Aus „intellektueller Sauberkeit“ muss ich aber den Standpunkt der
Jungianer hier mit ins Feld führen.
Leider läßt Dein Posting die von Dir angekündigte „intellektuelle Sauberkeit“ stark vermissen. Wenn wir sowohl Jung als auch Jungianer zu Wort kommen lassen, bestätigen sie meine Auffassung und widersprechen der Deinen.
Hören wir C.G. Jung selbst. Er schreibt an Freud:
"1003 Seestraße 18.XII.12
Küsnach-Zürich
Lieber Herr Professor!
Darf ich Ihnen einige ernsthafte Worte sagen? Ich anerkenne meine Unsicherheit Ihnen gegenüber, habe aber die Tendenz, die Situation in ehrlicher und absolut anständiger Weise zu halten. Wenn Sie daran zweifeln, so fällt das Ihnen zur Last. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß Ihre Technik, Ihre Schüler wie ihre Patienten zu behandeln ein Mißgriff ist. Damit erzeugen Sie sklavische Söhne oder freche Schlingel (Adler-Stekel und die ganze freche Bande, die sich in Wien breitmacht). Ich bin objektiv genug, um Ihren Trick zu durchschauen. Sie weisen rund um sich herum alle Symptomhandlungen nach, damit setzen Sie die ganze Umgebung auf das Niveau des Sohnes und der Tochter herunter, die mit Erröten die Existenz fehlerhafter Tendenzen zugeben. Unterdessen bleiben Sie immer schön oben als Vater. Vor lauter Untertänigkeit kommt keiner dazu, den Propheten am Barte zu zupfen und sich einmal zu erkundigen, was Sie denn zu einem Patienten sagen, welcher die Tendenz hat, den Analytiker zu analysieren anstatt sich selber. Sie fragen ihn doch: ‚Wer hat denn eigentlich die Neurose?‘
Sehen Sie, mein lieber Herr Professor, solange Sie mit diesem Zeug laborieren, sind mir meine Symptomhandlungen ganz wurscht, denn die wollen gar nichts bedeuten neben dem beträchtlichen Balken, den mein Bruder Freud im Auge trägt. - Ich bin nämlich gar nicht neurotisch - unberufen! […] Wann Sie dann selber einmal ganz komplexfrei geworden sind und gar nicht mehr Vater spielen an Ihren Söhnen , denen Sie beständig auf die schwachen Punkte zielen, indem Sie sich selber einmal aufs Korn nehmen, dann will ich in mich gehen und meine lasterhafte Uneinigkeit mit mir selber Ihnen gegenüber mit einem Mal ausrotten. […] Adler und Stekel sind Ihrem Trick aufgesessen und wurden kindisch frech. Ich werde öffentlich zu Ihnen halten, unter Wahrung meiner Ansichten, und werde insgeheim in meinen Briefen anfangen, Ihnen einmal zu sagen, wie ich wirklich über Sie denke. […]"
Mit besten Grüßen
Ihr ganz ergebener
Jung"
Jung reiht sich damit eindeutig in die Gruppe der Freud-Schüler Adler und Stekel ein, die Freud wie neurotische Patienten behandelt. Nur mit dem Unterschied, daß Jung Freuds „Trick“, seinen Schülern Neurosen „nachzuweisen“ und sie dadurch kleinzuhalten, zu „durchschauen“ und deshalb nicht zum „frechen Schlingel“ zu werden meint. Wie sehr er sich darin irrt, zeigt der Brief natürlich sehr deutlich. Auch er rebelliert gegen den „Vater“ Freud und wird zum „frechen Schlingel“.
Welch gleichberechtigte, kollegiale und erstrebenswerte Atmosphäre herrscht doch unter den Analytikern!
Jung und die Jungianer würden Dir sofort wiedersprechen.
Wie wir gelesen haben, stimmt Jung Deinem Standpunkt nicht zu. Was sagen aber Jungianer dazu? Als was bezeichnen sie Jung im Verhältnis zu Freud? Lassen wir sie zu Wort kommen:
„Die analytische Psychologie wurde von Carl Gustav Jung (*1875 +1961) begründet, der als Schüler von Sigmund Freud um die Jahrhundertwende Einsichten in die Tiefen der menschlichen Psyche bekam. Im Spannungsfeld zwischen der Freud’schen Tiefenpsychologie und der Psychologie seines Schülers Adler suchte Jung seinen Weg“
(Quelle: Internetseite der C.G. Jung Gesellschaft Köln e.V., http://www.cgjung.org/analytisch.htm)
Halten wir fest: Sowohl Jung als auch Jungianer sehen Jung als Schüler Freuds und widersprechen damit Deiner Auffassung. Wahrscheinlich ist das kein Wunder, denn Du zählst Dich zu den Freudianern und hast daher ein gewisses Abgrenzungsbedürfnis gegenüber Jung. Aber
So einfach ist es eben NICHT.
Gruß,
Oliver Walter