Immer brutaler, immer schlimmer, immer dümmer

HI,
mir geht in der Berichterstattung dieses „immer + …“ auf den Geist. Es wird oft in schlecht recherchierten Texten zur Unterstreichung der scheinbaren Wichtigkeit verwendet. Finde das ganz schlechten journalistischen Stil, weil es etwas suggeriert, was meist gar nicht zutrifft. Bin ich jetzt überempfindlich? Geht das anderen auch so? Ist das eine Modeerscheinung oder früher auch schon Stilmittel der Wichtigtuerei gewesen?

pp

Ich pflichte dir bei.

„Neuer Trend: Immer mehr Menschen tragen XY“ - dabei hat es der Reporter nur bei wenigen Personen gesehen. Wenn es ein Trend wäre, müssten viele so herumlaufen.

Hallo,
Mich hat die Konstruktion bisher noch nicht gestört, aber ich hab dazu einige Fragen:

1. Was genau meinst du? Ich denke, Sätze vom Typ „Jugendliche werden mit zunehmendem Alkoholkonsum immer brutaler.“ sind in Ordnung, du sprichst vllt. eher von sowas wie „Jugendlichen greifen heute zu immer brutaleren Methoden.“, wo es also keinen zeitlichen Verlauf gibt und die immer-Konstruktion attributiv gebraucht wird. Oder meinst du einfach pauschalisierende Aussagen wie „Deutsche Schüler werden immer dümmer!“?

2. Was genau findest du so schlimm an solchen Sätzen? Sie scheinen mir nicht ungrammatisch zu sein und sind wohl auch keine Anglizismen. Besonders toll sind sie vom Stil her sicherlich nicht, aber ich finde auch nichts weiter daran auszusetzen. Ob sie in letzter Zeit ziemlich häufig vorkommen, weiß ich nicht, wär aber möglich.

Was ich nicht mehr hören/lesen kann, ist z.B. der Satz „Da rollen sich mir die Fußnägel hoch.“, der irgendwie fast immer in Bezug auf angebliche Fehler oder schlechtes Deutsch von Puristen verwendet wird, dafür weniger von Journalisten.

Gruß,

  • André
  • Sä wärden emmer dömmer!

ist nicht so ganz neu (1933)

Schöne Grüße

MM

Hi,

nervt mich auch. Heutzutage jagt halt eine Sansation die andere, am nächsten Tag weiss schon niemand wer was davon. Ich schalte bei solchen Formulierungen inzwischen automatisiert auf Durchzug bzw. springe direkt zum nächsten Artikel.

Gruss

off topic
Hallo,

Was ich nicht mehr hören/lesen kann, ist z.B. der Satz „Da
rollen sich mir die Fußnägel hoch.“
, der irgendwie fast
immer in Bezug auf angebliche Fehler oder schlechtes Deutsch
von Puristen verwendet wird, dafür weniger von Journalisten.

Da biete ich dir doch mal die Alternative meiner Dialektgemeinschaft als Ausweichmöglichkeit an:
„Do geht mer es Messer im Sack uff“ :smile:

Gruß Cleaner

HI,
na auf Dich ist immer Verlass! Deine Beispiele passen:

„Jugendliche werden mit zunehmendem Alkoholkonsum immer
brutaler.“
ist in Ordnung,

genau, hier funktioniert die logische Kette, schon das Wort zunehmend empfinde ich als präziser und irgendwie seriöser, das immer danach hat komparativen Charakter und passt daher.

sowas wie „Jugendlichen greifen heute zu immer brutaleren
Methoden.“
, wo es also keinen zeitlichen Verlauf gibt und
die immer-Konstruktion attributiv gebraucht wird.

Genau das ist so eine Konstruktion. Das „immer+“ ist eine reine Worthülse, die eine Drohkulisse aufbauen soll. Hinterfragt man solche Aussagen, findet sich in aller Regel keine Substanz.

2. Was genau findest du so schlimm an solchen Sätzen?
Sie scheinen mir nicht ungrammatisch zu sein und sind wohl
auch keine Anglizismen.

Da hast Du recht, ich für mich habe das Empfinden, dass diese Sätze gutes Indiz für schlechte oder desinteressierte Recherche sind. Es ist schlechter Stil, Phrasen. Weiß nicht, das richtige Wort fällt mir grad nicht ein.

