hi,
was sagt ihr zu reich-ranickis vorschlag eines literaturkanons?
er wurde im spiegel vom 18. juni vorgestellt.
gruß
claudia
hi,
was sagt ihr zu reich-ranickis vorschlag eines literaturkanons?
er wurde im spiegel vom 18. juni vorgestellt.
gruß
claudia
Und hier zunächst mal Link dazu 
wie sonst 
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,140180…
es geht los 
Meinung: positiv
Hallo,
was sagt ihr zu reich-ranickis vorschlag eines
literaturkanons?
ich bin der Meinung, dass er die wichtigsten Dinge nennt, und das man die meisten dieser Bücher schon kennen sollte.
Ich persönlich finde zwar z. B. Storm und Fontane fürchterlich, aber ich kenne viele Menschen, die das gerne lesen, und habe also auch nichts dagegen, dass beide in den Kanon aufgenommen wurden.
Dieser Kanon ist mit Sicherheit besser als diejenigen, die momentan auf dem Markt käuflich zu erwerben sind, z. B. bei Reclam oder im Erich Schmidt Verlag.
Man muss ja auch nicht alles gelesen haben, sondern kann seine Schwerpunkte wählen.
Gruß
Thomas Miller
Wie Thomas schon meinte, recht gut die Auswahl, auch wenn ich einiges vermisse und einiges nicht als aufnahmewürdig erachte, aber de gustibus non est disputandum.
Gandalf
danke.
hab’s vergessen
gruß
claudia
Hallo,
ich bin der Meinung, dass er die wichtigsten Dinge nennt, und
das man die meisten dieser Bücher schon kennen sollte.
ich stimme dir durchaus zu, die auswahl ist gut, die bücher mit ein paar ausnahmen lesenswert.
aber mir stellt sich die frage, was „man“ mit einem literaturkanon anfangen soll.
heißt das, wer diese bücher nicht kennt, ist kein bildungsbürger? gibt es bildungsbürger überhaupt noch? wer ist man? jede/r deutsche? alle die deutsch als muttersprache haben, also auch österreicher und schweizer? was ist mit jenen, die deutsch als zweitsprache haben? oder generell mit allen, die sich mit der deutschen kultur auseinander setzen?
ab wann sollte „man“ diese bücher kennen? nach dem abitur? nach einem germanistik studium? ist es heute noch realistisch, zu glauben, dass schüler dermaßen viel lesen, dass sie den kanon halbwegs abdecken (auch wenn schwerpunkte gesetzt werden)?
wer also ist „man“ vorher und wer ist „man“ dann?
gruß
claudia
Meinung: immer noch positiv
Hallo Claudia,
ich stimme dir durchaus zu, die auswahl ist gut, die bücher
mit ein paar ausnahmen lesenswert.
aber mir stellt sich die frage, was „man“ mit einem
literaturkanon anfangen soll.
heißt das, wer diese bücher nicht kennt, ist kein
bildungsbürger? gibt es bildungsbürger überhaupt noch? wer ist
man? jede/r deutsche? alle die deutsch als muttersprache
haben, also auch österreicher und schweizer? was ist mit
jenen, die deutsch als zweitsprache haben? oder generell mit
allen, die sich mit der deutschen kultur auseinander setzen?
ab wann sollte „man“ diese bücher kennen? nach dem abitur?
nach einem germanistik studium? ist es heute noch realistisch,
zu glauben, dass schüler dermaßen viel lesen, dass sie den
kanon halbwegs abdecken (auch wenn schwerpunkte gesetzt
werden)?
wer also ist „man“ vorher und wer ist „man“ dann?
ich meine, dass man schon verloren hat, wenn man so fragt. 
Denn es kann ja nicht das Ziel eines Menschen sein, Bildungsbürger in diesem Sinne zu werden, dass man allen gleich wird, so wie alle untereinander schon gleich sind.
Erklärtes Ziel von Reich-Ranicki war doch, einen Kanon für die Schule zu entwerfen, und auch da nur, Möglichkeiten aufzuzeigen. In Interviews hat er auch andere Werke genannt (ich weiß im Moment nicht, welche), die einzelne Stellen des Kanons vertiefen könnten. Wenn ich also im 18. Jh. anfange und dort vielleicht ein bisschen vertiefe, dann habe ich notgedrungen Defizite in den anderen Jahrhunderten, was für mich ein Ansporn sein kann , mein Wissen dort zu ergänzen.
Die Werke sind mit wenigen Ausnahmen ja so gewählt, dass man sich - wenn man will - einem dieser Bücher höchstens eine Woche widmen muss. Wenn es mir gefällt, lese ich eben weiter, wenn nicht nicht. Nur in der Schule kann ich mich nicht wehren.
