Hallo,
sowohl als auch. Es gibt angeborene Ängste, bei denen ein Individuum ohne vorherige oder mit nur einmalige Erfahrung Angst zeigt und es gibt erworbene, die man im Laufe des Lebens durch Erfahrungen und Bewertungen übernimmt.
Gut erforscht ist das bei Ratten, bei denen man z.B nachgewiesen hat, dass auch in Gefangenschaft geborene Ratten auf den Ruf einer Eule mit Flucht reagieren.
Zuständig dafür, worauf wir mit Angst reagieren, sind Thalamus und Amygdala, der „Mandelkern“. Im Thalamus werden Situationen erkannt und auf „kurzem Weg“ direkt an die Amygdala weitergeleitet, wo sie blitzschnell aufgrund von angeborenem und erworbenen Wissen bewertet werden. Dann erfolgt die Angstreaktion, die sich auch körperlich zeigt. Das ermöglicht schnelle Reaktionen, um der Gefahr durch Angriff oder Flucht zu entgehen.
Dieser Weg ist sehr effektiv, aber fehlerbehaftet. Bei Angststörungen ist es dieser „kurze Weg“, in der Literatur auch als „quick and dirty“ bezeichnet, der für die meisten Probleme verantwortlich ist.
Es gibt einen zweiten, längeren Weg, der vom Thalamus über den Cortex und den Hippocampus führt. Das ist der Weg der kognitiven Verarbeitung, der etwa doppelt so lang dauert, wie der „kurze Weg“. Hierbei analysiert das Gehirn den Reiz, vergleicht ihn mit anderen Situationen und ermöglicht dadurch differenziertere Bewertungen.
Das kann man z.B. beobachten, wenn wir plötzlich erschreckt werden, weil etwa unser Kind unerwartet hinter der Tür hervorspringt und „Buh!“ macht. Nach der ersten Schrecksekunde (kurzer Weg) greift der „lange Weg“ und wir erkennen erleichtert, dass es nur Spaß war.
Dieser Weg der kognitiven Einflussnahme ist auch der, der bei Angststörungen genutzt werden kann, um Situationen umzubewerten und damit weniger bedrohlich werden zu lassen.
Schöne Grüße,
Jule