'Kaninchenstarre'

Lieber Forum,

Jetzt, wo wir das Thema „Schizophrenie, Affekt etc.“ ausgiebig diskutiert haben, und ich so viele kompetente Beiträge gelesen habe, komme ich mit einem Problem, was mich persönlich betrifft und zunehmend belastet.
Es ist so: in den Situationen, wo jemand neben mir in Gefahr ist, verfalle ich in eine Art „Kaninchenstarre“, wie ich das nenne. Ich habe auch das Wort „Stupor“ in diesem Zusammenhang gehört.
Statt zu helfen, stehe ich einfach blöd da und gucke. So war es, als ich einen Autounfall gesehen habe, als ein Wagen sich überschlagen hat, ich befand mich dann am nächsten zu der Unfallstelle. Dasselbe war passiert, als jemand unmittelbar vor mir vom Pferd stürzte und bewusstlos wurde, als jemand im März ins Wasser fiel. Ich sehe dann alles wie in der Zeitlupe, registriere zwar, was geschieht, aber es kommt mir so vor, als ob es ein Film ist und nicht die Realität.
Als meine Tochter vom Fahhrad fiel und blutüberströmt nach Hause kam, zwang ich mich buchstäblich dazu, mich überhaupt zu bewegen.
Ich bin sonst nicht schreckhaft, komme aus der Familie eines Arztes und kann Blut und sämtliche Verletzungen durchaus sehen, ohne dabei ohnmächtig zu werden. Das weiss meine Umgebung ebenfalls, weil ich oft aufgeschürfte Knien, geschnittene Finger usw. bei Nachbarskindern verarztet habe, wobei ihre eigene Mutter entweder weinte oder hilflos durch die Gegend raste.
Genau aus diesem Grund wird mir vorgeworfen, dass ich in manchen Fällen absichtlich erstarre, um nicht zu helfen. „Hilfeunterlassung“ war auch schon erwähnt worden.
Es ist aber keine Absicht von mir und ist schwer zu steuern (dass ich es einigermaßen steuern kann, wurde mir nach dem Unfall mit meiner Tochter klar).
Also, kommen wir auf das Thema zurück. Schizophrenie, fehlender Affekt, eine Art von Hysterie, tatsächlich die strafbare Hilfeunterlassung?
Ich bitte um ihr fachkündiger Rat.

Jarolep

Hi,

Also, kommen wir auf das Thema zurück. Schizophrenie,
fehlender Affekt, eine Art von Hysterie, tatsächlich die
strafbare Hilfeunterlassung?

Unterlassene Hilfeleistung liegt vor, wenn Du in einer Notsituation eine Hilfe nicht leistet, die notwendig und Dir zumutbar ist.

Wenn Du glaubhaft machen kannst, daß Du psychisch krank bist und derlei eine Auswirkung dieser Krankheit sein kann, ist Dir Hilfe nicht zumutbar.

Damit bist Du raus. Generell ist der Gesetzgeber (leider) recht anspruchslos, was die Hilfeleistungspflicht durch Laien angeht. Mehr als das Absetzen eines Notrufes wird idR nicht verlangt.

Gruß,

Malte.

Sehr geehrter Jarolep,

Das Phänomen, das Sie mit der „Kaninchenstarre“ umschreiben, fällt psychopathologisch wohl am ehesten in die Kategorie der sogenannten „dissoziativen Störungen“, also eine im weitesten Sinne „hysterische“ Reaktion auf traumatische Erfahrungen, die nur unzureichend in die Persönlichkeit integriert werden konnten und sich deswegen in Stressituationen in „abgespaltener“ (= dissoziierter) Form äußern. In der International Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation WHO, 10. Auflage, nennt man so etwas einen „Dissoziativen Stupor“ (ICD-10: F 44.2), verbunden mit einem dissoziativen Depersonalisations- und Derealisationserleben (das veränderte Zeitempfinden und Gefühl des Entfremdeten).

Ratsam wäre es, einen Psychiater bzw. Psychotherapeuten aufzusuchen und mit ihm/ihr gemeinsam zu beraten, was am besten zu tun ist.

Eine relativ neue psychotherapeutische Behandlungsform für solche Probleme (speziell das „Starren“, also die akute „Augenpanzerung“ in solchen Situationen) ist das sogenannte EMDR (Eye Movement Desensitization Reprocessing) nach SHAPIRO, wo das traumatisierende Ereignis unter Anleitung wiedererlebt wird und das „(Er)Starren“ mit einer speziellen Augenübung durchbrochen werden soll.

