Guten Tag Ihr Lieben,
unten gibt es eine Geschichte von Jan - meinem Mann, manche kennen ihn womöglich aus dem Philo-Brett, da war er mal vor ner Zeit ein wenig.
Der schreibt gerade an einem Roman und immer wieder erwischen ihn die Zweifel, ob das wohl jemandem gefallen könnte, außer mir natürlich, denn mir gefällst.
Es handelt sich um eines der Anfangskapitel.
Ich bitte euch ausdrücklich um Kommentare.
Danke für eure Mühe und viel Spaß beim Lesen und natüüüüürlich:
Frohes Fest
Gruß
Kerstin
Joggingschuh
Grass drückte sich wohlig schnaufend den Rest seiner Eiswaffel in den Schlund. Er lächelte entspannt über dem Kauen, während er in den Nebenstraßen Bremen-Walles weiterhin seinem gleichermaßen rasanten wie hektischen und ruckartigen Fahrstil fröhnte.
„Nur keine Katzen und Kinder jetzt“, dachte Klarnheim neben ihm und stemmte sich noch ein wenig tiefer in den ausgeleierten Beifahrersitz. Im Fußraum des alten weinroten 190er Mercedes raschelten einige leere Chipstüten.
„Aprikose war heute wieder besonders gut!“ schmatzte Grass mit halbvollem Mund. Er war auf ein wenig Plauderei aus.
Doch Klarnheim reagierte nicht. Er war mit Zähneknirschen beschäftigt. Geschmolzenes Eis rann ihm über die linke Hand und tropfte auf seine Hose. Aber da war nichts zu machen: Er konnte unmöglich den Blick von der Straße nehmen. Außerdem hatte sich seine rechte Hand im Haltegriff rechts über seinem Kopf verkeilt.
Eine rote Ampel warf sich ihnen in den Weg, als der Osterfeuerberger Ring ihren Weg kreuzte. Grass stieg beherzt auf die Bremse, so dass Klarnheims Massen ein weiteres Mal bedrohlich ins Schwanken geriet. Noch bevor der ein Wort der Beschwerde herausbringen konnte, teilte Grass mit versonnenem Nachdruck mit: „Ich hab Appetitt. Ich fahr’ uns zum China-Mann ins Viertel.“ Es ging schließlich auf mittag zu.
„Hauptsache Resiwein“, dachte Klarnheim.
Grass entschied sich für die Strecke über den Osterfeuerberger Kreisel, den Autobahnzubringer Überseestadt und die Hochstraße am Bahnhof. Eine Wahl, die er bald bereute: Auf dem Zubringer quälte sich der Verkehr zäh wie alte Puddingcreme stadteinwärts. Nach vier oder fünft fruchtlosen Spurwechseln ließ er sich mit auf dem Lenkrad trippelnden Fingern in der zweiten Spur mittreiben. Auch sein munteres Quasseln über die Vorzüge der chinesischen Küche versiegte.
Bedächtig stieg Klarnheims Puls in weniger bedrohliche Sphären hinab und nach einiger Überzeugungsarbeit konnte seine Rechte sich dazu entschließen, das Wagnis einzugehen, den Haltegriff wieder sich selbst zu überlassen. Klarnheim besah sich die aufgeweichte Eistüte in seiner Linken sowie seine vollgekleckerte Hose, dann kurbelte er die Seitenscheibe herunter und warf das nach wie vor tropfende Eis kurzerhand hinaus, nicht ohne sich dabei doch den Mantel zu besudeln. Er seufzte und schloss das Fenster wieder. Eh’ er sich’s versah, versuchte er mehr so aus Reflex, mit bloßen Händen die leimigen Flecken und Spritzer von Hose und Mantel abzustreifen. Als er sich der bedrückenden Ergebnisse seiner gedankenlosen Wischerei bewußt wurde, konnte er nur knapp den Impuls unterdrücken, sich mit den klebrigen Händen durch Gesicht und Haare zu fahren.
Er fühlte sich schon wieder um Jahrzehnte gealtert. Er fragte sich, wann er wohl seinen 100000sten Geburtstag feiern würde. Lange konnte es nicht mehr hin sein. Auf keinen Fall würde es Eis geben.
„Hat Dir Dein Malaga wieder nicht geschmeckt?“ fragte Grass aus dem Mundwinkel heraus. „Ich versteh langsam wirklich nicht mehr, warum Du immer wieder Malaga nimmst.“ Er war mittlerweile dazu übergegangen, im Rückspiegel seine Augenbrauen zu begutachten und fummelte dabei an der Handbremse herum.
Klarnheim glotzte ihn nur blöde von der Seite an.
Von beiden unbemerkt schloss auf der rechten Spur ein Wagen auf, auf dessen Windschutzscheibe Klarnheims Eis zu einer dreckigen Suppe mit Rosinen und labberigen Waffelbröseln drin zerplatzt war. Sein Fahrer zeterte und gestikulierte hitzig, fiel jedoch alsbald ebenso beschämend langsam wieder zurück, wie er aufgetaucht war.
