Hallo alle,
angeregt durch einen sehr interessanten Antwort-Artikel von Elimelech weiter unten im Thread „was wurde aus Joseph“ habe ich mich entschlossen, einen eigenen Thread zu eröffnen, um das Thema dort nicht zu sehr zu sprengen.
Es war die Frage nach dem Jüdischen Recht im Neuen Testament und der damaligen Rechtsauffassung aufgetaucht. Konkret ging es um die Schwangerschaft Marias und die zu erwartenden Folgen, wenn Joseph sie nicht geheiratet hätte und es sich somit um ein uneheliches Kind gehandelt hätte.
Meines Wissens nach wurde zur Zeit des neuen Testamentes das Jüdische Recht von zwei Gesichtspunkten bestimmt:
- Das Gesetz des Mose im AT
- Die mündliche Überlieferung (Halacha und Aggada, später niedergeschrieben und kommentiert im Talmud)
zu 1.:
Beim Vorkommen von sexuellem Verkehr zwischen Unverlobten war der Mann verpflichtet, die Frau zu heiraten und einen Brautpreis zu zahlen (2. Mose 22,15-16). Beim Verkehr mit einer verlobten Frau (und das traf bei Maria zu, als sie vom Heiligen Geist schwanger wurde) drohte dem Paar die Todesstrafe (5. Mose 22,22-29). Man hätte Maria also nachweisen müssen, dass sie mit einem fremden Mann Verkehr gehabt hätte und diesen suchen müssen. Joseph hat dies natürlich nicht getan, weil er Maria liebte und vom „Vater“ des Kindes (Heiliger Geist) selbst informiert worden war. Zur Todesstrafe für Ehebruch vgl. 3. Mose 20,10.
zu 2.:
Leider kenne ich mich mit dem Jüdischen Talmud und seinen Aussagen zum Thema nicht sehr gut aus und bitte hier um Eure sachkundige Mitarbeit.
Aus diversen Geschichten im NT kann man aber deutlich ableiten, dass Vertreter gesetzestreuer Sekten im Judentum der damaligen Zeit (genannt werden Pharisäer und Sadduzäer) ihre Mitmenschen genau auf die Einhaltung des Gesetzes überwacht haben.
Beispiele zum Ehebruch: Lukas 7,36-50; Johannes 8,1-11
Beispiele zum Sabbatgebot: Johannes 5,1-18; Lukas 6,6-10
Obwohl ich diese Überwachung – genau wie Elimelech – absolut nicht gutheißen kann, glaube ich, dass der Vergleich mit der Stasi vielleicht doch nicht so ganz übertrieben war.
Das Problem war wohl, dass manche jüdischen Fanatiker sich selbst noch weitere Gesetze ausgedacht hatten, um das Volk damit zu terrorisieren. Was Jesus davon gehalten hat (nämlich gar nichts) steht hier: Markus 7,6-13 und Matthäus 7,1-5.
Zur Situation heute:
Ich bin derselben Meinung wie Elimelech, dass Überwachung und Steinigung kein geeignetes Mittel sind, dem „Problem“ unehelicher Kinder zu begegnen – an diese Stelle tritt heute die soziale Verantwortung. Es wäre aber interessant, darüber nachzudenken, ob die heutigen gesetzlichen Mittel dazu ausreichen bzw. ob solche Vorbehalte in den Köpfen und moralische „Überwachungen“ nicht auch in unserer Gesellschaft noch vereinzelt vorkommen.
Ich freue mich auf Eure sachkundigen Beiträge!
Euer Alex