Jüdischer Friedhofsbrauch

Hallöchen,

auf jüdischen Friedhöfen ist es Brauch, bei einem Besuch ein kleines Steinchen auf das Grab zu legen.

Was symbolisiert der Stein?
Muss er einen bestimmten Herkunftsort haben?
Was macht die Friedhofsverwaltung mit den sich um Laufe von Jahren ansammelnden Steinmengen? Die Wege des Friedhofs befestigen? Oder gibt sie sie an den örtlichen Baustoffhandel ab?

Neugierige Grüße
Peggy

Zwei Archiv-Links
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Grüße

Tessa

@ MOD
Manche Fragen tauchen so oft auf, daß Du über FAQs nachdenken solltest, Harald… :wink:

Hallo,

den einen der beiden Links hatte ich schon vor dem Posten gesehen. Da dort aber nur Nichtjuden Vermutungen anstellen, habe ich die Hoffnung, durch nochmaliges Nachfrage von kompetenter Seite gesichertere Antwort zu bekommen.

Zudem habe drei Fragen gestellt, in den Links wird nur die erste behandelt.

Gruß
Peggy

PS
Dein Bestattungslink funktioniert übrigens nicht mehr.

Zu PS.
Hallo Peggy,

Dein Bestattungslink funktioniert übrigens nicht mehr.

das weiß ich, sonst hätte ich nicht zwei oder drei Tage später den funktionierenden Link gepostet (Titel ‚Text doch noch gefunden‘); aber OK, hier ist er noch einmal für besonders faule Zeitgenossen:

http://www.monumentum.net/html/lexikon/bestattung/fr…

Dort findest Du auch Infos zu Deinen ersten beiden Fragen; die dritte nehme ich - ehrlich gesagt - nicht wirklich ernst… Die Lektüre kann ich allerdings wärmstens empfehlen.

Grüße

Tessa

Hallo Tessa,

hier ist er noch einmal für besonders faule Zeitgenossen:

http://www.monumentum.net/html/lexikon/bestattung/fr…

Ja, danke, die WebSite ist interessant, nicht nur bzgl. des angefragten Themas.

Die Startseite von „Monumentum“ hatte ich übrigens noch gefunden. Da sie aber links den Eindruck macht, als müsse man sich erst registrieren lassen und in der Mitte von „Umbau“ die Rede ist, habe ich das erst mal aufgegeben.

… Fragen; die dritte nehme ich - ehrlich gesagt - nicht wirklich ernst…

Hintergrund der Frage ist: Eigentlich meine ich, man dürfte die Steine aus Respekt gar nicht wegnehmen. Respekt vor den Besuchern, die ja einen Gund hatten, sie da zu lassen, Respekt auch vor den Toten, für die sie gedacht sind. Andererseits ist es logisch, dass sie irgendwann weg müssen.

Bei Blumen auf unseren Friedhöfen löst sich das Problem von selbst: Da sie nach einiger Zeit nicht mehr hübsch aussehen, hat wohl niemand Hemmungen, sie zu entfernen, und wiederverwertbar sind sie nicht.

Wenn nun aber ein jüdischer Großfriedhof lastwagenweise Steine an den Baustoffhandel verkaufen sollte, fände ich das makaber. Den Gedanken, sie auf dem Friedhof selbst zu verwerten, z. B. zur Wegbefestigung, empfinde ich deshalb als Kompromiss: Die Steine bleiben in der Nähe der ihnen Zugedachten und erfüllen einen Zweck, der im Sinne des Friedhofs liegt.

Ich habe das in Bergen Belsen mal gefragt - das Personal wusste es aber nicht oder wollte nicht mit der Sprache raus. Vielleicht werde ich aber auch von anderen nie eine klare Antwort bekommen, weil man die Problematik auch so sieht und es als peinlich empfindet, sich dazu zu äußern.

Mit Gruß
Peggy

Hallo Peggy,

auf jüdischen Friedhöfen ist es Brauch, bei einem Besuch ein
kleines Steinchen auf das Grab zu legen.
Was symbolisiert der Stein?

