'ja, ich hab es grollen gehört.'

Bester Alexander!

Du hast wahrscheinlich, oder sogar sicher Recht,

Dem ist in der Tat so! Die Links von Kreszenz und ein Blick in eine beliebige Grammatik bestätigen dies.

und ich akzeptiere Dein höchstinstanzliches Urteil.

Ich habe auf das Regelwerk hingewiesen, kein Urteil gesprochen und schon gar kein höchstinstanzliches.

Aber auf der anderen Seite beruhigt es mich auch wieder, weil
es mir erklärt, warum ich mich nie in meinem Berufsleben zu
einer Tätigkeit als Beamter im öffentlichen Dienst geeignet
hätte.

Was ich hier lese, lässt mich just das Gegenteil denken.

Ich mag die Sätze nicht: „Die Dienstvorschrift besagt,
…“, „In meinen Vorschriften steht …“ oder „Wir können
nichts machen, wir haben unsere Vorschriften!“

Mir scheint, DU versuchst hier eine einengende Regelung, indem du zwei geleichwertige Varianten als zwei verschiedene Bedeutungen etablieren willst und dies der Allgemeinheit aufdrängst.

Einer Allgemeinheit übrigens, die ihrem „Sprachgefühl“ vertrauend, nahezu jede Narretei und Sprachschluderei mitmacht.
Als da sind: Unnötige Apostophen, durchgehende Kleinschreibung, hässliche Anglizismen, brauchen ohne „zu“ gebrauchen, und was der Albernheiten mehr sind.
Willst du diese „Eigenheiten und Individualismen“ auch unter die Rubrik: unabhängiges Denken und Sprechen bríngen?

Ich glaube nämlich, dass ich meinen Kopf nicht nur dazu habe
damit es mir nicht in den Hemdenkragen regnet.

Zudem trägst du ja auch meist noch einen Hut! :wink:

Beste Grüße Fritz

Lieber Fritz

Mir scheint, DU versuchst hier eine einengende Regelung, indem
du zwei geleichwertige Varianten als zwei verschiedene
Bedeutungen etablieren willst und dies der Allgemeinheit
aufdrängst.

Und genau das bezweifele ich!
Es sind zwei verschiedene Bedeutungen, wenn sie sich auch formal vielleicht unter eine grammatische Regel einordnen lassen. Und nachdem ich nachgeschlagen habe, glaube ich noch nicht einmal das.

Wenn sich zwei unterhalten und folgender Dialog entsteht:
A: "Letzten Mittwoch ist der Kirchturm eingestürtzt. Es war furchtbar! Ich habe ihn zusammenkrachen gesehen!"
B(der zu der Zeit auf Reisen war):"Kein Wunder, bei dem Holzbock-Befall! Das hab ich kommen sehen!"
Das sind eindeutig zwei verschiedene Inhalte! A schildert einen erlebten Sachverhalt, und B fühlt sich in einer Vermutung bestätigt.
Im ersten Satz handelt es sich um die transitive Form des Verbs ‚sehen‘, ‚mit dem Auge wahrnehmen‘. Im zweiten Satz ist es die übertragene, intransitive Form im Sinne von ‚vorausschauen, ahnen‘, wie in ‚Wir werden sehen, ob, …‘ oder ‚Ich will sehen was ich tun kann‘.
Außerdem läß der Duden bei ‚kommen sehen‘, wenn auch selten, ‚kommen gesehen‘ zu. Und das weil es bei substantivisch gebrauchten Verben ohne Artikel oft nicht möglich ist zu entscheiden ob es sich um ein solches, oder den Infinitiv desselben handelt. Daher ist in beiden Fällen Kleinschreibung anzuwenden. Bei substantivisch gebrauchten Verben mit Artikel folgt ohnehin das Partizip II.
Ich bitte um Aüfklärung, ob die beiden o.a. Sätze Deiner Meinung nach immer noch gleichen Inhalt und Aussage haben.

(OT): Wahrheit oder Wissen?

Das Donnern ist lauter als der Blitz, dafür ist der Blitz sehr
viel heller.
So steht es geschrieben.