Aber außerhalb - das hat RR auch gesagt - ist die Literatur ein Spiel und soll es auch sein. Wenn Literatur keinen Spaß macht, dann hat sie ihr Ziel verfehlt. Deswegen ist es so verhängnisvoll, wenn manchen Kindern in der Schule schon die Lust am Lesen genommen wird. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Herzliche Grüße
Thomas Miller
Leben mit Literatur
Hallo Claudia,
im großen und ganzen schließe ich mich meinem Vorgänger an - Literatur darf kein Pflichtprogramm sein. Lesen bildet ein hervorragendes „sekundäres“ Erfahrungsfeld:
„Theoretische“ Lebenserfahrung, Eröffnung neuer Horizonte und nicht zuletzt ein hochverfeinertes Gespür für Sprache entwickelt man durch Lektüre.
Dabei ist es letzten Endes gar nicht so wichtig, was man liest - die sogenannte Höhenkammliteratur bzw. der Kanon bildet dabei eine gute Orientierungshilfe. Aber nicht mehr als das. In welchem Zeitraum sollte man sich dieses Wissen angeeignet haben?
Nimm Dein ganzes Leben Zeit…
Der Kanon gibt bloß Hinweise an die Hand, mehr nicht - man darf ihn weder als Gesetzestext noch als „no more than that“ verstehen.
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Ein kurzer Exkurs zu denjenigen, die Literatur nicht nur genießen, sondern sie auch studieren wollen:
Als tödliches Gift kann der Kanon im Studium der Germanistik oder Literaturwissenschaft wirken. Wer diese Fächer studiert und glaubt, nur den Kanon kennen zu müssen, hat den Kern und das Ziel des Studiums verfehlt.
Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur setzt voraus, daß man liest, liest, liest, liest. Täglich mehrere Stunden.
Kleine Anekdote dazu:
Die Erstsemester in meinen Seminaren zur Einführung in die Literaturwissenschaft fragten immer zuerst nach dem Kanon. Den ich ihnen auch vorgestellt habe. Sie fragten, ob es ausreiche den Kanon zu kennen. Nein, erwiderte ich. Was man denn außerdem lesen müsse? und sie zückten den Stift…
Daraufhin ließ ich ein Kästchen voll mit Zetteln rumgehen und bat jeden, einen Zettel zu ziehen.
Was stand auf den Zetteln? Kurze Zitate aus der deutschen, englischen oder amerikanischen Literatur, je nach Schwerpunkt, Zitate, die nicht unbedingt bekannt, aber auch nicht völlig apokryph sind. Ohne Angabe der Quelle und des Verfassers natürlich.
Dann sagte ich zu den Studenten, sie sollten sich diesen Zettel über ihren Schreibtisch heften. Und sich solange durch die Literatur lesen, bis sie auf dieses Zitat stoßen würden.
Dieses Spiel sie immer gut begreifen lassen, was Aufgabe eines Literaturstudiums ist.
Grüsse
Diana
Kanon: kritisch
Hallo Claudia,
ganz egal, wie gut oder schlecht derlei „Leselisten“ sind; ich stehe ihnen recht kritisch gegenüber. Als Buchhandelssortimenter habe ich die Erfahrung gemacht, daß (ähnlich Bestsellerlisten) zu viele Menschen solche Listen „abzuarbeiten“ müssen meinen statt das zu tun, was wirklich wichtig wäre, nämlich einen eigenen Geschmack und eigene differenzierte Vorlieben heranzubilden. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele sich mit Sätzen wie „Das wird gerne genommen“ abspeisen lassen (den ich nicht verwende…).
Ferner scheinen mir solche Listen zu wenig zu unterscheiden, welche älteren Bücher wirklich eine gute Lektüre sind und welche eher aufgrund ihrer Rezeptionsgeschichte zu Klassikern wurden, aus heutiger Perspektive jedoch eher unzugänglich sind. In meinen Seminaren gehe ich davon aus, daß jede/r Teilnehmer/in für das, was er/sie mag und kennt, selbst kompetent ist und sein sollte (ob Danella oder Dostojewski). Zwar erstelle ich zu Einzelthemen auch Listen, verstehe diese aber als Einladungen, nicht als „Kanon“.
So, ich hoffe, das klang jetzt nicht arrogant: so war’s nicht gemeint. Ich finde nur, daß da etwas, was in erster Linie Freude bereiten soll, gleich wieder didaktisiert wird.
Gruß von einem Buchmenschen
Pengoblin