Iambischer senar

Hallo,

wer sich mit lateinischer Metrik auskennt: Beim iambischen Senar kann ja eine Länge durch eine Doppelkürze ersetzt werden. Sind deshalb Füße, die ausschließlich aus Kürzen bestehen, möglich, oder muss trotzdem jeder Fuß eine Länge enthalten?

Viele Grüße

Marco

Salve Marcus,
ich bitte um Nachsicht, wenn ich ein wenig aushole und Dir das meiste schon bekannt ist. zunächst: der iambische Senar ist vom iambischen Trimeter abgeleitet. Er unterscheidet sich von ihm durch die freiere Verwendung des Ancipitiums (an Stelle des Ancipitiums kann entweder eine lange oder eine kurze Silbe stehen). Beim iambischen Trimeter haben wir drei iambische Metren (jeweils aus zwei Iamben bestehend), die wiederum jeweils mit einem Ancipitium beginnen. Mit Sonderzeichen ist das hier etwas schwierig; ich stelle das mal schematisch dar: mit ‚L‘ = lange Silbe, ‚k‘ = kurze Silbe und ‚A‘ = Ancipitium (also entweder lang oder kurz). Ein iambischer Trimeter wäre also:

A-L-k-L A-L-k-L A-L-k-L

Eine Variante des Trimeters ist nun der Choliambus (‚Hink-iambus‘), bei dem im Vergleich zum Trimeter die zweite Doppelsilbe des dritten Metrums ein Trochäus oder Spondeus ist:

A-L-k-L A-L-k-L A-L-L-A

Der iambische Senar wiederum ist nun insofern nochmals freier, als alle kurzen Silben in den Metren durch Ancipitia ersetzt sind:

A-L-A-L A-L-A-L A-L-A-L

Nun gilt für alle diese drei metrischen Systeme (nicht nur den Senar), dass die Längen auch durch Doppelkürzen ersetzt werden können. Theoretisch kann also ein Senar, wenn man für alle Anticipitia Kürzen und für alle Längen Doppelkürzen setzt, so aussehen:

k-kk-k-kk k-kk-k-kk k-kk-k-kk

Praktisch wird sich ein solcher Vers kaum sinnvoll konstruieren lassen - aber ein einzelner Versfuß aus Kürze und Doppelkürze ist im Metrum Senar durchaus regelgerecht - er kann an jeder beliebigen Stelle des Verses stehen.

Freundliche Grüße,
Ralf

Salvete!

Der iambische Senar wiederum ist nun insofern nochmals freier,
als alle kurzen Silben in den Metren durch Ancipitia
ersetzt sind:
A-L-A-L A-L-A-L A-L-A-L
Nun gilt für alle diese drei metrischen Systeme (nicht nur den
Senar), dass die Längen auch durch Doppelkürzen ersetzt werden
können. Theoretisch kann also ein Senar, wenn man für alle
Anticipitia Kürzen und für alle Längen Doppelkürzen setzt […]

Ist es aber in der lateinischen Dichtung (im Unterschied zur griechischen) - zumindest bei Plautus, um nichts über Ungelesenes zu behaupten - nicht so, dass in den trochäischen und jambischen Versen ALLE KÜRZEN (außer der letzten) durch eine Länge oder eine Doppelkürze ausgefüllt sein können?
(Wie schon der Name Senar zeigt, fassten die Römer diesen Vers nicht als drei jamb. Metren auf, sondern als sechs jamb. Füße.)
Dann könnte der jambische Senar, hervorgegangen, wie du ja auch sagst, aus dem (akatal.) jamb. Trim., theoretisch aus bis zu 22 Kürzen bestehen:
vv ´vv vv ´vv vv ´vv vv ´vv vv ´vv v ánc

Praktisch wird sich ein solcher Vers kaum sinnvoll
konstruieren lassen

Bestimmt nicht. Ich wollte nur die Möglichkeit für Kürzen zeigen.

  • aber ein einzelner Versfuß aus Kürze und
    Doppelkürze ist im Metrum Senar durchaus regelgerecht - er
    kann an jeder beliebigen Stelle des Verses stehen.

Am Ende des Verses, nach dem Gesagten, wohl nicht.
Schöne Grüße!
Hannes

Hallo Hannes,
Deine Sachkenntnis ist hier sicher größer als meine, was ich nicht ganz neidlos einräume. Zu Plautus wäre allerdings anzumerken, dass gerade er den Senar sehr frei verwendet. Wobei es natürlich auch einen Unterschied macht, ob man den Senar in der Komödie (wie Plautus) oder in der Lyrik (etwa Catull) verwendet.

Freundliche Grüße,
Ralf

Danke euch beiden. owT
.