Es könnte Dir vielleicht nicht schaden, einmal nachzuschauen, wie der Donner entsteht…

Gruß Kubi

Hi Fritz,

Danke, inzwischen bin ich gescheiter, ich habe auch nur den Duden zitiert und bin dabei auf die von Kreszenz genannten Modalverben eingegangen. ADR habe ich nicht mehr. Die hätten mir wohl doch nicht die volle Punktezahl beim Abi in Deutsch geben sollen, wahrscheinlich haben sie’s aus Mitleid getan, weil mein Sprachgefühl total im Eimer ist :smile: Was willst Du auch schon von einem Programmierer erwarten :wink:

Schönen Gruß,
Rudy

Lieber Alexander, bevor ich weiter auf deine Einführungen eingehe, eine Nachfrage!

Im ersten Satz handelt es sich um die transitive Form des
Verbs ‚sehen‘, ‚mit dem Auge wahrnehmen‘. Im zweiten Satz ist
es die übertragene, intransitive Form im Sinne von
‚vorausschauen, ahnen‘, wie in ‚Wir werden sehen, ob, …‘
oder ‚Ich will sehen was ich tun kann‘.

Meinst du wirklich, dass es bei den unterschiedlichen Bedeutungen von sehen einmal um eine „transitive“, das ander Mal um einr intreansitive Verbform handelt?

Fritz

Lieber Alexander, bevor ich weiter auf deine Einführungen
eingehe, eine Nachfrage!

Im ersten Satz handelt es sich um die transitive Form des
Verbs ‚sehen‘, ‚mit dem Auge wahrnehmen‘. Im zweiten Satz ist
es die übertragene, intransitive Form im Sinne von
‚vorausschauen, ahnen‘, wie in ‚Wir werden sehen, ob, …‘
oder ‚Ich will sehen was ich tun kann‘.

Meinst du wirklich, dass es bei den unterschiedlichen
Bedeutungen von sehen einmal um eine „transitive“, das
ander Mal um einr intreansitive Verbform handelt?

Lieber Fritz, wenn Du so fragst muß ich das genau erklären:
In meiner dicken Schwarte ‚Das deutsche Wort‘ heißt es ‚sehen, transitiv, ist die Sinneswahrnehmung mit dem Auge. ‚sehen‘ in der übertragenen Form ist ahnen, vermuten, vorausschauen.‘ Dann folgen die Beispiele. Daraus habe ich geschlossen, dass die zweite Form nicht transitiv ist. Wenn dem nicht so ist, habe ich mich getäuscht.
Aber hat das was mit dem unterschiedlichen Sinngehalt der Sätze zu tun?
Gruß Alexander

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Lieber Fritz, wenn Du so fragst muß ich das genau erklären:

In meiner dicken Schwarte ‚Das deutsche Wort‘ heißt es 'sehen, transitiv,
Aber hat das was mit dem unterschiedlichen Sinngehalt der Sätze zu tun?

Grüß dich Alexander!

Die Bemerkung „transitiv“ bezieht sich ganz offensichtlich auf den gesamten Artikel. Da es aber keine intransitive Form ist der Hinweis überflüssig; deshalb findet er sich z. B. im Großen Duden erst gar nicht.

Der Unterschied ist „konkrete“ und „übertragene“ Bedeutung.

Und dieser ist nicht von den grammatischen Kriterien abhängig, sondern vom Kontext.

Die von dir angegebenen Sätze

Wenn sich zwei unterhalten und folgender Dialog entsteht:
A: „Letzten Mittwoch ist der Kirchturm eingestürtzt. Es war furchtbar! Ich habe ihn zusammenkrachen gesehen!“
B(der zu der Zeit auf Reisen war):„Kein Wunder, bei dem Holzbock-Befall! Das hab ich kommen sehen!“
Das sind eindeutig zwei verschiedene Inhalte! A schildert einen erlebten Sachverhalt, und B fühlt sich in einer Vermutung bestätigt.

