Hund baut Stress ab?

Hallo an alle Hundeexperten und Hunde- / Tierfreunde,

kann mir vielleicht jemand das Verhalten meiner Hündin erklären? Folgendes:

Meine Labrador-Mix-Hündin, 5 J. hat sich heute beim Abschleppen eines mächtigen Eichenstammes weh getan, was sie mit schrillem Aufjaulen und erschrockenem Zurückspringen kundgetan hat.

Meine andere Hündin - Labrador, 8J, leibliche Mutter des Mischlings - war derweil woanders sehr beschäftigt. Auf das Aufheulen hin aber liess sie alles stehen und liegen und raste mit aufgestellten Nackenhaaren und mit Riesensätzen auf den Mischling zu. Es kam zu einer wilden Verfolgungsjagd. Der Mischling, geduckt, mit aufgerissenen Augen und einem stummen „aufhören, aufhören“ auf den Lefzen vornweg, die Hurricane-Mama hinterher.

Ich habe beide gerufen, weil ich ja nachsehen wollte, ob vielleicht tatsächlich eine Verletzung vorliegt. Beide kamen sofort - Mischling erleichtert (aber unverletzt), Labi-Mama sehr mit sich selbst und der Welt zufrieden.

Was will mir mein Hund damit sagen? Welcher Mechanismus steht hinter diesem Verhalten?

Liebe Grüße, semele

wie zu Hause…
Hallo,

mal so interpretativ…Mutter und Tochterbeziehung halt!

Tochter „verletzt“ sich, Mutter lässt alles stehen und liegen und rennt zur Tochter.
Sieht die Bescherung und plägt die Tochter an
„ICH HAB DIR DOCH GESAGT, DU SOLLST ES SEIN LASSEN!“

Solche Situationen können gelegentlich (beim Menschen!) in Läden beobachtet werden!

Wie gesagt, rein interpretativ! :wink:

VG René

Hallo,

ich denke, dass du mit deiner Überschrift genau das getroffen hast, was auch Kern des Verhaltens war: Stressabbau.

Junge Welpen schreien ziemlich häufig. Nicht nur bei Schmerz, sondern auch dann, wenn sie sich vor etwas erschreckt haben oder von einem anderen Hund zurechtgewiesen werden. Das Geschrei dient primär dem Zweck, beim „Gegner“ eine Aggressionshemmung auszulösen. Dabei unterscheiden Welpen nicht zwischen Artgenossen und anderen Auslösern von Schreck oder Schmerz.

Bei erwachsenen Hunden wird das Schreck-Geschrei seltener, meist hört man höchstens noch ein kurzes Qieken, das Schreien vor Schmerz bleibt aber erhalten - wenn auch, je nach Leidensfähigkeit, unterschiedlich stark ausgeprägt.

Während das Geschrei eines Welpen bei Artgenossen tatsächlich eine Aggressionshemmung bewirkt und - bei jungen Welpen - wie eine Alarmklingel die Mutterhündin auf den Plan ruft, um zur Verteidigung der Brut zu eilen, erfährt es unter erwachsenen Hunden eine andere Bewertung.

Schreiende Artgenossen dienen zwar immer noch als Alarmsignal, aber eher in der Richtung, dass es die anderen Hunde vor einer Gefahr warnt, die ihnen selbst gefährlich werden könnte. Man sieht nicht selten, dass andere Hunde einen schreienden, verletzten Artgenossen meiden und sich eher verkrümeln, als zu ihm zu laufen.

Besteht eine Rudelbindung - wie in deinem Fall - kann es aber durchaus passieren, dass das Restrudel zur Gefahrenabwehr herbei eilt. Dabei erhöht sich gleichzeitig die Aggressionsbereitschaft, da der Organismus sich auf Kampf einstellt. Wird - wie bei deinen Hunden - nun kein Feind gesichtet, muss die aufgestaute Aggression entladen werden. In diesem Fall passierte das dadurch, dass die Hündin eine Scheinjagd auf den Mischling initiierte. Durch das Rennen konnte sie das Adrenalin wieder abbauen.

Man kann öfter beobachten, dass zwei Hunde des selben Rudels von einem rudelfremden Artgenossen angemacht werden und in Aggression geraten. Wenn sie diesen aber - wegen eines Zauns oder einer Leine - nicht erreichen können, reagieren sie die Spannung an ihrem Rudelpartner ab.

In diesem Fall ist aber gleichzeitig - wie auch bei deiner Hündin - die geprägte Beißhemmung aktiv und verhindert eine ernsthafte Verletzung.

Schöne Grüße,
Jule

Also doch wie zu Haus!
Hallo Jule,

als ich Deine Zeilen laß, musste ich innerlich schmunzeln.

