Hallo Günter,
als die USA 1964 ihr Vietnam-Engagement begannen, war ich 14 Jahre alt. Die USA verteidigen dort unsere Freiheit, erzählten uns die Lehrer. Die Herrschaften wackeln inzwischen fast alle mit dem Kopf oder sind unter der Erde, aber ich habe ihnen diese Lügen (oder ihren unreflektierten Glauben) bis zum heutigen Tag nicht verziehen.
Hier heiligt nicht einmal der Zweck die Mittel. Es ist ein Irrtum, durch Beseitigung des Taliban-Regimes den internationalen Terrorismus beseitigen oder auch nur schwächen zu können. Die politische Lösung kann etwas bewirken und beginnen muß sie bei den Israelis und Palästinensern. Dort gab es bisher noch nie auch nur den bescheidensten Lösungsansatz und darüber hinaus gibt es mindestens seit Jahrzehnten im gesamten mittleren Osten seitens der USA und der Europäer ein Tun, das den Namen Politik nicht verdient. Ohne Ausnahme fand konzeptlose Stümperei statt, kurzfristige Interessenpolitik ohne erkennbare Linie.
Nun muß es wohl erst passieren, daß Särge mit jungen Leuten mit militärischem Pomp an Uniformträgern vorbeigetragen werden, daß ein paar hundert Hohlköpfe im Bundestag in schwarzen Anzügen und mit betreten aufgesetzten Gesichtern Schweigeminuten abhalten, daß danach bestens versorgte Sesselpfurzer vom Tod für unsere Freiheit schwadronieren. Vielleicht ist das dann die Zeit, in denen einigen dämmert, daß jedem Militäreinsatz ein langes Versagen der Politik voraus ging.
Erstaunlich ist das alles nicht. Da sitzen Leute, die bekommen durchaus überschaubare, aber dringliche Probleme nicht auf die Reihe. Sie basteln und popeln mut- und konzeptlos am Sozialversicherungssystem herum und außer neuen Säulen (sprich: Abgaben erhöhen) fällt ihnen nichts ein, um nur ein beliebiges von etlichen Beispielen des Versagens zu nennen. Was soll von diesen grauen Mäusen und Verwaltungsapparatschiks jetzt auch anderes kommen, als devote Gefolgschaft? Was hat der Begriff „Freundschaft“ für einen widerwärtigen Beigeschmack bekommen! Danach läßt man den Freund die gefährliche Dummheit begehen und folgt tief dienernd und Hilfe bei der Dummheit anbietend.
Dieser Mann, der sich bei uns Kanzler nennt und die Richtlinien der Politik bestimmen will, sah sich die WTC-Trümmer an. Ich würde ihm in der aktuellen Situation viel dringender empfehlen, einen im Sommer gerade noch auf allen Vieren zu bewältigenden „Weg“ des Alpenvereins im Schnee in 2500 m Höhe zu bewältigen. Nein, nicht mit der Seilbahn, nicht im beheizten A8 auf der geräumten Paßstraße. Nur ausgerüstet mit besten Steigerschuhen, warmer Kleidung und einigen Kilo Gepäck, ansonsten allein mit Murmeltieren und Steinböcken. Dabei wird auch dem hartnäckigsten Ignoranten klar, daß die gesamte Militärtechnik und High-Tech nichts mehr bringt. Der Mensch reduziert sich auf seine eigenen Fähigkeiten. Solche Umgebung bringt jeden um, der auch nur einen Augenblick an etwas anderes als die Eigensicherung denkt. „Spezialeinheiten“ werden zu Lachnummern für Menschen, die ihr Leben in solcher Umgebung zubrachten. Seit 150 Jahren wurden mehrmals ganze Truppen von einem vermeintlich unterlegenen, aber einheimischen Gegner im Gebirge Afghanistans bis auf den letzten Mann aufgerieben. Zudem hatten alle Eindringlinge einen fürchterlichen Nachteil: Sie hingen an ihrem Leben und hatten es mit einem Gegner zu tun, für den der Tod im Kampf geradezu das verlockende Ziel schlechthin ist. Unabhängig davon, daß Krieg einfach das falsche Mittel ist, kann ein Politiker, der dennoch Soldaten in diese Gegend zu diesem Gegner schickt, nur ein verantwortungsloser Idiot sein.
Herr Schröder, genau das sind Sie und alle, die den Einsatz von Soldaten in Afghanistan befürworten.
Diese Gedanken werde ich beim Eintreffen der ersten Leichensäcke zur Erinnerung erneut posten.
Betroffen über die Dummheit der Menschen
Wolfgang