Hallo,
ich denke, dass du mit deiner Überschrift genau das getroffen hast, was auch Kern des Verhaltens war: Stressabbau.
Junge Welpen schreien ziemlich häufig. Nicht nur bei Schmerz, sondern auch dann, wenn sie sich vor etwas erschreckt haben oder von einem anderen Hund zurechtgewiesen werden. Das Geschrei dient primär dem Zweck, beim „Gegner“ eine Aggressionshemmung auszulösen. Dabei unterscheiden Welpen nicht zwischen Artgenossen und anderen Auslösern von Schreck oder Schmerz.
Bei erwachsenen Hunden wird das Schreck-Geschrei seltener, meist hört man höchstens noch ein kurzes Qieken, das Schreien vor Schmerz bleibt aber erhalten - wenn auch, je nach Leidensfähigkeit, unterschiedlich stark ausgeprägt.
Während das Geschrei eines Welpen bei Artgenossen tatsächlich eine Aggressionshemmung bewirkt und - bei jungen Welpen - wie eine Alarmklingel die Mutterhündin auf den Plan ruft, um zur Verteidigung der Brut zu eilen, erfährt es unter erwachsenen Hunden eine andere Bewertung.
Schreiende Artgenossen dienen zwar immer noch als Alarmsignal, aber eher in der Richtung, dass es die anderen Hunde vor einer Gefahr warnt, die ihnen selbst gefährlich werden könnte. Man sieht nicht selten, dass andere Hunde einen schreienden, verletzten Artgenossen meiden und sich eher verkrümeln, als zu ihm zu laufen.
Besteht eine Rudelbindung - wie in deinem Fall - kann es aber durchaus passieren, dass das Restrudel zur Gefahrenabwehr herbei eilt. Dabei erhöht sich gleichzeitig die Aggressionsbereitschaft, da der Organismus sich auf Kampf einstellt. Wird - wie bei deinen Hunden - nun kein Feind gesichtet, muss die aufgestaute Aggression entladen werden. In diesem Fall passierte das dadurch, dass die Hündin eine Scheinjagd auf den Mischling initiierte. Durch das Rennen konnte sie das Adrenalin wieder abbauen.
Man kann öfter beobachten, dass zwei Hunde des selben Rudels von einem rudelfremden Artgenossen angemacht werden und in Aggression geraten. Wenn sie diesen aber - wegen eines Zauns oder einer Leine - nicht erreichen können, reagieren sie die Spannung an ihrem Rudelpartner ab.
In diesem Fall ist aber gleichzeitig - wie auch bei deiner Hündin - die geprägte Beißhemmung aktiv und verhindert eine ernsthafte Verletzung.
Schöne Grüße,
Jule