Das ist korrekt wieder gegeben. Nur: Du könntest ebensogut schreiben - und es wäre genauso richtig -:

A: „Letzten Mittwoch ist der Kirchturm eingestürtzt. Es war furchtbar! Ich habe ihn zusammenkrachen sehen!“

„Kein Wunder, bei dem Holzbock-Befall! Das hab ich kommen gesehen!“

Erst der Kontext macht das eine „sehen“ zur unmittelbar, konkreten optischen Wahrnehmung und das andere „sehen“ zum „ahnen, vorhersehen, im Voraus wissen“.

Da bei beiden Sätzen bei dem Verb „sehen“ ein Infinitiv steht, gilt diese Aussage aus Kreszenz zweitem Link:

_Bei einigen Verben wird das Partizip Perfekt in den zusammengesetzten Zeiten durch den Infinitiv Präsens ersetzt, wenn es unmittelbar nach einem Infinitiv steht:

Meistens bei heißen, lassen, sehen
Sie hat mich kommen heißen. selten: kommen geheißen
Ich hatte den Schlüssel zu Hause liegen lassen. selten: liegen gelassen
Du habest ihn wegfahren sehen. selten: wegfahren gesehen_

Ich hoffe, das genügt dir. :wink:

Das Problem gibt es bei Franzens Sätzen z. B. gar nicht, da er bei „sehen“ nur Akkusative stehen hat; ein mal das Nomen: der Donner und dannnmal den substantivierten Infinitiv, der eben auch ein Nomen ist. Darum heißt es bei ihm stets „… habe den Donner / Donnern gehört.“

„Sehen“ und „hören“ werden eben gleich konstruiert.

Und beste Grüße
Fritz

Es könnte Dir vielleicht nicht schaden, einmal nachzuschauen,
wie der Donner entsteht…

Hallo, Kubi,
wenn Fritz grollt, gibt’s ein Donnerwetter. Da hilft auch kein Nachschauen.

Das ist korrekt wieder gegeben. Nur: Du könntest ebensogut
schreiben - und es wäre genauso richtig -:

A: „Letzten Mittwoch ist der Kirchturm eingestürtzt. Es war
furchtbar! Ich habe ihn zusammenkrachen sehen!“

„Kein Wunder, bei dem Holzbock-Befall! Das hab ich kommen
gesehen!“

Erst der Kontext macht das eine „sehen“ zur unmittelbar,
konkreten optischen Wahrnehmung und das andere „sehen“ zum
„ahnen, vorhersehen, im Voraus wissen“.

Da bei beiden Sätzen bei dem Verb „sehen“ ein Infinitiv steht,

gilt diese Aussage aus Kreszenz zweitem Link:

Ich hoffe, das genügt dir. :wink:

Aber ja, lieber Fritz, für mich ist die Welt damit wieder in Ordnung und mein ‚Sprachgefühl‘ hat mich nicht getäuscht.
Aber eine Anmerkung habe ich trotzdem noch, die mir erst beim Studium der Regel so richtig bewusst wurde. Wenn jemand die beiden gesprochenen Sätze hört:
„Ich habe Glocken läuten gehört“ (grammatikalisch falsch) und
„Ich habe Glockenläuten gehört“ (gr. richtig), wie kann er heraushören wo der Infinitiv von ‚läuten‘ steht? Das ist nämlich genau der Fall wo der Duden meint es lasse sich oft nicht definieren ob ein Infinitiv vorliegt!
Und wenn nun jemand behauptet es drehe sich ihm bei beiden Sätzen der Magen um wegen so falschem Deutsch, dann wehre ich mich gegen die Unterstellung von ‚grammatikalischen Schwächen‘ wenn ich beide, (gesprochenen!) Varianten als richtig zulasse.
So, für mich war es das jetzt.
Gruß Alexander.

