Judentum und Körperteile

Hallo,

durch Lea Roshs Backenzahnaffäre ist ins Gespräch gekommen, dass nach jüdischer Vorstellung der ganze Körper beerdigt werden muss. In Israel, las ich einmal, gibt es deshalb eine spezielle Gruppe, die nach Attentaten versucht, möglichst alle umherliegenden Körperfetzen per DNA-Test der jeweils richtigen Person zuzuordnen.

Dass es verschiedene Auslegungsarten der Haggada gibt, habe ich auch gelesen. Aber es herrscht doch weitgehende Übereinstimmung, dass besagter Backenzahn, wenn er schon keiner Person zuzuordnen ist, auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden sollte.

Betrifft dies nur die Körperteile von Verstorbenen?

Was ist mit einem Zahn, der einem Juden vom Zahnarzt extrahiert wird? Darf der Arzt ihn auf die bei Nichtjuden übliche Methode „entsorgen“, oder muss der ehemalige Besitzer ihn aufbewahren, damit er später mit ihm zusammen beerdigt wird? Was ist mit amputierten Körperteilen, die man nicht aufbewahren kann: Müssen die auf einen jüdischen Fiedhof?

Gruß
Peter

Betrifft dies nur die Körperteile von Verstorbenen?

Was ist mit einem Zahn, der einem Juden vom Zahnarzt
extrahiert wird?

Und vor allem: was ist mit dem präputium, das bei der circumcisio entfernt wird? Wird das in Formalin eingelegt?

SCNR,
Ralf

Hallo Peter,

durch Lea Roshs Backenzahnaffäre

wobei kein Mensch weiß, von wem besagter Backenzahn nun tatsächlich ist.

ist ins Gespräch gekommen,
dass nach jüdischer Vorstellung der ganze Körper beerdigt
werden muss. In Israel, las ich einmal, gibt es deshalb eine
spezielle Gruppe, die nach Attentaten versucht, möglichst alle
umherliegenden Körperfetzen per DNA-Test der jeweils richtigen
Person zuzuordnen.

Ja, die Organisation heißt „zaka“ und genießt hohes Ansehen.

Dass es verschiedene Auslegungsarten der Haggada gibt, habe
ich auch gelesen.

In dem Fall ist die „Halacha“ (jüdisches Religionsgesetz) gemeint. „Haggada“ meint „Geschichte“ und meist ist dann die vom Auszug aus Ägypten gemeint, die während des Sederabends (Pessach) vorgelesen und diskutiert wird.

Aber es herrscht doch weitgehende
Übereinstimmung, dass besagter Backenzahn, wenn er schon
keiner Person zuzuordnen ist, auf einem jüdischen Friedhof
beerdigt werden sollte.

Die Wahrscheinlichkeit, daß es der Backenzahn eines Opfers war ist doch ziemlich hoch.

Betrifft dies nur die Körperteile von Verstorbenen?

Der Körper muß vollständig begraben werden, also auch die Zähne, die zu diesem Zeitpunkt vorhanden sind.
Wenn jemand während seines Lebens ein Körperteil amputiert wurde, so wurde dies bestattet und zwar an der zukünftigen Grabstelle (wenn vorhanden) bzw. in der Nähe der bereits vorhandenen Gräber von Familienangehörigen.

Was ist mit einem Zahn, der einem Juden vom Zahnarzt
extrahiert wird? Darf der Arzt ihn auf die bei Nichtjuden
übliche Methode „entsorgen“, oder muss der ehemalige Besitzer
ihn aufbewahren, damit er später mit ihm zusammen beerdigt
wird?

Auf Zähne trifft das nicht zu, denn die können Dir so rausfallen, und die Extraktion nimmt das nur vorweg. Ein Arm fällt Dir aber nicht so eben ab.

