Individualität und Schuld
Hallo Felix,
ich habe zwar meine Quellen nicht auf die Schnelle gefunden, wollte mich hier jedoch auch noch kurz zu Wort melden.
Das, was dein Prof gesagt hat, finde ich gar nicht so falsch: Es gab auch im 3. Reich durchaus noch die Möglichkeit zu einer freien Entscheidung. Und wenn man sich frei für (oder gegen) etwas entscheiden kann, dann kann man sich natürlich auch schuldig machen dadurch, dass man sich falsch entscheidet.
Hinterher haben viele dann wohl aus Selbstschutz behauptet, dass man das, was man tat, ja „tun musste“. Und doch gibt es da einige Beispiele, dass die Möglichkeit, eine Vorschrift nicht zu befolgen, durchaus gegeben war.
Leider kann ich aus dem Vereinsleben keine Beispiele bieten. In der Richtung recherchiere ich nicht. … Und wie gesagt, meine Quellen finde ich jetzt auf die Schnelle nicht. Habe wohl nicht das richtige Keyword verwendet.
Trotzdem: Erfunden habe ich das nicht.
Also: Es gab da in Auschwitz einen SS-Arzt, der sich weigerte, an der Rampe zu selektieren. Man hat ihn auch tatsächlich in Ruhe gelassen. Seinen Dienst übernahm ein andererer (ja, ich weiß: das alte Argument). Aber was ich für den entscheidenden Punkt halte: Man hat ihn ansonsten in Ruhe gelassen. Er hat keinen Ärger bekommen deswegen. Ihm ist nichts passiert.
Dann fällt mir noch ein kleines Detail ein: Mengele konnte nach dem Krieg entkommen, weil er keine Tätowierung mit seiner Blutgruppe hatte. Das war sonst eigentlich üblich für SS-Leute. Die Alliierten haben nach dem Krieg auch gezielt nach dieser Tätowierung - oder einer Narbe an der entsprechenden Stelle - gesucht, um die SS-Leute schnell herauszufinden. Aber wie gesagt: Mengele hatte so eine Tätowierung nicht. Die wollte er nämlich nicht. Also hat er medizinisch begründet, dass so eine Tätowierung unnötig war, weil jeder Arzt vor einer Transfusion ohnehin eine „Kreuzprobe“ (was immer da sein mag) durchführen würde. … Ärger hat er deswegen nicht bekommen.
Er hätte sich sicher auch bei ganz anderen Dingen weigern können. Das hat er nicht getan.
Was fällt mir dann noch ein? Z.B. der Arzt von Hitlers Mutter (sie ist an Brustkrebs gestorben). Der war nämlich Jude. Aber er muss sich wohl gut um diese Frau gekümmert haben, denn Hitler ermöglichte ihm noch 1938, mit seinem gesamten Vermögen nach Amerika auszuwandern.
Und wenn der „Chef“ selber sich - sofern er einen Grund dafür sah - über eine Regelung hinwegsetzte, warum sollte das bei den übrigen Nazis anders gewesen sein?
Mir fällt dann auch noch der Masseur Himmlers ein, der seine einflussreiche Position dazu ausnutzte, um etlichen Menschen das Leben zu retten. Kersten hieß er glaube ich, und seine Memoiren sind unter dem Titel „Medizinalrat Kersten“ erschienen. Blöder Titel, aber ein recht interessantes Buch.
Ich denke, es gab im 3. Reich durchaus die Möglichkeit zu individuellem Handeln. Nicht jeder hat sie genutzt.
Schöne Grüße
Petra