Bitte dabeibleiben!
Hallo Iris,
Heißt jetzt das neue Spielchen von einigen Leuten hier:
Den Elimelech haben wir rausgemobbt, jetzt kann es mir Iris weitergehen?
Nein, rausmobben wäre ein total unvernünftiges Spiel, denn schließlich kommt man ja in einer parlamentarischen Demokratie politisch hauptsächlich zum polemisieren zusammen …
Also bleib’ bitte dem Brett erhalten, weil es sonst nicht nur ein Stück von einer Position, sondern auch ein Stück Unterscheidungsfähigkeit verlöre und das ist hier und anderswo zu einer sehr knappen Ressource geworden!
Aha! Wie kommst Du zu der Ansicht, daß ich alles glaube, was Herr Spiegel sagt?
Mit der Frage hast du natürlich recht, denn niemand kann wissen, ob du alles glauben würdest, was Herr Spiegel sagt. Die betreffende Vermutung ist also haltlos, unbegründbar und unerheblich. Diesen denkerischen faux-pas hast du zutreffend aufgegabelt.
Doch im Abstand von wenigen Stunden machst du den gleichen Fehler wie Marion, wenn du An Oliver schreibst:
Hier indirekt zu unterstellen, Paul Spiegel qualifiziere
jegliche Kritik, die ihm nicht passe, als antisemitisch ab
ohne daß sie es sei, wäre erst mal zu belegen.
Das geht an dem vorbei, was Oliver ausdrückt, so wie Marions Anwurf ins Leere geht. Oliver schrieb:
Herr Spiegel redet immer davon, daß kritisiert werden
darf. Wenn aber jemand seinen Standpunkt kritisiert oder eine
andere Meinung hat als er, dann verhält er sich bloß
nicht so, wie er redet. Das ist das Problem des Herrn Spiegel!
„Immer“ und „immer wenn“ heißt nicht „jegliche“. „Immer“ und „immer wenn“ stehen natürlich stillschweigend unter dem Vorbehalt, „bis jetzt und soweit es aus öffentlicher Berichterstattung erfahrbar war“.
Das, was Oliver zum Ausdruck bringen möchte, kann man als Eindruck ganz oder teilweise teilen oder natürlich auch bestreiten. Ich gebe jetzt mal wieder, wie es bei mir ankommt, was Oliver schreibt:
- Es wird eine Versicherung abgegeben, das Israel kritisiert werden darf.
- Jemand versucht es mal…
- … und wird prompt als Rezitator und Bediener antisemitischer Klischees überführt.
Dieses ist jetzt öfter passiert. Und nicht nur mit Herrn Spiegel, sondern auch mit anderen prominenten Anhängern der vorherrschenden sozialwissenschaftlichen Theorie vom Antisemitismus. Es scheint ein Kommunikationsproblem zu geben, das immer wieder darauf hinausläuft, dass Leute urplötzlich etwas furchtbares getan haben sollen. Es kann natürlich sein, dass urplötzlich etwas furchtbares gehört und gespürt wurde ohne dass es intendiert wurde. So etwas passiert öfter in der menschlichen Kommunikation.
Das Missverständnis funktioniert über die Vermutung eines „antisemitischen Gehörs“, das die „Bedienung antisemitischer Klischees“ goutiere. Wenn man dieses „Gehör“ in einem bestimmten Ausmaß in der Bevölkerung vermutet, dann wird man jede „klischeekongruente“ Qualifizierung einer jüdischen Angelegenheit als antisemitischen Nährungs- oder Mobilisierungsakt wahrnehmen.
