HUNDGERECHTE Erziehung - wer/was wird dem gerecht?

Hallo,

möchte hier mal eine grad unter Hunde"leuten" heiße Frage in den Raum werfen und bin gespannt auf eure Meinungen:
Von sehr vielen (z.T. selbsternannten) Tierpsychologen, -kennern, -trainern usw. wird ja immer wieder von Rudelordnung gesprochen und davon, wie elementar wichtig es ist, dass der Hund seinen Patz in diesem sozialen Gefüge genau kennt (durch verschiedene Maßnahmen wie Reihenfolge beim Essen, Liegeplätze und und und).
Auch die Hundesprache wird oft in diesen Kontext gestellt (so sagt z.B. Martin Rütter, dass das Anspringen durch den Hund immer „Pöbelei“ und niemals ein Zeichen der Freude ist, dass Anstarren durch den Mensch vom Hund als Drohgebärde aufgefasst wird usw.). Die sehr umstrittene Thematik „Dominanz“ ist hier auch noch so ein Punkt.

Nun gibt es aber recht neue Untersuchungen, die wissenschaftlich belegen, dass Rudel nur innerhalb EINER Art gebildet werden - demnach also NICHT im Zusammenleben Hund-Mensch (und dass außerdem ein Rudelleben in freier Natur GANZ anders aussieht als das hierarchische (in Gefangenschaft entstehende) Modell, das immer gezeichnet wird).

Das alles stellt dann aber so einige „moderne“ Ansätze der Hundeerziehung/-ausbildung sehr in Frage - denn wenn der Mensch gar nicht Rudelmitglied oder Rudelführer ist, wird der Hund erstens uns (sich an Rudelverhalten orientierende) Menschen an vielen Stellen nicht verstehen und wir werden die Hundesprache auch teilweise missverstehen, da der Hund mit dem Mensch eben anders kommuniziert als mit Artgenossen.

Ich finde diese Widersprüchlichkeit unbefriedigend - gibt`s irgendwo was wirklich Erhellendes dazu?

Liebe Grüße,
Nina

Hallo Nina,

es ist spät, ich bin müde und ich muss dringend ins Bett, deswegen erlaube ich mir mal, vorerst zu diesem Thema nur zwei Zitate von Dr. Feddersen-Petersen in die Runde zu schmeißen. Das geht schneller, als nach mit erschlafftem Hirn nach eigenen Worten zu kramen …

Die sehr umstrittene Thematik „Dominanz“ ist hier
auch noch so ein Punkt.

"Dominanz bezeichnet zunächst einmal eine Eigenschaft von Beziehungen und nicht von Individuen. Den dominanten Hund kenne ich nicht. Zu jeder Interaktion gehören mindestens zwei Tiere - und das Verhalten eines Hundes kann sehr differieren, abhängig von seinem Gegenüber.
Die Bestimmungskriterien wie die Definition von Dominanz sind umstritten. Es werden unterschieden:

  1. Häufigkeitsverteilung von Angriffen,
  2. Häufigkeitsverteilung von aktiver und passiver Unterwerfung,
  3. Gewinn einer Futterressource oder anderer Ressourcen,
  4. das Ausdrucksverhalten.
    Punkt 1: erscheint für Wölfe und Hunde untauglich, da in bestimmten sozialen Situationen die subdominanten Wölfe häufiger die dominanten Tiere angreifen als umgekehrt.
    Punkt 2: ist unbefriedigend, da er nur das Verhalten der subdominanten Tiere betrachtet.
    Punkt 3+4: führen unter Umständen zum Zirkelschluss. Denn, wenn die Funktion der Dominanz im bevorzugten Ressourcenzugang gesehen wird, kann dieser nicht selbst zum Bestimmungskriterium werden.
    Wenn das Tier, das den Knochen oder das Beutetier gewinnt, als dominant bezeichnet wird, so kann die Antwort auf die Frage, auf welche Weise diser Gewinn erreicht wird, nicht mehr >>DominanzDominanz bedeutet, dass in einer dyadischen Beziehung A regelmäßig die Freiheit von B einschränkt bzw. sich selbst ein hohes Maß an Freiheit zugesteht, ohne dass B effektive etwas dagegen tut, sondern B aktzeptiert seine Einschränkungen. Dominanz bezeichnet also eine Regelhaftigkeit in einer dyadischen Beziehung. Sie ist dann gegeben, wenn A bestimmte Verhaltensweisen gegenüber B häufiger zeigt, als zufällig zu erwarten wäre. Dabei handelt es sich um Verhaltensweisen, die die Verhaltensmöglichkeiten, insbesondere die Bewegungsfreiheit, von B einschränken. A reagiert dabei auf das Verhalten von B, ohne durch dieses Verhalten eingeschränkt zu werden. B duldet die Einschränkung ohne deutlich oder effektive Gegenwehr. Tatsächlich ist Dominanz wesentlich vom Verhalten B’s abhängig, da seine Reaktion die Effektivität der Verhaltensweisen von A bestimmt. Dominanz ist aber andererseits die von B akzeptierte Verhaltensfreiheit von A, z.B. die Freiheit, B’s Individualdistanz zu missachten oder ihn zu verprüfeln etc." (Hundepsychologie, S. 302f)

