Hallo Jörg.
Danke für Deine ausführliche Antwort. Vorweg - meinen Vorwurf einer „unreflektierten Auffassung" des Begriffs Rasse möchte ich mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehmen.
Wie gesagt, mag in dem Begriff „menschliche Rasse“ eine
terminologische Unschärfe liegen. Aus der biologischen Nomenklatur
heraus scheint die Einteilung geographischer Differenzierungen des
Menschen in Varietäten (varietas ist eine Unterordnung der
subspecies) genauer (z.B. Knußmann 1996).
Nun, Knußmann spricht von „phylogenetisch bedingte[r] geographische[r] Differenzierung, in der sich verschiedene - wenn auch durch Übergänge miteinander verbundene - genetisch determinierte Schwerpunkte erkennen lassen. Zumindest diese Schwerpunkte, aber auch die verschiedenen Abstufungen zwischen ihnen werden - dem Gebrauch des Begriffs in der gesamten Biologie folgend - als Rassen bezeichnet." Da ist der ‘alte’ Rassenbegriff schon merklich zurückgenommen und relativiert, auch wenn Knußmann sich nicht dazu durchringen mag, den Begriff als solchen aufzugeben. Das zu Knußmann mE Notwendige spricht Mielke in dem von mir empfohlenen Aufsatz über die Breslauer Schule aus. Ich brauche das hier nicht zu wiederholen.
Andererseits ist die Anwendung des Rassebegriffs auf den Menschen in
der Anthropologie immer noch üblich.
Auch darauf weist Mielkes Aufsatz hin - aber auch darauf, dass die Verwendung dieses Begriffes alles andere als unumstritten ist.
Ablehnung wird hier meines Erachtens eher durch geschichtliche
Vorbelastung/-vorurteile als durch Terminologieprobleme
hervorgerufen, zumal schon das Wort „Rasse“ den Schlüsselreiz zur
Ablehnung liefert - Rassenkunde = Rassismus -> verwerflich. Dabei
ist Wissenschaft, hier die Rassenkunde, wertfrei und auf
Konventionen (Logik etc.) begründet, das ideologische Ausstopfen der
Wissenschaft, hier der Rassismus, jedoch wertend und (letztendlich)
emotional begründet. Letzteres entbehrt einer diskutablen Grundlage
und soll deswegen auch nicht unser Gegenstand sein.
Ich habe erhebliche Zweifel an der „Wertfreiheit" jeglicher Wissenschaft (und ganz besonders an der einer „Rassenkunde") - aber das ist eine andere Thematik. Jedenfalls ist die Begründung auf Konventionen (Logik) offensichtlich keine ohne weiteres nachvollziehbare (was sich bei logischen Begründungen eigentlich von selbst verstehen sollte). Oder wie ist es zu erklären, dass je nach „Rassenkundler" die Konventionen so unterschiedlich sind? In meiner Wahrnehmung - ich bin allerdings nicht vom Fach - führen diese „Rassenkundler" seit Jahrzehnten nur noch Rückzugsgefechte und sind gezwungen, ihre Position mehr und mehr aufzugeben, wenn sie ihre wissenschaftliche Reputation nicht aufs Spiel setzen wollen.
Die scharfe Auseinandersetzung gerade um diesen anthropologischen Teilbereich hat sicher im wesentlichen ideologische Gründe. Es ist historische Erfahrung des Missbrauchs, der mit einer - alles andere als wertfreien - wissenschaftlichen Terminologie getrieben wurde. Es ist nur folgerichtig, dass gerade deswegen diese Terminologie auf ihre wissenschaftliche Berechtigung untersucht wurde. Dass diese Auseinandersetzung auch (meinetwegen sogar vorwiegend) ideologische Gründe hat, heisst aber nicht notwendig, dass in der Auseinandersetzung selbst ideologisch argumentiert würde. Die Ablehnung mag ideologisch motiviert sein, sie ist jedoch durchaus wissenschaftlich begründet. Ideologiefreiheit unterstelle ich beiden Seiten nicht.
Welche Kombination auch immer Du wählst, ist ganz allein Deine
eigene Entscheidung. Du wählst eine Kombination und ich kann mit
derselben Berechtigung eine andere wählen - und prompt haben
wir zwei unterschiedliche Rassentypologien. Genau wegen dieser
willkürlichen Voraussetzungen ist der Rassenbegriff hier
unwissenschaftlich.
