Hallo Thomas,
eine traurige Geschichte ist das als Anlaß für diese Frage. Die Lebensironie liegt darin, daß derjenige, auf den Du Dich berufen könntest, um Deine Meinung zu stützen, Ähnliches erlebt und Ähnliches getan hat. Ich meine Prof. John B. Watson, den Urvater des Behaviorismus. Watson hatte nämlich einen Vater, der ähnlich verantwortungslos Watsons Mutter und ihn hat sitzen lassen. Andererseits war Watson selbst Lebemann, mindestens 2mal verheiratet (beides Studentinnen) und hatte Kinder mit beiden Frauen. Die moralische Beurteilung von Watsons Person darf man natürlich nicht mit der seiner wissenschaftlichen Leistungen verwechseln. 
Nun aber zu Deiner Frage: Die Debatte, wie viel vom menschlichen Verhalten oder seiner Persönlichkeit angeboren oder erworben ist, nennt man Erbe-Umwelt-Debatte und ist schon sehr alt. Besagter Watson war auf dem Gebiet ziemlich extrem. Er schrieb das folgende klassische und berüchtigte Zitat in seinem Buch „Behaviorismus“:
„Ich möchte jetzt einen Schritt weiter gehen und sagen: ‚Gebt mir ein Dutzend gesunder, wohlgebildeter Kinder und meine eigene Umwelt, in der ich sie erziehe, und ich garantiere, daß ich jedes nach dem Zufall auswähle und es zu einem Spezialisten in irgendeinem Beruf erziehe, zum Arzt, Richter, Künstler, Kaufmann oder zum Bettler und Dieb, ohne Rücksicht auf seine Begabungen, Neigungen, Fähigkeiten, Anlagen und die Herkunft seiner Vorfahren‘“ (Watson, Behaviorismus, 2. Auflage, S. 123).
Dieses Zitat findet man sehr häufig. Fast gar nicht findet man den anschließenden Satz:
„Ich gehe damit über die Tatsachen hinaus und gebe das auch zu, aber das tun die Vertreter des Gegenteils auch und haben es viele tausend Jahre lang getan“ (Watson, Behaviorismus, 2. Auflage, S. 123).
Damit ist schon der Hinweis gegeben, daß der Standpunkt, daß nur die Umwelteinflüsse das Verhalten und die Persönlichkeit eines Menschen formen, mindestens eine starke Übertreibung darstellt. Falsch ist dann das, was die Sozialwissenschaftlerin Margaret Mead meinte gefunden zu haben, als sie Kulturen von Inselbewohnern z.B. auf Samoa beobachtete. Die Insulaner haben ihr in manchen Dingen einen Bären aufgebunden und Frau Mead hat hauptsächlich das gesehen und geschrieben, was sie als Theorie schon im Kopf hatte, bevor sie überhaupt angefangen hatte mit ihren Beobachtungen: nämlich, daß vererbte Eigenschaften beim Menschen selten sind und keine Rolle spielten. Tragischerweise war dann jahrzehntelang Frau Meads Bild die hauptsächliche Sichtweise in den Sozialwissenschaften.
Mittlerweile ist allerdings klar, daß auch vererbte Eigenschaften beim Menschen eine Rolle spielen. Die ethologische Forschung (Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibesfeldt) hat viel dazu beigetragen, die angeborenen Eigenschaften bei Tier und Mensch herauszuarbeiten. Auch die psychologische Forschung und Vertreter der Vererbungsposition (z.B. Hans-Jürgen Eysenck) haben einiges dazu geleistet: Intelligenz z.B. hat ganz sicher erbliche Anteile.
Zusammenfassend kann man daher heute sagen und das ist die Aussage des sogenannten Interaktionismus, daß menschliche Eigenschaften, Verhaltensweisen und die Persönlichkeit sowohl durch vererbte als auch durch Umweltfaktoren beeinflußt und geformt werden. Beide greifen Hand in Hand in der Entwicklung eines Menschen. Je nachdem, welchen Autor Du liest, wirst Du allerdings eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung finden. Verhaltensbiologen (Ethologen, Soziobiologen) betonen stärker die Position der Vererbung, sozialwissenschaftlich ausgerichtete Psychologen mehr die der Umwelt. Je nach Problemfeld, mit dem sich die Forscher beschäftigen, sind diese Schwerpunktsetzungen auch gerechtfertigt und eine heiße Debatte, wie sie noch vor ca. 10 Jahren stattfand, wenig hilfreich. Der Prof., bei dem ich Allgemeine und Entwicklungspsychologie studiert habe, hatte sinngemäß folgende Formel: „Die Vererbung steckt für ein bestimmtes Merkmal (z.B. Intelligenz) die Grenzen ab, innerhalb derer die Umwelt die Feinabstimmung vornimmt.“ Das ist auch eine Meinung, die man haben kann.
Gruß,
Oliver Walter