Hallo Chrissie,
Wieviel sozialen Kontakt zu anderen Hunden braucht oder will ein Hund eigenlich?
Zu rudelfremden Hunden weniger als Mensch gemeinhin denkt. Zumindest im Erwachsenenalter. Viele Hunde werden regelrecht darauf konditioniert, beim Anblick von Artgenossen auszuflippen und wie irre auf diese zu/ mit diesen herumzurennen. In aller Regel lassen sich solcherart verpeilte Hunde auch nicht aus dem abrufen, was der rosa bebrillte Hundebesitzer als „Spiel“ bezeichnet.
Dabei wird gerne übersehen, dass Hunde niemals zweckfrei spielen. Alles, was sie tun, dient in irgendeiner Form entweder dem Einüben bestimmter Verhaltensweisen oder der Abklärung der Rangbeziehungen. Dies macht im Welpen- und Junghundalter einen gewissen Sinn, führt aber nicht selten auch dazu, dass Hunde sich gegenseitig zum Hetzen, Jagen und Raufen animieren. Nicht wenige Hundebesitzer sind furchtbar überrascht und entsetzt, wenn aus dem netten „Spiel“ immer öfter eine handfeste Rauferei wird.
Erwachsene Hunde müssen nicht mehr üben. Sie beherrschen im Idealfall den gesamten Kanon an hundlicher Kommunikation und können Distanz und Nähe über diese hervorragend regulieren. Es sei denn, sie haben nichts anderes gelernt, als beim Anblick eines Artgenossen wie bescheuert durch die Gegend zu rennen.
Mit dem Eintreten der Geschlechtsreife, bei großrassigen Hunden oft auch erst mit dem Erreichen der psychischen Reife, ist das Interesse an fremden Artgenossen bei einem normal sozialisierten Hund normalerweise auf das Notwendige beschränkt: Fortpflanzung und sozialer Status. Wenn erwachsene Hunde miteinander herumtoben, kann man - so man genau hinschaut - ganz hervorragend erkennen, dass dieses „Spiel“ nur einem Zweck dient: Der Klärung der Rangbeziehungen.
Da Hunde, im Gegensatz zu Wölfen, darauf angewiesen sind, ständig mit rudelfremden Artgenossen zurechtkommen zu müssen, haben sie Verhaltensweisen entwickelt, die dies ermöglichen. Fälschlicherweise leiten viele Hundebesitzer daraus die Erwartung ab, dass alle Hunde ständig Kontakte zu anderen brauchen, um „spielen“ zu können.
Hunde, die das nicht mitmachen und andere Hunde darauf hinweisen, dass es sich für einen erwachsenen Hund nicht gehört, wie ein Idiot herumzuhopsen, werden gerne als „verhaltensgestört“ oder „schlecht sozialisiert“ bezeichnet. In Wahrheit zeigen eher die Hunde, die sich im Erwachsenenalter völlig distanzlos verhalten, das nicht angemessene Verhalten.
Diese Hunde sind meist dadurch gekennzeichnet, dass sie mit Karacho auf jeden fremden Hund zurasen, schlecht oder gar nicht von anderen Hunden abzurufen sind und an der Leine nicht ruhig an einem Artgenossen vorbeigehen können. Sie halten nicht still, wenn ein stärkerer Artgenosse nach ihrer Visitenkarte verlangt und sie können sich nicht richtig unterwerfen, wenn sie Prügel beziehen. Interessanterweise bevorzugen viele Hundebesitzer diese Verhaltensweisen aber.
Schöne Grüße,
Jule