Das alles stellt dann aber so einige „moderne“ Ansätze der
Hundeerziehung/-ausbildung sehr in Frage - denn wenn der
Mensch gar nicht Rudelmitglied oder Rudelführer ist,

"Es wäre so simpel wie leichtfertig zu sagen, Hunde sehen Artgenossen in uns Menschen, die Familie ist ihr Rudel und das Familienoberhaupt (so hat man es am liebsten) ist der >>Leitwolf>wichtiger>Überhund>Machtder Sozialkumpan. Und als solcher wird er vom Partner Hund auch in irgendeiner Weise >>verhundlicht

Hallo,

mein Senf:

Nun gibt es aber recht neue Untersuchungen, die
wissenschaftlich belegen, dass Rudel nur innerhalb EINER Art
gebildet werden - demnach also NICHT im Zusammenleben

Es gab auch mal Untersuchungen, die wissenschaftlich belegt haben, dass eng zusammen liegende Augen auf eine kriminale Veranlagung deuten =:wink:

Ich finde diese Widersprüchlichkeit unbefriedigend - gibt`s
irgendwo was wirklich Erhellendes dazu?

Ich trau solchen Behauptungen nicht sehr, aber ich traue meinem gesunden Menschenverstand. Und der sagt, dass es nicht in Ordnung ist, dass mein Hund vor mir aus der Tuer stuermt, Gaeste anspringt, nicht aus dem Weg geht wenn ich ankomme oder mich anknurrt, wenn man ihm was wegnehmen will. Ob er es aus Rudelverhalten, Frechheit oder Ahnungslosigkeit macht ist da egal. Soetwas wird geruegt und somit lernt der Hund, dass sein Verhalten nicht richtig ist. Und es funktioniert, man muss nur konsequent sein!

Ciao! Bjoern

Das ist einfach:
Hi!

wie elementar wichtig es ist, dass der

Hund seinen Patz in diesem sozialen Gefüge genau kennt (durch
verschiedene Maßnahmen wie Reihenfolge beim Essen, Liegeplätze
und und und).

Yes. Ist korrekt so. Aber die Maßnahmen variieren je nachdem, wie der Hund sich in „sein“ Rudel (Mensch(en) und Hund(e) eingefügt hat. Also ich würde einem folgsamen Hund, der schon lange in einer Familie lebt und mit dem es keine Probleme gibt, nicht unbedingt das Sofa verbieten. Er weiß unter Umständen auch so, wo sein Platz ist…

Auch die Hundesprache wird oft in diesen Kontext gestellt (so
sagt z.B. Martin Rütter, dass das Anspringen durch den Hund
immer „Pöbelei“ und niemals ein Zeichen der Freude ist, dass
Anstarren durch den Mensch vom Hund als Drohgebärde aufgefasst
wird usw.).

Das glaube ich nicht, musst du mir erst nennen, die Stelle und den Zusammenhang, in dem er das sagt. Eine Kollegin von mir, mit der ich zusammenarbeite kennt ihn persönlich und hat auch schon mit Martin gearbeitet.

Nun gibt es aber recht neue Untersuchungen, die
wissenschaftlich belegen, dass Rudel nur innerhalb EINER Art
gebildet werden - demnach also NICHT im Zusammenleben
Hund-Mensch

Da greife ich auch auf Dorit Feddersen-Petersen zurück, eine der besten Hundewissenschaftler, die es gibt. Sie erklärt, dass der Hund den Menschen als einen Art „Überhund“ ansieht, der zwar etwas seltsam ist in seiner Ausdrucksweise, aber als Rudelmitglied akzeptiert wird.

Und hier noch mein Senf dazu: Du und ich wissen, dass wir nicht der gleichen Art angehören wie Hunde. Aber weiß das auch dein Hund??? Das hat was mit Prägung zu tun. Wenn von Geburt an ein „Rudelleben“ mit Hunden und Menschen stattgefunden hat, warum soll dann der Hund „glauben“, dass wir nicht auch eine Abwandlung seiner Art sind?

