In ein Mikrophon sprechen - warum so anders als

Ein herzliches Hallo an alle :smile:

Bevor ich mit meiner „Vorgeschichte“ und meinen Fragen ankomme, eben noch auf die Schnelle die Bitte: Sollte ich im falschen Brett gelandet sein, bitte dieses Posting verschieben. Dankeschön.

So, doch nun zu meinem Anliegen:
Ich bin derzeit in einer Maßnahme vom Arbeitsamt, die neben dem Schulunterricht auch ein Praktikum in einen Betrieb beinhaltet.
Weil der Dozent des Bildungsträgers meint, dass ich gut mit Wörtern umgehen kann und auch einige rhetorische Kniffe „drauf“ habe, sollte ich bei einem hiesigen Bürgerfernsehsender mein Praktikum absolvieren, bei dem ich nicht nur Texte schreiben soll, sondern auch hin und wieder einen geschriebenen Text zu einem Filmbeitrag einsprechen.
Zwar habe ich kein Problem damit, ins Mikro zu sprechen. Doch nachdem ich die Berichte gehört hatte, bekam ich das kalte Grausen.
Irgendwo empfinde ich das ganze steif und künstlich.

Nun bin ich auf den Gedanken gekommen, es könnte eventuell daran liegen, dass ich eben keinen Menschen gegenüberstehen habe, dem ich etwas erzähle, sondern in einen Gegenstand etwas vorlese.
Untehalte ich mich normal mit einem Menschen, habe ich diese Schwierigkeiten nicht (manchmal jedoch beim Telefonieren…)

Da ich nun schon einige Zeit beim Sender tätig bin, konnteich dieses Phänomen des öfteren beobachten/hören.

So, nach dieser langen Vorgeschichte meine Fragen:

Woran liegt es, dass man steifer wird, wenn man beim Sprechen keiner Person gegenübersteht?

Gibt es Möglichkeiten, sich so zu trainieren, dass diese „Arbeit“ flüssig und locker klingt?

Für die Mühen bedanke ich mich schon einmal im Voraus.

Michael Vogl

Hallo,

der Grund liegt schlicht und ergreifend darin, dass wir darauf ausgelegt sind, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Von frühester Kindheit an üben wir, die verbalen und nonverbalen Signale unseres Gegenübers richtig zu interpretieren. Fehlt das Gegenüber, fehlt auch die Rückmeldung darüber, wie das, was wir sagen, ankommt.

Vielleicht hast du ja die Möglichkeit, beim Einsprechen ein menschliches Gegenüber zu kriegen, dem du das Ganze erzählen kannst. Wenn das nicht geht, hilft nach manchmal beim Training der Trick, sich einen Spiegel hinzustellen, in dem man sein eigenes Gesicht beobachten kann. Man redet quasi mit seinem Spiegelbild.

Ausprobieren kannst du auch (mit deinem Handy oder einer anderen Sprachaufzeichnung), ein und denselben Satz auf verschiedene Arten zu sprechen (z.B. mal dabei zu lächeln), um die unterschiedlichen Wirkungen deiner Stimme herauszufinden.

Manche machen auch gute Erfahrungen damit, sich bei Einsprechen am Mikro eine ganz konkrete Person vorzustellen, die sie ansprechen wollen.

Schöne Grüße,
Jule

Hallo

Die meisten Menschen, die ungeübt sind, nehmen beim Anblick eines Mikrofons und eines geschriebenen Textes eine Art innere Habachtstellung ein und lesen nicht flüssig erzählend, sondern so
steif ab, als würden sie eine wichtige Regierungserklärung abgeben.
ein paar Tips:
Stell Dir vor, Du sprichst den Text freundlich zu einer Dir zugewandten Person oder zu einem Kind. Damit meine ich keine Heiteiteisprache, sondern einen freundlichen Grundton, um das Strenge herauszunehmen. Der Trick mit dem Spiegel ist auch nicht schlecht.

