Was sind denn ‚Infineon Aktien‘ ???
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Anleger sollten vorsichtig sein, denn das Halbleitergeschäft ist risikoreich und extrem zyklisch
Kommentar: Infineon taugt nicht zur Volksaktie
Von CASPAR BUSSE
HANDELSBLATT, Sonntag, 12. März 2000
Vor etwa drei Wochen hat sich Deutschland mit dem Infineon-Virus infiziert. Der Ansturm auf die neue Halbleiteraktie war so gewaltig wie vorher nur die Nachfrage beim Börsengang der Deutschen Telekom. Selbst Experten und notorische Optimisten sind vom Ausmaß der Nachfrage überrascht. An den Sparkassenschaltern bildeten sich lange Schlangen. Die Telefonleitungen und Computersysteme der Direktbanken brachen fast zusammen. Für Infineon interessieren sich plötzlich auch Anleger, die noch nie eine Aktie besessen haben. Allen gemeinsam ist die Gier nach dem scheinbar so schnellen Geld an der Börse.
So groß wie die Hysterie ist aber auch die Enttäuschung und der Ärger vieler Anleger am Montag, wenn die Infineon-Aktie erstmals an den Börsen in Frankfurt und New York notiert wird. Denn ein Großteil der Interessierten ist nicht zum Zug gekommen. Zu groß war die Nachfrage nach den insgesamt 173 Millionen Aktien, von denen der überwiegende Teil ohnehin für institutionelle Anleger reserviert war. Und diejenigen, die zu den frisch gebackenen Infineon-Aktionären gehören, wissen unter Umständen noch nicht von ihrem Glück.
Der Infineon-Rausch hat viele Gründe. So greifen die Anleger derzeit nahezu blind nach allen High-Tech-Werten, die an den Markt kommen. Dazu kommt: Die Aussichten auf den weltweiten Halbleitermärkten sind so rosig wie lange nicht mehr. Der Chipmarkt soll allein im laufenden Jahr um 25 Prozent wachsen, die Kapazitäten werden schon langsam eng. Zusätzlich hat Infineon-Chef Ulrich Schumacher mit einer 100 Millionen DM schweren Werbekampagne für sein Unternehmen, das schon als sicherer Dax-Kandidat gilt, getrommelt. Die jüngste Erfolgsstory der Siemens-Aktie und der rasante Aufstieg des weitaus kleineren Bauelemente-Herstellers Epcos – auch ein Siemens-Ableger – bis in den Dax taten das Übrige.
Doch der Blick der Infineon-Fiebernden sollte trotz alle Euphorie klar bleiben. Denn die I-Aktie hat nicht das Zeug zu einer Volksaktie. Kontinuierliche Kursgewinne wie etwa bei der Deutschen Telekom sind nicht zu erwarten. Zwar ist davon auszugehen, dass das Papier zunächst eine deutliche Aufwärtsentwicklung nimmt. Aber das Halbleitergeschäft ist trotz des augenblicklichen Booms so zyklisch und risikoreich wie kaum eine andere Branche. So schnell die Chipmärkte nach oben schießen, so schnell sausen sie auch wieder in den Keller.
Die I-Aktie ist mittelfristig also nur etwas für risikobereite Anleger mit starken Nerven. Gerade Siemens musste das in der Vergangenheit immer wieder leidvoll erfahren. So verhagelte die Halbleitersparte noch im vorletzten Jahr mit Milliardenverlusten die gesamte Siemens-Bilanz. Siemens-Konzernchef Heinrich von Pierer geriet angesichts der Probleme unter enormen Druck. Schließlich entschied er Ende 1998, sich vom dem gesamten Geschäftsfeld zu trennen – zu groß war den Siemens-Verantwortlichen das Risiko im Halbleitergeschäft.
Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger wollte mit der Abspaltung von Infineon neue risikobereite Anlegerkreise erschließen. Dabei hat er sicherlich nicht gerade an Aktienmarktneulinge gedacht. Trotzdem zeigt das Infineon-Fieber, wie weit die Aktienkultur deutscher Geldanleger inzwischen gediehen ist.