Was ich nicht mehr hören/lesen kann, ist z.B. der Satz „Da
rollen sich mir die Fußnägel hoch.“
, der irgendwie fast
immer in Bezug auf angebliche Fehler oder schlechtes Deutsch
von Puristen verwendet wird, dafür weniger von Journalisten.

hab ich nochmal Glück gehabt, dass ich das nicht verwendet habe :smile:

pp

Hallo,

also mich stört noch mehr die Worthülse „immer öfter“, mit der „immer öfter“ in den Medien für bildungsferne Schichten Einzelfälle zum Massenphänomen hochstilisiert werden, und wodurch man sich selbst die Absolution dafür erteilt, ausführlich über eine Geschichte zu berichten, die eigentlich überhaupt keine allgemeine Relevanz hat. Leider handelt es sich dabei regelmäßig um Dinge, mit denen man das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung schwächt, weil somit eine - tatsächlich nicht gegebene - Steigerung und Zunahme von bedrohlichen Dingen vorgetäuscht wird, die tatsächlich statistisch überhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Beispiel: „Tatsächlich ist es erstmals passiert, dass ein Mensch beim Sch… vom Blitz getroffen wurde“ wird zu "Immer öfter werden Menschen beim Sch… vom Blitz getroffen (… und niemand kann mehr unbesorgt bei Gewitter auf den Pott gehen)

Gruß vom Wiz

Das Gegenstück bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist „mehr…als bisher angenommen“. Das wird offenbar gebraucht, um aus einer Information eine Nachricht mit Aktualitätsanspruch zu machen.

Wenn jemand z.B. Spinne beim Netzknüpfen beobachtet hat, interessiert das offenbar niemanden, es sei denn, dass die Netze größer, schöner, scheller, klebriger…sind „als bisher angenommen“.

Ist Euch übrigens schon mal aufgefallen, was heutzutage alles gegen Krebs hilft ? Da ein Forscher von der Uni nicht mehr genug Geld zum Forschen kriegt, ist er auf Drittmittel angewiesen. Einen besonders großen Topf stellt die Krebshilfe dar. Da muss man natürlich - egal was bei der Forschung herauskommt, einen Bezug herstellen.

Also : Man hat jetzt endlich herausgefunden, dass Spinnen kunstvollere Netze knüpfen können als bisher angenommen. Da Künstler zunehmend seltener an Magenkrebs erkranken als der Bevölkerungsdurchschnitt, ergibt sich daraus die Aussicht auf eine wirksame Krebstherapie.

Ah, danke, verstehe. Ja, das stimmt wohl wirklich. Sowas liest man heute immer häufiger(!)… :wink:
Nein, ich weiß nicht, ob’s immer häufiger vorkommt, das ist ja deine Frage. Eine interessante Frage.

Oft schreiben die Massenmedien sowas wie „Deutsche Schüler werden immer dümmer“ und zeigen das an Beispielen wie Rechtschreibung und so… dabei gibt’s eigentlich nie 'ne Statistik, die zeigt, dass die Intelligenz oder Performanz der Schüler wirklich abnimmt. Manchmal heißt’s auch „Amerikanische Forscher haben festgestellt…“, wobei mich dann immer interessiert, WER das WIE in WAS FÜR EINEM Experiment herausgefunden haben soll.

Ja, also da geh ich mit.

  • André
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Manchmal heißt’s auch „Amerikanische
Forscher haben festgestellt…“

„Amerikanische Forscher haben JETZT festgestellt…“

http://www.bildblog.de/783/jetzt-iii/
http://www.bildblog.de/526/526/
http://www.bildblog.de/538/538/
http://www.bildblog.de/924/jetzt-vi/

Grammatikalisch ist weder gegen „jetzt“ noch gegen „immer“ etwas zu sagen - journalistisch sind es Hohlblasen, die kaschieren sollen, daß es eben keine tragfähigen Fakten gibt. :smile: Oder daß die tragfähigen Fakten bei genauer Interpretation vielleicht etwas anderes bedeuten, was aber zu komopliziert ist, dem Leser mitzuteilen, weill es der Journalist selbst nicht verstanden hat.

Gruß,
Max

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