Dann machen viele den Fehler, „hinten“ zu betonen, immer das Satzende. Unterstreiche Dir die wichtigen Wörter und betone die, nicht das Satzende.

Dann natürlich sprechen, oft kommt der künstliche Touch auch daher, dass Vokale betont mitgesprochen werden, die man im normalen Gespräch vernuschelt. Zum Beispiel „werd e n“ statt „werdn“.

Gestikulieren beim sprechen hilft. ruhig übertreiben, (anscheinend sieht Dich ja keiner) Das legt auch die richtige Betonung in die Stimme.

Übers Zwechfell unten im dicken Bauch atmen, nicht oben in den Brustkorb.

Gruß
orangegestreift

Hallo,
klar kann man das üben: Tonband einschalten, losprechen / vorlesen und dann abhören. Spiele ruhig mit der Sprache und probiere aus, was geht und wie es sich anhört.

Warum klingt Deine Sprache aus dem Lautsprecher anders als wenn Du „live“ sprichst? Weil beim Sprechen die Sprache nicht nur von außen gehört wird, sondern bereits im Körper.

Viele Grüße

Toller Beitrag, finde ich. Dankeschön.
Gruß,
Sabine

Hallo

Doch nachdem ich die Berichte gehört hatte, bekam ich das kalte
Grausen.
Irgendwo empfinde ich das ganze steif und künstlich.

Wenn du normal zu einem Menschen sprichst, hörst du deine Stimme auch in deinem Körper. Wenn du deine Stimme aber aufgenommen hörst, fehlt dir dieses innere Hören deiner Stimme. Das klingt für einen selbst dann völlig verfremdet.

Bei Sprechaufnahmen ist es in der Regel so, dass der Sprecher Kopfhörer trägt, über die er beim Sprechen seine eigene Stimme hört. Er hat also einen direkten Eindruck von dem, was er da tut. Hast du denn einen Kopfhörer auf?

Nun bin ich auf den Gedanken gekommen, es könnte eventuell
daran liegen, dass ich eben keinen Menschen gegenüberstehen
habe, dem ich etwas erzähle, sondern in einen Gegenstand etwas
vorlese.

Da hast du recht. Du musst bei einer Aufnahme so sprechen, als ob du eben tatsächlich in diesem Moment Zuhörer hat und nicht erst später. Das Gesprochene ist ja für Zuhörer, auch wenn bei der Aufnahme selbst niemand da ist. Stell dir einfach ein Publikum vor.

Wichtig ist, nicht einfach nur dazusitzen oder zu stehen während der Aufnahme. Ich selber mochte es immer lieber, im Stehen zu sprechen. Die Körperspannung ist besser und ich hatte rein gefühlsmäßig mehr Raum und Platz, um meine Stimme „auszubreiten“. Viele Sprecher dirigieren sich auch selber beim Sprechen. Ich stand dann wirklich da und habe ähnlich einem Dirigenten mit den Armen und Händen meine Sprache gelenkt.

Gibt es Möglichkeiten, sich so zu trainieren, dass diese
„Arbeit“ flüssig und locker klingt?

Üben, üben, üben. Nimm dich selber auf, das hilft am Besten. Schau dir mal Reportagen im TV an, da kannst du viel allein vom Zuhören lernen. Die meisten Leute nehmen das Gesprochene bei Reportagen nur nebenher wahr. Hör genau zu!

Wenn das ganze über das Arbeitsamt läuft und du Chancen hat, in diesem Bereich Fuß zu fassen, frag mal das Amt, ob sie dir einen Kurs im Sprechen bezahlen.

Ach und noch was: Zünde eine Kerze an und spreche einen Text. Die Kerze darf sich so wenig wie möglich bewegen. Versuche, eine ruhige, angenemhe Spannung in dir zu haben. Ein schlaffer Körper bekommt keine starke Stimme heraus. Angespannt darfst du aber auch nicht sein, sonst „quetschst“ du deine Stimme ein. Sei im Köpf hellwach, höre dir selber genau zu, was du da sprichtst. Dieses Wachsein, dieses eigene Interesse an dem, was du da sprichtst, hört der spätere Zuhörer.

