Jenseitsglaube der ägyptischen Kleinbürger

Hallo Altägyptenkundige!

Ich stelle meine Frage hier, weil es eher ein historisches Thema ist als eins von Glaube und Ethik.

Die Jenseitsvorstellungen „der Ägypter“ und die damit im Zusammenhang stehenden Aufwendungen sind allgemein bekannt. Wer waren aber diese Ägypter? Pharaonen, hohe Staatsbeamte, reiche Kaufleute - von den Kleinbürgern ist in diesem Zusammenhang nie die Rede. Welche Jenseitsvorstellungen hatten aber die Normalbürger, die Armen und die Sklaven, also alle, die sich wohl nichr einmal eine Mummifizierung zur Erhaltung ihrer Körper leisten konnten als Grundbedingung für ein jenseitigen Lebens?

Es ist wohl kaum anzunehmen, dass sich die Bevölkerungsmehrheit mit dem Nichts abfinden konnte während sie für die Großkopferten malochen mußten um ihnen auch im Jenseits einen schönen Lentz zu verschaffen. Die Religionen versprechen in der Regel eine Chance auf Ausgleich im Jenseits für erlittene irdische Ungerechtigkeiten. Um nicht eine „Neiddebatte“ unter den unteren Ständen auszulösen, mußte ihnen die altägyptische Gesellschaft wohl auch eine Jenseitsrolle zugewiesen haben, oder?

Danke für Eure Hinweise.

Wolfgang D

Tod als Fortführung des bisherigen Lebens

Hallo, Wolfgang

Vielleicht hilft dir dieser Text weiter:
„In der Vorstellung der alten Ägypter ist der Tod weder das Ende
aller Dinge, noch führt er zu einem kärglichen Dasein in einem
Schattenreich, sondern er bildet gleichsam die Fortführung des
bisherigen auf Lebensfreude angelegten Lebens mit anderen
Mitteln. …“
http://publicrelations.unibe.ch/unipress/heft118/bei…

Wie es allerdings die jungen Ägypter hielten, habe ich (noch) nicht
herausgefunden.

Gruss

Rolf

Hallo, Wolfgang

Vielleicht hilft dir dieser Text weiter:
„In der Vorstellung der alten Ägypter ist der Tod weder das
Ende
aller Dinge, noch führt er zu einem kärglichen Dasein in einem
Schattenreich, sondern er bildet gleichsam die Fortführung des
bisherigen auf Lebensfreude angelegten Lebens mit anderen
Mitteln. …“
http://publicrelations.unibe.ch/unipress/heft118/bei…

Wie es allerdings die jungen Ägypter hielten, habe ich (noch)
nicht
herausgefunden.

Hallo Rolf,
danke für Deinen Beitrag. Aber auch da ist auch nur von den religiösen Gebräuchen die Rede, die sich ausschließlich eine wohlhabende Oberschicht leisten konnte. Die Mehrzahl der Alten Ägypter konnte sich wohl keine Einbalsamierung leisten geschweige denn eine Mastaba und die sonstigen Rituale, damit war für sie ein jenseitiges Leben ausgeschlossen, oder haben sie sich irgendwie anders beholfen?

Wolfgang D.

Hallo Wolfgang,
in der sehr ausführlichen und instruktiven Einführung Gregoire Kolpaktchys zu seiner Übersetzung des ägyptischen Totenbuches findet sich folgende Aussage:

_"Im Besitz einer uralten esoterischen Überlieferung und zahlreicher gut organisierter Einweihungsstätten, wähnte der Ägypter des Altertums den Tod meistern zu können. Die Eingeweihten arbeiteten eine Technik aus, welche, wie sie glaubten, den Verstorbenen in den Stand setzte, seine jenseitige Existenz nach seinem Willen zu gestalten. Dieses geheimnisvolle Vorrecht gehörte allerdings zuerst den Königen, wovon die Pyramidentexte der V. und VI. Dynastien (2500 v. Chr.) ein Zeugnis ablegen. Etwas später, gegen Ende des alten Reichs, infolge der Umstürze sozialer, politischer und religiöser Art (deren Widerhall bis zu uns gekommen ist) wurden die religiösen Mysterien „verraten“. Eine Revolution, die wir geneigt wären als eine Art religiösen Kommunismus zu betrachten, brach aus. Von nun an besaß jedermann das Recht an den Mysterien teilzunehmen und der jenseitigen Güter teilhaftig zu werden; ein einfacher Sterblicher wurde zum „König“ und zum „Gott“ nach dem Tode, unter der Bedingung allerdings, daß er die Formeln und die „Machtsprüche“ besaß.

Seit dem Beginn der XI. Dynastie (2000 v. Chr.) verbreitete sich der Brauch der magischen Inschriften, zuerst auf den Sarkophagwänden, später auf den Papyrusrollen, die man im Innern des Sarges unterbrachte."

zitiert nach:

Ägyptisches Totenbuch
Übersetzt und kommentiert
von Gregoire Kolpaktchy
O. W. Barth Verlag, 5. Auflage 1976
S. 11f_

Kolpaktchys Übersetzung (das Original erschien 1954 auf französisch bei Omnium Littéraire Paris, eine deutsche Übersetzung erstmals 1970) ist nach wie vor auf dem Markt. Die jüngste Ausgabe ist vom September diesen Jahres (ISBN 3502611718 Buch anschauen).

Nähere Hinweise kann ich leider nicht geben; wie man am Alter der von mir benutzten Ausgabe sieht, ist meine Beschäftigung mit altägyptischer Geschichte und Religion schon ein par Jährchen her …

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo Wolfgang,
Einbalsamierung und Kauf einer Begräbnisstätte war sicher kostspielig - das ist es heute noch. Der Stellenwert dieser Dinge war allerdings ein ganz anderer, und somit war ein ägyptischer „Kleinbürger“ durchaus bereit, für seine nachtodliche Existenz eine finanzielle Belastung auf sich zu nehmen, wie es heute etwa jemand tut, der sich ein Haus baut. Es musste ja nicht gleich eine Mastaba sein - und bei der Einbalsamierung gab es deutliche Qualitäts-(und mithin vermutlich auch Preis-)Unterschiede. Entscheidend (wie vielleicht durch mein anderes Posting deutlich geworden) war neben der Erhaltung des Körpers weniger der Luxus der Begräbnisstätte als die Kenntnis der notwendigen Riten und magischen Formeln.

Die ‚Bestattungsindustrie‘ war ein wirtschaftlich äußerst bedeutender Sektor, sowohl was den Anteil am Bruttosozialprodukt als auch Anzahl der Beschäftigten angeht (was beides freilich nur äußerst grob geschätzt werden kann). Man kann sich vorstellen, dass versucht wurde, neue Kundenschichten mit erschwinglichen Angeboten zu gewinnen. Wenn die Mumie dann gerade mal 50 oder 70 Jahre hielt - wer würde einen dann auf Schadensersatz verklagen? Und eine ‚Stiftung Warentest‘ hatten die alten Ägypter ja auch nicht … :wink:

Freundliche Grüße,
Ralf