Der Stein ist ein Zeichen dafür, daß die Erinnerung an den Toten so beständig / lange während sein möge wie ein Stein.

Er symbolisiert einerseits Erinnerung auf einer persönlichen Ebene: Ich XY erinnere mich an Z.

Er verweist auf eine kollektiven Ebene und macht die Zugehörigkeit des Verstorbenen zum jüdischen Volk deutlich. Er bezieht sich auf die Wüstenwanderung des jüdischen Volkes, die ja ganz wichtig für die Identitätsbildung als Volk war.
Während der Zeit in der Wüste wurden die Toten dort begraben und auf die Gräber Steine gehäuft - allerdings nicht, wie häufig behauptet wird um sie vor Tieren zu schützen, die sie ausgraben könnten. Man weiß inzwischen durch die biblische Archäologie, daß das für die Wüstenregion, in der das jüdische Volk unterwegs war, irrelevant ist.

Für die Priester (Cohanim) waren die Steine so eine Art Warnblinkanglage. Da sie strengeren Reinheitsgeboten unterworfen waren als die andere Bevölkerung durften sie sich einer Leiche / Totem nur bis auf einen bestimmten Abstand nähern.
Das gilt übrigens noch bis heute.

Muss er einen bestimmten Herkunftsort haben?

Nein, es kann ein ganz normaler schlichter Stein sein, den man irgendwo gefunden hat. Man macht das wie man möchte.
Wenn Juden Gräber von Vorfahren besuchen, in deren Land sie nicht mehr leben, bringen sie oft einen Stein von dort mit, wo sie jetzt leben - eine Art symbolische Verbindung. Das sind aber persönliche Deutungen und keine in der jüdischen Tradition verankerten.

Was macht die Friedhofsverwaltung mit den sich um Laufe von
Jahren ansammelnden Steinmengen? Die Wege des Friedhofs
befestigen?

Es scheint so eine Art „Steinekreislauf“ zu geben. Es hat ja nicht immer jeder einen Stein dabei und es liegt in der Natur der Sache, daß bei einer bestimmten Höhe das Ganze mal aus dem Gleichgewicht gerät und herunterfällt. Das ist auch der Lauf der Zeit. Die nächsten, die dann kommen, können dann von diesen Steinen nehmen um ihr Gedenken auszudrücken.

Oder gibt sie sie an den örtlichen Baustoffhandel ab?

Du hast ja unten selber geschrieben, daß das ein makaberer Gedanke wäre. Ehrlicherweise muß ich sagen, daß ich erst einmal geschluckt habe, als ich diesen Satz gelesen habe, denn als während der Nazizeit jüdische Friedhöfe geschändet und zerstört wurden, wurden die Grabsteine zertrümmert und zum Straßenbau verwendet oder zum Stützen von Splittergräben.

Den von Tessa verlinkten Text finde ich - freundlich formuliert - unglücklich, wenn auch gut gemeint, weil er mehr falsche Informationen und Fehlwahrnehmungen vermittelt als zur Aufklärung über den Sachverhalt dient.
Wenn davon die Rede ist, daß den Toten der Boden auf ewig gehört, dann hat das nichts mit dem Konzept, das dahinter steht zu tun. Niemandem gehört Boden auf ewig. Boden / Land ist immer nur geliehen - das macht die Institution des Jobeljahres deutlich, wo Land wieder zurückgegeben werden mußte.

Das nur als kleines Beispiel, und es ist nervig und frustrierend, wenn wir Juden uns immer wieder an diesen Mißverständnissen die durch zahlreiche durchaus gut gemeinte Texte - abarbeiten müssen.

Viele Grüße

Iris

Hallo Peggy,

Der Stein ist ein Zeichen dafür, daß die Erinnerung an den
Toten so beständig / lange während sein möge wie ein Stein.

Hierzu gibt es auch die Ansicht, bei der Diskussion wie jemand ewig leben kann, dass alleine durch die Erinnerung den betreffenden Personen ein ewiges Leben erhalten bleibt.

Das sind aber persönliche Deutungen und keine in
der jüdischen Tradition verankerten.

Ansonsten findet man die Steine am Eingang des Friedhofs oder nimmt einfach einen der umliegenden Steine (siehe auch Antwort von Iris).