…
Die Variabilität (d.h. das Auftreten von
Organismen mit unterschiedlichem äußeren Erscheinungsbild
innerhalb der selben Population) innerhalb der postulierten
Rassen ist kaum (wenn überhaupt) geringer als die Unterschiede
zwischen typischen Vetretern zweier sog. Rassen.
Daß die Spannweite einer bestimmten Merkmalsausprägung
—snip —
uneingeschränkte Partnerwahl, herrschen würde.
Ich erlaube mir mal, das hier wegzukürzen, Deine Aussage entspricht IMHO ziemlich genau dem Knußmann-Zitat oben.
Das von Dir angesprochene Typologieproblem ist nicht vorhanden, denn
Individuen lassen sich durch eine endliche Anzahl von Merkmalen
beschreiben. Mit der Anzahl der berücksichtigten Merkmale wächst die
Redundanz, weil viele Merkmale untereinander gekoppelt sind - es
gilt also auch nicht eine möglichst hohe Anzahl Merkmale
aufzunehmen, sondern eine sinnvolle Auswahl zu treffen.
Nun, die „Endlichkeit der Anzahl von Merkmalen" ist wohl nur theoretisch gegeben. Die Frage ist immer, was man beschreiben will, und welche Menge von Merkmalen (und natürlich auch welche spezielle Auswahl daraus) man als für diesen Zweck ausreichend erachtet. Anscheinend kommen wir an der angeblichen ‘Wertfreiheit’ doch nicht vorbei. Welche Auswahl von Merkmalen ist „sinnvoll"? Die Antwort auf diese Frage ist doch dadurch präjudiziert, was man letzten Endes aussagen (oder widerlegen) möchte. Insofern existiert natürlich ein Typologieproblem - der von Armin empfohlene Text von Schüller belegt dies sehr anschaulich. Was interessiert mich? Rhesus-Faktor, Laktase-Gen, HLA - je nach Fragestellung - also unterschiedlicher Auswahl und Gewichtung von Merkmalen - erhalte ich unterschiedliche Typologien. Gerade aus diesem Grunde muss sich jemand, der den Anspruch erhebt, eine wissenschaftlich begründete Rassentypologie anbieten zu können, auch die Frage gefallen lassen, worauf er eigentlich damit hinauswill - wozu sie gut sein soll.
Gibt es so viele Rassen wie Menschen? Ein Regenbogen z.B. kann in
unglaublich viele Farben aufgeteilt werden, damit könnten aber kaum
differenzierte Aussagen über seinen Aufbau getroffen werden.
Vielmehr lassen sich die Farbnuancen zwanglos in Klassen einteilen,
über deren ungefähre Grenzen Einigkeit herrscht. Falls ein Konsens
mit genauen Grenzen benötigt wird, werden sich im Diskurs einige
wenige Modelle und schließlich vielleicht nur ein einziges
durchsetzen, was auf plausibler Begründung ruht, sich gut als Basis
für weitere Forschungen verwenden läßt und was v.a. die beobachteten
Phänomene zwar in ideeller aber doch größtmöglicher Genauigkeit
beschreibt.
Da sprichst Du selbst es aus:
Falls ein Konsens mit genauen Grenzen benötigt wird
Was wird benötigt und wozu? Aus welchem Grunde soll eine Gruppe von Menschen bestimmt werden und von anderen Gruppen unterschieden werden (und nein, ich rede da jetzt nicht von Männern und Frauen:wink:). Anthropologen haben Rassenmodelle im Interesse einer Ideologie kultureller Überlegenheit des Abendlandes entwickelt und Imperialisten und Rassisten damit vorgeblich wissenschaftliche Begründungen geliefert. Damit ist der Begriff ‘Rasse’ als Wissenschaftsbegriff in der Anthropologie ein für alle mal desavouiert. Wer glaubt, mit dem Begriff ‘Rasse’ könne nach dieser historischen Erfahrung (aus der ja beileibe nicht jeder gelernt hat) noch wertfrei die statistische Häufung bestimmter phänotypischer Merkmale beschrieben werden, der ist bestenfalls naiv.
Ich bin keineswegs für Denk - und Forschungsverbote. Aber ich dafür, dass jemand, der mit dem Anspruch auftritt, eine ideologiefreie Anthropologie zu betreiben, auf einen ideologisch überfrachteten und notorisch missbrauchten Begriff wie ‘Rasse’ verzichtet. Wenn man von Populationen, Varietäten o.ä. spricht, setzt man sich zumindest nicht dem Verdacht aus, Ewiggestrigen die zur Genüge bekannten und längst widerlegten Argumente liefern zu wollen.
