der Humoralpathologie die Humoralpathologie und die Solidarpathologie im Sinne einer Hegelschen Synthese vereinte habe. Das lebende auch in den Säften seien wiederum die Zellen.
Gut, für das Blut gilt das natürlich. Für die anderen Säfte aber wohl eher nicht. (Was die schwarze Galle sein soll, das habe ich daneben eh noch nicht verstanden.)

Wie wird das heute gesehen? Steht die Zellularpathologie im Kontrast zur Humoralpathologie und ist nur eine „Verwissenschaftlichung“ der Solidarpathologie und die Humoralpathologie wird „verwissenschaftlicht“ zu Disziplinen wie beispielsweise der Serologie?

Gruß, Stefan

Hallo, ne die Humoral(Säfte)patho ist von der Solidar(Organe)patho abgelöst worden, logisch oder, erst wenn man die Organe direkt untersuchen kann findet man da auch die Krankehitsursache…
Dass selbe passierte dann mit Virchow und seiner Zellularpatho, er konnte erst Unterschiede an kranken und gesunden Zellen sehen, als er das passende mikroskop dafür hatte.
Sein Gegner war der Wiener Rokitansky, der an der Solidarpatho festhielt, das Blut als besonderes Organ erklärte und damit auch wieder seine Anhänger zu Humoralpathologischen Ideen anleitete.
Überhaupt gab es immer wieder Ärzte (meist die eher praktischen als die Forschenden), die an einmal gelerntem festhielten und so gab es auch als die Solidarpatho sich durchsetzte immer wieder Aufsätze mit Humoral erklärten Krankheitsverläufen…
Für dich als heutigen Mediziner/Mikrobiologen oder was auch immer du studierst würde ich vorschlagen diese ganzen Ansätze lediglich als nette antike Ideen anzusehen, und dir deine eigene Meinung zu bilden. Mit der Zellularpatho kommst du seit Watso/Crick nicht mehr weit.
Die Humoralpatho der Griechen wird gerne verhunzt aufgekocht bei Pischingers Regulationsmodell, mit dem dann Naturmediziner/Heilpraktiker Aderlass und Schröpfen begründen wollen. Allerdings kann man Galens Modell nicht mit Pischingers vergleichen und der Moderne Aderlasser tut es eben auf einer komplett anderen Grundlage.

Hilfreich um dieses besser zu verstehen ist ein Blick in die Originale, wie es eben Historiker zu tun Pflegen. Dann wird dir deutlich werden, dass Virchows Zellularpatho nur wenig mit der heutigen Auffassung von Zellen gemein hat, ebenso dass die antike Humoralpatho andere Ideen verfolgte als die Serologie.
Virchows Zellularpatho sollte in jeder Unibib zu finden sein, leicht lesbare (also Medizinerfreundliche ohne Philologischen Schnickschnack)antike Texte findest du in einem Reclamheft von J. Kollesch, oder auch die „Kleinen Schriften zur antiken Medizin“ von Diller 1973 oder in „Der Arzt im Altertum“ von Müri mehrere Auflagen (alles in deiner UB)

Zur schwarzen Galle gibt es ebenfalls eine Monographie und diverse Aufsätze, alle sind bisher zum Schluß gekommen, dass die bisherigen Ideen (jene bis etwa in die 50ger Jahre hinein) Teerstuhl, schwarzgefärbter Urin, sich nicht mit den beschriebenen Krankheitsbildern decken, was unter anderem damit zusammenhängt, dass man die Säfte gar nicht als fest bestimmbare Materie fassen kann.
Ebensowenig wie Melancholon mit irgendetwas gleichgesetzt werden kann, ist Schleim nicht gleich Rotz, sonder Rotz ist ein Symptom für zuviel Schleim, und auch Blut ist nicht gleich Blut.

Gehe ich recht in der Annahme, dass dein GTE oder Medizingeschichtsunterricht durch einen reinen Naturwissenschaftler durchgeführt wird, oder dort wo sich mehrere Unis sich einen qualifizierten Prof teilen müssen, und die wesentliche Arbeit mit den Studenten von Doktoranden geleistet wird…

Ich erlaube mir deine Verwirrung als weiteren Beweis anzusehen, dass es heute in den Jahren seit wir im tollen 2. Jahrtausend angekommen sind hierzulande mit der Medizingeschichte immer weiter bergabgeht, während im Ausland dauernd neue Stellen geschaffen werden.

Trauriger Gruß Susanne