Schauen Sie sich doch einmal diesbezüglich im Internet um und erkundigen Sie sich nach einem empfehlenswerten ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten in Ihrer Nähe.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Stefan Müschenich

Hallo Jarolep,
bevor du gleich zum Psychiater rennst, denke ich dass es auch sein kann dass du nur gelernt hast, dass andere evtl. besser helfen können (Vater=Arzt). Gerade wenn andere/Mehrere dabei sind, gibt es das Phänomen, dass ein Opfer keine Hilfe bekommt. Das ist ein Sozialpsychologisches Problem, über das schon viel geschrieben wurde (s. Bierhoff). Esgibt drei Dinge die dazu führen dass jemand zögert zu helfen:
Pluralistische Ignoranz: jeder zögert für sich und fragt sich ob die anderen helfen oder er eingreifen soll.(wer ist dran?) Muss überhaupt geholfen werden oder ist die Verletzung gar nicht so schlimm.(was ist eigentlich los?) Eigene Gedanken verzögern also die Hilfe.
Verantwortungsdiffusion: jemand anders kann es bestimmt besser, insbesondere wenn mangeldes Selbstbewusstsein vorhanden ist, oder von jemand anderem bekannt ist, dass er helfen kann
Bewertungsangst: vielleicht stell ich mich doof an und die anderen lästern über mich

ist also vielleicht gar nicht so schlimm, genau wie ich deine Äusserungen zu deiner Angst, selbst schizo zu sein, nicht so schlimm finde. Will sagen die Angst ist schlimm, aber ich glaub nicht dass du schizo bist, durchaus psychisch angekratz bist, denn es wird sicher kein besonders schönesHarmonisches Familienleben bei dir geben, aber du hast nur eine 50%Chance, also mach was draus(aus den anderen 50% natürlich). Ich selbst hab einen Cousin mit Schizo, also eine 25% Chance und dacht schon oft ich dreh durch, ist ja auch so einfach, gleich die mögliche Diagnose parat zu haben. Insbes. in der Pubertät war das so (er hat auch Jugendschizo, seit er 12 ist bis jetzt mit fast 40). Aber es aht mich doch nicht erwischt, da ich wirklich nicht vorhab so ein leben zu führen (Monatelang in der Klinik, dann ein paar Wochen zuhause, bis seine Mutter nicht mehr kann, oder er wieder anders versorgt werden muss, zB. künstlich ernährt, weil er nichts mal wieder isst)
Anscheinend ist es bei deinem Vater nicht so schlimm, wenn er ein halbwegs normales Leben führen kann (mit Frau und Kindern).
Nu genig mit der Moralpredigt
Think positive Susanne

oups
wollt sagen GENUG mit der Moral…

Hallo Susanne,

ich freue mich, daß Du die sozialpsychologischen Erklärungen beschrieben hast, die man für Nichthandeln in Notsituationen heranziehen kann. Ich hatte mich schon gefragt, ob niemand darauf hinweist, daß Jaroleps Verhalten auch normalpsychologische Gründe haben könnte. Interessanterweise hat er ein Posting vorher selbst geschrieben, daß man leicht Gefahr läuft, alles Mögliche und „Normale“ mit Hilfe eines Fachbuches als pathologisch einzuschätzen. Als krönendes Beispiel dafür, daß wie es gehen kann, hat er selbst geliefert …

Was ich eigentlich fragen wollte: Verwechselt Du nicht Jarolep mit Matze? Matze hatte von seiner Angst, schizophren werden zu können, geschrieben, weil ein Elternteil von ihm schizophren ist. Außerdem: Wie kommst Du denn nur auf Deine horrenden Risikozahlen für Verwandte Schizophrener? 50% für Kinder eines schizophrenen Elternteils und 25% für Cousins eines Schizophrenen? Wahrscheinlich hast Du implizit einen intermediären Erbgang angenommen, bei dem die Varianz genetisch-additiv ist. Abgesehen davon, daß das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Cousins bei diesem Erbgang 12,5% beträgt, kann man bei Schizophrenie so nicht rechnen. Die Werte, die Du angibst, sind viel zu hoch und würden tatsächlich bei manchen zu Panik Anlaß geben, wenn sie denn zuträfen.

Gruß,

Oliver Walter

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Verwechslung, aber trotzdem…
Hallo Oliver, Hallo Susanne,

Vielen Dank Euch beiden, dass ihr mich darauf hingewiesen habt, dass die Reaktion auch sozialpsychologische Aspekte haben kann. Die vielen Gedanken, die Susanne erwähnt hat, schwirren tatsächlich in solchen Situationen (die zum Glück äußerst selten sind) in meinem Kopf.
Mit meiner Frage, insbesondere anhand Eurer Postings, wollte ich jemandem beweisen, dass das „Erstarren“ in der Psychologie so oder so bekannt ist und nichts mit böser Absicht zu tun hat. Darum gings es mir, denn die Diskussion stand nicht ein Mal auf der Tagesordnung.

