Hallo Davidmaximilian!
es mag komisch klingen, aber ich habe das Gefühl, das Essen
verlernt zu haben.
Nein, das ist absolut nicht komisch, sondern bei schweren Depressionen sehr oft der Fall.
Im Sommer ist etwas passiert, das ich bis heute nicht
verarbeiten konnte und woraus sich inzwischen scheinbar eine
handfeste Depression entwickelt hat. Ich gewöhnte mir an,
immer weniger zu essen, weil mir einfach nicht nach Essen
zumute war.
Deine Diagnose dürfte ziemlich zutreffend sein. Wenn es ausschließlich eine Depression als Reaktion auf Dein Erlebnis ist, dann besteht die Möglichkeit, dass Du mit fachmännischer Hilfe die Sache bald überwunden hast. Schwieriger ist es hingegen natürlich, wenn auch die Veranlagung eine Rolle spielt, jedoch ist es auch da mit Sicherheit möglich, die Krankheit in den Griff zu bekommen.
Ich habe inzwischen 14kg abgenommen, kann mich absolut gar
nicht mehr konzentrieren, und habe mit ständiger Übelkeit und
Kreislaufproblemen zu kämpfen.
Das ist logisch! Nicht ganz so logisch ist hingegen, dass Du Dir bis jetzt noch nicht die nötige Hilfe geholt hast. Wegen der Lungenentzündung bist Du offensichtlich zum Arzt gegangen, warum dann nicht bei den Depressionen. Das ist eine Krankheit wie jede andere auch, und dafür braucht man sich nicht zu schämen.
Ich weiß, wovon ich rede, denn ich leide seit weit mehr als 30 Jahren an immer wieder auftretenden Depressionsschüben, die ich aber jetzt mit ständigen Medikamenten ganz gut im Griff habe.
Wegen meinen psychischen Problemen habe ich beschlossen, mir
Hilfe zu holen, weil ich eingesehen habe, dass es so unmöglich
weitergehen kann.
Sehr löblicher Vorsatz! Mach das doch gleich morgen! Jeder verlorene Tag ist ein zusätzlich Tag mit unnötiger Quälerei.
Aber das Ess-Problem, das möchte ich alleine in den Griff
bekommen, weil es mir peinlich ist.
Siehe oben! Das Ess-Problem gehört zum Gesamtbild dazu, also klammere es beim Facharzt nicht aus. Verschweige gar nichts! Und glaub mir, der Arzt hat schon tausende viel „peinlichere“ Geschichten gehört.
Nur wie, das weiß ich nicht. Ich habe absolut kein Gefühl mehr
dafür, wieviel man am Tag essen muss.
Ich habe auch überlegt, mich einfach eine Zeit lang nur von
Fruchtsäften und Kakao etc. zu ernähren, um überhaupt
irgendwie an Nährstoffe zu kommen und wieder zuzunehmen.
Wie sollte ich am besten vorgehen?
Erstens Arzt, zweitens Arzt, drittens Arzt, viertens …
Ich kenne solche Phasen auch und habe einmal in nicht ganz einem Jahr 25 kg abgenommen. In dieser Zeit „ernährte“ ich mich hauptsächlich von Eis und Obst. Etwas anderes brachte ich nicht hinunter.
Fruchtsäfte und Kakao sind besser als gar nichts! Also fang damit an, bis Du durch eine Therapie (medikamentös und eventuell Psychotherapie) wieder etwas anderes auch essen kannst. Vielleicht schaffst Du auch Obst zusätzlich, damit Deine Därme auch etwas Festeres zu verarbeiten haben. Scheue Dich auch nicht, etwas angeblich „Ungesundes“ zu essen (Chips, Schokolade, Keks usw.), denn alles ist besser als nichts zu essen. Zwing Dich aber nicht selbst dazu, denn dann hast Du es am nächsten Tag und später noch schwerer. Jeder Zwang führt bei Depressionen zu einer völligen Ablehnung dessen, wozu man sich selbst zwingen will, und dann ist alles noch ärger.
Ich wäre für Ratschläge jeder Art sehr dankbar.
Hoffentlich waren da welche dabei, die Du umsetzen kannst!
BTW: Wenn es Dir schwerfällt, Dich beim Facharzt anzumelden, dann bitte doch jemanden anderen, für Dich anzurufen, und wenn die Wartezeit über drei Tage hinaus geht, dann fahr lieber in das nächste Spital mit psychiatrischer Abteilung und geh dort als Notfall in die Ambulanz.
Mach’s gut! Liebe Grüße
Waldi