Kein Rudelführerproblem!
Hallo Birgitt!
Vor 10 Wochen hat uns - meinen Freund, meine Tochter und mich
- bei einem Besuch im Tierheim eine 1jährige
Chihuahua/Terrier-Mischlingshündin als neue Familie
ausgesucht.
Erstmal: Glückwunsch! 
Ich habe selbst einen Spanier - wenn auch am anderen Ende der Größenskala -, und zwar einen ängstlichen, der schlechte Erfahrungen gemacht hat.
Es könnte alles so schön sein, wenn nicht das Problem
bestünde, dass sie offensichtlich mich als Alphatier
betrachtet und kein anderes Familienmitglied an sich
heranlässt.
Mir folgt sie wie ein Schatten, wohin ich auch gehe -
ausnahmslos! Kein Schritt, den ich ohne sie tun kann, keine
Bewegung, auf die sie nicht augenblicklich reagiert.
Erstmal vorneweg: In einem Rudel ist es keineswegs so, dass die anderen Tiere ständig am Alphatier kleben, u.a. deswegen halte ich dieses Verhalten nicht für ein Rangordnungszeichen.
Meiner Meinung nach zeigt sich hier bei ihr erst einmal ein insbesondere bei südlichen Hunden häufig auftretendes Phänomen: Sie hat Schiß, dass du wieder weg sein könntest. Denk mal dran: Sie war in Spanien im Rudel unterwegs, kein Mensch hat sich um sie gekümmert, dann wird sie in einen Transporter verfrachtet, im Tierheim geparkt, dort verschwinden die Menschen auch immer wieder, und nun soll sie innerhalb kürzester Zeit (10 Wochen sind nichts!) plötzlich die Sicherheit fühlen, dass du nicht wieder verschwinden wirst? Woher soll sie die gewinnen? Da hilft nur Zeit. Das wird noch dauern. Den 12 Monaten andersartiger Erfahrung muss erst einmal etwas Neues entgegengesetzt werden.
Dass sie
mir beim Auf-der-Couch-Sitzen nicht auch noch auf den Schoß
krabbelt (sondern sich dicht neben mir zusammenrollt) ist auch
so ziemlich alles …
Apropos auf der Couch sitzen: Meiner darf das auch. Allerdings nur, weil er überhaupt keine dominanten Bestrebungen hat. Auf gleichem Level mit dem Besitzer zu sitzen, ist nicht generell problematisch, sondern kann bei bestimmten Hundeindividuen problematisch werden. Wäre mein Hund so drauf wie der sehr dominante Husky-Malamute-DSH-Mix von Freunden, dann käme er auch nicht auf die Couch.
Körperkontakt mit ihrem Menschen ist besonders im Anfang sehr wichtig für sie, weil es ihr subjektives Sicherheitsgefühl verstärkt und außerdem die Bindung stärkt.
Unterwegs benötige ich eigentlich keine Leine, sie kommt auf
Zuruf (zumindest in 95 % aller Fälle, wenn sie gerade eine
flüchtende Maus entdeckt hat und der hinterherjagt, wird’s
schwieriger).
Das wird sich noch ändern. Warte mal, bis sie an Selbstvertrauen gewonnen hat. 
Selbst die Hundepfeife, die ich mir aus ‚Schallschutzgründen‘
zugelegt habe, weil ich oft bereits morgens um 5.00 h mit ihr
unterwegs bin und durch mein Rufen niemanden stören will, hat
sie sofort akzeptiert.
Super!
Freund, Tochter und Sohn (letztere ebenfalls erwachsen), die
sich wirklich alle liebevoll und kontinuierlich um ihre
Aufmerksamkeit und Zuwendung bemühen, bleiben chancenlos.
Leckerchen aus deren ausgestreckter Hand werden nur seeehr
vorsichtig und höchst zögerlich angenommen - wenn überhaupt!
Das ist doch ein recht klares Zeichen für Unsicherheit und Angst.
Der Versuch, ihr das Halsband anzulegen, wird mit Knurren
(ganz zu Anfang sogar mit Beißen) beantwortet.
Ich tippe auf eine Reaktion aus Angst heraus.
Sie nimmt augenblicklich Reißaus, wenn einer der 3 sich ihr in
freundschaftlicher Absicht nähert, sie lockt, sie anfassen,
streicheln oder mit ihr spielen will.
Siehe unten.
Meinem Freund, der gestern allein mir ihr Gassi ging und sie
auf ihrer Lieblings-Rennwiese erstmalig von der Leine ließ,
ist sie ausgebüxt und den ganzen Weg zurück nach Hause
gelaufen - sein Rufen und Pfeifen ignorierte sie komplett.
