'Individualität' im 3. Reich

Hallo,

ich habe heute Referat in Sozialkunde über „Diktatir im 3.Reich“ gehalten. Ist auch super gelaufe, aber mein Prof mein´te bei der Nachbesprechun, so zentral und Parteigebunden sei das Ganze nicht organisiert gewesen. Er meinte, dass bis zu einem gewissen Grad Individualität möglich war und im täglichen Leben eine größere Freiheit vorhanden war als oft angenommen.
Was meint ihr dazu? Ist die Aussage richtig und anhand welcher Beispiele könnt ihr mir das „verkaufen“?

Danke schonmal!!

Felix

Hallo,

ich habe heute Referat in Sozialkunde über „Diktatir im
3.Reich“ gehalten. Ist auch super gelaufe, aber mein Prof
mein´te bei der Nachbesprechun, so zentral und Parteigebunden
sei das Ganze nicht organisiert gewesen. Er meinte, dass bis
zu einem gewissen Grad Individualität möglich war und im
täglichen Leben eine größere Freiheit vorhanden war als oft
angenommen.
Was meint ihr dazu? Ist die Aussage richtig und anhand welcher
Beispiele könnt ihr mir das „verkaufen“?

Servus
Ich weiß jetzt nicht, Was Du da referiert hast, aber
bei Schmidt et al, Kindheit und Jugend unter Hitler
ISBN: 3442755077 Buch anschauen
kommen Zeitzeugen zu Wort, und allumfassend war der staatliche Zugriff nun wirklich nicht. Gerade bei Kindern, die nicht aus einem „nazionalem“ Haushalt stammten, sorgten auch die Eltern für Freiräume jenseits der Partei.

Gruß
Mike

Hallo Felix,

der „Freiraum“ der Jugend in der damaligen Zeit war schon dadurch da,
das es nämlich gar nicht soviel Freiraum gab…:smile:
Deutschland war damals noch sehr stark ländlich geprägt…
da waren die Kinder schon früh im täglichen „Haushaltsleben“ mit tätig…Mutter bei der Wäsche helfen zum B.

Hallo,

nun - ich weiß ja nicht, was „man“ so üblciherweise annimmt.
Und auf jeden Fall sollte man nie vergessen, daß speziell der Frauraum für bestimmte Minderheiten zunehmend beschränkt wurde. Juden zum Beispiel, Sinti und Roma, aber auch die Familien bekannter Regimegegner fanden das sicher gar nicht so sehr toll - und das waren schon mal ne ganze Menge.

Natürlich konnte sich die große Masse der Menschen recht gut arrangieren mit dem System. Man war Mitglied in den Vereinen und Gliederungen, in denen m,ehr oder weniger alle waren, hielt brav das Mauk und hatte ansonsten seine Ruhe. Mit Sicherheit haben da nicht alle ständig vor Angst gezittert - das hat die Masse der Leute in der DDR ja zum Beispiel auch nicht. Unter Hitler lief das ähnlich - bestimmte Dinge waren gefährlich, die tat man tunlichst nicht, andere Dinge hatte man tunlichst zu tun (zum Beispiel an den entsprechenden feiertagenm die Fahne raushängen und al Jugendlicher brav zur Hitlerjugend gehen) - und ansonsten hatte man seinen persönlichen Freirahmen.
Man muß das ja auch im Zusammenhang zur damaligen Zeit sehen. Da waren z.B., Auslandsreisen für normale Menschen eh unerschwinglich - die waren sicher da echt froh, wenn sie mal ne Urlaubsreise über Htlers „Kraft durch Freude“-Organisation bekamen. Und ansonsten lief ja der normale Alltag weiter - zumindest bis Kriegsbeginn.
Da gab es vorher ja keinerlei große Reglementierungen in irgendeiner Form - man konnte fahren, wohin man wollte, man konnte kaufen, was man sich leisten konnte, man konnte seine Freizeit verbringen, wie man wollte und man konnte auch den Job noch frei wählen.
Nach 1939 sah dann allerdings vieles anders aus - da wirkten die beschränkungen der kriegswirtschaft sehr stark ins Alltagsleben hinein.

