Hallo Oliver,
Jesus ist von den Römern als Aufrührer gekreuzigt worden - wie alle Angehörigen der unterworfenen Völker, die in diesen Verdacht gerieten.
Wie konnte dieser Verdacht auf Jesus fallen? Sicher ist, dass er Menschen anzog in einer Zahl, die den Römern bedrohlich erscheinen musste. Solche Ansammlungen können immer „kippen“.
Sicher ist allerdings auch, dass Jesus selbst einen politischen Aufstand nicht beabsichtigte, sondern davon ausging, dass der „Menschensohn“ (=alttestamentlicher Hoheitstitel des von Gott gesandten Weltrichters und Erlösers; Jesus identifizierte sich mit diesem „Menschensohn“ vermutlich erst im Verhör vor dem Tempelgericht) sehr bald kommen, die Gottesherrschaft herstellen und damit die Römerherrschaft beenden werde. Also nach römischen Maßstäben kein Aufrührer, sondern ein Spinner.
In seiner Lehrtätigkeit hatte Jesus aber nicht nur gesagt: „Seid alle lieb zueinander“, sondern er war mit der Auslegung des religiösen Gesetzes in Konflikt geraten, wie es die Gruppe der Pharisäer und die Tempelpriesterschaft vertraten. Er hatte behauptet, der kommende Menschensohn bzw. Gott selbst werde sich als erstes den „Sündern“ zuwenden, dazu den religiös minderwertigen Samaritanern, den durch Römerkontakt unreinen Zolleinnehmern, den Kranken, den Kindern, sogar den Heiden - und nicht ihnen, den autorisierten Schriftauslegern.
Gegelegentlich hatte Jesus absichtlich und demonstrativ Sabbat- und Reinheitsgebote übertreten - ohne allerdings die Thora Israels prinzipiell abzulehnen.
Seine Hauptfeinde waren darum diese Autoritäten. Sie hätten ihn sicherlich hinterrücks umbringen können. Aber sie schreckten vor Mord zurück - schließlich war ihnen das einschlägige Gebot heilig, und der Hass wuchs auch nur allmählich. Den Tod hatte Jesus nach ihrem Gesetzesverständnis nur verdient, wenn er die Heiligkeit Gottes selbst verletzt hatte („Gotteslästerung“). Das sollte ihm in einem ordentlichen Prozess vor dem Synhedrion („Hoher Rat“ der religiösen Autoritäten) nachgewiesen werden, und dort fiel das erste Todesurteil.
Die Juden hatten aber keine Vollmacht, Todesurteile zu vollstrecken - die hatte sich die Besatzungsmacht vorbehalten. Darum musste Jesus Pilatus vorgeführt werden - und zwar als politischer Aufrührer.
Pilatus wird in den biblischen Berichten weitgehend entlastet - nur getrieben und bedrängt spricht er das Urteil -, die jüdischen Autoritäten dagegen bekommen die volle Last der „Schuld“ ab (besonders eindeutig in der Darstellung des Johannesevangeliums). In Wirklichkeit hatte Pilatus vermutlich wenig Skrupel und wartete nicht lange auf Beweise und Zeugenaussagen, um einen Juden mehr ans Kreuz zu schlagen. Die antijüdische Tendenz im Neuen Testament hat die bekannten schlimmen Folgen gehabt.
Gruß,
Peter