Das Problem ist nur, dass kaum eine kritische Qualifizierung sich noch von jedem Klischee fernhalten kann. Das hat materiell einfach die Folge, das man natürlich kritisieren darf, aber dann schon beim Versuch im dichten Klischeegebüsch hängen bleibt. So kommt es zu der Wahrnehmung einer Differenz zwischen Verkündigung und Verhalten, wie Oliver sie schildert. Kein geringerer als Prof. Jäger, der Verfasser der jüngsten Studie über die „Klischeelastigkeit“ der europäischen Medienberichterstattung hat öffentlich eingeräumt, dass es schon kaum noch möglich sei, klischeefrei kritisch zu formulieren. Er muss es wissen, denn er verteilt die Zensuren. Ihm kann es auch egal sein, ob es zu einer faktisch hermetischen Verschanzung vor jedweder Kritikmöglichkeit hinter dichten Minenfeldern von begrifflichen Klischeequalitäten gekommen ist. Wenn jedes Wort, mit dem sich eine Beanstandung ausdrücken lässt, schon mal Teil irgendeiner antisemitischen Kampagne war und als solches auch „klischeebedienend gehört und goutiert“ wird, dann ist eine Kritik jenseits von Antisemitismus offensichtlich nicht mehr möglich.
Elimelech war immer noch so cool, darauf hinzuweisen, dass ein Antisemitismusvorwurf kein Redeverbot sei. Da hat er natürlich recht. Es ist halt ein politische moralisches Stigmatisierungsinstrument unterhalb der Schwelle eines Redeverbots. Wenn „ihr“ (ich meine jetzt die Anhänger der vielzitierten Theorie vom Antisemitismus, egal ob sie Juden sind oder nicht) davon überzeugt seid, dass die Kritiken klischeevermittelt antisemitisch gehört werden, dann müsst ihr das natürlich so alarmiert hören, wie ihr alarmiert seid. Dann bleibt es so, wie es ist. Nur umgekehrt, damit die persönliche Alarmiertheit einen überindividuell nachvollziehbaren Realitätsbezug haben kann, braucht diese Alarmiertheit ein in der Öffentlichkeit relevantes, erhebliches „antisemitisches Gehör“.
Das wäre mir erst einmal wichtig, hierüber Einigkeit zu erzielen. Wenn wir uns über die Realität hier und jetzt unterhalten, darüber, ob oder inwiefern, irgendetwas einer politischen und kulturellen Barbarei zuarbeitet, dann sollten überindividuell wahrnehmbare Tatsachen und öffentlich überprüfbare Maßstäbe im Spiel sein. Du hattest mal angedeutet, welches Gewicht feindselige Zwischenfälle persönlich im Alltag auch haben und ich bin darauf auch ausführlich eingegangen. Du hattest behauptet, es nicht verstanden zu haben und ich zögerte das zu glauben.
In letzter Instanz geht es um eine Einschätzung der semantischen Kräfteverhältnisse. Unter bestimmten Voraussetzungen darf ich tatsächlich bestimmte Dinge nicht mehr sagen. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die z.B. einem Klischee glauben, ein Homosexueller sei automatisch auch ein zügelloser Pädophiler, dann habe ich halt schlechte Karten, wenn ich ausdrücken möchte, dass Schwule auch gute Väter sein können. Wenn mein Publikum bei „schwuler Vater“ nur hört „erwachsener Missbraucher“. Aber ein solches festgefahrenes Fehlverständnis berücksichtigen zu müssen, ist kein erstrebenswerter Zustand. Wenn ihr meint, 15-25% der Leute hören antisemitisch, und deswegen verbiete es sich „klischeegefährdet“ zu sprechen, dann ist das euer Bier. Ich bin nicht bereit das zu berücksichtigen, weil ich die Einschätzung nicht teile. Die Untersuchungen, mit denen das „erhoben“ wird, arbeiten mit Suggestivmethoden, die in jedem Rechtsstaat sogar bei einer Vernehmung unzulässig wären. Dafür gibt es das „Einspruch euer Ehren“ und „Streichen sie das bitte aus dem Protokoll“ in amerikanischen Gerichtsfilmen.
