Kann ein Land mit neg. Aussenbilanz pleite gehen?

Hi,

hatte mit einem BWLler eine Diskussion über die USA.
Er meinte früher oder später gehen die pleite - aufgrund ihrer negativen Aussenhandelsbilanz, Kaptial wandert also stetig ab => Pleite.

Ich hielt dem entgegen, dass dies so nicht stimmt, da die Geldmenge im Land ja stetig wachse, und solange sie trotz der neg. Aussenbilanz nicht abnehme, könne das Land nicht aufgrund dessen pleite gehen.
Ich führte darauf das Modell m. der Wertschöpfung an (Bauer, Müller, Bäcker etc.)

Wer hat jetzt Recht? (Mir geht es jetzt nicht darum, DASS die USA längst pleite ist, sondern nur um die Kausalität neg. Aussenbilanz - Pleite!)

Hi,

hatte mit einem BWLler eine Diskussion über die USA.
Er meinte früher oder später gehen die pleite - aufgrund ihrer
negativen Aussenhandelsbilanz, Kaptial wandert also stetig ab
=> Pleite.

negative Aussenbilanz = Import > Export. Das kann z.B. auch daran liegen, dass der Bedarf eines Landes nicht durch Eigenproduktion gedeckt werden kann. Natürlich auch an Technolgie, Kosten der Arbeit, etc. pp. …

Ich hielt dem entgegen, dass dies so nicht stimmt, da die
Geldmenge im Land ja stetig wachse, und solange sie trotz der
neg. Aussenbilanz nicht abnehme, könne das Land nicht aufgrund
dessen pleite gehen.
Ich führte darauf das Modell m. der Wertschöpfung an (Bauer,
Müller, Bäcker etc.)

Wer hat jetzt Recht? (Mir geht es jetzt nicht darum, DASS die
USA längst pleite ist, sondern nur um die Kausalität neg.
Aussenbilanz - Pleite!)

Grundsätzlich hast Du Recht! Aus einer negativen AB allein lässt sich nicht der Weg in die „Pleite“ ableiten. Ich betone „grundsätzlich“!

Gruß,
Iceman

Hallo Diskutanten,

wenn man in diesem Zusammenhang dieses Kriterium als ein einfaches aber relativ grobes Raster anlegen will, ist jedenfalls die Leistungsbilanz aussagekräftiger als die Handelsbilanz: Im Fall vieler Schwellenländer ohne stark entwickelte Produktion von Waren für den Export spielen Dienstleistungen eine bedeutende Rolle, ferner Transferzahlungen von Leuten, die im Ausland leben. Im Fall der USA muß jedenfalls berücksichtigt werden, daß die dortige Industrie nicht so sehr exportfähig ist, aber in erheblichem Umfang Leistungen (Überlassung von Softwarelizenzen z.B.) und vor allem Kapital (mit den daraus resultierenden Zins- und Dividendenströmen) ins Ausland gehen.

Unabhängig davon sollte für die „Bonität“ eines Landes auch die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Zahlungsströme berücksichtigt werden: Mit diesem Argument ließen sich die meisten afrikanischen Staaten in den siebziger Jahren in die Schuldenfalle treiben, weil sie glaubten, Entwicklungshilfe würde in erster Linie der Erleichterung rentabler Investitionen dienen. Es wird etwa einiges für das „Rating“ eines Landes ausmachen, wenn es durch die Förderung von entsprechenden Hotelneubauten an seinen Stränden und Freigabe des Devisenverkehrs in zukünftige Einnahmen aus Prostitution investiert (vgl. Karibik).

Im Fall der USA ist das Rating durch die riesigen (militärischen) Investitionen in zukünftige billige Ölbezugsquellen verbessert worden: Jemand, der seine Bank davon überzeugt, daß er gut Automaten knacken kann, ohne erwischt zu werden, wird leichter einen Kredit bekommen…

Es gibt Schulen (ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert wie die neoliberale Finanztheorie ja auch), die eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Erträgen aus sekundärem und tertiärem Sektor zur Beurteilung der wirtschaftlichen Situation eines Landes postulieren. (> „physikalische Ökonomie“, Friedrich List, prominenter Vertreter heute Lyndon Larouche)

Schöne Grüße

MM

Hallöchen,

Im Fall
der USA muß jedenfalls berücksichtigt werden, daß die dortige
Industrie nicht so sehr exportfähig ist, aber in erheblichem
Umfang Leistungen (Überlassung von Softwarelizenzen z.B.) und
vor allem Kapital (mit den daraus resultierenden Zins- und
Dividendenströmen) ins Ausland gehen.

Kapitalexport ist aber nicht wirklich einer positiven Leistungsbilanz förderlich, was Deutschland seit rd. 30 Jahren auch feststellen muß, seit nämlich erhebliche Mengen an Kapital an die Angehörigen unserer Gastarbeiter exportiert (wiederzufinden dann in der Übertragungsbilanz) werden.

