Ist jede Veranlagung ethisch in Ordnung?

Hallo

Meine Frage entzündet sich an der Diskussion über Homosexualität weiter unten, geht aber darüber hinaus.

Dort wird die Homosexualität verteidigt mit dem Argument, daß man eben dazu veranlagt sei (egal ob das so nun stimmt oder nicht).

Meine Frage geht also dahin, welche Beziehung Veranlagung und ethisches Verhalten hat. Es ist mir klar, daß Ethik zu einem grossen Teil gesellschaftlich motiviert ist und sich daher ändert, wenn die Gesellschaft sich ändert. Aber gilt das zu 100%? Und kann jedes Verhalten damit entschuldigt werden, daß „man eben so ist“? Und nach welchen Richtlinien soll man Veranlagungs-Verhalten in Ordnung finden oder nicht?

Gruß
Thomas

Hallo Thomas,

unser Handeln beschränken (oder verstärken) wir ständig durch irgendwelche Richtlinien, sei es aufgrund einer Ethik, Religion, Glauben etc. Dieses funktioniert auch, wie ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt und das sich auf dieser Ebene heutzutage nichts geändert hat, müsste es auch heute funktionieren.

Auch eine Selbstreflexion zeigt doch, dass wir uns ständig beschränken und uns nicht von unseren Trieben, unserer Lust oder Veranlagung alleine leiten lassen. Dieses ist ein Grundprinzip menschlichen Lebens. Durch eine Religion wird dieses noch verstärkt, da hier in höherem Masse gesagt wird, was gut oder schlecht ist.

Schalom,
Eli

Meine Frage geht also dahin, welche Beziehung Veranlagung und
ethisches Verhalten hat. Es ist mir klar, daß Ethik zu einem
grossen Teil gesellschaftlich motiviert ist und sich daher
ändert, wenn die Gesellschaft sich ändert. Aber gilt das zu
100%?

glaub schon. die wertevorstellungen unserer eltern und großeltern sind längst überholt. mit unseren wertevorstellungen wird’s genauso sein. und mit denen unserer kinder auch.
am ende wird nur ein harter kern übrigbleiben. und dann geht das spiel vielleicht von vorne los.

Und kann jedes Verhalten damit entschuldigt werden, daß
„man eben so ist“?

dann wären so manche gesetzbücher wohl ziemlich überflüssig…

Und nach welchen Richtlinien soll man
Veranlagungs-Verhalten in Ordnung finden oder nicht?

als privatmann nach seinen eigenen. die natürlich zu einem großen teil von gesellschaftlichen normen geprägt sind.
als richter nach geltendem recht. das natürlich auch zu einem gewissen teil von gesellschaftlichen normen geprägt ist.

mehr fällt mir dazu erstmal net ein.

gruß

michael

Moin Thomas

Meine Frage geht also dahin, welche Beziehung Veranlagung und
ethisches Verhalten hat.

ich hab im Fremdwörterlexikon nachgeschaut und da stand unter „ethisch“: die von Verantwortung u. Verpflichtung anderen gegenüber getragene Lebensführung, -haltung betreffend, auf ihr beruhend.

Da ich kein „Ethik-Experte“ bin (und die meisten anderen hier wohl auch nicht), kann jeder primär nur von seiner sehr individuellen Lebensführung und Haltung ausgehen, wobei ich hier die Verantwortung nicht nur gegenüber dem anderen, sondern auch gegenüber sich selbst gerne einschließen möchte.

Es ist mir klar, daß Ethik zu einem

grossen Teil gesellschaftlich motiviert ist und sich daher
ändert, wenn die Gesellschaft sich ändert. Aber gilt das zu
100%?

Sicher nicht. Was an gesamtgesellschaftlichen Verhaltensnormen zur Zeit besteht, bildet meiner Meinung nach einen Minimalkonsens und spiegelt sich z.B. in der Gesetzgebung wieder. Persönliche Verhaltensregeln können aber weit darüber hinaus gehen und eben z.B. religiös motiviert sein.

Und kann jedes Verhalten damit entschuldigt werden, daß

„man eben so ist“?

Wenn du von „entschuldigen“ sprichst, muss es auch eine Schuld geben, wobei ich Schuld jetzt mal als Folge von Fehlverhalten gegenüber sich selbst oder anderen definiere.

Wenn es also jemanden gibt, dem Schaden zugefügt wurde und der eine Anrecht auf eine Entschuldigung hätte, dann hat ein Fehlverhalten vorgelegen.