Susanne hat mich mit Matze verwechselt, das stimmt. Aber auch bei uns in der Familie hat es Fälle der Schizophrenie gegeben - Kusen vaterlicherseits, Schwester meines Ehepartners. Außerdem haben wir in unserem hübschen Psychogarten Depression, Alkoholismus und Down-Syndrom. Deswegen war ich auch an diesem Forum, wenn es um Matze ging, so rege beteiligt.

Vielen Dank für Eure Postings!

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einziger,

Jetzt, wo wir das Thema „Schizophrenie, Affekt etc.“ ausgiebig
diskutiert haben, und ich so viele kompetente Beiträge gelesen
habe, komme ich mit einem Problem, was mich persönlich
betrifft und zunehmend belastet.
Es ist so: in den Situationen, wo jemand neben mir in Gefahr
ist, verfalle ich in eine Art „Kaninchenstarre“, wie ich das
nenne. Ich habe auch das Wort „Stupor“ in diesem Zusammenhang
gehört.
Statt zu helfen, stehe ich einfach blöd da und gucke.

schau auf die uhr. manchmal sind das nur sekundenbruchteile, die per stresshormon zu ewigkeiten versteinern. zeitgefühl wechselt, tröst. und wenn du erst mal inventur machst, bevor du eingreifst, spricht das für deine gewachsene lagekompetenz, die dann in schlüssige handlungsalgoritmen mündet. beim zeichnen bleibst du ja auch nicht am auge hängen, bevor du die gesamtkonturen skizzierst.

So war es, als ich einen Autounfall gesehen habe, als ein Wagen sich
überschlagen hat, ich befand mich dann am nächsten zu der
Unfallstelle.

allzuoft passiert das ja nicht, deshalb konntest du nicht so viele erinnerungen ontop abrufen und umsetzen.

Dasselbe war passiert, als jemand unmittelbar
vor mir vom Pferd stürzte und bewusstlos wurde,

puh, wenn du kommst, bringt das unglück, grusel.

als jemand im März ins Wasser fiel. Ich sehe dann alles wie in der Zeitlupe,
registriere zwar, was geschieht, aber es kommt mir so vor, als
ob es ein Film ist und nicht die Realität.

nicht dass du dir gewünscht hast, dass was schlimmes passiert, und insgeheim regie führst? terror wittere…

Als meine Tochter vom Fahhrad fiel und blutüberströmt nach
Hause kam, zwang ich mich buchstäblich dazu, mich überhaupt zu
bewegen.

hatte sie einen plan?

Ich bin sonst nicht schreckhaft, komme aus der Familie eines
Arztes und kann Blut und sämtliche Verletzungen durchaus
sehen, ohne dabei ohnmächtig zu werden.

jaja, der unwahrscheinlichkeitsantrieb… und wieder keinen fotoapparat dabei. vielleicht wär einmal ohnmächtig werden die lösung. alle würden begreifen: du fühlst mit. und spotlight!

Das weiss meine Umgebung ebenfalls, weil ich oft aufgeschürfte Knien,
geschnittene Finger usw. bei Nachbarskindern verarztet habe,
wobei ihre eigene Mutter entweder weinte oder hilflos durch
die Gegend raste.

hilflos durch die gegend rasen - das ist es. los! jetzt! action, du wirst gesehen. retter, die erste. klappe!

Genau aus diesem Grund wird mir vorgeworfen, dass ich in
manchen Fällen absichtlich erstarre, um nicht zu helfen.

so ist es. absicht. du schaust absichtlich beim unfall zu und wartest, wie der film weiter geht. es ist ja grad so spannend. vielleicht siehst du dich ja sogar selbst, E.T. und alles ist wieder mal so urgent emergent. fast wie beim letzten mal. das hohe alter naht, blök.

„Hilfeunterlassung“ war auch schon erwähnt worden.

urgs. glückwunsch. so direkt wollte ich es ja nicht sagen. aber bestattungshelfer werden gesucht. gerade in krematorien. agile, dynamisch-sportive strahlemänner, mit einem gespür für den pizza-geschmack des diensthabenden notarztes. die auftragslage ist ja wieder sooo angespannt.

Es ist aber keine Absicht von mir und ist schwer zu steuern
(dass ich es einigermaßen steuern kann, wurde mir nach dem
Unfall mit meiner Tochter klar).

wie wär´s mit dem fremdwort schock? ein flotter einsilber, bindet in der regel mindestens fünf sekunden kaninchenstarre.