Wenn man die Leute fragt, „möchten sie Juden als Nachbarn“ und die Hälfte sagt nein, dann akzeptiere ich das, bei allem Respekt, nicht als antisemitische Vorurteilshaltung, der man jede Bedienung ihrer Klischees verweigern müsste. Die gleichen Leute wollen auch keine Araber, Hindus oder Bosnier als Nachbarn. Diese Leute fühlen sich von allem verunsichert, mit dem sie nicht vertraut sind. Und wenn sie den Friedman dreimal gesehen haben, dann denken sie womöglich, dass bestimmt viele Juden zänkisch, rechthaberisch, kalkuliert beleidigt, redegewandt und versiert in Rechtsfragen sind. Schon letzteres reicht aus, um als Mieter schlechte Karten zu haben.
Ich karikiere jetzt natürlich ein bisschen und sage, was ich glaube. Zu beweisen ist das natürlich alles nicht. Ich nehme den Studien nicht ab, dass sie den Rang von antisemitischen Klischees aufdecken, den sie anprangern. Und selbst, wenn es deutlich schlimmer wäre, als es ist, würde ich es immer noch für die größere Gefahr halten, durch „Rücksichtnahme“ einen Anschein von begünstigender Sonderbehandlung (i.S.v. affirmative action) zu erzeugen. Wenn es einen Kein zu einer echten Gefahr gibt, dann steckt der in dem Anschein einer „Begünstigung jüdischer Angelegenheiten“ im öffentlichen Urteil.
Schuld und Verantwortung spielen sich auf einer persönlichen
Ebene ab, dennoch wirkt das, was die Vorfahren getan oder
unterlassen haben weiter, oft in Form von Schuldgefühlen bei
nachgeborenen Deutschen, weil sie vielfach keinen konkreten
Bezug zu ihrer Familiengeschichte haben.
Deshalb haben eine Menge Leute durchaus Entlastungssehnsüchte
von ihren Schuldgefühlen, die nichts mit realer Schuld, die sie
auf sich geladen haben zu tun hat, sondern vom Verschweigen und
Tabuisieren dessen, was in Familien gelaufen ist.
Das mag sein, aber das tut nichts zur Sache.
Denn wenn etwas vorgebracht wird, kann es zutreffend sein, auch wenn der Zweck des Vorbringens fragwürdig ist, und es kann unzutreffend sein, auch wenn der Zweck des Vorbringens liebenswürdig, verdienstvoll, ehrenhaft oder sonst was tolles ist. Es kann bitter-wahr oder süß-falsch sein und alles dazwischen.
Das mit den „Entlastungssehnsüchten“ ist eine analytische Kategorie. Margarete Mitscherlich sagte einmal, man solle nur analysieren, wenn man dafür bezahlt wird. Ein Hinweis, das ich die Dinge nur so sehe, wie ich sie sehe, weil ich mich möglicherweise „entlasten“ will, hilft mir nicht weiter. Es wird nicht argumentwirksam. Die Entscheidung, ob jemand seinen Eindruck von der Nachrichtenlage diskutieren möchte, oder lieber auf der Couch mal einen Seelenstriptease wagen sollte, trifft jeder für sich selbst. Ein Verdacht davon, was seelisch oder familiengeschichtlich so alles hinter einer Meinung stecken könnte, ist pure Spekulation ad personam und als Beitrag ad rem (zur Sache) unerheblich.
Genau deswegen fand ich es umso enttäuschender. Von jemand
anderem wäre das eher zu erwarten gewesen als von Blüm
Als gebildeter Mensch wirst du wissen, dass zum enttäuscht sein immer zwei gehören: Einer der enttäuschend wirkt und einer, der sich getäuscht hat. Nun ist der Blüm wirklich manchmal etwas unberechenbar; er hat auf seine alten Tage irgendwie eine sentimentale Ader bekommen. Auch die Kurden z.B. haben ihm schon mal Leid getan, obwohl die Türkei doch ein „treuer NATO-Partner ist, der es nicht verdient, von uns im Stich gelassen zu werden“. Das Zitat ist steht für die offizielle Regierungsrhetorik aus Kohls Zeiten, unter dem ja der Nobbi auch als Minister gedient hat. Trotzdem hat er für die Kurden gesprochen, als das türkische Militär gerade eine Gelegenheit erblickt zu haben glaubte, sie ein bisschen erfrieren lassen zu können, damals im Niemandsland zwischen dem Irak und Ostanatolien. Der Nobbi hat ein unberechenbares Herz und redet dann wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Da ist ad personam für die Sache auch nicht viel zu holen.