Gernot Geyer

Hallo

ich habe heute Referat in Sozialkunde über „Diktatir im
3.Reich“ gehalten. Ist auch super gelaufe, aber mein Prof
mein´te bei der Nachbesprechun, so zentral und Parteigebunden
sei das Ganze nicht organisiert gewesen.

So ist es, die homogene NS-Gesellschaft existierte nur in der goebbelschen Propaganda. In wirklichkeit gab es viele Lobbys mit unterschiedlichen Zielen und jede buhlte um Macht und Einfluß bei Hitler.

Er meinte, dass bis zu einem gewissen Grad Individualität möglich war und im täglichen Leben eine größere Freiheit vorhanden war als oft
angenommen.

Wenn man nicht auf Grund seiner Herkunft oder Überzeugung verfolgt wurde, war dies möglich. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig, er bleibt aber immer (auch in einem Totalitären System) individuell.

Gruß

Individualität und Schuld
Hallo Felix,

ich habe zwar meine Quellen nicht auf die Schnelle gefunden, wollte mich hier jedoch auch noch kurz zu Wort melden.

Das, was dein Prof gesagt hat, finde ich gar nicht so falsch: Es gab auch im 3. Reich durchaus noch die Möglichkeit zu einer freien Entscheidung. Und wenn man sich frei für (oder gegen) etwas entscheiden kann, dann kann man sich natürlich auch schuldig machen dadurch, dass man sich falsch entscheidet.

Hinterher haben viele dann wohl aus Selbstschutz behauptet, dass man das, was man tat, ja „tun musste“. Und doch gibt es da einige Beispiele, dass die Möglichkeit, eine Vorschrift nicht zu befolgen, durchaus gegeben war.

Leider kann ich aus dem Vereinsleben keine Beispiele bieten. In der Richtung recherchiere ich nicht. … Und wie gesagt, meine Quellen finde ich jetzt auf die Schnelle nicht. Habe wohl nicht das richtige Keyword verwendet. :frowning: Trotzdem: Erfunden habe ich das nicht.

Also: Es gab da in Auschwitz einen SS-Arzt, der sich weigerte, an der Rampe zu selektieren. Man hat ihn auch tatsächlich in Ruhe gelassen. Seinen Dienst übernahm ein andererer (ja, ich weiß: das alte Argument). Aber was ich für den entscheidenden Punkt halte: Man hat ihn ansonsten in Ruhe gelassen. Er hat keinen Ärger bekommen deswegen. Ihm ist nichts passiert.

Dann fällt mir noch ein kleines Detail ein: Mengele konnte nach dem Krieg entkommen, weil er keine Tätowierung mit seiner Blutgruppe hatte. Das war sonst eigentlich üblich für SS-Leute. Die Alliierten haben nach dem Krieg auch gezielt nach dieser Tätowierung - oder einer Narbe an der entsprechenden Stelle - gesucht, um die SS-Leute schnell herauszufinden. Aber wie gesagt: Mengele hatte so eine Tätowierung nicht. Die wollte er nämlich nicht. Also hat er medizinisch begründet, dass so eine Tätowierung unnötig war, weil jeder Arzt vor einer Transfusion ohnehin eine „Kreuzprobe“ (was immer da sein mag) durchführen würde. … Ärger hat er deswegen nicht bekommen.

Er hätte sich sicher auch bei ganz anderen Dingen weigern können. Das hat er nicht getan.

Was fällt mir dann noch ein? Z.B. der Arzt von Hitlers Mutter (sie ist an Brustkrebs gestorben). Der war nämlich Jude. Aber er muss sich wohl gut um diese Frau gekümmert haben, denn Hitler ermöglichte ihm noch 1938, mit seinem gesamten Vermögen nach Amerika auszuwandern.