Dies hat aber meiner Meinung nach absolut NICHTS mit einer bestimmten Veranlangung (z.B. Homosexualität) zu tun. Ich glaube kaum, dass bei einem homosexuellen Paar einer meint, der andere müsse sich (generell) für sein Verhalten (sexuelle Handlungen) bei ihm entschuldigen. *g*

Jedoch wird es viele Situationen, sowohl bei heterosexuellen Paaren, wie auch bei homosexuellen Paaren geben, bei denen eine Entschuldigung durchaus angebracht ist.

Oder nochmal ganz deutlich: Ich vielen „normalen“ heterosexuellen Beziehungen findest du jede Menge an körperlicher und sexueller Gewalt, Zwang, Körperverletzung, psychischen Verletungen etc.

Und nach welchen Richtlinien soll man

Veranlagungs-Verhalten in Ordnung finden oder nicht?

Ich denke, was über die Gesetzte hinaus geht, muss schon jeder für sich selbst entscheiden. Meine Devise: Soll doch jeder machen was er will, solange alle Beteiligten ihren Spass daran haben und in einem Alter sind, in dem sie eigenverantwortlich entscheiden können.

Schließlich nehme ich dieses Recht für mich ja auch in Anspruch :smile:

Gruss
Marion

Hallo Marion

Ich denke, was über die Gesetzte hinaus geht, muss schon jeder
für sich selbst entscheiden. Meine Devise: Soll doch jeder
machen was er will, solange alle Beteiligten ihren Spass daran
haben und in einem Alter sind, in dem sie eigenverantwortlich
entscheiden können.

Mit der Aussage habe ich gerechnet. Ich würde Dir durchaus zustimmen (mit dem Zusatz, daß sich jeder selbst vor Gott verantworten wird), solange sichergestellt ist, daß individuelles Handeln ausschliesslich individuelle Folgen hat.

Aber das ist nicht immer gegeben. Insbesondere Langzeitfolgen von Handeln sind zu oft nicht absehbar. Das fängt bei dem Riesenkühlschrank an, den z.B. in den USA jeder besitzt und dazu führt, daß die Umweltbelastung entsprechend hoch ist und reicht bis zu den Sexualpraktiken in einigen Schwarzafrikanischen Ländern.

Einem Artikel im Spektrum der Wissenschaft vor einigen Monaten zufolge hat die Praxis des „trockenen Sexualverkehrs“ erheblich zur starken Ausbreitung von AIDS beigetragen, mit verheerenden Folgen für das gesamte Land.

Auf Grund unserer Technik können wir uns vor solchen Folgen noch schützen, aber wenn wir erst über die Folgen von Ethik bzw. dem Minimieren derselben nachdenken, wenn ein eventuelles Problem akut ist, ist es im allgemeinen zu spät. Die momentanen Fortschritte in der Benutzung von menschlichem Leben in Embryonalform für Experimente überholt die Diskussion über die zugrundeliegende Ethik auch viel zu schnell.

Gruß
Thomas

langfristige Verantwortung
Moin Thomas

Mit der Aussage habe ich gerechnet. Ich würde Dir durchaus
zustimmen (mit dem Zusatz, daß sich jeder selbst vor Gott
verantworten wird),

ähm…also wenn du glaubst, du musst dich mal vor einem Gott verantworten…naja, dazu kann ich nix sagen…

solange sichergestellt ist, daß

individuelles Handeln ausschliesslich individuelle Folgen hat.

Das ist NIE sichergestellt. Schon mal was von der Chaostheorie gehört ? Und das der Flügelschlag eines Schmetterling in der Wüste Gobi einen Orkan in Kentucky verursachen kann oder so ?

Aber das ist nicht immer gegeben. Insbesondere Langzeitfolgen
von Handeln sind zu oft nicht absehbar.

Richtig, wenn sie nicht absehbar sind, trifft dich meiner Meinung nach auch keine Schuld. Wenn du zum Beispiel ein Kind in die Welt setzt, und dieses Kind verletzt später als Erwachsener einen anderen Menschen schwer, dann kann es trotzdem nicht deine Schuld sein, weil du diesen Menschen in die Welt gesetzt hast.

Sind langfristige Folgen jedoch absehbar, dann hat jeder auch durchaus eine Verantwortung für sein Handeln. (Meine Meinung).

Aber was das jetzt noch mit „Veranlagung“ zu tun hat, ist mir nicht klar. Ist der Punkt abgehakt ?