Der Polizeifunk offenbarte ihnen den Grund der Verzögerung: Es war die Rede von einem Unfall mit Personenschaden auf dem Rembertiring Ecke Fedelhören. Zufällig war ein Streifenwagen unmittelbar vor Ort gewesen.
Nachdem sich wenig später die Hochstraße auf den ebenfalls mehrspurigen, aber mit einem ausladenden und locker baumbestandenen Mittelstreifen versehenen Rembertiring gesenkt hatte, drängelten zunächst ein Warndreieck und dann, ein Stück weiter die Straße runter, ein gelb und blau blinkender Polizeiwagen den klumpigen Verkehr in die innere Spur.
Auf der Gegenfahrbahn näherte sich ein Rettungswagen. Sein Blaulicht verflocht sich mit den zuckenden Warnsignalen des Streifenwagens zu einem unheilvollen Reigen. Er hielt gut zweihundert Meter vorraus. Der Fahrer orientierte sich kurz und schon pflügte der Wagen quer über den geräumigen Mittelstreifen.
Bald schoben sich Klarnheim und Grass mit dem Tempo einer fußlahmen Schildkröte an der Unfallstelle vorbei. Noch halb in der Einmündung Fedelhören, mit der Schnauze bereits auf dem Rembertiring stand ein CJ 7, einer dieser wuchtigen Jeeps, mit denen in amerikanischen Fernsehserien die Halbwüchsigen der Oberklasse ihre Depressionen zum Strand kutschieren.
Zwischen dem Jeep und dem Rettungswagen lag der Personenschaden und wurde von einer Handvoll Gaffer mit gekonnter Bestürzung beäugt: ein langer Schlacks mittleren Alters in abgeschnittenen Jeans und mit Fahrradhelm auf dem Kopf.
Neben ihm kniete einer von zwei Sanitätern und verkabelte ihm den freigeschnittenen Oberkörper. Das EKG begann seinen Puls als schrilles Stakkato zu fiedeln. Sein linkes Bein hin verdreht an ihm dran. Aus einem offenen Oberschenkelbruch sicherte Blut. Schläuche klemmten ihm in der Nase. Am ganzen Körper schimmerte seine Haut blass-fahl und schweißig. Ein handtellergroßer bläulicher Schatten lag auf seinem linken Oberbauch.
Es hatte ihn hingeschlagen wie einen abgeschossenen Storch.
Er gab sich alle Mühe sich aufzurichten, nur: Es gelang ihm nicht. Bestürzt suchte er die Gesichter die ihn umgaben.
„Ist es gut?“ wollte er wissen. „Ist es gut?“
Er weinte. Die Floskeln des Sanitäters beruhigten ihn nicht.
Nochmal fragte er: „ Ist es gut?“
Dann sackte sein Kopf zur Seite und sein flackernder Blick wurde grau. Sofort schlug das durchdringende Piepen des EKG in ein eintöniges, schneidendes, elektrisches Greinen um.
Für einen halben Augenblick geriet der Lauf der Momente ins Stocken. Sonne funkelte auf den Katzenaugen in den Speichen des verbogenen Fahrrads. Neben dem zweiten Sanitäter, der eine Infusion vorbereitete, stand ein durchdacht gekleideter junger Kerl und walkte sich die Hände. In der offenen Tür des CJ 7 heulte seine kleine Schwester. Sie trug ein schwarzes Wildledersakko. Einer der beiden Streifenpolizisten beugte sich über den rechten Kotflügel des Jeeps, während der andere sich verdrießlich mit den Schaulustigen auseinandersetzte. Einer von ihnen aß mit offenem Mund einen Schokoriegel.
Dann wurde der Defribilator angesetzt. Der ramponierte Radfahrer bäumte sich auf. Das schnelle Piepen stellte sich wieder ein, holpernd und stolpernd diesmal. Der Sanitäter, der den Stromstoß gesetzt hatte prüfte routiniert aber ohne Zuversicht die Anzeigen des EKGs und sein Kollege tat es ihm gleich.
„Er wird’s nicht schaffen“, sagte Klarnheim. Er zog an einem seiner Finger bis er knackte. „Ne verdammte Milzruptur.“ Über seiner Oberlippe klebten winzige glänzende Perlen zwischen den Bartstoppeln.
Grass blieb stumm. Er reichte Klarnheim ein Paket Kaugummi, damit er ihm eins auswickelte. Mit malaga-verschmierten Fingern tat Klarnheim was er tun sollte. Gras begann, seine Kiefer in mahlende Bewegungen zu versetzen, von denen Klarnheim wusste, dass sie den Rest des Tages nicht mehr enden würden. Mindestens ebenso lange würde Grass welken Gedanken nachhängen.
Grass sah immer wieder die Schuhe des zerbrochenen Storchs vor sich. Sie waren noch ganz neu gewesen. Weiß und blau. Weiße Joggingschuhe mit blauen Streifen. Das Blut würde nicht mehr abgehen.
Der Funk begann wieder zu knattern: „Grass? Hey Grass! Wieder auf dem Weg zum Brunch? Vergesst es! Ich hab was Besseres für Euch! Fahrt zur Wielandstraße! Ihr werdet erwartet!“
Langsam nahm Klarnheim das Mikro in die Hand.
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