Hallo!
Aber die gerade aktuelle Debatte um die
Exzellenzinitiative zeigt, dass die Qualität der Lehre und
Ausbildung…
Ging es bei dieser Initiative überhaupt um Lehre oder um Forschung?
Ich sehe kommen, daß Erstsemester massenhaft in Münschen oder Karlsruhe Schlange stehen, weil den Leuten nicht klar ist, daß sie mindestens bis zum Vordiplom von irgendwelchen Forschungen an der Uni rein gar nichts haben. Ein Sitzplatz in möglichst nicht zu riesigen Seminarräumen (Bildschirmübertragung für die hinteren billigen Plätze ist nicht unbedingt das Gelbe), engagierte Tutoren, eine anständige Mensa, bezahlbare Unterkünfte in Uninähe u. v. m. sind für den Studenten im Grundstudium viel wichtiger als Forschung.
Bis zum Vordiplom fehlt Studenten i. d. R. jegliche Urteilsfähigkeit für Aussagen über die Qualität der Lehre. Auch der später gewählte Studienschwerpunkt liegt oft noch nicht fest. Wer nicht ausgerechnet den Schwerpunkt wählt, der z. B. an der Maximilian-Uni besonders gefördert wird und nicht genau an diesem Institut promovieren möchte, hat von dem Brimborium um Elite-Uni nichts. Ich bin auch nicht sicher, ob es so besonders klug ist, sich dort in die Schlange zu stellen, wo alle hin wollen.
Wenn man nach den ersten Studienjahren sein Interessengebiet findet und sich um einen Überblick bemüht, an welchem Institut und bei welchen Profs genau auf diesem Interessengebiet Hervorragendes geleistet wird, kann durchaus Karlsruhe heraus kommen, vielleicht auch Braunschweig, Hannover oder Berlin, aber nur zufällig das, was irgendwelche Politiker oder Zeitschriftenredakteure in ihren Rankings favorisierten. Überhaupt ist es Unfug, wenn z. B. eine Hochschule in Bremen heruntergemacht und Rostock in den Himmel gehoben wird (willkürlich gegriffene Hochschulstandorte). Die Situation innerhalb einer Hochschule kann von Fachbereich zu Fachbereich völlig unterschiedlich sein. Was noch vor wenigen Jahren galt, kann schon morgen Makulatur sein. Die Qualität von Forschung und Lehre an jedem einzelnen Fachbereich wird letztlich von nur wenigen Leuten geprägt, von wenigen Profs und ein paar guten Assistenten, von zur Verfügung stehenden Mitteln aus dem Haushalt der Hochschule (kann sich von Jahr zu Jahr ändern), von eingeworbenen Drittmitteln (kann sich von Jahr zu Jahr ändern) und zuweilen von Sponsoren und Stiftern (unterliegt ebenfalls ständiger Veränderung).
Wenn mir ein Absolvent einer Hamburger Hochschule gegenüber sitzt, der bei einem bestimmten Prof aus dem Bereich Nachrichtentechnik sein Diplom machte, werde ich diesen Bewerber zu schätzen wissen, weil ich weiß, wie hoch der Brotkorb bei diesem Prof zu hängen pflegt. Ein früherer Chef von mir bekam bei Bewerbern eines bestimmten Braunschweiger Instituts glänzende Augen, weil er selbst aus dem gleichen Stall kam. Dabei leidet jeder unter dem persönlichen Tunnelblick, denn mehr als 2, 3 Hochschulen kann doch kaum jemand selbst beurteilen und dieses Urteil ist zumeist auch noch viele Jahre alt. So halte ich Rankings bei die Wahl des Studienorts für Erstsemester für nutzlos.
Auch Aussagen von Studenten der ersten Semester, die über die Qualität der Mensa, den Zustand der Toiletten und das Preisniveau auf dem Markt für Studentenbuden hinaus gehen, sind mit größter Vorsicht zu genießen. Gelegentlich stolpere ich in Foren, in denen sich Studis über die saumäßige Lehre beschweren, aber tatsächlich nur beklagen, daß in den Mathe-Klausuren 75% durchfallen. Sie hätten es lieber ein bißchen gemütlicher. Die Urteile der gleichen Studenten werden ein paar Jahre später ganz anders aussehen.
Gruß
Wolfgang