Gruss
Marion

Hallo Thomas,

Meine Frage geht also dahin, welche Beziehung Veranlagung und
ethisches Verhalten hat. Es ist mir klar, daß Ethik zu einem
grossen Teil gesellschaftlich motiviert ist und sich daher
ändert, wenn die Gesellschaft sich ändert. Aber gilt das zu
100%? Und kann jedes Verhalten damit entschuldigt werden, daß
„man eben so ist“? Und nach welchen Richtlinien soll man
Veranlagungs-Verhalten in Ordnung finden oder nicht?

In der momentanen Gesellschaft gibt es eine ethische Hauptregel:
Du kannst alles machen was du willst, solange du keinem anderen Menschen gegen seinen Willen Schaden zufügst

Wenn also ein Mensch eine Veranlagung zur Homosexualität oder SM hat, gilt das als unproblematisch.

Wenn jemand Pädophil ist oder seine Frau mißhandelt wird dies verurteilt.

Sodomie gilt wohl nur wegen des Aspekts der Tierquälerei als problematisch.

Somit ist also jede Veranlagung, die dem obigen Leitsatz entspricht, in der heutigen Gesellschaft akkzeptiert.

Der Knackpunkt ist natürlich, dass hierbei die Existenz eines Gottes, der zusätzliche Einschränkungen mit einbringt sehr störend ist.
Entweder geht man hin und formt sich diesen Gott dahingehend, dass er mit den Normen der Gesellschaft übereinstimmt.
Oder man steht sich als intoleranter Mensch außerhalb der normen der Gesellschaft.

Gruß
Carlos

Hallo Marion

ähm…also wenn du glaubst, du musst dich mal vor einem Gott
verantworten…naja, dazu kann ich nix sagen…

Hey, ich glaub sogar, daß DU Dich einmal vor Gott verantworten musst :wink:), aber auch dazu musst Du nix sagen…

Aber was das jetzt noch mit „Veranlagung“ zu tun hat, ist mir
nicht klar. Ist der Punkt abgehakt ?

Na ja, DAS war eigentlich die Frage. Wie Carlos korrekt dargestellt hat, gilt in unserer Gesellschaft die Ethik „Wenn alle unmittelbar Beteiligten zustimmen, dann ist das Ausleben einer Veranlagung in Ordnung“.

Mein Hinweis ging dahin - und Du hast ja zugestimmt- daß die Einschränkung auf die unmittelbar Beteiligten ein grosses Problem darstellen kann.
Carlos und Ich würden von Gott her argumentieren und dabei darauf setzen, daß Gott die Langzeitfolgen von scheinbar unproblematischem Verhalten besser überblickt als wir. Aber Leuten, die nicht an Gott glauben kann man so nicht kommen.

Hier denke ich ist das Bewusstmachen von globalen Zusammenhängen wichtig, wenn - fürchte ich - auch nicht ausreichend. Die oben zitierte Ethik ist sehr gefährlich, weil es für die Meisten eine zu grosse Versuchung darstellt, sich auf ihre individuellen Rechte (=Ausleben individueller Veranlagung) zurückzuziehen. Man streitet einfach ab, daß es einen Zusammenhang zwischen dem individuellen Verhalten und den globalen Problemen gibt.

Ich weiss aus der Klemme auch keinen Ausweg, denn die Lösung, die individuellen Rechte zu beschneiden, würde den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Ich will z.B. die sexuelle Freiheit auch nicht missen, aber wie bringt man die Menschen dazu, gegen ihren Egoismus verantwortlich für alle zu handeln?

Gruß
Thomas

Moin Thomas

Hey, ich glaub sogar, daß DU Dich einmal vor Gott verantworten
musst :wink:), aber auch dazu musst Du nix sagen…

Nun ja, bekanntlich darf ja jeder glauben, was er will :smile:

Mein Hinweis ging dahin - und Du hast ja zugestimmt- daß die
Einschränkung auf die unmittelbar Beteiligten ein grosses
Problem darstellen kann.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dem zugestimmt hätte. Falls du dein Beispiel mit AIDS meinst: Wer in der Gegend rumvögelt, ohne sich z.B. vor ansteckenden Krankheiten zu schützen, handelt ganz mittelbar unverantwortlich gegenüber sich selbst und seinem Partner. Da braucht man dann gar nicht weiter über „globale“ Langzeitfolgen nachdenken…nur…was hat dieses Beispiel mit irgendeiner bestimmten Veranlagung zu tun ?

Carlos und Ich würden von Gott her argumentieren und dabei
darauf setzen, daß Gott die Langzeitfolgen von scheinbar
unproblematischem Verhalten besser überblickt als wir.