Also, kommen wir auf das Thema zurück. Schizophrenie,
fehlender Affekt, eine Art von Hysterie, tatsächlich die
strafbare Hilfeunterlassung?

empfehle webcam zwecks video-feedback und nachfolgende selbstkastration.

cu

btw jarolep,

läuft grad ein strafverfahren gegen dich? eins, bei dem es günstig wäre, wenn dich jemand mag?

neugierig,

ich stolpere dich
hi stefan,

ordnest du starren als vorzeitige fokussion a la tunnelblick mit verzicht auf kompetetiven input ein?

gruß,

Hi,

Unterlassene Hilfeleistung liegt vor, wenn Du in einer
Notsituation eine Hilfe nicht leistet, die notwendig und Dir
zumutbar ist.

…liegt nicht vor, wenn du den anderen als tatsächlich primär hilflos erlebst, ihm aber eigene lösungsmuster zutraust, die dein aktionismus behindern würde.

Wenn Du glaubhaft machen kannst, daß Du psychisch krank bist
und derlei eine Auswirkung dieser Krankheit sein kann, ist Dir
Hilfe nicht zumutbar.

wenn du bilanzierst, wie viel kraft du hast, weißt du, was du an diesem tag noch leisten kannst. selbstüberschätzung nützt keinem. du bist nicht gott. was du tust, tut kein anderer, während du es tust. du begrenzt andere. auch im scheinbaren vakuum.

Damit bist Du raus. Generell ist der Gesetzgeber (leider)
recht anspruchslos, was die Hilfeleistungspflicht durch Laien
angeht. Mehr als das Absetzen eines Notrufes wird idR nicht
verlangt.

und auch der muss gerechtfertigt sein, weil du durch den ruf unter umständen lawinen auslöst. erinnerst du dich auch grad an den 11. september 2001, malte?

Gruß,

Sorry Jarolep, und natürlich Matze…
falls Du hier noch rumschaust.
Oliver hatte recht, das Risiko ist natürlich nur 12,5. bin ein bisschen aus der Übung. und es mussen natürlich noch auslösende Faktoren dabei sein. Die Prozentzahlen zählen nur für die Anlage, nicht für den Ausbruch der Krankheit. Drum kann die ganze Panikmache auch völlig grundlos sein. Wie bei mir hoffentlich. Werd das ganze demnächst wohl auch noch mal mit meiner Gyn. besprechen, denn ich will demnächst selbst in die Produktion gehen. Und wahrscheinlich werd ich eher meine hochgradige Kurzsichtigkeit vererben, mal schauen…:wink:
Ciao Susanne

hallo jarolep,

dein erstarren hat nichts mit schizophrenie zu tun. es kann sehr gut auf „normalem“ weg erklärt werden.

es wurde dir schon ausführlich zu dem sozialpsychologischen phänomen des gaffens geschrieben.

ich denke aber, das ist es bei dir nicht: gaffer sageen „es sind ja soviele leute da - da muß nicht ausgerechnet ich helfen“ (verantwortungsdiffusion) oder sie sagen „wenn niemand was tut, dann ist die situation nicht gefährlich - ich muß also nichts tun“.

du weißt aber, daß du etwas tun solltest. du willst auch, aber du kannst nicht, weil du wie gelähmt bist.

ich denke dabei an einen schockzustand.

auch eine dissoziation (derealisation, depersonalisation) wäre möglich. im anschluß an unglücksfälle kann es bei den beteiligten (auch helfer oder zuschauer) zu einer akuten belastungsreaktion kommen, die auch dissoziation beinhalten kann. die betroffene person ist wie betäubt, ihr bewußtsein ist eingengt (auf einen sachverhalt, die restliche umwelt kann nicht zu ihr durchdringen).

was kannst du nun dagegen tun?

du könntest dir situationen, in denen du helfen solltest, vorstellen und dir überlegen, was du tun solltest.

du könntest dich informieren, wie man bestimmte situationen zu bewerten hat und was in man tun muß.

du könntest an erste-hilfe-kursen teilnehmen und den ernstfall so praktisch üben.

wie du geschrieben hast, gelang es dir, dich aus deiner starre zu lösen - du mußt also keine angst haben, daß du erstarrt bleibst. du hast ja schon bewiesen, daß du die starre überwinden kannst. es wird dir auch in zukunft gelingen.

du kannst aber durch gezieltes üben dafür sorgen, daß du in zukunft nicht mehr (so stark) erstarrst oder daß du dich zumindest leichter daraus lösen kannst.