Hallo!
Mal eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Ihr habt doch bestimmt in der Schule auch Märchen und Geschichten interpretiert und herausgefunden, was dahinter steckt und dass alles sinnbildlich zu verstehen ist, z.B. als Parabel auf das Erwachsenwerden, die Initiation etc. Ist das eigentlich gewollt?
Anders gefragt: haben die damaligen Autoren wirklich vorgehabt, ihren Werken diesen (Hinter-)Sinn zu geben oder wollten sie nur gute Geschichten erzählen?
Mich interessiert mal, was Ihr so denkt.
Grübelnde Grüße,
Heiko
Hallo Heiko,
eine gute Geschichte steht für sich und läßt dem Leser die Möglichkeit der eigenen Interpretation. Man kann keine gute Geschichte erzählen, mit dem Blick auf die „Erbauung“ des Lesers. Für die Interpretation sind Literaturkritiker, Literaturwissenschaftler und Deutschlehrer zuständig.-
So mancher Autor ist wahrscheinlich regelrecht verblüfft, wenn er liest, wie andere seine Geschichte sehen.
Gruß
Jürgen
http://www.ramblinbluesband.de
Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst.
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]
Hallo Heiko
Geschichtenerzählen und Volksdichtung („Volks-“ hier im Gegensatz zu „Kunst-“) geschah nicht zweckfrei. Was erzählt wurde, schien bewahrenswert. Das aus verschiedenen Gründen. Sehr wohl zur Erbauung oder weil es spektakulär war (Zeitungslied), aber oft auch aus sogenannten pädagogischen oder didaktischen Erwägungen heraus. Zum Beispiel um gemachte Erfahrungen zu bewahren und zu vermitteln, eben um zu belehren (Volksballade). Was die Märchenforschung betrifft, bin ich nicht zu bewandert, aber auffällig scheint mir schon zu sein, dass viele Motive und besonders Figuren aus Märchen sich auf besondere/extreme Situationen oder Charaktere beziehen. Meist (oder immer ?) gibt es einen guten oder gerechten Ausgang. Das scheint mir in jedem Fall lehrhaften Charakter zu haben. Lehrhaft i.S.v. erbaulich/spannend/erzieherisch mit Lerngehalt.
Mir ist eine Hypothese bekannt, in der die böse Stiefmutter des Schneewittchen sich der Stieftochter entledigen will, weil beide um den Vater konkurrieren. Nach Freud ist also ein bestimmtes Entwicklungsstadium der Pubertät von Schneewittchen an der harten Reaktion der Stiefmutter schuld. Das wurde in eine Geschichte gekleidet, die den Sachverhalt überhaupt erst greifbar werden lässt. Das muss keine Überinterpretatiin sein, denn warum reicht es nicht, eine schöne Konkurrentin zu konstruieren, warum müssen es Stiefmutter und -tochter sein ??? Da steckt schon Intentionalität drin - gerade bei Formen wie dem Märchen.
Gruß
Markus
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]
Hallo grübelnder Heiko,
im Wesentlichen kann ich dem bereits Gesagten meist zustimmen. Allerdings muß man gerade bei Märchen sehr vorsichtig mit Deutungen von Autorenabsichten sein - zumal Märchen (von Kunst"märchen" abgesehen) in der Regel keine benennbaren Autoren haben, sondern lediglich Editoren (wie die Grimms), die aus ihren eigenen Intentionen heraus vielleicht urspr. bestehende Intentionen fortediert haben. So verliert z.B. aus einer gewissen Deutungssicht heraus die Grimmsche Version des Dornröschens jeglichen Sinn, weil die zweite Hälfte des Märchens einfach gestrichen wurde, um der „Kinderkompatibilität“ der KHM zu genügen.
Entsprechend ist Freud in Bezug auf Märchendeutungen ganz bestimmt nicht der Weisheit letzter Schluß, weil er nur eine sehr begrenzte Sichtweise des Ganzen hat. Auch manchen allzu esoterischen Deutungen gegenüber sollte man sich Skepsis bewahren.
Ich empfehle die sehr interessante Lektüre von Frederik Hetmanns Büchlein „Traumgesicht und Zauberspur“, eine kritische und unterhaltsame Einführung in Märchenkunde und -diskussion.
Gruß
Pengoblin
Danke, klingt alles einleuchtend!!! owT
Hallo Heiko!
Richtig, interpretieren musste ich auch, und ich habe mich dann auch oft gefragt, ob der Autor das auch so gemeint hat.
Jetzt, 20 Jahre nach der Schule, denke ich so:
Es ist egal, was der Autor gemeint hat. Eine gute Geschichte gibt Raum für verschiedenste Interpretationen. Darum kann man von guten Geschichten immer profitieren, egal ob man 16 oder 60 ist - jeder kann etwas darin wiederfinden, was für ihn bedeutsam ist.
Außerdem:
Durch das Interpretieren habe ich gelernt, Texte aufmerksam, und eben auch zwischen den Zeilen, zu lesen. Das hat mir danach oft genutzt.
Auch so war die Übung also zu was gut.
Hoffe, du kannst etwas anfangen mit meiner Meinung, Gruß Martina
Hey!
Marcel Reich-Ranicki hat in seiner Autobiografie geschrieben, dass er sich einmal mit Anna Sehgers (richtig geschrieben?) unterhalten hat. Und die wusste auch nicht, wie die Kritiker etc. auf die vielen Interpretationen ihrer Werke kommen. Sie hätte sich das alles dabei nicht gedacht.
Ich persönlich glaube, dass ein gewisser Hintersinn schon gewollt ist (zumindest bei anspruchsvoller Literatur), aber was man nun alles in ein Werk interpretiert, bleibt ja auch dem Leser überlassen. Je nach Fantasie kann ich mir aus vielen Werken die unmöglichsten Dinge rauslesen… 
In diesem Sinne
Stephan
ich für meinen teil würde behaupten, das jede Interpretation die
Subjektivität des Interpretaten mitbeinhaltet. Ob der Autor etwas
„so“ oder „so“ gewollt hat, ist in meinen Augen für das Gedicht
irrelevant. Das Gedicht überlebt den Autor in seiner spezifischen
Eigenart und hat dann mit dem Autor eigentlich nicht mehr viel zu
run. Maler können zum Beispiel einen Stern malen wollen, der dann aus
irgend einem Grund wie eine Sonne aussieht. Was soll dann der
Interpret machen? Sagen, daß es sich um einen Stern handelt, obwohl
er eine Sonne sieht? In diesem Moment gewinnt das Gedicht, das Bild,
was auch immer, eine Autorität, die über die Intention des Künstler,
Dichters hinausgeht. Außerdem gibt es bei jeder Interpretation
Kriterien der intersubjektiven Überprüfbarkeit, daß beudeutet, die
Interpretation muß an der interpretierten Sache nachvollziehbar sein,
für quasi jeden. Dann gibt es natürlich ganz
verschiedene, vielleicht auch gegensätzliche, interpretative
ergebnisse logisch argumentierender Interpretationen. Diese Polarität
ist in diesem Fall eine Eigenschaft des Gedichts, verankert in seiner
Logik, eben verschiedene Sichten zu erzeugen.
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]