Und wenn der „Chef“ selber sich - sofern er einen Grund dafür sah - über eine Regelung hinwegsetzte, warum sollte das bei den übrigen Nazis anders gewesen sein?

Mir fällt dann auch noch der Masseur Himmlers ein, der seine einflussreiche Position dazu ausnutzte, um etlichen Menschen das Leben zu retten. Kersten hieß er glaube ich, und seine Memoiren sind unter dem Titel „Medizinalrat Kersten“ erschienen. Blöder Titel, aber ein recht interessantes Buch.

Ich denke, es gab im 3. Reich durchaus die Möglichkeit zu individuellem Handeln. Nicht jeder hat sie genutzt.

Schöne Grüße

Petra

Hallo Petra,

Das, was dein Prof gesagt hat, finde ich gar nicht so falsch:
Es gab auch im 3. Reich durchaus noch die Möglichkeit zu einer
freien Entscheidung. Und wenn man sich frei für (oder gegen)
etwas entscheiden kann, dann kann man sich natürlich auch
schuldig machen dadurch, dass man sich falsch entscheidet.

Ich bin mir nicht sicher ob er das gemeint hat.

Hinterher haben viele dann wohl aus Selbstschutz behauptet,
dass man das, was man tat, ja „tun musste“. Und doch gibt es
da einige Beispiele, dass die Möglichkeit, eine Vorschrift
nicht zu befolgen, durchaus gegeben war.

Ja aber meist nur weil die übergeordneten Stellen so individuell waren und die Sache nicht weiter verfolgten, anstatt die bestehenden rechtlichen Mittel auszuschöpfen.

Mir fällt dann auch noch der Masseur Himmlers ein, der seine
einflussreiche Position dazu ausnutzte, um etlichen Menschen
das Leben zu retten. Kersten hieß er glaube ich, und seine
Memoiren sind unter dem Titel „Medizinalrat Kersten“
erschienen. Blöder Titel, aber ein recht interessantes Buch.

Kersten haben wir hier im Forum auch schon durch. Beweise für seine Geschichten gibt es (meines Wissens nach) nicht. Es sieht eher so aus, als wolle er sich nur nachträglich zum Widerstandskämpfer machen.

Gruß

Hallo Petra,

sicher konnten prominente Leute durchaus das Eine oder andere tun.

Aber im Normalfall gab es immer irgendwo eine Grenze des Möglichen.
Mein Opa hätte sich zum Beispiel nicht weigern können, Soldat zu werden, ohne selber zu riskieren, im Zuchthaus oder im KZ zu landen. Und der hatte auch keinen Einfluß drauf, an welcher Front er am Ende landen würde und wozu er im Einzelnen befohlen werden würde.
Er hat Schwein gehabt und wurde nicht zu Kriegsverbrechen eingesetzt. Aber was wäre gewesen, wenn er in Rußland den Befehl bekommen hätte, sich an Aktionen gegen die Zivilbevölkerung zu verteidigen? Er hätte daneben schießen können oder eventuell sich ein wenig im Hintergrund hälten - aber dabei wäre er dann gewesen.

Man hing drin im System. Und meine Oma hat nen Anschiß vom Ortsbauernführer bekommen, weil sie verbotenerweise den zur Feldarbeit zugeteilten Kriegsgefangenen mit in der Küche hat essen lassen. Und wenn der das weitergemeldet hätte, dann hätte das böse enden können - für meine Oma im KZ und für den Gefangenen mit Erschießung. Das Risiko war da - keiner konnte vorher wirklich wissen, wie menschlich oder unmenschlich Mitwisser und Vorgesetzte reagieren würden.

Der Raum für wirklich menschliche Entscheidungen, die dann am Ende was bewegt haben, der war so sehr groß nicht. Am ehesten funktionierte noch die Methode „ja nicht vordrängeln und erst mal abwarten“. Nur erzeugt die keine Helden und ändert keine Verhältnisse - die minimiert höchstens die Gefahr, persönlich mitschuldig zu werden.

Gernot Geyer