Hallo Peggy,
auf jüdischen Friedhöfen ist es Brauch, bei einem Besuch ein
kleines Steinchen auf das Grab zu legen.
Was symbolisiert der Stein?
Der Stein ist ein Zeichen dafür, daß die Erinnerung an den Toten so beständig / lange während sein möge wie ein Stein.
Er symbolisiert einerseits Erinnerung auf einer persönlichen Ebene: Ich XY erinnere mich an Z.
Er verweist auf eine kollektiven Ebene und macht die Zugehörigkeit des Verstorbenen zum jüdischen Volk deutlich. Er bezieht sich auf die Wüstenwanderung des jüdischen Volkes, die ja ganz wichtig für die Identitätsbildung als Volk war.
Während der Zeit in der Wüste wurden die Toten dort begraben und auf die Gräber Steine gehäuft - allerdings nicht, wie häufig behauptet wird um sie vor Tieren zu schützen, die sie ausgraben könnten. Man weiß inzwischen durch die biblische Archäologie, daß das für die Wüstenregion, in der das jüdische Volk unterwegs war, irrelevant ist.
Für die Priester (Cohanim) waren die Steine so eine Art Warnblinkanglage. Da sie strengeren Reinheitsgeboten unterworfen waren als die andere Bevölkerung durften sie sich einer Leiche / Totem nur bis auf einen bestimmten Abstand nähern.
Das gilt übrigens noch bis heute.
Muss er einen bestimmten Herkunftsort haben?
Nein, es kann ein ganz normaler schlichter Stein sein, den man irgendwo gefunden hat. Man macht das wie man möchte.
Wenn Juden Gräber von Vorfahren besuchen, in deren Land sie nicht mehr leben, bringen sie oft einen Stein von dort mit, wo sie jetzt leben - eine Art symbolische Verbindung. Das sind aber persönliche Deutungen und keine in der jüdischen Tradition verankerten.
Was macht die Friedhofsverwaltung mit den sich um Laufe von
Jahren ansammelnden Steinmengen? Die Wege des Friedhofs
befestigen?
Es scheint so eine Art „Steinekreislauf“ zu geben. Es hat ja nicht immer jeder einen Stein dabei und es liegt in der Natur der Sache, daß bei einer bestimmten Höhe das Ganze mal aus dem Gleichgewicht gerät und herunterfällt. Das ist auch der Lauf der Zeit. Die nächsten, die dann kommen, können dann von diesen Steinen nehmen um ihr Gedenken auszudrücken.
Oder gibt sie sie an den örtlichen Baustoffhandel ab?
Du hast ja unten selber geschrieben, daß das ein makaberer Gedanke wäre. Ehrlicherweise muß ich sagen, daß ich erst einmal geschluckt habe, als ich diesen Satz gelesen habe, denn als während der Nazizeit jüdische Friedhöfe geschändet und zerstört wurden, wurden die Grabsteine zertrümmert und zum Straßenbau verwendet oder zum Stützen von Splittergräben.
Den von Tessa verlinkten Text finde ich - freundlich formuliert - unglücklich, wenn auch gut gemeint, weil er mehr falsche Informationen und Fehlwahrnehmungen vermittelt als zur Aufklärung über den Sachverhalt dient.
Wenn davon die Rede ist, daß den Toten der Boden auf ewig gehört, dann hat das nichts mit dem Konzept, das dahinter steht zu tun. Niemandem gehört Boden auf ewig. Boden / Land ist immer nur geliehen - das macht die Institution des Jobeljahres deutlich, wo Land wieder zurückgegeben werden mußte.
Das nur als kleines Beispiel, und es ist nervig und frustrierend, wenn wir Juden uns immer wieder an diesen Mißverständnissen die durch zahlreiche durchaus gut gemeinte Texte - abarbeiten müssen.
Viele Grüße
Iris