Die Ionier waren doch Griechen? Gerade leseich etwas über den
Artemiskult. Artemis war ursprünglich eine Alt-Asiatische Göttin. Sie
wurde aber von den Ioniern auf griechisch zurechtgerückt. Wie sehr
warewn die Ionier eigentlich Griechen? Sprachen sie auch solches? Ganz
schlau werde ich mit der kleinasiatischen Geschichte nicht. Waren die
Perser denn nie direkt am Mittelmeer? Waren die Ionier irgendwann mal
Persian Subjects oder war Athen ihre Hauptstadt?
Mit Gruß vom Alexander
Hallo Alexander,
ionisch ist zunächst einmal ein griechischer Dialekt, entsprechend spricht man von einem ionischen Stamm, der durch Abdrängung von Frühgriechen (durch die späteren Nordwestgriechen und Dorer) aus Mittelgriechenland entstand. Im europäischen Teil des griechischen Siedlungsgebietes lebten Ionier in Attika und auf Euböa. An der anatolischen Küste reichte das ionische Siedlungsgebiet (dieses ist gemeint, wenn man von Ionien spricht) von Klazomenai und Erythrai im Norden bis Milet im Süden. Hinzu kamen die vorgelagerten Inseln, insbesondere Chios, Samos, Ikaria und die nördlichen Sporaden. Ionisches Siedlungsgebiet waren außerdem mit wenigen Ausnahmen (Melos und Thera waren wie die südlichen Sporaden von Dorern besiedelt) die Kykladen (vor allem Andros, Paros und Naxos).
Die nördlich Ioniens gelegenen griechischen Siedlungsgebiete Kleinasiens hießen entsprechend der Stammeszugehörigkeit Aiolis (Phokaia, Kyme, die Insel Lesbos usw.), südlich Ioniens lag die Doris (Mylasa, Halikarnassos, Knidos, die Insel Rhodos).
Natürlich reichte das persische Großreich nach der Unterwerfung Lydiens und der griechischen Städte Kleinasiens bis zum Mittelmeer. Ich dachte, das sei nach meinem gestrigen Posting klar. Später sollte noch die nordägäische Küstenregion hinzukommen, also die gesamte Propontis, die thrakische Küste, die Chalkidike und als halb-unabhängiger Verbündeter Makedonien. Das war der Stand 490 v.d.Z. (Feldzug des Datis) und auch noch 480 (Feldzug des Xerxes).
Davon abgesehen gehörte schon beim Tod des Kyros auch die kilikische Küste und Phönikien / Palästina zum persischen Reich. Unter Kambyses kam noch Ägypten hinzu sowie Lybien bis über Kyrene und Taucheira (beides griechisch-dorische Kolonien) im Westen hinaus dazu. Das war ein ganz ordentliches Stück Mittelmeerküste …
Die Ionier waren nicht persische Untertanen - die kleinasiatischen ionischen Poleis waren es (und die äolischen und dorischen auch) - also die anatolischen Landschaften Ionien, Äolien und Doris. Du darfst Ionier, Dorer und Äoler (die es natürlich auch in Europa gab) trotz der etwas schiefen Bezeichnung ‚Stämme‘ nicht als politische Verbände verstehen. Sie sprachen jeweils einen eigenen, gemeinsamen Dialekt, waren sich ihrer gemeinsamen Herkunft bewusst und bildeten auch eine Kultgemeinschaft (gemeinsames kultisches Zentrum der Ionier war z.B. die kleine Insel Delos). Politisch waren die einzelnen Städte bis zu ihrer Unterwerfung durch Lydien und Persien jeweils unabhängig und sie führten begeistert und häufig Kriege gegeneinander (wobei ggf. eine gemeinsame ‚Stammeszugehörigkeit‘ keine Rolle spielte), die sie lediglich während der olympischen Spiele einstellten. Wegen dieser gewöhnten Unabhängigkeit fiel die Einordnung in das persische Reich den Griechen auch so schwer - sonderlich bedrückend (in wirtschaftlicher Hinsicht) scheint die persische Herrschaft nicht gewesen zu sein. Der durch Frieden gesicherte Handel und das enorme, für den Handel erschlossene Hinterland wog das bißchen Tribut mit Sicherheit mehr als auf. Aber verordneter Friede und eine politische Ordnung über die Größenordnung eines Stadtstaates hinaus - das war einfach zu ungriechisch, als dass man sich nicht dagegen gewehrt hätte.
Sorry, aber die Geschichte des ionischen Aufstandes und der Perserkriege bis zum Kalliasfrieden erzähle ich Dir jetzt nicht, das würde dann doch zu weit führen …
Was die Religion angeht, so hatten die Griechen wahrscheinlich ursprünglich gar keine einheitliche, sie war lokalistisch und in hohem Grad synkretistisch. Es gab natürlich indoeuropäische Elemente, aber auch Einflüsse aus der vorgriechischen (kykladischen) Kultur, aus der minoischen Kultur und natürlich besonders bei den Griechen Kleinasiens auch Einflüsse anatolischen Ursprungs. Nicht nur die Artemis gehört dazu, auch Apollon (nicht zufällig galten beide als Geschwister). Eine gewisse Einheitlichkeit entstand erst relativ spät, vor allem durch den Einfluss der epischen Dichtung - die Griechen der klassischen Zeit (z.B. auch Herodot, 2.53) schrieben dies ausdrücklich Hesiod und Homer zu.
Freundliche Grüße,
Ralf
Lieber Ralf,
das war ja eine wunderbare Arbeit! Vielen Dank. Alexander