Jerusalem - wie bedeutend für Christen?

Eine Frage, die in einer Diskussion aufkam und als wichtig erschien:

Hallo,

könnte mir jemand, der sich als gläubiger Christ bezeichnen würde (und vielleicht mehr als einmal im Jahr in die Kirche geht und auch öfter mal die Bibel aufschlägt - sorry, soll nicht flapsig klingen, ist ernst gemeint) sagen, wie wichtig ihm die Stadt Jerusalem als Christ ist. Was für eine Rolle spielt sie für Dich?

Danke!

Viele Grüße,
Christiane

Hallo Christiane!

Für mich hat alles religiöse Bedeutung, was mich mit Gott / mit Jesus Christus in Kontakt bringt. Das kann grundsätzlich durch alles, durch jeden, zu jeder Zeit und an jedem Ort geschehen. Trotzdem gibt es Unterschiede: besondere Menschen, besondere Zeiten, besondere Orte - wobei die besonderen Orte und Zeiten wieder mit den besonderen Menschen zu tun haben, also beziehungshaltig sind und so in Beziehung mit Jesus selbst bringen.

In Jerusalem verdichtet sich für mich meine Beziehung zu dem Volk Israel mit seiner Gottesgeschichte, auch zu Abraham und seinen islamischen Söhnen und Töchtern, vor allem natürlich zu Jesus, der hier und nirgends sonst den Kreuzweg ging, getötet und ins Grab gelegt wurde. Ich war leider nur einmal (vor acht Jahren) in Jerusalem, aber es war vielleicht meine wichtigste Reise.

Der Maßstab jeder Beziehung ist die Liebe, die Weisheit, die Gerechtigkeit. Heilige Orte exklusiv „besitzen“ zu wollen, ist ebenso unsinnig, wie der Wunsch, eine Beziehung, einen Menschen zu „besitzen“.

Kannst du mit dem Antwortversuch was anfangen?

Gruß,
Pietro

Hallo Pietro,

Kannst du mit dem Antwortversuch was anfangen?

Ja, klar, vielen Dank! Im Grunde war meine Frage einfach schlecht, vielleicht sollte ich kurz erläutern wie es dazu gekommen ist. Die Diskussion ging natürlich um den schon immer währenden und momentan bes. aktuellen Konflikt in Palästina/Israel, und genauer gesagt um Jerusalem. Es wird ja immer gesagt, daß diese Stadt für Juden, Christen und Moslems sehr bedeutend und wichtig ist. Plötzlich höre ich hier immer wieder Stimmen, die sagen: ja, für Juden und Moslems schon, aber für uns Christen, nein, nicht wirklich wichtig. Ich war sehr erstaunt über solche Antworten und deswegen meine obige Frage hier im Forum. Man kann den polit. Konflikt nicht von den Religionen trennen, aber gerade ich persönlich weiß zu wenig von „christlicher Seite“.

Viele Grüße,
Christiane

Gruß,
Pietro

Hallo Christiane,

den aktuellen Hintergrund habe ich mir natürlich gedacht, darum der letzte Satz in meinem Antwortversuch.

Im Grunde gilt, glaube ich, für die echt Religiösen aller drei Traditionen, dass sie freien Zugang zu ihren Heiligtümern haben möchten und mehr nicht.

Im Konflikt Israel Palästina ist Jerusalem viel mehr Nationalsymbol als Heiligtum. Der religiöse Gegensatz lädt den nationalen leider zusätzlich auf (wie an so vielen Konfliktschauplätzen des Globus) und macht Kompromisse unerreichbar. Religiös motivierte Vermittler (die es auch gibt!) gelten in solchen Situationen als lau, wenn nicht gar als Verräter.