Dann solltest du vielleicht mal anfangen, selbst nachzudenken,
Das ist natürlich sehr wenig freundlich formuliert. Wir können uns alle nur begrenzt „aussuchen“, welche Meinung wir haben wollen, und wir können uns wohl überhaupt nicht aussuchen, welche Wünsche wir haben wollen. Da ist Triebgeschehen am Werk. Aber wir können ein wenig an unserem Wahrnehmungsvermögen herumjustieren.
Wir können überlegen: „Was muss der Fall sein, damit Tatsache sein kann, was ich meine?“ und dann gucken, ob ich wirklich meinen kann, dass das der Fall ist. Wenn ich das meine, dann bleibe ich bei meiner Meinung, und wenn ich die Tatsachen, die der Fall sein müssten, aber nicht erkennen kann, dann muss ich an meiner Meinung herumbasteln, solange, bis sie aus den von mit wahrgenommenen Tatsachen heraus, bedingt durch deren Möglichkeiten, der Fall sein kann. So würde ich unseren geistigen Bewegungsspielraum als Menschen beschreiben.
Wenn ihr meint, das die Lage so alarmierend ist, wie ihr glaubt, Klischeealarm schlagen zu müssen, dann bleibt es bei dem Spiel und den Enttäuschungen bis zu Ermüdung der einen oder anderen Seite.
Irgendwelche Klischees werden immer zitiert und bedient; wollte man alle immer slalommäßig umfahren, wäre keine Kommunikation mehr möglich. Der Klischee-GAU der Menschheit ist den Juden widerfahren und das schärft natürlich die Sensoren für antijüdisches und antisemitisches. Nur hat eine „demagogische Hatzgefährdung“ nicht nur einfach klischeeformale Voraussetzungen, sondern die wesentlichsten Voraussetzungen in der „Hörbereitschaft“ eines Publikums.
„Wollen es die Leute so hören, dass es gegen die Juden spricht?“ das ist die Frage. Wenn man meint, dass das in einem kritischen Umfang der Fall ist, dann kann man über jüdische Angelegenheiten eben nicht mehr streitig reden.
Wenn man das wirklich annimmt, weil man alle relevanten Tatsachen als Bedingung für die Möglichkeit eines solchen bösartig voreingenommenen Gehörs wahrnimmt, dann hätte das für mich noch andere Konsequenzen.
Ich bin Atheist. Angenommen, es würde sich eine Tendenz zum Gottesstaat in Deutschland abzeichnen und ich sähe Gründe für eine Besorgnis, die vereinten Gottesanbeter halten in einem Umfang von gesellschaftlichem Gewicht, alle Atheisten für Ritualverbrecher und jede Kritik an Atheisten wäre dadurch gefährdet, dass sie antiatheistischen Klischees (Atheisten seien, ungefestigt, lasterhaft, unzuverlässig etc.) Nahrung geben könnte, sie bedienen könnte. Ich würde gehen. Ich würde nicht von gottesanbetenden Atheismuskritikern einen politisch korrekten Slalom um die gefährlcihen Begriffe herum verlangen; das wäre mir zu blöd. Wo ich bin, dort muss ich auch kritisierbar sein, ohne dass irgend ein Gotteskrieger irgendeinen Kritikpunkt zu einer Fathwa gegen mich umdeuten kann und das dann halt ständig verhindert werden muss. Ich würde nicht auf einen semantischen Sonderschutz angewiesen sein wollen, den sowie so nur 10% Intellektuelle, wenn überhaupt kapieren, und das übrige Volk nicht. Das wäre mir zu blöd und zu gefährlich. Wenn ich die Lage, wie beschrieben einschätzen würde, dann würde ich auch die Forderung nach politischer Korrektheit zur Vermeidung von Klischeebedienung als Teil des Problems ansehen. Ein intellektuell hermetisch sondergeschütztes und sonderbehandeltes Dasein würde ich ablehnen. Vor irgendwelchen Übergriffen von völlig Durchgeknallten würde ich mich polizeilich schützen lassen. Aber in einen goldenen Käfig abseits der Niederungen von Urteilsbildung und Meinungsstreit würde ich nicht gehen und schon gar nicht würde ich nach ihm verlangen.
