Kann man zu schlecht sein, um alevitisch zu sein?

Ein Kumpel befürchtet es. Er hat ADHS. Das wurde aber erst als er schon erwachsen war diagnostiziert. Als er noch nichts davon wusste, ist er oft mit Leuten in Streit geraten, da er sich von ihnen beleidigt gefühlt hat. Er ist auch mit einem alevitischen Mann einen Streit angefangen. Als die beiden das später in Ruhe besprechen wollten, ist mein Kumpel ausgerastet und hat ihn angespuckt. Daraufhin hat er sich nicht mehr getraut, mit den anderen Aleviten aus seiner Gemeinde zu reden. Er hatte vorher schon nur unregelmäßig Kontakt und der ist daraufhin ganz weg gewesen. Auch hat er die Schule hingeschmissen und hat früher viel Alkohol getrunken. Später hat er seinen Abschluss nachgeholt und trinkt nicht mehr. Mein Kumpel befürchtet, dass er jedoch zu schlecht ist, um alevitisch in Gemeinschaft mit anderen Aleviten zu sein. Ist das so?

Gott wird verzeihen, das ist sein Beruf…

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Er sollte sich mit der frohen Botschaft befassen, die Jesus Christus für alle hat. Auch für deinen Kumpel.
Also auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
[Lukas 15.10]

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Das glaube ich. Ich suche noch eine alevitische Quelle.

Er ist aber alevitisch und nicht christlich. Die Bibel ist für Aleviten nicht ganz so wichtig. Sie haben ihre eigenen heiligen Schriften und Gedichtsammlungen.

Ich glaube davon abgesehen, dass eine christliche Gemeinde ihn nicht akzeptieren würde. Nicht, wenn er sagt, dass sein Grund für den Wunsch bei einer christlichen Gemeinde mitzumachen, der ist, dass er zu schlecht ist, um alevitisch zu sein.

Schließen nicht auch christlich Gemeinden manchmal Mitglieder aus? Man darf doch offiziell nicht katholisch sein, wenn man geschieden ist oder beim Ehebruch erwischt wurde

Jedoch glaube ich, dass ein christliche Gemeinde niemanden ausschließen würde, weil er mit anderen in Streit gerät oder gespuckt hat. Ich glaube, dass Aleviten das auch nicht tun würden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine religiöse Gemeinschaft jemanden ausschließt, weil er die Schule hingeschmissen hat. Schulabschlüsse hatten doch, als die Religionen entstanden sind, keinerlei Wichtigkeit.

Er könnte christlich werden. Da wurden schön ganz andere Miststücke bekehrt. Und Alkohol ist in den meisten Glaubensrichtungen auch nicht verboten. Und da macht auch die Dosis das Gift.

Du musst ja nicht in den Katholizismus konvertieren, oder in die Evangelisch-Lutherische (worin ich zwei geschiedene Pfarrer*innen kenne); es gibt auch jede Menge Freikirchen.

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Warum geht er nicht auf den Dede oder die Ana seiner Gemeinde/seines Cemevi, oder einer anderen Gemeinde/eines anderen Cemevi zu? Die kennen das Buch Buyruk und die wichtigen Nefes (Gedichte).

Dabei ist natürlich zu bedenken, dass Aleviten nicht so einheitlich zu sehen sind, wie z.B. Katholiken, D.h. insbesondere mangels „zentraler Führung“ gibt es einen recht breiten Strauß von Aleviten, die sich untereinander nicht einmal darüber einig sind, ob sie nun zum Islam gehören oder nicht. Insoweit kann es Sinn ergeben, nicht gleich zu irgendeinem Dede oder einer Ana zu gehen, sondern sich vorab mal schlau zu machen, wo man sich denn überhaupt zugehörig fühlt. Es mag sein, dass man da in einem etwas größeren Umkreis suchen muss.