Gruß,
Pietro

Liebe Christiane,

die Frage ist in der Tat ziemlich interessant, schließlich gabs im Mittelalter jahrhundertelang Kriege, die mindestens angeblich um den Zugang der Christen (oder mindestens von Menschen, die sich dafür hielten) zu den „heiligen Stätten“ in Jerusalem geführt wurden. Mein Senf dazu geht so:

Alle, die ich kenne, die als Christen aus mehr oder weniger religiösen Gründen nach Jerusalem gereist sind, berichteten übereinstimmend (und klangen dabei leicht verunsichert), dass die Fülle der christlichen Denominationen, die in Jerusalem mit Kirchen und Kapellchen irgendwie „anwesend“ sind, sie doch überrascht und überwältigt hat. Will sagen: die pauschale Bezeichnung „Christen“ hilft hier wenig weiter, die AUffasung der „Bedeutung Jerusalems“ differiert zwischen den einzelnen Bekenntnissen sehr stark - und innerhalb dieser BEkenntnisse nochmals. Natürlich wird es also immer irgendwelche Leute geben, die die eine oder andere Bedeutung oder Nícht-Bedeutung behaupten. Und irgendwie finden die auch immer wieder eine irgendwie logische BEgründung dafür. Also: in der Religion gibt es solche Fixpunkte leider nicht, das ist ja sowieso die große Schwierigkeit.

Meine Meinung dazu ist folgende: der GEdanke, dass ein bestimmter Ort heilig sein könnte, stammt aus den Naturreligionen und wurde von den Christen im Rahmen des allgemeinen Synkretismus übernommen. Nach recht weitverbreiteter wissenschaftlich-theologischer Meinung ist er allerdings der spezifisch christlichen Denkweise fremd. Zunächst einmal, weil durch die nomadische Tradition auch das Judentum teilweise „heilige Orte“ ablehnte. Dann, weil bei Jesus eine Verstärkung dieser Tendenz zu beobachten ist. Schließlich weil insbesondere durch Paulus der GLaube sehr stark in den Vordergrund gerückt ist, also ein zutiefst innerlicher Vorgang, der nur wenig Anhaltspunke im äußeren Leben hat und wenn, dann ethische, kaum rituelle (dazu gehören heilige Orte).

Nun wirst du tausend Beispiele anführen, wo dieses Prinzip durchbrochen ist. Völlig richtig. Besonders im katholischen Bereich blüht die rituelle Einbindung der Glaubensvorstellungen. Und zu Recht: es hat etwas Unmenschliches, die Riten ganz aus dem religiösen Leben verbannen zu wollen. Alle Glaubensrichtungen, die dies mehr oder weniger ernsthaft versuchten (besonders im reformiert-sektiererischen Bereich, z. B. Puritaner), sind damit nicht besonders weit gekommen. Immer wieder haben sich wie von selbst Rituale entwickelt, einschließlich heiliger Orte. Der Mensch ist eben so. Orte haben ein Faszinosum, auch wenn der Verstand tausendmal sagt, Orte seien nur Orte, nur äußere Wirklichkeit, es ginge aber um die innere.

Als Beispiel: In letzter Zeit beobachtet man oft Kreuze an Straßenrändern. Sie werden dort aufgestellt, wo Menschen durch Verkehrsunfällt ums Leben gekommen sind, werden von den ANgehörigen des Verstorbenen liebevoll gepflegt und mit BLumen versehen. Obwohl man ja sagen könnten: Unsinn, viel sinnvoller ist es doch, sich z. B. alte Fotos anzusehen oder sich sonstwie gemeinsam an den Toten zu erinnern. Oder das Grab zu pflegen. Aber die Menschen brauchen irgendwie diesen Ort, er ist heilig geworden. Paulus hat dies m. E. nicht genug berücksichtigt - aber er ging ja auch davon aus, dass es nur noch sehr kurze Zeit dauern würde, bis sich sowieso aller Glaube in Realität verwandelte. Ein Irrtum, wie wir jetzt nach fast 2000 Jahren wissen.

Jedenfalls reisen bis heute die Christen, auch die ritenfeindlichsten, nach Jerusalem. Sie empfinden nicht, dass dieses Nachreisen in Konkurrenz steht zum Primat des Glaubens. Deshalb hat Jerusalem für die Christen eine Bedeutung, obwohl es eigentlich keine hat.

Hoffentlich war das nicht zu verwirrend,
Grüße
Juliane.

Liebe Juliane,

Hoffentlich war das nicht zu verwirrend,

Nein, im Gegenteil, danke! Ein Sternchen für diese sehr ausführliche Antwort:wink:)

Gruß,
Christiane