Ich habe davon gelesen, daß es innerhalb der Ultraorthodoxie Gruppen gibt, die ihre abgeschnittenen Finger- und Fußnägel bzw. ihre abgeschnittenen Haare für die Beerdigung auf.
Von der Aufbewahrung herausgefallener oder extrahierter Zähne bei diesen Gruppen habe ich noch nicht gehört oder gelesen. Ich habe mit Angehörigen solcher Gruppen keinen Kontakt.

Ich denke aber, daß das in diesen Familien einige logistische Probleme geben könnte. Ultraorthodoxe Familien sind oft sehr kinderreich. Wenn man da alle ausgefallenen Zähne, Haare und abgeschnittenen Nägel aufbewahrt, dann ist das schon einiger Sortierungsaufwand.

Nochmal zurück zu den - meiner Meinung nach - ernsteren Aspekten. Auch in Amerika wurde die Ausstellung „Körperwelten“ (plastinierte Körper) gezeigt und stieß auf sehr unterschiedliches Echo.

Rabbiner Jizchok Adlerstein, eine modern-orthodoxe Autorität, hat sich dazu geäußert, und ich finde sein Statement erhellt das jüdische Verständnis vom Körper, weshalb ich es hier reinkopiere:

„We view the body as an instrument that brought holiness to the world, since the body is the vehicle that enables the soul to do its job. Every part of Jewish funeral practice stresses that there is this element of holiness [in the body]. We view holiness as something that human beings can and do create, and it leaves lasting effects. Therefore, the notion that the body is something that can be disposed of at will as long as you have the consent of the deceased is foreign and repugnant to Judaism.“

Was ist mit amputierten Körperteilen, die man nicht
aufbewahren kann: Müssen die auf einen jüdischen Fiedhof?

Sitze auf der Leitung, und verstehe nicht, was Du damit meinst?

Viele Grüße

Iris

Hallo Ralf,

habe mich schon gefragt, welcher der männlichen Diskutanten diese Frage aufwerfen wird :wink:

Und vor allem: was ist mit dem präputium, das bei der
circumcisio entfernt wird? Wird das in Formalin eingelegt?

Das wäre eine sehr moderne Vorgehensweise und daran schließt sich die Frage an, was war vor Formalin?

Es gibt kein Gebot, die abgeschnittene Vorhaut aufzuheben.
Es scheint aber in manchen traditionellen Kreisen lokale Bräuche zu geben, wie damit verfahren wird.

Ich war vor vielen Jahren mal in Paris in einer sehr traditionellen Synagoge. In einem Nebenraum wurden - was gängige Praxis ist - religiöse Schriften (Torahrollen, Gebetbücher), die nicht mehr in Gebrauch waren, aufbewahrt.

Außerdem stand ein ziemlich großes Tongefäß herum. Was außer Sand drin war, konnte ich nicht identifizieren. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, daß sie darin die abgeschnittenen Vorhäute aufbewahren. Habe ich allerdings nie vorher und nie nachher wieder erlebt.

Gehört für mich persönlich in die Rubrik „jüdische Kuriositäten“.

Viele Grüße

Iris

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Hallo Iris,

vielen Dank! Habe ich mir doch schon gedacht, dass, wenn überhaupt eine ernsthafte Antwort erfolgt, sie von dir kommt! :smile:

wobei kein Mensch weiß, von wem besagter Backenzahn nun tatsächlich ist.

Stimmt! Er könnte auch von einem nichtjüdischen Häftling stammen oder Ergebnis eines natürlichen Zahnausfalls oder der Extraktion bei einem Juden stammen, der den Aufenthalt dort möglicherweise sogar überlebt hat. Diesen Seitenhieb hatte ich mir aber verbissen, weil er als Ironie hätte ausgelegt werden können, der die Ernsthaftigkeit meiner Frage in Zweifel geställt hätte.

Dass es verschiedene Auslegungsarten der Haggada gibt, habe ich auch gelesen.

In dem Fall ist die „Halacha“ (jüdisches Religionsgesetz) gemeint.