Du bist ja anscheinend ihr sicherer Hafen, klar büxt sie dann aus, um nur ganz schnell wieder an „Mamas Rockschößen“ zu hängen.
Alle bisher gestarteten Versuche, ihr auch die anderen
Familienmitglieder als ‚gut Freund‘ mittels Leckerli-Fütterung
‚schmackhaft‘ zu machen, blieben ohne Erfolg.
Macht damit weiter! Es wird zwar dauern, aber früher oder später wird sie dafür empfänglicher werden.
Was, um alles in der Welt, muss ich, müssen die anderen tun,
damit nicht ausschließlich ich der Mittelpunkt ihres
Interesses bleibe? Das ist, bei aller Liebe zu diesem kleinen,
unglaublich charmanten Wesen, auf Dauer echt anstrengend, ich
wollte nämlich gar kein drittes Kind, sondern einen
_Familien_hund …
Tja, kann ich gut nachvollziehen. Manchmal könnte ich meinen strubbeligen Angsthasen hier auch *****. Aber was du vor allem brauchst sind: Geduld, Zeit und eine dicke Portion Humor. Ihr habt euch nun mal „leider“ einen Hund mit nicht den allerbesten Erfahrungen im Leben zugelegt. Sie wird sich entwickeln, rechne aber lieber mal mit Monaten.
Zu erwähnen bleibt noch, dass sie, wie so viele Straßenhunde,
aus Spanien importiert und auf ein deutsches Tierheim verteilt
wurde (was ich übrigens völlig daneben finde, aber das ist ein
anderes Thema) UND dass sie - vermutlich ihren früheren
Erfahrungen entsprechend - großgewachsene, breitschultrige
Männer (wie z.B. Freund und Sohn) meidet wie die Pest. Eher
ist sie wohl ein ‚Frauen-Hund‘, vor Mädels hat sie nämlich die
wenigste Angst.
Kenne ich von meinem. Er wurde von seinem Ex-Besitzer geschlagen und Männer sind ihm sehr suspekt. Kinder sind allerdings noch schlimmer. Aber auch bei meinem zeigen sich Fortschritt, die Distanzen werden kürzer, die Reaktionen sind nicht mehr ganz so panisch.
Könnte uns vielleicht jemand mit Kompetenz und Kenne
weiterhelfen?
Als Straßenhund müsste sie doch angenehmerweise vollkommen rudeltauglich sein. Geht ihr mit ihr auf die Hundewiese und trefft ganz viele andere Hunde und ihre BesitzerInnen? Das würde ich euch dringendst empfehlen! Zum einen ist es so oder so gut für den Hund und zum zweiten wird sie hier wohl am schnellsten lernen, dass man auch anderen Menschen vertrauen kann. Besonders Hunde, die im Rudel groß geworden sind, entspannen sich auch am ehesten wieder in einem Rudel. Außerdem kann sie dort dann von den anderen Hunden abschauen, wie vertrauensvoll diese mit ihren Menschen umgehen.
Auf unserer Hundewiese gehört es eigentlich zu den Regeln, andere Hunde keine Leckerchen zu geben. Meiner hat eine Ausnahmeerlaubnis aus therapeutischen Gründen und es hat gut gewirkt. Inzwischen nimmt er auf der Wiese auch von Männern Leckerchen an und einen speziellen Mann hat er sich sogar als Liebling auserkoren und rennt mit Begeisterung über die halbe Wiese zu ihm, wenn er ihn sieht.
Außerhalb der Wiese, die er als sicher und angenehm empfindet, ist das Mißtrauen noch größer. Aber auch das wird sich legen.
Zuhause habe ich den Bewegungsspielraum, den mein Hund hat, wenn wir Besuch haben, immer mehr eingegrenzt. Am Anfang durfte er sich noch in das am weitest vom Besuch weg gelegene Zimmer zurückziehen, später wurden dann mehr und mehr Türen geschlossen und schlußendlich musste er es „ertragen“, mit dem Besuch im selben Zimmer zu bleiben.
Am Anfang bekamen Besucher auch die Anweisung, ihn zu ignorieren, damit er sich nicht bedroht fühlt. Nach und nach „durften“ sie ihn dann auch in der Hocke, leicht abgewandt sitzend und ihn dabei nicht anschauend (Signal: Ich tu dir nichts!) ansprechen und ihm ein Leckerchen hinhalten. Später wurden Leckerchenspuren bis zum Besuch gelegt, sodass er sich von selbst immer ein bischen weiter näherte. Schlußendlich lagen die Leckerchen dann auf dem Knie des sitzenden Besuchs oder zu seinen Füßen wurde ein Napf mit dem absoluten Lieblingsleckerchen Thunfisch (da fahren fast alles Südländer drauf ab) hingestellt.
Viel Erfolg!
Christiane