Guten morgen,
Was ist ausschlaggebend für die Festlegung des
Kalkulationszinsfußes bei der Kapitalwertmethode?
vor etlichen Jahren saß ich mal in einem Seminar mit einem gewissen Herrn B., der seinerzeit ein MDAX-Unternehmen leitete und uns erzählte, wie er die Rentabilität von Akquisitionen untersuchte. Dabei ging es um 5 Jahres-Pläne, um Prüfungen undundund. Irgendwann meldete sich ein vorwitziger Student, der fragte, wie denn der weise Herr B. auf den Diskontierungszinssatz für die vielen tollen EBITs kam. Die Antwort lautete sinngemäß, daß er den Zinssatz für Bundesobligationen nähme und drei Porzent draufschlagen würde.
Wir haben dann anschließend versucht ihm zu erklären, daß seine ganze Planerei für den Eimer ist, solange der Zinssatz willkürlich derart gewählt wird.
Will sagen: Mit dem Kalkulationszinsfuß steht und fällt die ganze Rechnerei und der Zinssatz ist eigentlich nicht zu ermitteln. Das ist die Praxis.
In der Theorie werden diverse Ansätze unterschieden. Die gebräuchlichsten sind die finanzierungsorientierte und der opportunitätsorientierte. Der erstere berücksichtigt die Art der Finanzierung und ermittelt (u.U. gewichtet) über Fremd- und Eigenkapitalkosten die erforderliche Verzinsung des aufgenommenen Kapitals und verlangt dann für die Investition (logischerweise) mindestens den gleichen Zinssatz.
Der opportunitätsorientierte Ansatz berücksichtigt die zur Verfügung stehenden alternativen und risikogleichen Anlagemöglichkeiten, d.h. es wird geprüft, was sich denn für das aufgenommene Kapital anderweitig für Verzinsungen erreichen lassen und verlangt von der Investition (logischerweise) mindestens den gleichen Zinssatz. Diesen Ansatz halte ich für den eigentlich richtigen, aber dennoch nicht umsetzbaren, denn die Berechnung des Risikos fällt in den Bereich der Kaffeesatzleserei.
Verwandt mit dem opportunitätsorientierten Ansatz ist das CAPM, mit dem versucht wird, den richtigen Zinssatz über den Kapitalmarkt zu berechnen. Der Umstand, daß dort gerechnet wird, verlagert den Fehler allerdings nur.
Es heißt ja
Sollzinsen = Habenzinsen.
[…]
Im meinem Lehrbuch steht:
„Der Zinssatz ist die gewünschte Mindestverzinsung des
Investors und entspricht dem Zinssatz, zu dem der Investor
Kapital beschaffen kann“
Ja was denn nun? Dieser Satz scheint sich doch irgendwie zu
widersprechen!
Nein, er paßt zur vorstehenden Gleichung und ergibt sich aus dem theoretischen Konstukt des vollkommenen Kapitalmarktes. Aus Sicht des Kreditgebers ist das Risiko der Kreditvergabe mit dem Risiko der Investition identisch, so daß er dem Investierenden das Geld zum gleichen Zinssatz leiht, wie der als Rendite für die Investition veranschlagt.
Der Ansatz des vollkommenen Kapitalmarktes vernachlässigt allerdings so unwesentliche Kleinigkeiten wie Kostendeckungs- bzw. Gewinnstreben des Kreditgebers, Informationsdefizite und Mißtrauen des Kreditgebers. In der Praxis ist der vollkommene Kapitalmarkt daher eher selten anzutreffen.
Gruß,
Christian