(und dass außerdem ein Rudelleben in freier Natur

GANZ anders aussieht

Is ja eh klar. Ich renne nicht täglich mit meiner Familie und meinem Hund als Helfer los, packe ein Karnickel am Kragen, trage es im Maul heim und schmeiß jedem ein Stück vor die Füße :wink:)

wird der
Hund erstens uns (sich an Rudelverhalten orientierende)
Menschen an vielen Stellen nicht verstehen und wir werden die
Hundesprache auch teilweise missverstehen, da der Hund mit dem
Mensch eben anders kommuniziert als mit Artgenossen.

Der Hund lernt vom ersten Tag an unsere „Sprache“. Er ist sehr intelligent, das ist der Grund, warum es zu den vielen Problemen mit ihm kommt. Er versteht uns perfekt UND NUTZT DIES AUS und wir verstehen ihn oft falsch oder gar nicht.

Falls du konkrete Fragen zur Hundeerziehung hast, kannst mir gern mailen!

Liebe Grüße,
Iris

Hi,

Auch die Hundesprache wird oft in diesen Kontext gestellt (so
sagt z.B. Martin Rütter, dass das Anspringen durch den Hund
immer „Pöbelei“ und niemals ein Zeichen der Freude ist, dass
Anstarren durch den Mensch vom Hund als Drohgebärde aufgefasst
wird usw.).

Das glaube ich nicht, musst du mir erst nennen, die Stelle und
den Zusammenhang, in dem er das sagt. Eine Kollegin von mir,
mit der ich zusammenarbeite kennt ihn persönlich und hat auch
schon mit Martin gearbeitet.

Stimmt aber so schon die Aussage, ich habe den Bericht auch gesehen, war im Zusammenhang mit dem Kölner Ehepaar die einen Dobermann hatten…
Nun muss ich dazu sagen, dass ich den Martin Rütter für einen der guten Trainer halte, ich erinnere nur an diese Möchtegerntrainerin in der VOX - Serie, die Welpen in den Käfig sperrte und den Staubsauger direkt davor laufen lies. Mit der Begründung, er müsse sich seiner Angst stellen. ( Mir gruselts noch heute,wenn ich daran denke ).
Die Methoden von Rütter kommen meines Erachtens beiden zugute, Mensch wie Hund.
Gruss aus dem Sauerland
Klarissa
(die sich mit zwei Münsti´s rumplagt:smile:))))

Hallo,

Auch die Hundesprache wird oft in diesen Kontext gestellt (so
sagt z.B. Martin Rütter, dass das Anspringen durch den Hund
immer „Pöbelei“ und niemals ein Zeichen der Freude ist, dass
Anstarren durch den Mensch vom Hund als Drohgebärde aufgefasst
wird usw.).

Das glaube ich nicht, musst du mir erst nennen, die Stelle und
den Zusammenhang, in dem er das sagt. Eine Kollegin von mir,
mit der ich zusammenarbeite kennt ihn persönlich und hat auch
schon mit Martin gearbeitet.

Das mit dem Anspringen=Pöbelei hat er in einer Talkshow (N3 Talk Show oder 3 nach 9 oder Hermann&Tietjen) gesagt. Dort hat ein Schauspieler von einem Hund bei einem Theater erzählt, der ihn so geliebt habe. Jedesmal, wenn er mit dem Auto angekommen sei, sei der Hund an ihm hochgesprungen und habe an die Reifen des Autos gepinkelt. Da hat Rütter ihn erstmal aufgeklärt, dass das Anspringen Anpöbeln gewesen sei und das An-die-Reifen-pinkeln habe signalisiert „Du fährst mit meinem Auto rum.“
Der Schauspieler war daraufhin etwas ernüchtert.

Ansonsten: Wenn man einem Hund durch viele kleine Gesten klarmacht, dass er nicht die Hauptperson ist, wirkt sich das sehr auf das Verhalten des Hundes aus, unerwünschtes Verhalten (z.B. Jagen) ist sehr viel besser in den Griff zu bekommen.

Zu den Gesten gehört u.a.: Zuerst essen, bevor der Hund gefüttert wird, nicht um den Hund herumgehen oder darübersteigen, sondern sanft darauf bestehen, dass er den Weg freimacht, morgens nicht als erstes zum Hund stürzen und ihn begrüßen, sondern die ersten Minuten völlig ignorieren und erst dann begrüßen, dto. beim Nach-Hause-Kommen.
Warum das funktioniert, ob man nun vom Hund als Artgenosse betrachtet wird oder nicht, ob sich dadurch tatsächlich eine Rangordnung wie in einem Rudel bildet oder nicht, sei dahingestellt. Tatsache ist: Es funktioniert, und das völlig ohne Zwang.

Grüße
Sebastian

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