Die nächsten, die dann kommen, können dann von
diesen Steinen nehmen um ihr Gedenken auszudrücken.

Ansonsten sammelt die Verwaltung die Steine bei der Pflege des Friedhofs auf und bringt diese wieder zum Eingang. Sollte dich das weiter interessieren, kannst Du dich gerne an die Friedhofsverwaltung wenden oder folgenden Link nutzen:

http://www.jewish-online.de/Eigene%20Web/RBFuehrung.htm

Schalom,
Eli

„Es gab stets das Bestreben, mit den Vätern bzw. den Vorfahren im Tode vereint zu sein.“

Dieses spielt im Judentum eigentlich keine grosse Rolle und ich frage mich worauf sich der Text hier mit dem „stets“ bezieht.

„Nach den Geboten der Halacha […] gehört jedem Toten der Boden auf ewig, in dem er begraben ist.“

Aha. Aber hierzu hat Iris ja schon etwas geschrieben.

„An diese so schmerzliche Zeit wird er aber auch erinnert, wenn er vor einem ungepflegten Friedhof steht;“

Mh, jüdische Friedhöfe werden eigentlich in der Regel nicht gepflegt und ich habe diese Erinnerungen dabei nicht. Aber sicherlich habe andere Jude andere Empfindungen.

„Ein jeder der einen Friedhof betritt, sollte sich vergegenwärtigen, daß der Ort, den er betritt, heiliger Boden ist.“

Im Judentum verhält es sich eigentlich genau umgekehrt. So denke ich auch hier, dass der Autor seine Sicht hier unhinterfragt auf das Judentum überträgt.

„Von einem männlichen Besucher wird daher erwartet, daß er, wie in der Synagoge, eine Kopfbedeckung trägt.“

Dieses hat eigentlich nichts mit dem Friedhof selbst zu tun, sondern mit anderen Besuchern des Friedhofs.

„[…] wird die gesamte Fläche des Grabes durch einen liegenden Grabstein gekennzeichnet, um den stark verunreinigten Raum
abzugrenzen. Insbesondere gilt dies für die Priester (Kohanim), d.h. Nachkommen des Aaron, die besonders starken Reinheitsvorschriften unterworfen sind.“

Auch hier mischt sich wieder Wissen mit Vermutungen ohne das dieses kenntlich gemacht wird. So reicht einem Kohanim diese Begrenzung nicht aus. Die Sache ist wesentlich komplizierter.

„Erst im 19. Jahrhundert, nach Emanzipation und
Säkularisierung des Judentums in Mitteleuropa […]“

Nun ist hatte sich oft einfach die rechtlichen Bedingungen geändert oder erstmals geklärt. So gab es in der Zeit zahlreiche Auseinandersetzung zwischen jüdischen Gemeinden um dem Staat über die Pflege der Friedhöfe.

Abschliessend zeigt der Text leider, wie Iris schon anmerkte, dass hier oft Halbwissen verbreitet wird und vieles vermischt wird und dadurch es eigentlich noch schwerer wird, darzustellen wie es sich wirklich verhält.

Schalom,
Eli

1 „Gefällt mir“

Hierzu eine Anmerkung aus Waldshut-Tiengen am Hochrhein:

In Tiengen gab es bis zur nationalsozialistischen Judenverfolgung eine blühende israelitische Gemeinde. 1938 wurde zwar die Synagoge nicht angezündet, da sie mitten in der Altstadt stand, sondern „nur“ demoliert, enteignet und profanen Zwecken zugeführt. Der jüdische Friedhof wurde jedoch zerstört und die Grabsteine zum Bau einer Stützmauer verwendet. Dort konnte man sie noch bis zur Mitte der Neunziger Jahre sehen. Dieses Ärgernis wurde immer wieder von verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern moniert.

Zum 60. Gedenktag der Pogromnacht wurde durch die Stadt Waldshut-Tiengen auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs eine Stele aus den inzwischen geretteten Grabsteinen errichtet.