Dann nenn doch mal bitte in konkretes Beispiel für „scheinbar unproblematisches Verhalten“ was einer Veranlagung entspricht und u.U. schlimme Langzeitfolgen haben könnte, so dass dein Gott es lieber verbietet ?

Aber

Leuten, die nicht an Gott glauben kann man so nicht kommen.

Nö, aber reden kann man doch mit ihnen, oder ? :smile:

Die oben zitierte Ethik ist sehr gefährlich, weil

es für die Meisten eine zu grosse Versuchung darstellt, sich
auf ihre individuellen Rechte (=Ausleben individueller
Veranlagung) zurückzuziehen. Man streitet einfach ab, daß es
einen Zusammenhang zwischen dem individuellen Verhalten und
den globalen Problemen gibt.

Ich verstehe dich immer noch nicht. Wenn jemand nun mal gerne viel rumvögelt (was ich aber nicht unbedingt als besondere Veranlagung ansehen würde) dann soll er es halt verantwortungsvoll machen und sich schützen, dann gibts auch kein Problem, weder individuell noch global.

Ich will z.B. die sexuelle Freiheit

auch nicht missen, aber wie bringt man die Menschen dazu,
gegen ihren Egoismus verantwortlich für alle zu handeln?

Menno, nun nenn doch endlich mal ein konkretes Beispiel für diese „allgemeingefährlichen“ sexuellen Freiheiten, dass man nicht mit Hilfe eines Kondoms lösen könnte ?

Gruss
Marion

Hallo,
Hi Thomas,

Nimm einmal an, du lebtest iun einer Gesellschaft, in der Heterosexualität den Stellenwert hat wie Homosexualität bei uns. Das heißt, du wirst als Mann, der Frauen liebt, beschimpft, gehänselt, verachtet, diskriminiert, man stellt dir in der Gesellschaft den Sessel vor die Tür und sagt dir, dass du mit dieser Veranlagung in die Hölle kommst. Du müsstest eben an dir arbeiten und zusehen, dass du Liebe und Erotik für einen Mann empfindest. Könntest du es?
gruß,
bb

Hallo Thomas,

ja, die Veranlagung ist auf alle Fälle ethisch in Ordnung! Die liegt nämlich nicht in der Verantwortung des einzelnen. Eine Veranlagung hat man einfach. Wir alle haben Veranlagungen. Die einen sind heterosexuell die anderen homosexuell veranlagt usw.

Aufgrund einer Veranlagung sollte man daher niemanden verurteilen. Das ist eindeutig diskriminierend. Es ist das selbe, als würde man sagen, jemand mit dunklerer Hautfarbe (auch eine Veranlagung) ist ein schlechter Mensch.

Die Frage nach der Ethik kann sich daher gar nicht auf Veranlagungen beziehen, sondern immer nur auf Verhaltensweisen.
Verhalten kann man tatsächlich verurteilen, wenn es ethisch nicht korrekt ist.

Und da sind wir dann wieder bei der alten Frage (die hier im Forum auch schon oft diskutiert wurde!), welches Verhalten nun ethisch ist und welches nicht.

Vermutlich wirst du diese Frage aus christlicher Sicht (mit den 10 Geboten oder so) beantworten. Andere betrachten das Problem aus einer anderen Perspektive (z.B. auch ich). Insgesamt muß dann doch wieder ein gesellschaftlicher Konsens gefunden werden.

Und wir alle müssen vermutlich in bestimmten Punkten damit leben, daß dieser Konsens nicht ganz unseren eigenen Vorstellungen entspricht!

Wichtig wäre mir, daß bei der Entscheidung über die Frage, was nun ethisch ist und was nicht, der Mensch im Mittelpunkt steht. Meine ganz persönliche Meinung: ethisch ist ein Verhalten dann, wenn es von Interesse am Wohlergehen meiner Mitmenschen getragen ist. Unethisch ist es dagegen, eigene Bedürfnisse ohne Rücksicht bzw. auf Kosten anderer auszuleben.

Somit wäre aus meiner Sicht Intoleranz unethisch, weil sie die eigenen Bedürfnisse (alles soll nach meinen Vorstellungen laufen) vor das Wohlergehen der anderen (z.B. homosexueller Menschen, die schließlich auch einen Anspruch auf ein glückliches Leben haben) stellt. Unethisch ist natürlich damit auch sexuelles Verhalten, daß anderen schadet. Allerdings kann ich beim besten Willen nicht erkennen, wieso eine homosexuelle Lebensweise irgendjemandem schaden soll.

Viele Grüsse,
Lisa