Auf der anderen Seite ist die Nächstenliebe ein ganz zentrales Element für die Aleviten, und jemandem zu vergeben, der ein früheres Fehlverhalten ernsthaft bereut, ist natürlich ein wichtiger Aspekt von Nächstenliebe. Wichtig bei Aleviten zudem, dass man für sein eigenes Handeln selbst verantwortlich ist, und keine göttliche Macht. D.h. ein „Abschieben“ des bisher gezeigten Verhaltens auf eine göttlich gegebene Krankheit wäre vermutlich nicht so der Bringer.

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Danke! Ich glaube, dass er sich zu sehr schämt, um bei dem Dede zu fragen, ob er zu schlecht ist, um alevitisch zu sein. Er hat den Kontakt zu den anderen Gläubigen aus Scham abgebrochen.

Er ist eigentlich kein schlechter Mensch. Er ist freundlich, humorvoll, hilfsbereit. Leider ist er manchmal ein unbeherrschter Mensch. Relativ selten, dafür aber intensiv. Er hat alle paar Monate einen Ausraster und wir Freunde verstehen nicht, warum. Es sind meistens Kleinigkeiten. Im Herbst zum Beispiel hat ein Auto ihn ein bisschen nassgespritzt. Er schrie über die ganze Straße „F*** dich, du dummer ***sohn.“ und so weiter. Mindestens zehn Minuten lang.

Ich denke, dass das durch ADHS kommt. Er nimmt inzwischen Medikamente dagegen. Man merkt, wie viel zappeliger er ist, wenn er mal die Medikamente vergessen hat. Er fühlt sich leicht verletzt und sagt manchmal Dinge, die er später bereut. Jedoch viel seltener als früher.

Davon abgesehen ist er freundlich zu allen, großzügig, kümmert sich um Schwächere, humorvoll.

Es geht ihm in den letzten Monaten nicht gut. Er sprach davon, wie traurig er ist, seinen Glauben nicht mehr zusammen mit den anderen Gläubigen ausleben zu können. Er geht schon seit Jahren nicht mehr zu der Cem-Zeremonie und hat keinen Kontakt zu der alevitischen Gemeinde, jetzt aber macht es ihm etwas aus.

Da er sich fürchtet, dass die anderen Gläubigen ihn zurückweisen, will ich ihm helfen. Ich möchte für ihn herausfinden, ob es nicht Quellen gibt aus denen hervorgeht, dass man nicht zu schlecht sein kann, um alevitisch zu sein. Wenn er die lesen würde, würde es ihm den Mut geben, auf die anderen oder auf den Dede zuzugehen.

Man darf dann katholisch sein, aber nicht an der Kommunion teilnehmen. Man sieht übrigens an dieser Stelle sehr deutlich, dass die Vorgänger der Aleviten (wie auch der Sunniten und der Schiiten) sich erst im Streit um das Dogma der Dreieinigkeit vom Christentum abgetrennt und distanziert haben, die Grundlagen sind die selben. Wenn man wieder reisen darf, kannst Du ja mal auf Malta zuhören, wie die Katholiken dort das Vaterunser beten…

Die Bedeutung der Kommunion, aus der die Kirche in jeder Messe neu entsteht, und die der Gemeinschaft (nicht nur) im Gottesdienst bei den Aleviten sind genauso bloß zwei Spielarten der selben Sache wie die bei Christen fast aller Fraktionen und im Sufismus grundsätzlich am Anfang des Weges zu Gott stehende tawbah.

Allein die Bedeutung, die die tawbah im Koran hat, zeigt, dass es keinem Menschen zusteht, jemanden, der ernsthaft bereut und umkehrt, als „nicht gut genug“ zurückzuweisen. Der barmherzige und gnädige Gott weist niemanden zurück, der ernsthaft zu ihm kommen möchte - wie sollte sich ein Mensch dazu aufspielen, ein höherer und sorgfältigerer Richter zu sein als Gott selbst?

Im Einzelnen dazu Sure 25, 70f - Sure 42, 13 - Sure 42, 25.

Schöne Grüße

MM

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  • Hier hab ich noch einen Text von dem Propheten Isa ibn Maryam zu dem Thema - lies mal, ohne dabei so sehr an das Wort „Bibel“ zu denken, ob Dir das nicht bekannt vorkommt:

Tolle - lege!

MM