Gruß,
Christian

Hallo Christian,

Im Fall
der USA muß jedenfalls berücksichtigt werden, daß die dortige
Industrie nicht so sehr exportfähig ist, aber in erheblichem
Umfang Leistungen (Überlassung von Softwarelizenzen z.B.) und
vor allem Kapital (mit den daraus resultierenden Zins- und
Dividendenströmen) ins Ausland gehen.

Kapitalexport ist aber nicht wirklich einer positiven
Leistungsbilanz förderlich, was Deutschland seit rd. 30 Jahren
auch feststellen muß, seit nämlich erhebliche Mengen an
Kapital an die Angehörigen unserer Gastarbeiter exportiert
(wiederzufinden dann in der Übertragungsbilanz) werden.

Das ist richtig: Selbstverständlich gilt die Aussage oben bloß, soweit der Kapitalexport mittel-/langfristig zu Rückflüssen von Kapitalerträgen führt. Das tut er bei Transferzahlungen nicht, und auch nicht, wenn er durch Förderung des bekannten Cross-Border-Tralalas bloß (privat- aber nicht volkswirtschaftliche) Erträge erzeugt, die aus Steuersubventionen bestehen.

Dann können wir die Frage an die Historiker weitergeben: Wie viele Jahrhunderte vor seinem politischen Zusammenbruch war das Römische Imperium pleite :wink:?

Schöne Grüße

MM

Hi,

Hi, timekiller !

hatte mit einem BWLler eine Diskussion über die USA.
Er meinte früher oder später gehen die pleite - aufgrund ihrer
negativen Aussenhandelsbilanz, Kaptial wandert also stetig ab
=> Pleite.

Bitte richt Deinem BWLer von einem Ökonomen einen schönen Gruß aus und erklär ihm, dass ein Land kein Betrieb ist und somit nicht „pleite gehen“ kann.
Zur ökonomischen Theorie: Zunächst wird bezüglich der Finanzlage eines Landes zwischen der Außen- und der Innensicht unterschieden. Bezüglich der Außensicht bleibt etwa den USA immer die Möglichkeit, an ihrer Währung und/oder an ihren Zinssätzen etwas zu verändern. Beides beeinflusst mehr oder weniger direkt den Währungswert und damit über Export- und Importpreise die finanzielle Lage eines Landes. Außerdem bleibt den USA immer noch ein Weg, der den einzelnen EU-Mitgliedern versperrt ist. Sie können die Dollars selber drucken. Momentan ist das aber [noch] nicht notwendig, die Zinssätze der USA sind [noch] eher moderat.
Die Innensicht stellt auf die Inflation eines Landes ab. Auch hier gibt für Vater Staat mehrere Einflussmöglichkeiten, eine davon liegt in der Gestaltung von Steuern und Subventionen. Die USA hat im Moment eine eher moderate Inflation, also von wegen „Pleite“ keine Spur.

Abwanderndes Kapital verknappt das Angebot an selbigem, zumindest solange nicht mehr Neues nachgedruckt wird oder der Preis (= Zinsätze) dafür nicht steigt [was auch die Nachfrage veringern würde und zumindest theoretisch zu einem neuen Gleichgewicht führt]. Momentan dürfte aber die FED noch nicht darüber beunruhigt sein, ansonsten hätten die schon längst zinssatzmäßig reagiert.

Ich hielt dem entgegen, dass dies so nicht stimmt, da die
Geldmenge im Land ja stetig wachse, und solange sie trotz der
neg. Aussenbilanz nicht abnehme, könne das Land nicht aufgrund
dessen pleite gehen.
Ich führte darauf das Modell m. der Wertschöpfung an (Bauer,
Müller, Bäcker etc.)

Auch ein Blick in die Historie gibt eher Dir Recht. Etwa Mitte der 80er Jahre hatten die USA ein gewaschenes Defizit (nach 2 Perioden der Reagan-Regierung) und … nach der Clinton-Administration standen sie wieder mit einem Überschuss da. Hat aber nicht nur mit der jeweiligen Regierung, sondern auch mit der Lage der Weltwirtschaft zu tun.

Also, wie gesagt: Kausalität zwischen neg. Aussenbilanz und „Pleite“ gibts keine, weil ein Land eben kein Betrieb ist. Dass schwierige finanzielle Situationen bei einem Land aber soziale Spannungen bis hin zu Krisen und etwaigen Kriegen auslösen können, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Und außerdem, die USA haben sich gerade militärisch den Zugriff auf verdammt viel Öl gesichert. Wirtschaftspolitik kannst eben auch mit Kanonenbooten machen, fallst die dazu geeigneten hast.

Liebe Grüße
Wolkenstein

Wer hat jetzt Recht? (Mir geht es jetzt nicht darum, DASS die
USA längst pleite ist, sondern nur um die Kausalität neg.
Aussenbilanz - Pleite!)