Ihr Anrede einer Einzelperson

Wer weiss das:
Z.B. beim Einkaufen in Geschäften redet man mit dem Verkäufer ja ab und zu in der Ihr-Form („Habt Ihr dieses Modell auch in blau?“). Warum ist das eigentlich so? Meint man damit „Ihr“ im Sinne von „Ihr alle, die ihr zu diesem Geschäft gehört“ oder hat sich das aus der herrschaftlichen Ihr-Anrede einer Einzelperson entwickelt?

PS.: Die Anrede scheint regional unterschiedlich bekannt zu sein, in Bayern wird sie häufig in der oben genannten Situation gebraucht.

Ganz genau

im Sinne von „Ihr alle, die ihr zu diesem Geschäft gehört“

Genau, deswegen spricht auch die 1-Mann-Nebenerwerbsbude von „wir“ und „uns“.

Gruß

Stefan

Hallo ???

Z.B. beim Einkaufen in Geschäften redet man mit dem Verkäufer
ja ab und zu in der Ihr-Form („Habt Ihr dieses Modell auch in
blau?“). Warum ist das eigentlich so?

Ich glaube, es ist Unsicherheit über die korekte Anrede. Der Frager möchte das „veraltete, unpersönliche“ SIE vermeiden, traut sich aber auch nicht, den Verkäufer zu duzen. Darum weicht er auf IHR aus. Wenn man fragt, wird sicherlich geantwortet, man meint

„Ihr“ im Sinne von „Ihr alle, die ihr zu diesem Geschäft gehört“

Manchmal wir in solchen Fällen sogar die dritte Person Sg. gewählt:
(Hat er am Wochenende frei?)

PS.: Die Anrede scheint regional unterschiedlich bekannt zu
sein, in Bayern wird sie häufig in der oben genannten
Situation gebraucht.

Dialekte haben ihre eigenen Regeln. Da mußt Du einen Bayern fragen.

Viele Grüße
Chrischi

Servus,

im gesamten süddeutschen Raum ist das „Ihr“ in diesem Zusammenhang auch deswegen noch gebräuchlicher, weil es noch gar nicht lang her ist (ungefähr 20-25 Jahre), daß nur die beiden Anredeformen „Du“ - für jedermann - und „Ihr“ - für Pfarrer, Tierarzt, Lehrer, ältere respektable Familienväter etc. verwendet wurden. Die Anrede mit „Sie“ hatte dabei etwas Peioratives, das war Leuten wie Verwaltungsbeamten und Zollfahndern vorbehalten. Ich habe das 1981 noch in schöner Ausprägung gehört, als der Bauer, bei dem ich in der Lehre war, vom Amt zurückkam, wo er etwas mit der Landabgaberente für seinen Vater („Vatter Schmid“ wurde selbstverständlich mit „Ihr“ angeredet) zu klären hatte. Kam sichtlich geladen und ziemlich spät zum Mittag, keite seine Jacke auf den Bank und schnob: „Dia send so bleed, dassd graad Sie saischt…“

Schöne Grüße

MM

Hallo,

nebenbei: dieses „ihr“ wird kleingeschrieben.

Gruß
Elke

Moin,

zu deinem

PS.: Die Anrede scheint regional unterschiedlich bekannt zu
sein, in Bayern wird sie häufig in der oben genannten
Situation gebraucht.

Im Dialekt meiner Heimat (nordwestliches Saarland) gibt es nur „Ihr“ als Anrede, sowohl Einzahl wie auch Mehrzahl. Das „Sie“ ist inexistent.
Vielleicht gilt das sogar für den gesamten moselfränkischen Raum.

Grüße
Pit

Deutung/ Überlegung zu: ‚Macht *man* das‘? :o)
Hallo,
macht man das ( einfach so)?
Also ich ( NRW, Pottrand) mache das nicht.

„Haben Sie dieses Modell auch in blau?“ wäre meine Frage.

Ansonsten hätte ich für mich den Eindruck, mit dem Verkäufer schon mal irgendwo ein Bierchen gezischt zu haben… Ich fände das plump-vertraulich.
Wenn ich es im Kunde-Verkäufergespräch höre, kommt das auch bei mir so rüber: Der ihr-Kunde geht auch sonst mit dem geihrzten Verkäufer eher locker, kumpelhaft um.

( Mit Wertschätzung hat das in meinem Empfinden nicht mehr soviel zu tun :frowning:
Eher, dass der Verkäufer durch das nicht-siezen auf eine andere Stufe gestellt wird, und zwar eine tiefer…wie ein Untergebener, Unmündiger oder ein Kind, das wird ja auch geduzt.
Ich glaube, das Ganze geschieht nicht bewusst und nicht mit böser Absicht.
Der Verkäufer bleibt, nach meiner Erfahrung, immer beim sie)

-> Ich vermute,
dass unbewusst auf dieser eher angenäherten Ebene ein Vertrauensverhältnis entstehen soll, weil *der Kunde an sich* Sorge hat, übern Tisch gezogen zu werden - ein Kumpelverkäufer lässt mit sich reden, der lässt vielleicht auch noch was vom Preis runter…
Und vor allem erwartet man von einem verkumpelten Geschäftspartner nicht, dass man von ihm übervorteilt wird…

In der Bank höre ich z.B. diese ihr-Form nicht, denke, dass dadurch (un-) bewusst eine Distanz aufgebaut werden soll. Denn: Geld verdirbt die Freundschaft

In der Kneipe neige ich *zugegeben* auch zum ihr. :o)
Da fühle ich mich dann gleich wohler, vertrauter. Die Atmosphäre ist dann irgendwie heimeliger.
In der Stammkneipe wird, aufgrund des langen sich-Kennens, gegenseitig geduzt.
Im Restaurant, egal welcher Klasse, würde ich das ihr von mir aus nicht benutzen.
Ausnahme: der sympatische Kellner nutzt es, dann ihrze ich zurück.
Finde ich den *zu doof*, sieze ich konsequent zurück :smile:

*die hervorgebrabbelten Überlegungen sind stelbstversändlich rein persönlicher Natur und entbehren jeglicher Allgemeingültigkeit*
:o)
Sonnigen Morgengruß an *euch* :wink:
von Finjen

Das ist wirklich nur eine Dialektfrage. Die „ihr“-Anrede wird eher im Süden Deutschlands und in den Alpenländern gebraucht (nach dem Muster „Habts ihr des aa in schwoarz?“), wohingegen im Norden – und dabei ist auch Hochdeutsch, da es an Hannover orientiert ist, nach Norden zu stecken – das „Sie“ die entsprechende Stelle einnimmt („Haben Sie das auch in schwarz?“).
Einige meiner Vorredner haben das schon sehr schön zusammengefasst: „Sie“ gibt’s im Süden eigentlich nicht, höchstens abwertend.

P.S. Damit stellen die süddeutschen Dialekte eher Europäischen Standard dar, denn die meisten Sprachen benutzen die 2.P.Pl. als höfliche Anrede (frz. vous, russ. вы, gr. εσείς).