Ich habe den Eindruck einer sektiererischen Vertrotztheit vieler Leute in diesem Antisemitismusbegriff. Der Begriff ist zirkelschlüssig rundum hermetisch gesichert gegen jede Anfechtung seines Gegenstandes durch Wahrnehmung, Urteil, Eindruck oder Meinung. Die Anhänger dieses Begriffs verurteilen sich zu einer Spirale aus Enttäuschungen, Kränkungen, beleidigten Ausfällen und missratender und unterdrückter Kommunikation. Das ist selbstschädigendes Verhalten über die Nerven Dritter auf einem gewissen Niveau.
Die Differenz in der Wahrnehmung handelt nicht davon, ob oder wie viele Idioten es gibt; denn Antisemitismus ist ja eine Form von Idiotie als ein autoritär charakterpathologischer Anklage- und Schuldzuweisungsreflex. Unsere Differenz handelt davon, wie viel Referenz diese Pathologie verdient, wie viel Berücksichtigung im Verhalten.
Wenn diese Pathologie wirklich soviel Berücksichtigung gebieten würde, um ihr Nährung und Bedienung zur Vermeidung einer Katastrophe zu versagen, dann wäre es für mich, wenn es um meine Belange ginge, bereits längst zu spät. Von meinen Freunden, (oder Leuten, die das halt sein wollen) soviel Rücksicht auf antiatheistische Klischekonservierer zu verlangen, weil die Idioten so viele und so stark geworden sind; das würde ich als ein klares Signal für ein definitives Scheitern meines Zusammenlebens als Atheist mit Gläubigen bewerten.
Das ist mir wichtig, im Sinne eines feed-backs auch mal zu sagen. Elimelech schrieb immer so cool, das er gar nicht versteht, wie sich die Leute wegen eines Antisemitismusvorwurfs so aufregen können (wobei, die „Aufregung“ auch natürlich immer wieder extrem blöd formuliert war und herrliche Angriffsflächen bot) ich frage mich umgekehrt, wie man die Unverfrorenheit aufbringen kann, als einziger in den öffentlichen Diskursschlammschlachten eine (semantisch) kugelsichere Weste zu verlangen (und das, nach Friedman, noch im Interesse aller Minderheiten und, zuletzt sogar dann, nach deren hypothetischer Auswanderung (Türkei, Israel etc.) letztlich und eigentlich im Interesse der nicht weiter besonderen Deutschen, die ja nicht auswandern können, weil sie keiner wird haben wollen) das war wirklich genial von Friedmann einmal.
Friedman wirkt da doch ganz anders als Spiegel. Friedman überdreht diesen ganzen Irrsinn bis zu einer schillernden Karikatur und spielt auch voll va Banque dabei. Er muss auch spüren, dass das jeden Augenblick mal mit einem Publikum auch nach hinten los gehen kann. Spiegel dagegen bringt das ganze ja mit der Mine eines unbedarften Biedermannes und argumentiert für das, was er einfordern will, grottenschlecht.
Spiegel sagte, wer angesichts des erneuten Selbstmordanschlags
mit 20 Toten und mehr als 50 Verletzten in den Aktionen des
israelischen Militärs keinen Abwehrkampf gegen den Terrorismus
sehe, habe „jeden Realitätssinn verloren“.
