Hallo Schorsch,
manchmal gefallen mir Deine etwas schnoddrigen Antworten. In diesem Fall halte ich sie für absolut deplatziert und vor allem wenig hilfreich.
Du schraubst. Wie du schreibst klingt für mich wie ein
Schraubenzieher, der den Kopf schon längst abgerissen hat und
dennoch versucht, das Gewinde noch weiter zu überdrehen.
Ich muss mich wundern: Das, was Du später selbst forderst, nämlich das Spielen mit Sprache, gefällt Dir drei Zeilen darüber nicht. Es mag sein, dass Du, der Du Sprache eher als „Werkzeug“ empfindest, mit wohl geschraubt genannter Ausdruckweise nichts anzufangen weißt. Auch ich finde Garveys Bemühungen nicht sehr gelungen. Gleichwohl halte ich nichts davon, ihm dafür eins vor den Latz zu knallen, wofür Du das Werkzeug hier benutzt. Ich kann ihn stattdessen nur ermutigen, weiter zu „schrauben“ – die Doppeldeutigkeit ist bewusst gewählt. Mit Sprache umzugehen, selbst zu schreiben, und seine Grenzen zu erkennen, ist ein wertvoller Weg zum Ziel, an Literatur gleichermaßen Spaß zu haben wie auch dafür Respekt und Bewunderung zu empfinden. Wenn Du Garvey Dünkel vorwerfen willst, hast Du, glaube ich, den Falschen getroffen.
Und du willst daraus einen echt harten Job für Männer im Stahlwerk und im
eigenen Schweiss gebadet machen?
Sprache in ihrer edelsten Form ist ein echt harter Job. Das, was ich hier tippe, fließt in völliger Entspannung in die Tasten und ist daher bestenfalls ein halbwegs lesbarer Text, keine Literatur. Mit dem Lesen ist das kaum anders. Ein gutes Buch zu lesen – und zwar auf eine Weise, die dem Wort gerecht wird –, ist ebenfalls eine Anstrengung. Samstagnachmittags einen Pilcher-Roman zu überfliegen, ist sicher die richtige Weise, beim Lesen Entspannung zu finden. Werke wie „Faust“ oder „Der Zauberberg“ wirklich zu verstehen, erfordert dagegen ein wenig Arbeit. Dass man dabei sehr viel Spaß haben kann, weil man interessante Einsichten gewinnt, steht den Begriff „Anstrengung“ in keiner Weise entgegen.
Ich hab mit Pippi Langstrumpf angefangen.
Vielleicht meinst Du das ernst. Ich habe eher das Gefühl, dass Du Garvey – pardon! – verarschen willst. Die Lösung zu seinem Problem ist nicht, Pippi Langstrumpf oder den Michel von Lönneberga zu lesen.
Vielmehr kann ich Dir, Garvey, nur empfehlen, den Korn nicht mit der Flinte im Handtuch auszuschütten. Dein Ziel, Spaß an Literatur zu finden, erreichst Du nur durch Beharrlichkeit. Die Sprache der Literatur zu lernen ist ein ähnlicher Prozess wie das Erlernen einer Fremdsprache. Am Anfang paukt man stupide Vokabeln, blättert dauernd im Wörterbuch, versteht die Grammatik nicht. Da muss man durch. Analog zu diesem Sprachlernprozess steht bei der Literatur das Lesen einfacher Klassiker mit dem Reclam-Erklärheftchen in der anderen Hand. Wenn Du ein paar Titel gelesen hast, wirst Du vielleicht irgendwann feststellen, dass Du auf das, was die Schlaumeier bei Reclam kapiert haben, auch selbst kommst. So wie man es als Erfolgserlebnis empfindet, das erste Mal in der neu erlernten Fremdsprache ein Hotelzimmer zu reservieren, wirst Du irgendwann einen Roman oder ein Theaterstück in die Hand nehmen, es mehr oder minder verstehen und Spaß dabei empfinden, es zu lesen. Du hättest fünfzehn Jahre früher beginnen können, aber selbst wenn du achtzig wärest, könnte ich Dir nicht recht davon abraten, mutig voranzuschreiten. Du musst Dich nicht gleich mit den dicksten Wälzern plagen. Ich finde, man kann auch mal ein Buch beiseite legen, um es irgendwann weiterzulesen. Manche Abschnitte liest man fünf Mal, bis man sie versteht. Beharrlichkeit , ich wiederhole mich, ist der – natürlich streckenweise steinige – Königsweg. Optimal wäre, wenn Du einen Bekannten oder Freund hättest, der etwas von Literatur versteht und Dir ein paar Fingerzeige geben kann, vielleicht Freude daran hat, parallel zu Dir ein paar schöne Bücher noch einmal zu lesen. Andernfalls weiß ich, dass das Forum an Literaturexperten – von Fritz Ruppricht über Thomas Miller bis hin zu Diana – reich ist, die sicher keine Mühe scheuen werden, Dir dabei zu helfen, Dich für ihr gemeinsames Steckenpferd zu begeistern.
In diesem Sinne: Legere aude![1]
Gruß
Christopher
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------1 Wage es, zu lesen!