Kalifen, Wesire usw

Hallo!
Unter den ersten Kalifen nach Mohammed (für die spätere Zeit, z.B. Osmanisches Reich, gibt Wikipedia die Bezeichnungen) - wie war die Verwaltung eigentlich aufgebaut? Gab es so etwas wie Beamte, z.B. einen Finanzminister? Wesir/Großwesir habe ich gefunden, aber da muss es doch noch mehr gegeben haben? Und wie hießen sie?

Danke & Gruß,
Eva

Hi Eva

zur Verwaltung an sich habe ich nichts, aber zur Struktur (auch um den Herrscher rum) ein bisschen:
Im Arabischen Raum gehen die Herrschaftsverhältnisse nicht von Oben nach Unten sondern von Innen nach Außen. Der „innere Zirkel“ um den Herrscher besteht aus Wesiren, Ratgebern, Höflingen und Militärführern. Die Verbindung zwischen Herrscher und diesem Zirkel sind informell, diese Männer schulden dem Herrscher persönliche Loyalität (bis hin zum Sklaventum). Der Herrscher seinerseits schuldet seinen Dienern „Wohltun“ also Ehrung und materielle Zuwendungen, ohne diese kann der Gehorsam verweigert werden. Also ein patrimoniales System.
Der Zentralapparat ist also der Haushalt des Herrschers. Alle Macht geht vom Herrscher aus oder wird durch ihn verliehen.
Dabei ist die Herrschaft über den inneren Zirkel oft von Beliebigkeit geprägt (Folter, Hinrichtung, Sklaventum), während für die Untertanten außerhalb dieses inneren Zirkels Mäßigung und Gerechtigkeit gefordert wird.
(Frei zitiert und gekürzt nach „Der islamische Orient. Grundzüge seiner Geschichte“ von Albrecht Noth und Jürgen Paul (Hrsg.) im Ergon Verlag, Würzburg 1998. S. 173ff.)

Wenn das in die Richtung geht die du suchst, kann ich das Buch nur empfehlen. Am besten ausleihen weil es doch recht teuer ist.
Auf den folgenden Seiten gehen die Autoren noch auf Despotismus, auf die Stadtbevölkerung, die Berater und die Militärregenten sowie auf Governeure ein.

lg
Kate

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Hallo, Kate!
Wenn jemand nun mit der Verwaltung der Finanzen betraut war, also über den Staatsschatz gesetzt, hatte der einen bestimmten Rang, vergleicbar dem „Kämmerer“?

Danke im übrigen für die großartige Auskunft. Werde mal in der hiesigen, eher bescheidenen, Stadtbibliothek nachfragen, ob sie das Buch haben.

Grüße,
Eva

Literatur
Hallo!
Das hier wäre bestimmt auch informativ:
http://links.jstor.org/sici?sici=0043-2539%281918030…

Leider komm’ ich da nicht ran, und ich kann nicht dauernd Sachen kaufen, seufz!

Grüße,
Eva

Hi

Ich habe im Haarmann (Geschichte der arabischen Welt) noch folgendes gefunden:
„Der bei der Ankunft der Muslime jeweils vorgefundene Besteuerungsmodus der Vorgänger-Staaten (Byzanz, Sassanidenreich) wurde im wesentlichen beibehalten, nur flossen die Steuererträge jetzt den Muslimen zu.“ Dabei wurde für gewöhnlich auch das Beamtensystem übernommen, weshalb dieses bis ins ausgehende 7. Jahrhundert auch nicht-muslimisch war und die Beamtensprache war für gewöhnlich Persisch (seltener Griechisch).

In Yves Thoraval „Lexikon der islamischen Welt“ aus dem Nikol-Verlag, Darmstadt 1999, steht unter dem Stichwort --> Staat u.a. folgendes:
„Bei der Gründung ihres Reiches nahmen die Muslime unterschiedliche politische Traditionen auf. Der einzige ihnen bekannte „ideale“ Staat ist derjenige von Medina- eine durch den Islam gefestigte Gemeinde unter Mohammed und seinen Nachfolgern… [die rechtsgeleiteten Kalifen] wurden aufgrund ihrer Verdienste gewählt und regierten mittels „direkter Demokratie“. [Der Islam] ist somit „Religion und Staat“ (Din wa-Daula) und bildet eine Theokratie von Laien (da es keinen Klerus gibt) auf egalitärer Grundlage [theoretisch sind alle gleich.]
Zentrale Institution des islamischen Staates war das Kalifat […] es oblag der Ulema , die Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft zu bestätigen. Geistliche wie weltliche Aufgabe war es, für die EInhaltung der Scharia sSorge zu tragen ohne diese zu verändern, sowie die Armeen zum Nutzen des Islams zu befehleigen. […] [Erst mit den Abbasiden] musste die Herrscher, um ihren Vielvölkerstaat zu kontrollieren, die Aufgaben delegieren.“
Dabei stützte man sich auf die schon erwähnte vorislamisch-iranische Verwaltungsstruktur.
„Der Wesir, zunächst ein einfacher Sekretär, erhielt ab dem 9. Jh. zunehmende Macht und leitete eine ausgedehnte Zivilverwaltung: Die Diwane (Kanzlei, Armee, Staatskasse). Dem Staatsapparat diente eine Bürokratie von - meist persischen-Schreibern (Katibs), die in jeder Provinz Vertretungen besaßen. Rechtsgelehrte (vom Herrscher ernannte Quadis und Ulema) bildeten die religiöse Verwaltung.“
Das kannst du in so ziemlich jedem Werk zur Rechtsentstehung nachlesen.
"Die Armee, deren Aufgabe im Heiligen Krieg (Dschihad) bestand, stand unter dem Befehl eines Emirs (Amir „Fürst“, später auch Provinzgouverneur, dem ein Steuereintreiber -Amil- zur Seite stand). Aufgabe der Staatspolizei war die Verfolgung politisch-religiöser Unterwanderung. In der Überwachung der öffentlichen Ordnung (Hisba) der allgemeinen Moral und der Einhaltung der religiösen Pflichten nahm der Muhtassib (Marktaufseher, ursprl. zuständig für die Kontrolle von Preisen und Waren) eine wachsende Rolle wahr. "

Hoffe damit ist dir geholfen. Wenn du weitere Bezeichnungen für bestimmte Ämter, so es sie gab (Kämmerer etc.) suchst, versuche es doch in einem islamischen Forum, die beißen nicht ^^

lg
Kate

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Hallo, Kate!
Wiederum herzlichen Dank! Ich habe den Artikelbaum abgespeichert und freue mich über die neugewonnenen Kenntnisse.

Liebe Grüße,
Eva

Hallo, Kate!
Ein sehr interessanter Artikel! Toll, daß jemand über derartiges Bescheid weiß!
Ich habe gelesen, daß die nordafrikanischen Herrscher (Algier, Tunis, Tlemcen) nach dem Niedergang der Almojaden (evtl. auch gegen Ende deren Herrschaft), in hohen weltlichen Ämtern auch Sklaven beschäftigten, wenn sie diese für besonders geeignet hielten, wohl weil sie sich der Familienmitglieder nicht sicher sein konnten. Kannst Du das verifizieren? Ich fände das wichtig, weil es mein Bild von der damaligen Gesellschaft klarer werden ließe. Leider erfährt man ja nie wirklich, wie das Volk lebte.
Gruß
Mona