Liebe Christiane,
die Frage ist in der Tat ziemlich interessant, schließlich gabs im Mittelalter jahrhundertelang Kriege, die mindestens angeblich um den Zugang der Christen (oder mindestens von Menschen, die sich dafür hielten) zu den „heiligen Stätten“ in Jerusalem geführt wurden. Mein Senf dazu geht so:
Alle, die ich kenne, die als Christen aus mehr oder weniger religiösen Gründen nach Jerusalem gereist sind, berichteten übereinstimmend (und klangen dabei leicht verunsichert), dass die Fülle der christlichen Denominationen, die in Jerusalem mit Kirchen und Kapellchen irgendwie „anwesend“ sind, sie doch überrascht und überwältigt hat. Will sagen: die pauschale Bezeichnung „Christen“ hilft hier wenig weiter, die AUffasung der „Bedeutung Jerusalems“ differiert zwischen den einzelnen Bekenntnissen sehr stark - und innerhalb dieser BEkenntnisse nochmals. Natürlich wird es also immer irgendwelche Leute geben, die die eine oder andere Bedeutung oder Nícht-Bedeutung behaupten. Und irgendwie finden die auch immer wieder eine irgendwie logische BEgründung dafür. Also: in der Religion gibt es solche Fixpunkte leider nicht, das ist ja sowieso die große Schwierigkeit.
Meine Meinung dazu ist folgende: der GEdanke, dass ein bestimmter Ort heilig sein könnte, stammt aus den Naturreligionen und wurde von den Christen im Rahmen des allgemeinen Synkretismus übernommen. Nach recht weitverbreiteter wissenschaftlich-theologischer Meinung ist er allerdings der spezifisch christlichen Denkweise fremd. Zunächst einmal, weil durch die nomadische Tradition auch das Judentum teilweise „heilige Orte“ ablehnte. Dann, weil bei Jesus eine Verstärkung dieser Tendenz zu beobachten ist. Schließlich weil insbesondere durch Paulus der GLaube sehr stark in den Vordergrund gerückt ist, also ein zutiefst innerlicher Vorgang, der nur wenig Anhaltspunke im äußeren Leben hat und wenn, dann ethische, kaum rituelle (dazu gehören heilige Orte).
Nun wirst du tausend Beispiele anführen, wo dieses Prinzip durchbrochen ist. Völlig richtig. Besonders im katholischen Bereich blüht die rituelle Einbindung der Glaubensvorstellungen. Und zu Recht: es hat etwas Unmenschliches, die Riten ganz aus dem religiösen Leben verbannen zu wollen. Alle Glaubensrichtungen, die dies mehr oder weniger ernsthaft versuchten (besonders im reformiert-sektiererischen Bereich, z. B. Puritaner), sind damit nicht besonders weit gekommen. Immer wieder haben sich wie von selbst Rituale entwickelt, einschließlich heiliger Orte. Der Mensch ist eben so. Orte haben ein Faszinosum, auch wenn der Verstand tausendmal sagt, Orte seien nur Orte, nur äußere Wirklichkeit, es ginge aber um die innere.
Als Beispiel: In letzter Zeit beobachtet man oft Kreuze an Straßenrändern. Sie werden dort aufgestellt, wo Menschen durch Verkehrsunfällt ums Leben gekommen sind, werden von den ANgehörigen des Verstorbenen liebevoll gepflegt und mit BLumen versehen. Obwohl man ja sagen könnten: Unsinn, viel sinnvoller ist es doch, sich z. B. alte Fotos anzusehen oder sich sonstwie gemeinsam an den Toten zu erinnern. Oder das Grab zu pflegen. Aber die Menschen brauchen irgendwie diesen Ort, er ist heilig geworden. Paulus hat dies m. E. nicht genug berücksichtigt - aber er ging ja auch davon aus, dass es nur noch sehr kurze Zeit dauern würde, bis sich sowieso aller Glaube in Realität verwandelte. Ein Irrtum, wie wir jetzt nach fast 2000 Jahren wissen.
Jedenfalls reisen bis heute die Christen, auch die ritenfeindlichsten, nach Jerusalem. Sie empfinden nicht, dass dieses Nachreisen in Konkurrenz steht zum Primat des Glaubens. Deshalb hat Jerusalem für die Christen eine Bedeutung, obwohl es eigentlich keine hat.
Hoffentlich war das nicht zu verwirrend,
Grüße
Juliane.