LG Iris.

Hallo! :smile:

Ersteinmal vielen lieben Dank für die vielen Antworten und die ganzen hilfreichen Tipps!

Doch nachdem ich die Berichte gehört hatte, bekam ich das kalte
Grausen.
Irgendwo empfinde ich das ganze steif und künstlich.

Wenn du normal zu einem Menschen sprichst, hörst du deine
Stimme auch in deinem Körper. Wenn du deine Stimme aber
aufgenommen hörst, fehlt dir dieses innere Hören deiner
Stimme. Das klingt für einen selbst dann völlig verfremdet.

Bei Sprechaufnahmen ist es in der Regel so, dass der Sprecher
Kopfhörer trägt, über die er beim Sprechen seine eigene Stimme
hört. Er hat also einen direkten Eindruck von dem, was er da
tut. Hast du denn einen Kopfhörer auf?

Nein, leider nicht. Ich weiß schon, dass da auch die Technik eine wichtige Rolle spielt. Angefangen vom Mikrophon ( so ich es gehört habe, befinden sich in professionellen Funkstudios Deckenmikrophone. Zudem haben sie noch Kompressoren und ein Mischpult „vom Feinsten“)

Da hast du recht. Du musst bei einer Aufnahme so sprechen, als
ob du eben tatsächlich in diesem Moment Zuhörer hat und nicht
erst später. Das Gesprochene ist ja für Zuhörer, auch wenn bei
der Aufnahme selbst niemand da ist. Stell dir einfach ein
Publikum vor.

Ist für mich erstmal eine schwierige Sache (ja, ich weiß, Männer und ihre nicht vorhandene Multitaskingfähigkeit). Ich konzentriere mich einerseits auf den Text (den ich auch noch selber geschrieben habe :frowning:), andererseits auf das Mikrophon, dass vor mir angebracht ist. Mir da noch einen oder mehrere Zuhörer vorzustellen fällt mir derzeit extrem schwer. Tut mir Leid :frowning: (Ich ich wollte mal beim Radio als Moderator arbeiten)

Wichtig ist, nicht einfach nur dazusitzen oder zu stehen
während der Aufnahme. Ich selber mochte es immer lieber, im
Stehen zu sprechen. Die Körperspannung ist besser und ich
hatte rein gefühlsmäßig mehr Raum und Platz, um meine Stimme
„auszubreiten“. Viele Sprecher dirigieren sich auch selber
beim Sprechen. Ich stand dann wirklich da und habe ähnlich
einem Dirigenten mit den Armen und Händen meine Sprache
gelenkt.

Das klingt interessant. Auf so einen Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, macht das ganze natürlich Sinn: wer sich bewegt, der ist nicht steif und wird dann auch lockerer sprechen.
Cooltige Idee :smile:. Sollte ich mir überlegen zu üben

Gibt es Möglichkeiten, sich so zu trainieren, dass diese
„Arbeit“ flüssig und locker klingt?

Üben, üben, üben. Nimm dich selber auf, das hilft am Besten.
Schau dir mal Reportagen im TV an, da kannst du viel allein
vom Zuhören lernen. Die meisten Leute nehmen das Gesprochene
bei Reportagen nur nebenher wahr. Hör genau zu!

Auch ein tolle Idee :smile:

Wenn das ganze über das Arbeitsamt läuft und du Chancen hat,
in diesem Bereich Fuß zu fassen, frag mal das Amt, ob sie dir
einen Kurs im Sprechen bezahlen.