Gruß Theo aus WT

Der Stein, das Gras(-gewaechs) bzw. der Erdklumpen soll einen dazu anregen, sich dessen bewusst zu werden, dass „wir vom Staube kommen und wieder zum Staube zurueckkehren werden“.
Die genannten Materialien sind natuerliche Bestandteile des Erdbodens, deshalb werden gerade sie dazu gewaehlt. Der Stein hat sich wohl aus mehreren Gruenden „durchgesetzt“: so verwelkt er nicht und ist er bescheiden aber aussagekraeftig. Passt irgendwie auch besser zur juedischen Geschichte als ein Blumenkranz… Des weiteren wird damit die Ehrerbietung dem Toten gegenueber ausgedrueckt sowie bezeugt, dass man „da gewesen ist“ und denjenigen nicht vergessen hat.

DaniK

Hallo Iris & Peggy,

auf jüdischen Friedhöfen ist es Brauch, bei einem Besuch ein
kleines Steinchen auf das Grab zu legen.
Was symbolisiert der Stein?

Während der Zeit in der Wüste wurden die Toten dort begraben
und auf die Gräber Steine gehäuft - allerdings nicht, wie
häufig behauptet wird um sie vor Tieren zu schützen, die sie
ausgraben könnten. Man weiß inzwischen durch die biblische
Archäologie, daß das für die Wüstenregion, in der das jüdische
Volk unterwegs war, irrelevant ist.

Vielleicht gibt es ja auch einen ganz praktischen Grund. Die vielen Steine, die auf dem Sinai liegen, bieten sich für eine Bestattung geradezu an, während der Boden oft so hart ist, daß es enorm aufwendig wäre, jemanden zu begraben.

Hallo Peggiy, hallo Iris aus Galiläa,
unsere älteste Tochter (von 5 Kindern) hat dieses Jahr BAT MIZWA.
Sie ist außerdem von der Schule her eine leidenschaftliche Internet-
Surferin. Sie fand euren Artikel im Archiv (aus dem Vorjahr) und bat
mich, den Schlußpunkt zu dieser wunderbaren Auslegung zu setzen.
(also bitte entschuldigt im Nachherein unsre Einmischung)

Friedhofs- und Grabbesuch fällt bei uns Juden in den religiösen
Bereich AHNENEHRUNG . Aus der TORA kennen wir den Begriff :
> z u d e n V ä t e r n v e r s a m m e l t w e r d e n so ist es[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Peggiy, hallo Iris aus Galiläa,
unsere älteste Tochter (von 5 Kindern) hat dieses Jahr BAT
MIZWA.
Sie ist außerdem von der Schule her eine leidenschaftliche
Internet-
Surferin. Sie fand euren Artikel im Archiv (aus dem Vorjahr)
und bat
mich, den Schlußpunkt zu dieser wunderbaren Auslegung zu
setzen.
(also bitte entschuldigt im Nachherein unsre Einmischung)

Friedhofs- und Grabbesuch fällt bei uns Juden in den
religiösen
Bereich AHNENEHRUNG . Aus der TORA kennen wir den Begriff

> z u d e n V ä t e r n v e r s a m m e l t w e
r d e n so ist
es

also, wenn ich das so lese, scheint hier alles verkultet, verritualisiert und streng dogmatisiert zu sein. Aber Gott, den Ewigen, Zebaoth, Jahwe, den nimmt kaum wer ernst, bzw. glaubt, daß Gott der liebende, gnadenvolle, barmherzige Vater im Himmel ist. Leider ist das hier so mein Eindruck. Denn für mich lebt Gott als mein Vater, Freund, Bruder jetzt, und für alle Menschen und auch für mich. Von Kult und ähnlichem Schnick-Schnack haben dann nur die Kultwächter und Kirchen-Bonzen angefangen, nicht zu ihrem eigenen Schaden, mein ich. Aber, sage mir, was Du glaubst, und ich sage Dir, welche Charakterstufe Du hast.
Mein Bruder aus dem Himmel, der hilft mir, der ist bei mir und - der ist für mich da, wie ich für Ihn. Ein wahrer Mensch und Gott zugleich, denn ich weiß, Er kann alles, auch unser Bruder sein wollen. Amen.