Hallo,

ich bin deiner Meinung Christopher.
Sprache mag zwar Regeln haben, aber diese ändern sich eben auch, auch wenn es für manche schmerzlich ist. Ich bin auch kein Freund von Änderungen wie Wegen + Dativ, weil + Hauptsatz usw. Wenn aber im Laufe der Zeit synonyme Strukturen oder Wörter einen Bedeutungsunterschied bekommen, dann ist es eben so. Ein Blick in etymologische Wörterbücher würde zeigen, wie stark sich Bedeutungen eineiger Wörter gewandelt haben.
Im Falle dieser grammatischen, oder für Fritz auch grammatikalischen, Struktur würde ich es als Bereicherung betrachten, wenn sich z.B. bei sehen ein Bedeutungsunterschied zwischen dem realen und übertragen Sinn entwickelt (Oder Sinne? Schließlich war da ja mal ein E als Flexionsendung.)

lg michael

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Zweiflern an diesem Satz:

Es gibt kein „Sprachgefühl“, sondern nur Regeln.
Allenfalls gibt es Talent,
mit sprachlichen Regeln eher zurecht zu kommen als mit
mathematischen oder so.

bitte ich darüber nachzudenken:

  • Seit wann habt ihr ein Sprachgefühlr?
  • Wie habt ihr dieses Sprachgefühle erworben?
  • Ist euer Sprachgefühl unfehlbar?
  • Sagt euch euer Sprachgefühl nur, was falsch ist oder gibt es gleich an, was richtig ist?
  • Was geschieht, wenn euer Sprachgefühl sich irrt?

… sei zur Lektüre dieser kurze Abschnitt von John Lyons aus „Die Sprache“ (1983) empfohlen. Dem zitierten Textteil geht eine allgemeine Betrachtung über die Problematik der wissenschaftlichen Datengewinnung voraus:

„An dem Terminus ‚Intuition‘ haften gewisse, recht unglückliche Alltagsassoziationen. Wenn man von den Intuitionen spricht, die ein Sprecher in bezug auf seine Muttersprache hat, meint man nur seine spontanen und ungeschulten Urteile über die Akzeptabilität oder Nicht-Akzeptabilität von Äußerungen, die Äquivalenz oder Nicht-Äquivalenz von Äußerungen usw. Es gab einmal eine Zeit, in der einige Linguisten meinten, es sei im Prinzip möglich, der Notwendigkeit, solche intuitiven Urteile immer von muttersprachlichen Sprechern erfragen zu müssen, zu entgehen, indem man einfach ein genügend umfangreiches Korpus von natürlich vorkommenden Daten sammelt und einer ausführlichen und systematischen Analyse unterzieht. Heutzutage vertreten nur noch sehr wenige Linguisten diesen Standpunkt. Es ist klar geworden, daß viele natürlich vorkommende Äußerungen aus Gründen, die, linguistisch gesehen, irrelevant sind, nicht-akzeptabel sind, und auch, daß kein Materialkorpus, wie groß es auch sein mag, Beispiele für jede Art möglicher Äußerungen enthalten wird.“

Im Folgenden lässt er sich über die Umstrittenheit der Verwendung von intuitiven Äußerungen bzw. gewisse hinlänglich bekannte Schwierigkeiten aus, z. B. die Zuverlässigkeit der Urteile betreffend, um dennoch zu der Ansicht zu gelangen, auf intuitive Urteile könne nicht verzichtet werden. Er schreibt weiter:

„In unserer Gesellschaft ist die Meinung weit verbreitet, oder war es doch bis vor kurzem, daß mit Sprachwandel notwendigerweise ein Verfall oder eine Korruption der Sprache einhergehen. Diese Ansicht ist nicht haltbar. Alle Sprachen unterliegen einem Wandel. Das ist eine Erfahrungstatsache. […] Doch man verfügt über hinreichende Kenntnisse – und dies nicht erst seit kurzem, sondern bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts –, daß jedem vorurteilslosen Betrachter des Sprachwandels klar sein muß, daß jeder Veränderung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt als Verfallserscheinung eines traditionellen Sprachgebrauchs verurteilt wird, eine frühere Veränderung der gleichen Art entspricht, die genau den Gebrauch erst hervorbrachte, den die Traditionalisten nun als unverrückbar korrekt hinstellen. […] Für die Sprache gibt es keine absoluten Normen der Korrektheit.“

