Rhetorik ja, aber als forensische Kunst!
Das beantwortet sicher nicht alle deine Fragen, die mir teilweise rein rhetorischen Zwecken zu dienen scheinen.
Bedauerlicherweise wird dadurch keine einzige Frage beantwortet, was mich nicht wundert. Vielmehr wird gegen Chimären argumentiert.
Was rhetorisch – und zwar im schlecht gewordenen Wortsinne, nämlich Spiegelklopffechterei um des Widerspruches willen – ist, kann man an dieser Antwort und an den Zitaten von Lyons, die die fragliche Frage nicht berühren, sehr gut sehen. Sie tragen nichts zur anstehenden Frage bei, sondern sollen wohl bloß mit ihrem Wortwust den Eindruck geballten Wissens und höchster Wahrheit entstehen lassen.
Es geht doch um die Frage, was Sprachgefühl sei und was es leisten könne.
Dazu habe ich Barneys treffenden Satz zitiert. Bisher wurde nur widersprochen und bezweifelt, aber das reicht nicht. Man muss ihn mit Argumenten widerlegen. Da das aber nicht möglich ist, angesichts seiner Wahrheit, bleibt also nur zu versuchen, ihn madig zu machen, indem man dort gar nicht Gesagtes scheinbar widerlegt.
Aus dem Satz ergibt sich, dass das Sprachgefühl kein Gefühl, keine angeborene Instinktfähigkeit des Stammhirns ist, sondern eine vom Großhirn zu erbringende Leistung. Es ist die Fähigkeit, sicher und richtig und auch frei und spielerisch mit den – vorher gelernten und zu lernenden – Regeln der Sprache umzugehen. Eine zu erlernende, dann aber im bestmöglichen Falle mit schlafwandlerischer Sicherheit arbeitende Fähigkeit, die Richtigkeit eines sprachlichen Aktes zu erkennen und solche auch hervorbringen zu können.
So wie ein Fußballer wie Kaltz eine Bananenflanke schlagen konnte, ohne mathematisch-physikalische Berechnungen anstellen zu müssen, sondern einfach auf Grund jahrelangen Trainings, wöchentlicher Praxis und täglicher Übung, so kann ein mit dem richtig verstandenem, intellektuell gebildeten und dennoch scheinbar unbewusst agierenden Sprachgefühl – ich würde lieber Sprachbewusstsein sagen – ausgestatteter Sprachteilnehmer stets sagen, was richtig ist und richtig handeln.
Der Umgang mit der Regel muss also nicht stets mit vollem Bewusstsein und mit ständiger Überprüfung vor sich gehen. Langjährige Übung und Praxis und sei es nur durch Nachahmung der Praxis anderer, die die Regeln fehlerfrei beherrschten, zeitigt dasselbe Ergebnis.
Aber diese Regeln müssen irgendwann einmal gelernt und übernommen werden bzw. gelernt und übernommen worden sein. Und das geschieht entweder explizit und ausdrücklich durch Grammatikregeln im Sprachunterricht oder eben implizit und und durch Nachahmung.
Ich vermute und habe viele Belege dafür in meiner Praxis als Lehrer gefunden, dass bei den meisten das explizite Lernen heutzutage nach dem Besuch der Schule, bzw. nach Beendigung der Ausbildung endet und die meisten ziehen mit diesen oft recht magerem Sprachfundus zufrieden und unbelastet dem Grab entgegen.
Die Aversion gegen Reformen, die ich noch nie teilte und die ich stets anging – weshalb ich auch den zweiten Teil des Zitates nun aber auch gar nicht verstehe –, also gegen Regeländerungen, dürfte daher rühren; denn diese zwingen ja zum Umlernen, zum bewussten Umlernen, zum Aufgeben alter und vertrauter Gewohnheiten und man muss das auch noch üben.
Dies oben angesprochene nur implizite, unbewusste Wissen ist auch der Grund dafür, dass nahezu jedermann die herrliche Sprachverhunzung der VH: „Da werden Sie geholfen!“ sofort als fehlerhaft erkennt. Auch kann jeder sofort die richtige Formulierung nennen. Aber die Zahl derer, die erklären können, warum es falsch ist und die Regel dazu angeben, ist sehr gering. Ich habe das gestern und heute erfragt. Zwanzig Berufsschüler und fast ebenso viele Teilnehmer an einem Trainingskurs der AfA konnten sofort sagen, dass es falsch ist, wie es richtig heißt, aber keiner konnte es erklären.
Das macht: Die lebenslange Praxis, anfangs von der Belehrung der Eltern und Lehrer begleitet, ebenso durch immer wieder erfolgende Korrektur und den Hinweis, wie es richtig heißen muss, wird von den Muttersprachlern übernommen und gespeichert und dem Kopfschatz beigegeben wie das Radfahren etwa, das man ja auch nicht mehr verlernt.
Und wenn man nicht aufhört, gute Bücher zu lesen und nicht nur die Bildzeitung liest, mit intelligenten Leuten zu reden und nicht nur Fernsehshows anschaut, erhält sich diese Fähigkeit und wird auch die Änderung des Sprachschatzes – etwa von Kinder zu Gören zu Kidds – und der Grammatik – so etwa weil mit HS, brauchen ohne zu – mitvollziehen können.
Es bedarf aber einiger Arbeit, Mühe und Anstrengung, diese internalisierte Regelwerk bewusst zu erkennen, es im Ganzen zu erfassen, um es dann auch erklären zu können.
Dann kann man auch sagen, warum der Satz „Da werden Sie geholfen!“ falsch ist. Und man sieht ein, warum die Einwände gegen Barneys Satz obsolet sind.
Fritz