Da hat das eine doch nichts mit dem anderen zu tun. Wie kann der Mann öffentlich solch einen Unfug verzapfen? Wie kann Spiegel meinen, die Kritik an einer Maßnahme entkräften zu können, indem er auf die Begründetheit der Maßnahme verweist. Nicht der Grund für Israels Maßnahmen ist strittig, sondern die Tauglichkeit der Maßnahmen für ihren vorgeblichen Zweck bzw. deren Tauglichkeit für ganz andere Zwecke stehen zur Debatte. Als wenn es eine Frage der Anzahl israelischer Opfer wäre, ob Israels Politik was taugt für Sicherheit und Frieden oder nicht.
Eigene Opfer pauschal als Begründnug für eigene Härte heranzuziehen, ohne weitere Tauglichkeitsbetrachtung der Maßnahmen, das ist eine primitive Repressalienlogik die es dummerweise in der deutschen Geschichte auch zu traurigen Höhepunkten gebracht hat. Ich vergleiche die Qualität der Logik. Nicht Ziele, nicht Ausmaße, nicht Methoden. Nur um diese konkrete Lernblockade und strukturelle Denkverweigerung geht es mir. Ob die Franzosen das in Algerien auch so vernagelt dabei haben, weis ich nicht. Die einzelnen Paras, wenn sie ihre Gesprächspartner in Badewannen ertränkt haben, vielleicht; über die Diskurse in Frankreich in der Zeit, weis ich zu wenig.
Die fortdauernden Anschläge beweisen doch gerade, das die „gezielten Gegenschläge“ asymmetrisch danebengehen. Gegen Anschläge gibt es keine Gegenschläge, sonst würden sie nicht extra „Anschläge“ heißen. Das, wogegen Gegenschläge wirksam möglich sind, nennt man „Angriffe“. Diese aber vermeiden die diversen palästinensischen Kriegervereine wohlweislich.
Aber mit dieser Sprachverwirrung haben die Amerikaner angefangen bzw. die, die diesen Bushfunk-Unfug unkommentiert übersetzt haben. Haganah und Irgun wussten noch, dass es gegen Anschläge keine Gegenschläge gibt; als das King David Hotel in die Luft geflogen war, haben die Briten auch ein paar unbeteiligte jüdische Zivilisten malträtiert und de facto von einer Gegenschlagswirkung nichts hinbekommen. Man kann eine Art Symmetrie darin suchen, wechselseitig Überfälle, auf das, was beim Anderen eine Zivilgesellschaft sein sollte, aber nicht ist, zu unternehmen. Das ist dann ein wirksam und nachhaltig verdorbener Frieden und noch nicht mal ein Krieg. Das ist blanke Behördenkriminalität und die Verwandlung von Gemeinwesen in Warlordbasen.
