Junger Mann - Schizophrenie

Liebe Lesende und die, die damals schon dabei waren!
Vor allem @ Oliver, vor allem @ Branden

Vielleicht könnt ihr euch an meine Fragen, Artikel usw. erinnern, die mit dem Nachbarjungen zu tun hatten. Derjenige, der offensichtlich an Schizophrenie erkrankt war. Dessen Eltern, besser gesagt, die Mutter, die Augen verschlossen haben.
Derjenige, um den ich versucht habe, mich zu kümmern. Wo ich versucht habe, Aufklärung zu betreiben. Wo es um die Medikamente ging, die ihm die Mutter auszureden versucht hat.

…der Junge hat sich umgebracht.

Er hat sich vor die U-Bahn geschmissen.

Er hat, davor, versucht, sich mit einem Messer die Pulsadern aufzumachen. Der Unfallarzt hat es als „Kratzer“ begutachtet, mit dem Hinweis „Ist eh nichts passiert.“

Er hat zu Hause eine Überdosis seiner Medikamente genommen und selbst den Notarzt angerufen. „Es ist eh nichts passiert.“
Dann hat er sich in der Klinik alle Infsuionsschläuche rausgerissen, ist in der Pyjamahose abghauen und hat sich vor die nächste U-Bahn geschmissen.

Jetzt ist er tot. Ich packe es nicht. Habt ihr bitte ein paar Worte für mich?
Ich weiß, ich hätte es nicht verhindern können. Hätte ich?

Es ist zwar schon einige Zeit her, aber ich merke, ich komme damit absolut nicht zurecht!!!

Danke an alle, die mir helfen!
lg, Irene

Liebe Irene,

Ich weiß, ich hätte es nicht verhindern können. Hätte ich?

nein, hättest Du nicht. Du hast Dich bemüht, ihm zu helfen, und bist eine positive Kraft in seinem Leben gewesen.

Aber es gab es zuviele Gegenkräfte: seine Eltern, und manche anderen verständnislosen Menschen in seiner Umgebung.

Deshalb ging es sich nicht mehr aus. Und ein Mensch allein hat nicht soviel Macht, um das Leben eines anderen in andere Bahnen lenken zu können. Nur manchmal kann man etwas bewirken.

Es ist zwar schon einige Zeit her, aber ich merke, ich komme
damit absolut nicht zurecht!!!

Das ist mir klar. Vor nicht ganz vier Jahren habe ich ähnliches erlebt. Längere Zeit danach „kam ich damit nicht zurecht“, nach und nach wurde es zu einer nüchternen Tatsache. Aber ich bin nicht ganz der gleiche wie vorher.

Liebe Grüße.

I.

Hallo Irene

Ich weiß, ich hätte es nicht verhindern können. Hätte ich?

Natürlich nicht. Du hast Dich schon mehr gekümmert als viele Andere das in solchen Fällen tun.
Wenn jemand aus unserem Umkreis durch Suicid stirbt, denken wir meist: Hätte ich etwas anders machen sollen, etwas anders sagen sollen etc.
Das ist unser Verantwortungsgefühl. Es ist ja schön, dass Du so bist und soviel Mitgefühl für Andere hast. Mehr ist aber schlicht nicht möglich.
Es grüßt Dich herzlich
Branden

Danke, Branden. Obwohl ich dann gezweifelt habe, ob es richtig war, es hier anzusprechen, jetzt weiß ich, dass es gut war. Es ist gut zu hören, von anderen, kompetenten, dass einen keine Schuld trifft.
Liebe Grüße, I.

Danke, Idomeneo, auch dir für deine Worte. Komisch, aber Realität, dass es doch so gut tut, von außerhalb zu hören, dass auch andere schon Schlimmes erlebt haben, man nicht allein da steht und auch nicht alleine alles tragen muss.
Liebe Grüße
I.

Hallo Irene,

Ich weiß, ich hätte es nicht verhindern können. Hätte ich?

Nein, Irene, hättest Du definitiv nicht. Wahrscheinlich hätte das noch nicht einmal seine eigene Mutter verhindern können, wenn sie sich anders verhalten hätte. Aber diese Frage wird sie sich selber beantworten müssen. So sehr, wie der Junge offensichtlich sterben wollte, konnte ihm vielleicht keiner mehr helfen.

Du hast wirklich versucht, zu helfen, aber als Außenstehender darfst und kannst Du das nur bis zu einem gewissen Grade.

Gestatte Dir, zu trauern, auch wenn Du „nur“ die Nachbarin bist. Anscheinend hast Du ja großen Anteil genommen an dem Jungen. Geh zu seinem Grab und erlaube Dir, traurig zu sein, auch wütend auf die, die nicht auf Dich gehört haben.

Alles Liebe,
Nike

Hallo Nike,
vielen Dank für deine Worte. Was mir daran am meisten hilft, sind mehrere Sachen: der Hinweis, dass er so sehr sterben wollte, der Hinweis auf das Trauern und auch das Wütend sein dürfen und der Anstoß, zum Grab zu gehen, was ich bis jetzt vermieden habe, aber in die Tat umsetzen werde.
Liebe Grüße
I.

Liebe Irene,
es tut mir sehr leid, was Du durchmachen mußtest und mußt. Du trägst auch manche Last, vor der zu viele andere oft die Augen verschließen. Denn nicht jeder kann solche Sorge, solche Dunkelheit, solche Bedrohung aushalten, wie sie im Seelenleben eines schizophren erkrankten Menschen auftritt und das anteilnehmende Gegenüber miterfaßt. Bitte denke nicht, Du hättest es verhindern können oder müssen. Du hast, wie ich glaube, alles getan. Nicht jeder Mensch, der schizophren krank ist, kann gerettet werden. Die Heilungsquote ist zwar höher als sie meist geschätzt wird, aber immer gibt es einzelne so erkrankte Menschen, die sich das Leben nehmen und niemand kann es ändern. Wenn Du jetzt durch äußere Konstellationen geschafft hättest zu verhindern, daß sich Dein Nachbarsjunge das Leben nimmt, wäre es in einigen Tagen, Wochen, Monaten geschehen …was diese Menschen an innerer Qual oft durchmachen müssen, ist oft furchtbar schlimm.
Ich hab das auch erlebt, was Du jetzt durchmachst. Beruflich und privat. Man muß sich selbst Zeit geben, um es zu verwinden. Aber es ändert einen tatsächlich. Gib auf Dich acht, behüte Dich Irmtraut

Liebe Irmtraut,
es ist sehr schön, was du geschrieben hast. Dank dir dafür.
Liebe Grüße
I.