Das beantwortet sicher nicht alle deiner Fragen, die mir teilweise rein rhetorischen Zwecken zu dienen scheinen. Ich finde die von Lyons vertretenen Positionen samt und sonders nachvollziehbarer und nicht zuletzt wissenschaftlicher, als Regeln zum Nonplusultra zu erklären, deren Form und Inhalt oft fraglich oder willkürlich erscheinen. Wenn in einem Wörterbuch X als korrekte Übersetzung von Y definiert ist, sich aber kein Sprecher dieser Variante bedient, halte ich es für hilfreich, anzugeben, „Wörterbuch ABC gibt Y als mit X übersetzbar an“ statt „X = Y“. Nach demselben Prinzip erscheint mir „Q widerspricht der von R definierten Regel S“ oder „Q widerspricht der im Land T gängigen Verwendung“ sinnvoller als „Q ist falsch“.

Gruß
Christopher

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Rhetorik ja, aber als forensische Kunst!

Das beantwortet sicher nicht alle deine Fragen, die mir teilweise rein rhetorischen Zwecken zu dienen scheinen.

Bedauerlicherweise wird dadurch keine einzige Frage beantwortet, was mich nicht wundert. Vielmehr wird gegen Chimären argumentiert.

Was rhetorisch – und zwar im schlecht gewordenen Wortsinne, nämlich Spiegelklopffechterei um des Widerspruches willen – ist, kann man an dieser Antwort und an den Zitaten von Lyons, die die fragliche Frage nicht berühren, sehr gut sehen. Sie tragen nichts zur anstehenden Frage bei, sondern sollen wohl bloß mit ihrem Wortwust den Eindruck geballten Wissens und höchster Wahrheit entstehen lassen.

Es geht doch um die Frage, was Sprachgefühl sei und was es leisten könne.

Dazu habe ich Barneys treffenden Satz zitiert. Bisher wurde nur widersprochen und bezweifelt, aber das reicht nicht. Man muss ihn mit Argumenten widerlegen. Da das aber nicht möglich ist, angesichts seiner Wahrheit, bleibt also nur zu versuchen, ihn madig zu machen, indem man dort gar nicht Gesagtes scheinbar widerlegt.

Aus dem Satz ergibt sich, dass das Sprachgefühl kein Gefühl, keine angeborene Instinktfähigkeit des Stammhirns ist, sondern eine vom Großhirn zu erbringende Leistung. Es ist die Fähigkeit, sicher und richtig und auch frei und spielerisch mit den – vorher gelernten und zu lernenden – Regeln der Sprache umzugehen. Eine zu erlernende, dann aber im bestmöglichen Falle mit schlafwandlerischer Sicherheit arbeitende Fähigkeit, die Richtigkeit eines sprachlichen Aktes zu erkennen und solche auch hervorbringen zu können.

So wie ein Fußballer wie Kaltz eine Bananenflanke schlagen konnte, ohne mathematisch-physikalische Berechnungen anstellen zu müssen, sondern einfach auf Grund jahrelangen Trainings, wöchentlicher Praxis und täglicher Übung, so kann ein mit dem richtig verstandenem, intellektuell gebildeten und dennoch scheinbar unbewusst agierenden Sprachgefühl – ich würde lieber Sprachbewusstsein sagen – ausgestatteter Sprachteilnehmer stets sagen, was richtig ist und richtig handeln.

Der Umgang mit der Regel muss also nicht stets mit vollem Bewusstsein und mit ständiger Überprüfung vor sich gehen. Langjährige Übung und Praxis und sei es nur durch Nachahmung der Praxis anderer, die die Regeln fehlerfrei beherrschten, zeitigt dasselbe Ergebnis.

Aber diese Regeln müssen irgendwann einmal gelernt und übernommen werden bzw. gelernt und übernommen worden sein. Und das geschieht entweder explizit und ausdrücklich durch Grammatikregeln im Sprachunterricht oder eben implizit und und durch Nachahmung.

Ich vermute und habe viele Belege dafür in meiner Praxis als Lehrer gefunden, dass bei den meisten das explizite Lernen heutzutage nach dem Besuch der Schule, bzw. nach Beendigung der Ausbildung endet und die meisten ziehen mit diesen oft recht magerem Sprachfundus zufrieden und unbelastet dem Grab entgegen.