Hatte ich doch den richtigen Riecher:

„…dass der Rest der Familie zur Gefahrenabwehr herbei eilt. Dabei erhöht sich gleichzeitig die Aggressionsbereitschaft, da der Organismus sich auf Kampf einstellt.
Wird - wie bei deinen Hunden - nun kein Feind gesichtet, muss die aufgestaute Aggression entladen werden…“

Ist ja auch beim Menschen zu beobachten, wenn Mutter´n durchdreht und die Tochter „niedermetzelt“! :smile:))

VG René

Hallo René, Hallo Jule,

ja, ja, mit der Mama gehen schon mal öfters die Pferde durch. Bei Frust - meist auf „lass uns nach Hause gehen, könnt´jetzt ein Häppchen vertragen“ zurück zu führen - knüpft sie sich schon mal gerne das nächst vorhandene Hunde-Opfer vor und jagt es durch die Gegend. Habe ich ein Monster erschaffen?

Es würde mich interessieren, ob die beiden wissen, dass sie verwandt sind. Ich habe die Tochter vom Welpenalter an, die Mama erst seit drei Jahren. Davor haben sie sich ab und an gesehen, aber „aufgewachsen“ ist die Tochter eigentlich ohne ihre Mutter. Hmm?

Schöne Grüße, semele

Mütter und Töchter
Hallo,

Bei Frust … knüpft sie sich schon mal gerne das nächst vorhandene Hunde-Opfer vor und jagt es durch die Gegend. Habe ich ein Monster erschaffen?

Je öfter du sie das tun lässt, desto häufiger wird sie so reagieren. Ich würde die Gnädigste da durchaus zurückpfeifen.

Es würde mich interessieren, ob die beiden wissen, dass sie verwandt sind.

Nein, tun sie nicht. Wenn die Tochter von Geburt an bei ihrer Mutter lebt, entsteht manchmal zwar eine bessere Beziehung, als wenn eine fremde Hündin hinzu gekommen wäre, waren die beiden aber zwischendurch getrennt, unterscheidet sie nichts von einander völlig fremden Hündinnen.

Schöne Grüße,
Jule

Danke sehr, Jule

Ich hab´s geahnt, ich sollte ihr nicht so viel durchgehen lassen, dem frechen Luder.

Grüße, semele

nicht ausgelastet und Darwin war ein Lügner!
Hallo samele,

Die Mutter ist kein Monster, die „Alte“ scheint nur nicht ausgelastet. Mal mit aus-powern versucht?

Und bei dem was Jule schrieb, stellte sich mir die Frage, ob Darwin ein Lügner ist! :smile:
Denn wenn ein Baby zur Adoption frei gegeben wird und man es Jahre später wieder trifft, ist es auch beim Menschen fraglich, ob er sein Kind wieder erkennt. Würd ich mal behaupten. :wink:

VG René

Hallo René,

ausgepowert ist die Gute. Manchmal frage ich mich, ob ich ihr und sie sich selbst nicht zu viel zumuten. Arthritisch und nicht mehr die Jüngste schont sie weder den Gegner noch sich selbst. Von den Spaziergängen Zuhause angekommen fällt sie wie ein Sack Mehl um, vom stundenlangen Schnarchen wackeln dann die Wände. Ist aber nicht nur der Raufbold, mag auch geistige Beschäftigung - Hauptsache es geht dabei ums Futter kriegen. Verzogene, launische Diva, fürchte ich.

Vielleicht liest das auch die Jule - zu Deiner Erklärung des Verhaltens vom UP hätte ich noch eine Frage.
Wenn die Labi-Mama mit ihrer Jagd Stress abbaut, baut sich dann im Gegenzug beim gejagten Mischling Stress auf? Sah schon ziemlich gestresst aus: geduckt, bucklig, aufgerissene Aufgen.

Viele Grüße, semele

Jagen und Gejagtwerden
Hallo semele,

zu Deiner Erklärung des Verhaltens vom UP hätte ich noch eine Frage. Wenn die Labi-Mama mit ihrer Jagd Stress abbaut, baut sich dann im Gegenzug beim gejagten Mischling Stress auf?

Natürlich tut es das. Ebenso wie bei all den anderen Hunden, die deine Hündin gerne mal scheucht :wink:. Der (in diesem Fall) unfreiwillig Gejagte muss zusehen, dass er ausreichend beschwichtigt, damit er keine auf die Mütze kriegt. Deswegen zeigt er - neben dem Wegrennen - alle möglichen Formen von Beschwichtigungsgesten (z.B. sich ducken/krümmen/klein machen, Rute einziehen, Fang belecken, Ohren anlegen, die Breitseite zeigen…).

Womit wir auch hier an dem Punkt wären, welche Funktion „Spiel“ in Bezug auf die Rudelstruktur hat. Umgekehrt würde sich die Hündin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einfach scheuchen lassen - auch wenn sie in einer entspannten Situation möglicherweise durchaus auch mal die Gejagte mimt.

Schöne Grüße,
Jule