Unter diesem Titel fand am 27.10.03 ein Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Stephani, Leiter der Klinik für Neuropädiatrie des Universitätsklinikums Kiel, im Rahmen der Vortragsreihe der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft statt, über dessen Inhalt ich informieren möchte, da ich weiß, daß es hier im Forum viele Interessierte an diesem Thema gibt.
Prof. Stephani ging zuerst kurz auf das relativ junge medizinische Fachgebiet der Neuropädiatrie ein, das neurologische, neuropsychologische und neurophysiologische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zum Gegenstand hat. Er referierte im folgenden einige Aspekte der Aufmerksamkeit und ging dann zum eigentlichen Thema des Vortrages, der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, über. Dazu stellte er kurz die Kriterien für die Diagnose dieses Syndroms nach ICD-10 vor. Hinweise auf die Verursachung dieses Syndroms liefern seiner Meinung nach Belege für Botenstoffstörungen und Verkleinerungen in bestimmten Gebieten des Gehirns (verringerte dopaminerge Aktivität in und Atrophie des Nucleus caudatus) sowie Belege für verminderte Hirnaktivität gemessen mit bildgebenden Verfahren (Glucose-PET) und Belege für hypersynchrone Aktivität des Gehirns (EEG-Befunde; ähnlich wie bei Epilepsie, außer daß Anfälle fehlen).
Des weiteren zeigte Prof. Stephani an Zahlen aus seiner Klinik, wie wichtig seiner Meinung nach eine gründliche Diagnostik sei. In den Jahren 1999 bis 2003 seien 122 Kinder und Jugendliche, davon 17% Mädchen, mit Verdacht auf ADHD in der Klinik vorgestellt worden. Folgende Diagnosen seien vergeben worden:
keine ADHD-Diagnose: 19 Fälle (15,6%)
ADHD: 37 Fälle (30,3%)
ADHD + weitere neurologisch/psychiatrische Diagnosen: 51 Fälle (41,8%)
ADHD + weitere Diagnosen, die nicht das ZNS betreffen: 15 Fälle (12,3%)
Bei denjenigen Kindern und Jugendlichen, bei denen kein ADHD diagnostiziert wurde, konnten die Symptome von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität auf ungünstige Erziehung, Entwicklungsstörungen, Sprachstörungen, Teilleistungsstörungen, Hochbegabung, Drogen, Verhaltensstörungen sowie Enuresis / Enkopresis zurückgeführt werden. Diejenigen Kinder und Jugendlichen, die neben ADHD weitere neurologisch/psychiatrische Diagnosen erhielten, wiesen Sprachstörungen, Entwicklungsstörungen, Autismus, Teilleistungsschwächen, Tic-Störungen, Kopfschmerzen / Migräne sowie EEG-Auffälligkeiten, Epilepsie und das Restless Legs-Syndrom auf. Bei denjenigen Kindern, die neben ADHD weitere Diagnosen erhielten, die aber nicht das ZNS betrafen, wurden HNO-Krankheiten, Lungenkrankheiten, Asthma, Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Störungen diagnostiziert sowie der Verdacht auf ein genetisches Syndrom geäußert.
Das Fazit, das Prof. Stephani in seinem Vortrag zog, war ein Plädoyer dafür, bei Symptomen von Unaufmerksamkeit und / oder Hyperaktivität bei Kindern und Jugendlichen eine gründliche Diagnostik durchzuführen, um Störungen und Krankheiten zu entdecken, welche diese Symptome erklären könn(t)en und dann gezielt diese Störungen zu behandeln. In diesen Fällen sei eine medikamentöse Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin) nicht angezeigt. Prof. Stephani nannte als Fallbeispiele drei Kinder bzw. Jugendliche, die Arten epileptischer Anfälle aufwiesen und bei denen eine Methylphenidat-Therapie nicht angezeigt sei.
Im Diskussionsteil der Veranstaltung stellten v.a. Mütter von Kindern mit ADHD oder Verdacht auf ADHD Fragen zur Medikation mit Methylphenidat. Prof. Stephani sprach sich für eine Therapie mit diesem Medikament aus, falls keine Störung oder Krankheit gefunden werden könne, welche die Symptome von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität erkläre. Er habe sich selbst in seiner beruflichen Laufbahn davon überzeugen lassen müssen, daß Methylphenidat sinnvoll sein könne. Bis vor drei Jahren habe er selbst noch diese Medikation für nicht vertretbar gehalten, aber nun sei er zu dem Schluß gekommen, daß sie in bestimmten Fällen angemessen sei. Auch sei er generell für eine langfristige Gabe des Medikaments in diesen Fällen, wobei immer wieder die Notwendigkeit des medikamentösen Einsatzes zu überprüfen sei. Die Möglichkeit, daß es zu langfristigen Nebenwirkungen kommen könne, sehe er sehr wohl, weise aber ausdrücklich darauf hin, daß es nicht erwiesen sei, daß die langfristige Gabe von Methylphenidat zum Parkinson-Syndrom führe. Zudem sei ihm nicht bekannt, daß die langfristige Gabe von Methylphenidat zu Persönlichkeitsveränderungen bei Kindern führe.