Die Aversion gegen Reformen, die ich noch nie teilte und die ich stets anging – weshalb ich auch den zweiten Teil des Zitates nun aber auch gar nicht verstehe –, also gegen Regeländerungen, dürfte daher rühren; denn diese zwingen ja zum Umlernen, zum bewussten Umlernen, zum Aufgeben alter und vertrauter Gewohnheiten und man muss das auch noch üben.

Dies oben angesprochene nur implizite, unbewusste Wissen ist auch der Grund dafür, dass nahezu jedermann die herrliche Sprachverhunzung der VH: „Da werden Sie geholfen!“ sofort als fehlerhaft erkennt. Auch kann jeder sofort die richtige Formulierung nennen. Aber die Zahl derer, die erklären können, warum es falsch ist und die Regel dazu angeben, ist sehr gering. Ich habe das gestern und heute erfragt. Zwanzig Berufsschüler und fast ebenso viele Teilnehmer an einem Trainingskurs der AfA konnten sofort sagen, dass es falsch ist, wie es richtig heißt, aber keiner konnte es erklären.

Das macht: Die lebenslange Praxis, anfangs von der Belehrung der Eltern und Lehrer begleitet, ebenso durch immer wieder erfolgende Korrektur und den Hinweis, wie es richtig heißen muss, wird von den Muttersprachlern übernommen und gespeichert und dem Kopfschatz beigegeben wie das Radfahren etwa, das man ja auch nicht mehr verlernt.
Und wenn man nicht aufhört, gute Bücher zu lesen und nicht nur die Bildzeitung liest, mit intelligenten Leuten zu reden und nicht nur Fernsehshows anschaut, erhält sich diese Fähigkeit und wird auch die Änderung des Sprachschatzes – etwa von Kinder zu Gören zu Kidds – und der Grammatik – so etwa weil mit HS, brauchen ohne zu – mitvollziehen können.

Es bedarf aber einiger Arbeit, Mühe und Anstrengung, diese internalisierte Regelwerk bewusst zu erkennen, es im Ganzen zu erfassen, um es dann auch erklären zu können.

Dann kann man auch sagen, warum der Satz „Da werden Sie geholfen!“ falsch ist. Und man sieht ein, warum die Einwände gegen Barneys Satz obsolet sind.

Fritz

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Und man sieht ein, warum die Einwände gegen Barneys Satz obsolet sind.

Du hättest auch etwas knapper schreiben können, dass du an deinem Sätzchen gerne festhalten möchtest, wenngleich du mir Recht gibst. Aber dann wärst du nicht Fritz. Ist ja okay.

Gruß
Christopher

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Eine Frage des Vorstellungsvermögens!
So, Christopher,

jetzt ist aber „genug Heu unten“! Sorry, so sagt mein Sprachgefühl, wenn ich habe genug von

„dummes Zeug“

Mit deiner Argumentation schießt du weit über das Ziel hinaus.

Wenn ein Großteil einer befragten Menschengruppe meinte, die
Sätze „Ich habe den Tsunami kommen sehen!“ und „Ich habe den
Tsunami kommen gesehen!“ seien semantisch verschieden, ist das
vom Informationsgehalt für mich nicht weniger wert als die
formale Betrachtung.

Der Punkt ist: Es liegt nicht die Meinung eines Großteils einer Menschengruppe vor, sondern die Meinung einer einzelnen Person, die auf deren Sprachgefühl beruht. Diese Meinung ist natürlich auch ernst zu nehmen und darf diskutiert werden, aber sie ist erst dann genauso viel wert wie die formale Betrachtung, wenn sie - wie du sagst - auch von einem Großteil einer Menschengruppe geteilt wird. Erst dann
wäre deine Kritik berechtigt, denn dann ginge es darum, ob man aus dieser Ansicht eine allgemeingültige Regel machen will oder nicht. Aussagen wie diese

Wenn du nur mit Regeln handelst, erfasst du den kleineren,
weniger interessanten, unbelebten Teil jeglicher Sprache.

