Hallo Adriana,
Ich denke vor allem an unheilbare und äußerst
schmerzhafte Krankheiten. Wenn man so etwas - wenn auch nur
als Außenstehender - schon einmal miterlebt hat, sieht man die
Dinge vermutlich nicht mehr in einer solchen Radikalität. Ich
kann mir jedenfalls nicht anmaßen, Menschen, die dann den
Selbstmord - bleibt Mord - gehen, zu verurteilen.
ich möchte mir unter keinen Umständen anmaßen, irgendjemand zu verurteilen.
Das Urteil steht allein Gott zu, und sein Urteil ist gerecht.
Und, Gott sei Dank, hat da kein Mensch mitzureden.
Aber ich glaube, dass auch hier die Situation anders gelöst werden könnte. Es ist m.E. völlig unsinnig, Menschen an Maschinen anzuschließen, die das Sterben verunmöglichen, aber ein Leben nicht ermöglichen können. Möglich, dass es sich hier um ein ganz anderes gesellschaftliches Problem handelt. Aber von der religiösen Seite betrachtet, würde ich sagen, dass jene falsch handeln, die dem Menschen das Sterben nicht erlauben, obwohl Gott die Zeit für gekommen ansieht.
Wieviel mehr dürfen wir mit Gottes Hilfe in solchen
Situationen rechnen?
Hoffen dürfen wir immer, und Gott hat uns seinen Beistand auch
zugesagt. Aber schrie nicht auch Jesus am Kreuz Gott anklagend
Zu ‚Warum hast du mich verlassen?‘
Der Schrei Jesu war vermutlich nicht anklagend. Aber der Schmerz muß unvorstellbar gewesen sein. Nur dass hier hinzukommt, dass Jesus in diesem Augenblick die Sündenlast der Welt auf sich nahm. Wir hingegen dürfen die Last unserer Sünde vorher ablegen.
Gottes Beistand ist nicht
immer leicht zu erkennen. Sündigt der, dem es nicht gelingt,
ihn zu spüren?
Sünde bedeutet immer, entgegen seiner Erkenntnis zu handeln. Wer nicht erkennen kann, begeht auch keine Sünde.
Und die Brüder und Schwestern haben eine
Verpflichtung, dem Notleidenden beizustehen.
Da hast du sicher recht. Bei verstärktem Engagement in dieser
Hinsicht wäre sicher die Selbstmordrate vor allem bei
psychisch bedingten Leiden erheblich niedriger. Selbstmord aus
Verlassenheit klagt immer auch diejenigen an, die verlassen
haben.
Genau!
Sehe ich nicht so. Ist es so unmöglich, eine Last nicht mehr
tragen zu können, wenn sie einfach zu schwer geworden ist?
können oder wollen ?
„Gott ist treu, der euch nicht läßt versuchen über euer Vermögen.“ 1.Kor.10,13
Wieso muss Selbstmord = Unzufriedenheit mit Gott sein? Ist
wirklich jedes Leiden von Gott gewollt, von ihm „entschieden“?
Woher wissen wir das?
Eigentlich will Gott gar nicht, dass wir leiden.
Aber es ging nicht um Leiden, sondern um Sterben. Und ich glaube, dass Gott jedem Menschen einen Zeitpunkt zum Sterben festgesetzt hat. Und diesen Zeitpunkt sollen wir weder vorverlegen noch künstlich hinauszögern.
Um den Willen Gottes zu erkennen, bedarf es zwar etwas Übung, ist aber grundsätzlich möglich.
Jesus lässt bei allen Begegnungen mit Menschen diese zunächst
mal sie selbst sein. Dürfen wir nicht auch vor Gott treten,
wenn wir wissen, dass wir seinen Ansprüchen nicht genügen
können? Wer kann vor Gott aus sich heraus bestehen, ohne
seiner Gnade zu bedürfen?
Hier handelt es sich immer um Lebende.
Ich denke, uns steht es nicht zu, Gott ‚in die Karten zu
schauen‘. Wer weiss schon, was Gott mit einem Menschen vorhat,
warum er ihn gerade diesen oder jenen Weg gehen lässt?
Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sein Leben mit dem Willen Gottes abzustimmen.
Der Tod eines
Menschen zum Heil anderer - so fremd ist dieser Gedanke der
Bibel doch nicht, auch wenn das für den Suizid wohl nur in
Einzelfällen zutreffen mag. Wer kann es ausschließen?
Es widerspricht irgendwie dem Gesamtkonzept Gottes.
Aber ich will natürlich kein Urteil abgeben.
Außerdem - ist nicht so gesehen der Selbstmord ein extremes
Beispiel dafür, dass der Mensch von sich eben wirklich nichts
kann, nicht mal leben? Und auch der Gedanke der Abwendung
Gottes von einem Menschen - nicht notwendig zur Strafe - ist
der Bibel geläufig. Einsichten in die Motive haben wir aber
eben nicht.
In den Fällen der Bibel ist das Motiv Gottes schon erkennbar. Meist geschieht es, nachdem der Betreffende wiederholt den Ermahnungen Gottes zuwider gehandelt hat.
Du merkst vielleicht, ich will den Selbstmord nicht
schönreden, aber ich denke, man muss differenzieren. Es gibt
Arten von Selbstmord, die für mich eher wie Symptome einer
Krankheit sind, die das Leben eines Menschen beenden, wie auf
‚natürlichem‘ Wege auch. In diesen Fällen kann ich
vorsätzlichen Mord aus niederen Motiven nicht gleichsetzen mit
Selbstmord, der mir eher wie eine Art Notwehr erscheint. Er
ist und bleibt gegen ein Stück von Gottes Schöpfung gerichtet,
aber ich glaube, dass Gott auch das Heil dieser Menschen will,
die sich ja nicht am Schreibtisch nach nüchterner Abwägung von
Argumenten zu diesem Schritt entschieden haben.
Dem möchte ich gar nicht wiedersprechen.
Nur kann der Mensch sein Heil eben nur bei Lebzeiten finden.
Gruß Harald