Versuchen kann ich es ja, zumal ohnehin eine Förderung im Bereich Mediengestalter Bild und Ton in Angriff genommen wurde. Wenn das klappt, muss ich ja auch da Texte einsprechen. Und wenn mir ein Kursus dafür bezahlt wird…

Ach und noch was: Zünde eine Kerze an und spreche einen Text.
Die Kerze darf sich so wenig wie möglich bewegen. Versuche,
eine ruhige, angenemhe Spannung in dir zu haben. Ein schlaffer
Körper bekommt keine starke Stimme heraus. Angespannt darfst
du aber auch nicht sein, sonst „quetschst“ du deine Stimme
ein. Sei im Köpf hellwach, höre dir selber genau zu, was du da
sprichtst. Dieses Wachsein, dieses eigene Interesse an dem,
was du da sprichtst, hört der spätere Zuhörer.

Da verstehe ich jetzt gerade nicht, was Sie meinen. Meinen Sie, dass ich während des Sprechens die Kerze so halten soll, dass sich die Flamme nicht bewegt. Oder soll ich sprechen, während ich die Kerze anzünde?
Bei der Gelegenheit: ich habe mir derzeit einige Bücher über Sprechtraining besorgt. Das Buch, was ich gerade durcharbeite, heißt „Sprechertraining“, das zweite trägt den Titel „Frei sprechen“. Beide sind von einem Menschen geschrieben, der seit 20 Jahren als Sprechtrainer arbeitet. Ich hoffe natürlich, dass ich da so einiges draus filtern kann :smile:

Lieben Gruß und noch einmal an alle ein ganz dickes Dankeschön für die Antworten

Michael Vogl

Nochmals Hallo

Hast du denn einen Kopfhörer auf?

Nein, leider nicht.

Solltest du aber. Versuch das mal einzurichten dort im Studio.

Ich konzentriere mich einerseits auf den Text

Den Text musst du einigermaßen draufhaben. Du musst ihn nicht auswendig können, aber du solltest ihn genau kennen. Dann musst du dich nicht mehr so auf das ablesen konzentrieren, sondern auf den Inhalt.

Ach und noch was: Zünde eine Kerze an und spreche einen Text.

Da verstehe ich jetzt gerade nicht, was Sie meinen.

Kerze anzünden und sich davor setzen. Dann den Text sprechen. Versuchen Sie es erstmal mit einem Abstand von 40-50 cm. Beim Sprechen sollte nicht so viel Luft, also Atem, nach draußen gehen. Wenn Sie es schaffen, so zu sprechen, dass sich die Flamme der Kerze kaum noch bewegt, Kerze näher ans Gesicht.

Wobei das schon eher Übungen für Fortgeschrittene sind. Machen Sie am Anfang was einfacheres:

In meiner Ausbildung wurde das „Tönen“ genannt. Einfach in einer für sie angenehmen Stimmlage einen Ton auf einen Konsonanten machen. Also AAAAA, OOOOO, EEEEE. mal leise, mal laut, variieren Sie die Stimmhöhe und Tiefe. Versuchen Sie, einen klaren schönen Ton herzustellen. Das kraftigt die Stimme und sie lernen, wie Sie selbst sich anhören. Und Sie lernen, Ihre eigene Stimme zu fühlen und im Körper wahrzunehmen.

Bei der Gelegenheit: ich habe mir derzeit einige Bücher über
Sprechtraining besorgt.

Vorsicht mit komplizierten Übungen, die können mehr zerstören als Helfen. Fangen Sie mit leichen Übungen an.

LG IA

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Einen wunderschönen Guten Morgen :smile:

Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich erst jetzt wieder melden, aber ich war in den letzten Tagen on Tour und hatte im privaten Bereich so einiges zu zun.

Vielen lieben Dank für die hilfreichen Tipps. Es ist superlieb von Ihnen, meine Wenigkeit zu unterstützen und mir zu helfen, meine „Stimme“ zu finden *(leider nur virtuellen) Blumenstrauß überreich*

Ich werde mich ransetzen und üben.

LG und nochmal an dieser Stelle ein dickes Dankeschön

Michael Vogl