Hab ich vor kurzem in Netz der Süddeutschen gelesen:
Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief, der mein Leben ändern wird.
Zwischen Rechnungen und Werbungsmüll lag ein Umschlag des Arbeitsamts im Briefkasten, aus dem mir, als ich ihn noch im Treppenhaus aufriss, das Wort „Bewilligungsbescheid“ entgegenleuchtete. Ich lief in die Wohnung, machte Espresso, zündete eine Zigarette an und las: Tatsächlich – mir wurde „für die Aufnahme Ihrer selbständigen Tätigkeit“ ein „Existenzgründungszuschuss“ von sechshundert Euro im Monat bewilligt. Für ein Jahr erstmal. Mit freundlichen Grüßen.
Phantastisch, dachte ich, es hat geklappt: Ich bin jetzt eine Ich-AG! "Ach, Janine"Sofort spürte ich, wie sich in mir eine Veränderung vollzog. Natürlich fand ich den Ausdruck „Ich-AG“ zuvor ebenso unsinnig wie die Sprachforscher, die ihn zum „Unwort des Jahres“ erklärt hatten. Doch sei’s drum, sagte ich mir: Immerhin gibt es schnell und unbürokratisch etwas Geld. Und immerhin war ich nun offiziell, was jemand wie Guido Westerwelle immer bei Christiansen fordert: Existenzgründer mit Risikobereitschaft und Eigeninitiative!
Ich würde ab sofort morgens als erstes den Wirtschafts- anstatt den Sportteil lesen. Meine Wohnung würde sich in eine kleine, feine Konzernzentrale verwandeln. Und als erste Investition, stellte ich mir vor, würde ich eine Gegensprechanlage anschaffen, in die ich bei künftigen Verhandlungen mit Geschäftspartnern – Redakteuren, Verlegern, Produzenten – ein sanftes „Ach Janine, bring uns doch zwei Tassen Kaffee. Und ab jetzt bitte keine Störungen!“ sprechen würde.
Großartig. Ich trank versonnen noch einen Espresso. Dann kam der erste Zweifel. Durfte man nicht in einer Ich-AG nur Familienangehörige beschäftigen? Meine Schwester wohnt leider in Stuttgart; etwas weit für die Gegensprechanlage. Dann fiel mein Blick auf das Ende des Briefs: „Gegen diesen Bescheid ist Widerspruch zulässig. Der Widerspruch ist schriftlich einzureichen und zwar binnen eines Monats“.
Seltsam, dachte ich, wieso sollte jemand widersprechen? Stehen solche Formeln nicht immer in Bußgeldbescheiden? Der letzte Ort.
Ich geriet ins Grübeln. Wie hatte ich an diesen Punkt kommen können? Vor einem Jahr war ich noch Germanistik-Assistent an einer großen Universität. Doch hatte ich das unkreative Dasein als 60-Stunden-Korrekturmaschine und Alleinunterhalter unmotivierter Riesenseminare satt. Und die Aussicht, in drei Jahren als habilitierter Taxifahrer noch immer Politiker über „Exzellenzförderung“ reden zu hören, während gleichzeitig ganze Institute zugrundegespart wurden, ließ mich den Absprung aus der Uni-Normal-Karriere nicht als sonderlich „mutig“ erscheinen (wie meine Kollegen meinten), sondern eigentlich rationaler als die ganze Wissenschaft. Da mein Vertrag ohnehin auslief, ging ich also – zum Arbeitsamt.
Dort empfing mich ein freundlicher Sachbearbeiter mit der Erklärung, dass – „bei Ihren Qualifikationen!“ – das Arbeitsamt so ziemlich der letzte Ort wäre, um Arbeit zu finden. Das verstand ich zwar nicht ganz, machte mich aber gleich Millionen anderer ans Bewerben – mit demselben Resultat wie bei Millionen anderen.
Und da ich, was ich seit der Grundschule am liebsten tue (lesen und schreiben), eigentlich auch auf eigene Rechnung und Risiko tun konnte, fragte ich meinen Berater um entsprechenden Rat.
„Wo Es war, soll Ich werden“
Die Erfahrung des „Gründer-Seminars“, in das er mich daraufhin schickte, wird mir bei meiner künftigen Karriere als Autor absurder Theaterstücke sicher hilfreich sein. Ich erinnere mich noch an meinen Nachbarn, einen gut aussehenden, aber nach einer Parfümerie-Detonation duftenden Visagisten, an Scharen irgendwie identisch wirkender Medien-Profis und an die zukünftige Betreiberin eines äußerst zukünftigen Internet-Frisiersalons. Am meisten beeindruckte mich aber die Erzählung einer blonden Dame, die Personalchefin eines großen Unternehmens gewesen war und vorauseilend eine Neustrukturierung des Betriebs entworfen, nur leider dabei übersehen hatte, dass es nach dieser (sofort umgesetzten) Reform die Position der Personalchefin nicht mehr gab. Jetzt wollte sie selbst ein Unternehmen gründen.
Ich nicht, beschloss ich; jedenfalls keines mit Personalabteilung. Was lag also näher als die kleine, flexible Hartz-Variante einer Ich-AG?
Als freier Autor, Dramaturg und Drehbuchschreiber (also all das, was ich ohnehin tun will)? Und trotzdem bin ich seit Erhalt des Briefes etwas ratlos.
Verfüge ich wirklich über genug Reste der bekanntlich größten „Ich-Ressource“ Bildung? Sicher, es gab Ermutigendes im Bücherregal: „Wo Es war, soll Ich werden“ (Freud, 1932); oder, besser noch: „Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Seyn“, erster Grundsatz von Fichtes Wissenschaftslehre (1795). Das hatte ich allerdings als Student schon nicht verstanden.
Und auch die Suchanfrage „Existenzgründung“ erbrachte wenig AG-mäßig Brauchbares: Laut Heidegger ist Existenz „das Sein desjenigen Seienden, das offen steht für die Offenheit des Seins, in der es steht, indem es sie aussteht“. Den „Satz vom Grund“ ließ ich danach lieber gleich im Regal stehen.
Muss ich jetzt FDP wählen? Die Ich-AG-Beratungsbücher in der Buchhandlung waren freilich ebenso niederschmetternd. „Das neue Karriere-Denken kennt eine Ich-Marktvorbereitungsphase, eine Ich-Markteinführung, eine Ich-Marktentwicklung und eine Ich-Marktreife“, las ich da. Ein anderes empfahl tatsächlich die Umstrukturierung des Ich gemäß dem „Organigramm“ einer Aktiengesellschaft, samt Aufsichtsrat, Vorstand, Pressestelle, Betriebsrat und Corporate Identity. Und ich hatte immer gedacht, multiple Persönlichkeit sei ein Krankheitsbild.
Was also soll ich tun?
Offensein für die Offenheit des Seins?
Noch mehr Espresso trinken?
Muss ich nun Guido Westerwelle wählen?
Und überhaupt, führen ich und inzwischen 50 000 andere „einsame Ichs“ (Jean Paul) in unseren Hundesalons und Entrümpelungs-Start-ups nicht grausam vereinzelte Existenzen? Hoffnung winkt, einmal mehr, einzig vom Arbeitsamt: Demnächst könnte es eine neue Variante der Existenzgründung geben, hört man, mit dem wahrhaft verheißungsvollen Titel „Ich-und-Du-AG“. Na dann.
Gruß Matthias