Und das alles ist nicht so schlimm, weil Israel gerade 20 Opfer hatte. Das ist wirklich unter aller Kritk von Herrn Spiegel, übelstes Feldwebelniveau …
Entschiedene Kritik sei akzeptabel und wichtig. Wer aber die
Grausamkeiten und den Terror der palästinensischen Seite sowie
Ursache und Wirkung in diesem Konflikt hartnäckig übersehe,
der beweise eine "beispiellose Doppelmoral
So wie die Dinge liegen, scheitert die „entschiedene Kritik“ schon an den an den gut placierten Klischeehürden. Lassen wir das mal dahingestellt: „Grausamkeiten und den Terror“ der anderen soll sie sehen und dann „Ursache und Wirkung in diesem Konflikt“. Ja, Herr Spiegel, das ist genau die simpel-Tour, mit der man nichts mehr versteht, wenn die Dinge einmal komplex geworden sind und sich ineinander verschränkt haben. Der Terror der anderen ist nicht nur grausam sondern tückisch. Er begünstigt die Verweigerung politischer Konstruktivität durch die israelische Politik und ein Teil der israelischen Politik verweigert diese Konstruktivität gerne, weil sie gerne Kriegspolitik ist. Umgekehrt ist das auf palästinensischer Seite ein Werk einer Desperadofraktion, die nichts mehr fürchtet, als sich zivilgesellschaftlich zu blamieren. Die palästinensischen Desperados kriegen von Sharon soviel Krieg, damit es ihnen erspart bleibt, sich an zivilgesellschaftlichen Standards messen lassen zu müssen und diese liefern der israelischen Gesellschaft dafür soviel Terror, dass diese ihre Wagenburgaufstellung nicht umgruppieren muss. Bei der Vorstellung von „Ursache und Wirkung“ fehlt die Rückwirkung. Ohne die systemische Rückwirkung kann man sich endlos streiten, ob „Ursache und Wirkung“ nun im richtigen Verhältnis zueinander stehen, oder ob es genau verkehrt herum läuft. Friedman und Spiegel, ein schriller va Banque Spieler und ein unbedarfter Biedermann. Wie in einem gewöhnlichen deutschen Karnevalsverein. Mehr zu erwarten wäre wohl schon wieder Philosemitisch?
Also Iris, ich würde mich freuen, wenn du dabei bleibst, und habe sogar den Verdacht, dass es den klugsichtigen Elimelech auch wieder zu diesem Irrenhaus hin ziehen wird, denn unter den ganzen Klischees würde ich ihn eher als streitfreudig, denn als dünnhäutig ansiedeln (das kommt dabei heraus, wenn alles zum Klischee geworden ist)
Mir ist es allerdings auch wichtig, Dinge zuende zu denken und nicht alles auf halber Flur zwischen Ängsten, Sorgen, Rücksichtnahmen und Unsicherheiten stehen zu lassen. Ich halte diese ganze herrschende sozialwissenschaftliche Antisemitismustheorie für historisch überholt und politisch gefährlich. Das tollste Missverständnis besteht darin, ihre politische Gefährlichkeit als Ausweis ihrer Relevanz fehl zu deuten. Denn politisch gefährlich wird sie nur, wenn man nur allzu lange und nervig mit ihren überholten Voraussetzungen (dem historischen Antisemitismus eben) als Unterstellung hantiert.
Daher kommen Gereiztheiten, Schroffheiten und auch echte Missgunst hoch. Fast alle historischen Hassthemen des Antisemitismus sind dagegen zu real erstrebten Tugenden der (klein)bürgerlichen Gesellschaft geworden. Das ist der entscheidende Unterschied zu Kaisers und Weimarer Zeiten. Damals haben dumpfdeutsche Deppen geglaubt, nur Juden verstünden sich auf modernen Kapitalismus, Kultur und PR. Heute hat der letzte Depp vorexerziert bekommen, wie man selbst als mazedonischer Illiterat (Zladko) es zu etwas bringen kann, was Opa noch nur den Juden wg. „Verschwörung“ zugetraut hat.
Die Angst der Spießer, die Juden würden ihnen (durch Zinsen, Spekulation und Pleitetricks) „alles wegnehmen“ ist längst einem „arischen“ Lerneifer gewichen, so was auch können zu wollen und ja auch irgendwie hinzukriegen.
Also, Klischee hin Klischee her, jede Bedienung einer Stereotype ist nur so gefährlich, wie sie als pathologische Voreingenommenheit breit und tief verankert ist. Mit dem Anschein „man dürfe ja nichts sagen“ mögen ein paar Stimmen zu holen sein. Für die Bestimmung einer antisemitischen politischen Stoßrichtung stimmt schon längst die Gesamtaufstellung der deutschen Gesellschaft nicht mehr.
Gratulation zur Leseleistung an alle, die bis hierher durchgehalten haben,
Scharfsinn und Weitsicht für alle,
und, bleib uns mal erhalten, Iris.
Gruss,
Thomas