Es gibt meines Erachtens kein Regelwerk, das die Wort-
und Satzbildungsmechanismen einer Sprache vollständig erfasst.

_> […] mit Sprachwandel notwendigerweise ein Verfall oder

eine Korruption der Sprache einhergehen._

stehen eigentlich gar nicht zur Diskussion und werden auch durch Fritzens Zitat nicht in Frage gestellt. Und apropos:

Ist ein Satz akzeptabel, der regelgerecht gebildet ist, aber
von einem Großteil einer Sprechergemeinschaft nicht verstanden wird?

Gibt es diesen Fall überhaupt?

Zudem:

Wenn in einem Wörterbuch X als korrekte Übersetzung von Y
definiert ist, sich aber kein Sprecher dieser Variante bedient,
halte ich es für hilfreich, anzugeben, „Wörterbuch ABC gibt Y
als mit X übersetzbar an“ statt „X = Y“. Nach demselben
Prinzip erscheint mir „Q widerspricht der von R definierten
Regel S“ oder „Q widerspricht der im Land T gängigen
Verwendung“ sinnvoller als „Q ist falsch“.

So dürfte man dann bestimmt auch sagen: Das Sprachgefühl von A irrt, weil es den den allgemeingültigen Regeln in X, Y, Z widerspricht.

Ach, und übrigens:

Regeln […], deren Form und Inhalt oft fraglich oder
willkürlich erscheinen.

Soweit ich das beurteilen kann, findet man „willkürliche“ Regeln höchstens im Rahmen der NDR, und dann sind sie z.B. orthografischer Natur. Man bewegt sich dabei also auf der „signifiant“-Ebene, wo semantische Diskussionspunkte ohnehin nicht von Bedeutung sind.

Und nun zu deinem „wissenschaftlichen“ Text von Lyons. Die Formulierungen sind schwammig und verbergen oft inhaltliche Widersprüche:

"[…] dass viele natürlich vorkommende Äußerungen aus Gründen,
die, linguistisch gesehen, irrelevant sind, nicht-akzeptabel
sind, und auch, daß kein Materialkorpus, wie groß es auch sein
mag, Beispiele für jede Art möglicher Äußerungen enthalten wird.“

Genau deshalb gibt es ja Regeln, damit es nicht nötig ist, einen Materialkorpus zu erstellen, der jede Art möglicher Äußerungen enthält! Ausserdem gibt es keine Äußerungen, die linguistisch gesehen irrelevant sind.

Zur Erinnerung: Ein wissenschaflticher Text ist objektiv, transparent, präzis; verwendet keine konnotierten Wörter („unglückliche“, „meint“), subjektive Adjektive („spontan“), Indefinitpronomen („einige“), absolute Formulierungen („nur“),
Abtönungspartikeln („einfach“), verzichtet auf unbegründete Behauptungen und klingt nicht wie ein Märchen: „Es gab einmal eine Zeit, in der einige Linguisten meinten, …“. Du hast es hier im besten Fall mit einem Essay zu tun.

Du kannst so etwas nachvollziehen, Fritzens Erläuterungen zu Barneys Satz jedoch nicht? Machst du denn nicht auch die Erfahrung, dass sich dein Sprachgefühl beim Erlernen einer Fremdsprache mit jeder neuen Regel und Vokabel weiterentwickelt, dass es sich dabei schon x-tausend mal geirrt hat, und sich als Folge der Korrektur bzw. der Einsicht schließlich immer wieder angepasst hat, dass das Ganze einen Lernprozess bildet bzw. der Erwerb einer Fähigkeit, die der eine besser beherrscht, der andere weniger gut - und zwar entweder aus Gründen des Talents oder der Praxis?

Gruß
Benjamin

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Seltsam!

Du hättest auch etwas knapper schreiben können, dass du an
deinem Sätzchen gerne festhalten möchtest,

Wenn nur das bei dir ankommt, hast du die Argumentation gar nicht ernst genommen.

wenngleich du mir Recht gibst.

Noch seltsamer! Wie lebt es sich im Paralleluniversum?