Klassifikation und Modellbildung sind alltäglich genutzte Werkzeuge
der Geistes- und Naturwissenschaften; darüber hinaus ist eine
hierarchische Gliederung der Klassen möglich (z.B. biolog.
Systematik), die ebenfalls in der Rassenkunde angewendet wird
(Einteilung in Rassenkreise, -gruppen, -gürtel…). Die Aussage, es
gäbe so viele Rassen wie Menschen ist nicht mehr als eine
sophistische Spielerei, sie führt, aus wissenschaftlicher Sicht, den
Weg von der Analyse zur Synthese ad absurdum. Das ideologische
Potential dieser Aussage ist weitaus größer denn ihr Wert als
wissenschaftliche Aussage, d.h. hier wird ideologisch und nicht mit
wissenschaftlichen Mitteln gegen eine Wissenschaft argumentiert.
Es wird insofern ‘ideologisch’ argumentiert, als deutlich gemacht wird, dass „Klassifikation und Modellbildung" sich nicht wert- und zweckfrei quasi ‘von selbst’ ergeben. Wenn man Menschenrassen braucht, dann bildet man sich eben ein Modell, nach dem man Menschen klassifiziert. Ohne ein solches Modell gibt es auch keine Rassen. Um nochmals deutlich darauf hinzuweisen: die entscheidende Frage ist - wozu braucht man Rassen; was will man mit diesem Modell?
Ich erspare mir ein weiteres direktes Eingehen auf Deine durchaus interessanten Ausführungen, ich möchte weder Deine noch meine Argumente öfter wiederholen, als mir notwendig scheint. Lediglich noch zu Cavalli-Sforza:
Über das Ausmaß und die Relevanz der „Abstände“ zwischen den
menschlichen Gruppen zu disputieren, ist zwar interessant,
wegdiskutieren lassen sie sich jedoch nicht - weder aus der
alltäglichen Erfahrung, noch aus der Forschung. Cavalli-Sforza, ein
in den USA arbeitender Genetiker, hat ein Maß des Unterschiedes
zwischen menschlichen Gruppen anhand der Genhäufigkeiten entwickelt -: die genetische Distanz. Er greift dabei auf über 100 Merkmale
zurück, die er bei etwa 1800 Populationen erhoben hat; seine
Datenbasis scheint also breit genug, um etwas mehr als nur
heuristische Aussagen entwickeln zu können. Die genetische Distanz
interpretiert er als chronologisches Moment, d.h. als proportional
zu der Zeit, die seit der Trennung zweier Gruppen verstrichen ist,
aber das nur am Rande. Viel interessanter ist, daß er seine
Ergebnisse, seine Aufteilung der menschlichen Populationen an einem
Sprachgruppenmodell getestet hat und hier auf große Ähnlichkeiten
gestoßen ist: Sich genetisch nahestehende Gruppen sprechen in den
meisten Fällen auch enger verwandte Sprachen. [z.B. L. L. Cavalli-
Sforza, Stammbäume von Völkern und Sprachen. Spektrum d. Wiss.
1/1992, S. 90ff]
Gerade Cavalli-Sforza ist mE ein Beispiel dafür, wie man heute Anthropologie treiben kann, ohne auf einen wissenschaftlich (nicht nur ideologisch) überholten Rassebegriff zurückgreifen zu müssen. Gerade er hat den phänotypischen Ansatz (der nicht von ungefähr so populär ist) als irreführend entlarvt (vgl. z.B. auch die kurze Stelle bei Schüller). Cavalli-Sforza belegt, dass es zwar statistisch signifikante Unterschiede in Merkmals- oder Allelverteilungen gibt, diese aber nicht hinreichend für eine Klassifikation als Rasse sind. Er widerspricht selbst der ‘klassischen’ Einteilung in die „Großrassen" Europide, Negride und Mongolide. Cavalli-Sforza führt die von ihm festgestellten genetischen Distanzen (Differenzierungen) eben nicht - wie die ‘Klassiker’ - auf längere Abgeschlossenheit und Selektion in isolierten geographischen Räumen zurück, sondern auf Wanderschübe, Alleldrift und Allelfluss zwischen verschiedenen Populationen. Zu dem von Dir schon genannten Aufsatz hier noch eine jüngere Arbeit von ihm:
Cavalli-Sforza, L. Luca/ Menozzi, Paolo/ Piazza, Alberto: The history and geography of human genes. Princeton University Press 1996
Freundliche Grüße,
Ralf