Ja, tut mir leid. :smile: Ich wusste das wohl, hatte gerade erst den Artikel
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,356…
gelesen. Aber die „Haggada“ ist mir halt vertrauter, sodass ich aufgrund der Laut-Ähnlichkeit falsch geschrieben habe.

Was ist mit amputierten Körperteilen, die man nicht
aufbewahren kann: Müssen die auf einen jüdischen Fiedhof?

Sitze auf der Leitung, und verstehe nicht, was Du damit meinst?

Jetzt verstehe ich dich nicht: Die Frage hast du doch weiter oben (hier nicht als Zitat übernommen) schon beantwortet!

Gruß
Peter

Und vor allem: was ist mit dem präputium, das bei der
circumcisio entfernt wird? Wird das in Formalin eingelegt?

Nein, es wird bei der Beschneidung sofort mit Sand bedeckt (daher vielleicht der Ursprung der Geschichte von Iris?) und dann an einem besonderen Ort auf dem Friedhof beerdigt.

Scholem,
Eli

Herzlichen Dank an Iris und Elimelech für die aufschlussreichen Antworten. Anlass meiner Frage war eine schon einige Jahre zurückliegende Recherche über einen der bizarreren Aspekte christlichen Reliquienkultes.

Bekanntlich gelten hinterlassene Körperteile entsprechend ‚disponierter‘ Personen als deutlich heilkräftiger als etwa ihre Kleidungsstücke oder persönliche Gebrauchsgegenstände. Ein nonplusultra an segensreicher Wirkung wäre natürlich von einer Reliquie des Heilands selbst zu erwarten - nur ist der ja bekanntlich ‚in toto‘ gen Himmel aufgefahren, so dass man sich bei Jesusreliquien mit Splittern des echten heiligen Kreuzes, Dornen der Dornenkrone usw. begnügen musste. Das Leichentuch in Turin oder der ‚heilige Rock‘ in Trier sind da schon echte Knaller - etwas bescheidener etwa eine Windel des Heilands, auf die ich vor drei Jahren eher zufällig in einer Nische der bischöflichen Hofkapelle in Spoleto stieß - selbstverständlich gewaschen … Jedenfalls kam zu einem unbekannten Zeitpunkt ein findiger Mensch auf den Gedanken, dass Jesus als Jude ja beschnitten wurde und folgerte messerscharf, dass das Präputium - da vom Körper schon frühzeitig getrennt - nicht an der Himmelfahrt teilgenommen haben konnte. Die höchstrangige Reliquie der Christenheit ist somit - die Vorhaut Jesu.

Kaum verwunderlich, dass sich mehrere Orte des exklusiven Besitzes des heiliges Präputiums rühmten und mit dieser Attraktion die Fremdenverkehrsindustrie ankurbelten - allein in Frankreich zwölf(!). Alle echt, natürlich … Am bekanntesten das praeputium dominum von Charroux (etwas südlich von Poitiers, abseits der N10), das sich Heinrich V. (der aus dem Shakespeare-Drama) zur Unterstützung der Geburt seines Thronfolgers auslieh und zeitweise nach London sandte. Den zweiten Rang nimmt wohl das im Lateran aufbewahrte ein. Eine veritable Heilige (Katharina) soll das praeputium sanctum oder praeputium dominum (allerdings unsichtbar, nur dem wahrhaft Frommen wahrnehmbar) gar am Ringfinger getragen haben; als ‚Verlobungsring‘, auf den sie als Braut Christi Anspruch hatte. Nach ihrem Tode schnitt man ihr Finger samt ‚Schmuck‘ ab und hatte so eine partiell unsichtbare Doppelreliquie. Verständlicherweise wird heutzutage um solche Besitztümer (wie auch um die oben erwähnte Windel) nicht mehr allzuviel Aufhebens gemacht.

Und da sprichst Du, liebe Iris, von „jüdischen Kuriositäten“? :wink:

Freundliche Grüße,
Ralf

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